Vierter Supersamstag: der geile Katastrophentag (FI, HU, MD 2015)

Neben Slowenien entschieden am heutigen vierten Supersamstag noch drei weitere Länder über ihre Beiträge. Im Gegensatz zu den sich selbst als Mitteleuropäer verstehenden Balkanbewohnern gingen in Finnland, Ungarn und Moldawien den heutigen Entscheidungen jeweils zahlreiche Vorrunden voraus. Wie in Slowenien siegten auch hier die im Vorfeld als Favoriten getippten Acts, allerdings handelt es sich bei allen drei Neuzugängen für Wien um recht umstrittene Siegertitel. Und ich finde sie alle drei geil! Das gilt natürlich im besondere Maße für Finnland, das mit der Wahl der aus vier ruppig aussehenden Kerlen mit Lernbehinderung bestehenden Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät erneut seinen Sinn für unübertreffliche Coolness und Risikobereitschaft unter Beweis stellte. Das ging bekanntlich 2006 mit Lordi schon mal gut, und auch, wenn Punk sicherlich noch weniger mehrheitsfähig ist als Hardrock und ich zugegebenermaßen sehr froh bin, dass das krachige ‚Aina mun pitää‘ bereits nach gut 90 Sekunden endet, so verdienen PKN alleine schon für ihre Andersartigkeit Respekt. Zumal sie die auf televisionäre Perfektion sekundenbruchteilsgenau durchgetaktete Show vermutlich gehörig zum Stolpern bringen – darauf freu ich mich schon tierisch!

Stellen den neuen Rekord fürs kürzeste Lied: PKN (FI)

In die entgegengesetzte Richtung, dennoch nicht weniger kontrovers, ging es in Ungarn: dort setzte sich im Finale von A Dal die Sängerin Boglárka ‚Boggi‘ Csemer mit dem ‚Ein bisschen Frieden‘-2015-Update ‚Wars for Nothing‘ unter anderem gegen die erneut angetretene Kati Wolf (HU 2011) durch. Nun kann man sicherlich trefflich darüber streiten, ob so ein Friedenslied, wenn es ausgerechnet aus einem extrem postdemokratischen Staat wie Ungarn kommt, nicht besonders zynisch erscheinen muss. Und ob die Präsentation der als ruhige, fast akustische Gitarrenballade beginnenden Antikriegshymne mit lauter zusammenhangslos auf die LED-Wand projizierten Zahlen und Fakten über die weltweiten gewalttätig geführten Auseinandersetzungen nicht vomitierfördernd wirken muss, auch wenn man von Boggis Text ob ihres Genuschels kaum ein Wort versteht. Aber schlagt mich ruhig: mich rührt dieser musikalisch sehr unsiegelige Weltfriedenskitsch an, vor allem durch das portionsweise akustische wie optische Hinzutreten von Boggis vier stimmstarken Begleitsänger/innen, die am Ende eine Art bosnischen Block auf der Bühne bilden und so Einigkeit und Zusammengehörigkeit demonstrieren. Ja, es ist womöglich kalt berechnender Grand-Prix-Käse, wie er schon seit den Achtzigern ausgestorben sein sollte. Egal: mir gefällt’s!


Das Guilty Pleasure 2015: ich sollte es nicht mögen, aber ich tu’s (HU)

Das führt uns zu einem Land, in dem tatsächlich gerade Krieg herrscht, der Ukraine nämlich. Die nimmt verständlicherweise dieses Jahr nicht an den europäischen musikalischen Festspielen teil, weswegen der dortige Vorentscheidungs-Dauergast Eduard Romanyuta nach Moldawien auswich. Und dort – nach seinem Sieg im ersten von zwei Semifinalen – wenig überraschend gewann. Er entschied auch im Finale der Melodie pentru Europa das Televoting sehr klar für sich und konnte sich dank des zweiten Platzes im Juryvoting den Gesamtsieg sichern. Sein Beitrag ‚I want your Love‘ ist herrlich billiger, in hohem Maße tanzbarer Neunzigerjahre-Poptrash, vom herrlich billig aufgemachten Eduard (uh: diese Polkadot-Leggins!) und seinen Tänzern in einer herrlich billigen Choreografie auf die Bühne gebracht. Einzig die Frisur – langes, plattgebügeltes Blondhaar – und die Hebefiguren mit seiner Begleitische, die ihn doch zu viel an Stimmkraft kosten, sollte er vielleicht noch mal überdenken. Aber bis Wien ist ja noch ein wenig Zeit, um am Auftritt zu feilen.

Spielten Eduards Backings bei Emergency Room mit? (MD)

Jedenfalls Dank an die fremdenfreundlichen Moldawier – und an die dortige Jury, die den Sieg der fantastischen Backstreet-Boys-Gedächtnisnummer ermöglichte. Auch wenn den Juroren gleichzeitig mein Hass gilt, weil sie den fabelhaften Turbofolkstampfer ‚Maricica‘ von den DoReDos, die völlig zu Recht als Zweite im Televoting abschnitten, vollkommen punktefrei ausgehen ließen. Dabei sang und tanzte dort nicht nur ein wirklich sehr niedliches Bärchen, sondern es stand auch noch der nicht minder niedliche Pasha Parfeny (MD 2012) im Hintergrund am Hackbrett – kein Wunder, schrieb er doch den Song. Und auch, wenn die Stimmen der drei DoReDos im heutigen Finale nicht immer miteinander harmonierten (nun gut, ehrlich gesagt, eher gar nicht), so ist es um das Lied doch schade. Keine neue Eurovisionsteilnahme auch für das SunStroke Project (MD 2010) – gut, der WTF-Effekt des diesmal sehr prominent in Szene gesetzten Epic Sax Guy mit der dauerrotierenden Hüfte hat sich auch seither ein wenig abgenutzt.

