Spanien 2015: Edurne macht das Jodeldiplom

Die iberische Interpretin Edurne García Almagro und ihr Songtitel ‚Amanecer‘, geschrieben vom Schwedenteam G:son und Bostrom, stehen schon länger fest, der Beitrag war aber bislang noch nirgends zu hören. Heute warf das spanische Fernsehen RTVE der hungrigen Eurovisionsmeute erstmals einen Happen hin: das Lyric-Video des im Vorfeld euphorisch als „Qualitäts-Pop“ und „völlig anders als alles Bisherige“ annoncierten Songs nämlich. Was soll man sagen: anders als klassische Grand-Prix-Kost ist ‚Amencer‘ tatsächlich. Und zwar in der Hinsicht, dass der kraftvollen Ballade eine maßgebliche Zutat vollständig fehlt: ein Refrain nämlich! Nach einem etwas verhaltenen, beinahe sphärischen Songauftakt steigert sich ‚Amancer‘ in den Strophen zwar rasch zu einem druckvollen Pop-Drama, von Edurne mit Hingabe intoniert. Doch an der entscheidenden Stelle, wo zumindest ich eine packende Hook erwarte, verfällt Frau García Almagro lediglich ins Jodeln und kaschiert den ausbleibenden Höhepunkt notdürftig mit ein paar „Ie- e – e – eyo“s. Die sind zwar mitsingfreundlich, retten das Ganze aber nicht vor der offensichtlichen Ideenlosigkeit und Irrelevanz. Den verzweifelten Versuch einer Fusion von ‚Euphoria‘ (SE 2012) mit ‚Quédate conmigo‘ (ES 2012) dürften wir somit als gescheitert betrachten.

Ein weiteres Big-Five-Land, Frankreich nämlich, präsentierte gestern hingegen erstmals die Liveversion des bis dato nur in der Studiofassung bekannten Beitrags ‚N’oubliez pas‘ von Lisa Angell. Die 46jährige Sängerin stellte den Weltkrieg-I-Gedächtnissong in einer Show im zweiten Kanal des französischen Fernsehens vor, welcher in diesem Jahr die Zuständigkeit für die Auswahl des gallischen Lieds von France 3 übernommen hat und schon vor 1997 für den französischen Eurovisionsbeitrag verantwortlich zeichnete. Auch hier überwiegt die leichte Enttäuschung: zwar singt Frau Angell live besser als auf Platte, vermag aber aus dem recht reduzierten, klassischen Chanson dennoch nichts zu zaubern, was beim Zuschauer hängenbleibt. Zumal sie in klassischer französischer Chansonetten-Art mit reduziertem Gesichtsausdruck bewegungslos vor dem Mikrofonständer agiert, allerdings nicht über die hierfür notwendige hinreißende Ausstrahlung einer Patricia Kaas (FR 2009) verfügt, die einen alleine durch ihre Präsenz in den Bann zu ziehen vermag. Und so sehe ich die Big-Five-Nationen auch in diesem Jahr sich mal wieder überwiegend am unteren Ende der Punktetabelle versammeln…


Vergiss nicht: dieser Appell an die Jurys und Televoter dürfte ungehört verhallen (FR)

Was halten wir vom spanischen Beitrag?

  • Dramatisch, druckvoll, eindringlich. Gefällt mir sehr! (36%, 26 Votes)
  • Mittelmaß, vermurkst, maues Liedchen. Meh! (32%, 23 Votes)
  • Wenn sie live etwas mehr Hingabe in die Stimme legt, könnt's noch was werden. (28%, 20 Votes)
  • Hoffnungslos. Die Spanier sollten aufgeben. (4%, 3 Votes)

Total Voters: 72

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6 Gedanken zu “Spanien 2015: Edurne macht das Jodeldiplom

  1. Ich weiß zwar nicht, wie das reale Wahlverhalten aussehen wird (und befürchte daher das Allerschlimmste), aber mich hat Lisa Angell ganz und gar nicht enttäuscht. Ich war echt gespannt, ob sie es live genauso toll hinbekommt wie in der spannenden Studiofassung — und wurde nicht enttäuscht. Von de Dramatik her ist sie natürlich nicht die Kaas, deswegen ist sie bei mir ja auch nicht Platz 1, sondern „nur“ Platz 2 (nach der Schweiz). Und da bleibt sie jetzt wohl auch.

    zu E: vom Hocker reißt mich das spanische Machwerk jetzt auch nicht gerade, zumindest ist es bestimmt nicht „etwas, das bisher nie dagewesen ist“. Aber schlecht ist es auch nicht gerade. Aber „nicht schlecht“ ist ja vielleicht wirklich die kleine Schwester von „sch …“

  2. Nein! Euphoria und etwas Teardrops-Getrommel im Hintergund – schlimm, wenn Komponisten von anderen abschreiben. Noch schlimmer, wenn sie bei sich selber abschreiben (müssen). Reicht halt nur zu zwei, drei schlagkräftigen Melodien.
    Frankreich: das ist wohl jemand in einem Zeit-Tunnel hängen gelieben. Da würdeja nicht mal meine Großmutter für anrufen.

  3. Spanien ist eher enttäuschend. Das hat man tausendmal und anderswo schon besser gehört. Und Frankreich hat das gleiche Problem wie Irland: man klammert sich weinerlich-verklärend an die alten Erfolgszeiten des „Grand Prix“, will nicht wahrhaben, dass sich der Planet Eurovision in den letzten 20 Jahren schon einige Male gedreht hat und hat auch irgendwie gar keine Lust mehr, wieder Anschluss zu finden. Die beiden Länder können wir erfolgstechnisch für die nächsten Jahre schlichtweg abschreiben.

  4. Es steht zu befürchten, dass das mehr Punkte bekommt als Pastora Soler damals. Und das wäre in jeder Hinsicht unfair.

  5. Zumindest in Bezug auf Frankreich finde ich diesen Kommentar doch ein wenig unfair. Man kann den Franzosen nämlich wirklich nicht nachsagen, dass sie es in den letzten Jahren nicht mit aktuellerer Kost versucht hätten – siehe „Divine“ oder (auf einem etwas anderen Niveau) „Allez Ola Olé“ oder „Moustache“. Da das aber auch nicht wirklich zu signifikant mehr Punkten für die Grande Nation geführt hat, kann ich nachvollziehen, dass man sich in Frankreich dann wenigstens selbst treu bleibt und lieber mit einem „richtigen Chanson“ abstürzt als mit einem moderneren Stück.

  6. ich denke auch, dass Frankreich hiermit Chancen hat, zumindest weiter oben als ueblich zu landen… um etwas boese zu sein: Azerbaijan war gar nicht sooo unerfolgreich in den letzten Jahren mit solchen Stuecken. Und wenn man das hier noch etwas besser aussteuert, mehr auf ihre Stimme hin focussiert, und mehr eine Idee gibt, worum es geht (siehe Malta letztes Jahr), dann koennte das durchaus eines der besseren Resultate in den letzten Jahren ergeben…

Oder was denkst Du?