Mmmmmh: ein Superbärchen im lustigen Folkoreoutfit. Und Pasha! (MD)

Wer schafft es von den Dreien ins Finale? (Mehrfachnennungen möglich)

  • Die ungarische Friedenshymne: nostalgisches Nicole-Gefühl trifft auf den Zeitgeist. (37%, 44 Votes)
  • (Hoffentlich) Keine der drei heutigen Fehlentscheidungen. (25%, 30 Votes)
  • Die finnischen Punks: erfrischend anders, aufmerksamkeitsstark, sympathisch. Die werden Wien rocken! (23%, 28 Votes)
  • Der ukrainische Bahnhofsstricher in moldawischen Diensten: geile Nummer! (15%, 18 Votes)

Total Voters: 101

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13 Gedanken zu “Vierter Supersamstag: der geile Katastrophentag (FI, HU, MD 2015)

  1. Okay, aus reiner Neugier habe ich meine selbstauferlegte Eurovisionsquarantäne für den finnischen Beitrag durchbrochen – und muss ehrlich gestehen, dass mir das Teil gar nichts gibt. Ich finde den Song einfach nur sturzlangweilig – das musikalische Material reicht nicht mal, um anderthalb Minuten zu füllen, und selbst die ansonsten immer sehr angenehme finnische Sprache kommt dank der furchtbaren Stimme so überhaupt nicht rüber. Punk darf vieles sein, gern auch musikalisch und gesanglich roh und unbehauen, aber Langeweile ist für diesen Musikstil eine Todsünde. Da höre ich mir doch lieber nochmal „Mala dama“ an, wenn ich laute, repetitive Gitarren und eine raue Stimme in einer mir völlig unbekannten Sprache hören will.

  2. Finnland: Nur wegen der Hintergrundgeschichte und durch den „Freak-Effekt“ ist dieser Song überhaupt ausgewählt worden. Würde eine Gruppe „normaler“ Menschen dieses Lied singen, hätte das Dink nicht den Hauch einer Chance gehabt. In Wien wird die ganze Hintergrundgeschichte dem Rest von Europa wohl nicht so schnell rübergebracht werden können und die Nummer wird gnadenlos untergehen. Es sind ja keine niedlichen keksebackenden Omis…

    Ungarn: Du hast recht. Eigentlich ist es unerträglich schwülstiger Weltverbesserungs-Schmonz, aber verdammt gut gemacht in seiner Gospel-haftigkeit. Und Boggie ist wirklich ausgesprochen niedlich. In Wien soll sie aber bitte wieder das geile rote Lederkleid aus dem Halbfinale anziehen…

    Moldawien: Wenn man nicht hinguckt, gehts…

  3. Jawoll! Endlich kommt mal was halbwegs WTF-mäßiges ! 🙂
    Der finnische Beitrag wird hundertpro ein Medienereignis, vor allem wegen den Lebensgeschichten der vier Bandmitglieder. Aber auch, weil dieses „Aina mun pitää“ so schön aus der Reihe tanzt zwischen all diesen x-beliebigen Liedern aus Estland, Dänemark, Malta, Georgien, Slowenien und vielleicht auch Schweden.
    Bei den Buchmachern steht Finnland auf dem dritten Platz, aber so weit wird die Reise nicht gehen, weil die Juroren lieber etwas x-Beliebiges wählen.

    Und weil sie dann eher Ungarn wählen. Der ORF sollte mal vielleicht über das ESC-Motto „Building Bridges“ nachdenken! Stand der Krieg in einem ESC so sehr im Vordergrund wie in diesem Jahr? Wenigstens bezeichnet sich die gute Boggie nicht auch noch als Kriegerin, sonst hätten wir hier „Warrior“ Nummer drei. Und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ja, es ist berechnend und es ist kein Oberkracher, aber ich denke auch da wieder an die Juroren über 40, die dazu ganz bestimmt nicht Nein sagen werden. Bestimmt wird das Juryvoting so aussehen: 1. Frankreich, 2. Ungarn, 3. Estland, 4. Niederlande, 5. Dänemark.

    Dafür entschädigt aber Moldawien! Fürs Erste hab ich jetzt endlich meinen Topfavoriten für 2015! Dieses Land hat mich nicht enttäuscht! Ein um zwanzig Jahre hinterherhinkender Sound (warum musste ich da die ganze Zeit an Britney Spears denken?), eine Choreographie wie aus einem billigen Musikvideo und dann am Ende noch Conchita Wurst! Ich weiß nicht warum, aber ich finde „I want your love“ richtig gut!

  4. „…weil die Juroren lieber etwas x-beliebiges wählen“. Ja. Kann ich in dem Fall auch absolut nachvollziehen. Ich glaube – schöne Geschichte hinter der Band hin oder her – nicht, dass Leute für sowas anrufen; mehrheitsfähig ist das im Gegensatz zu Lordi (die einen klassischen Schlager im Hardrockpelz am Start hatten) auf keinen Fall. Wenn es nur um die Story ginge, hätte Island 2011 das Televoting gewinnen müssen. Hat es aber nicht, und Finnland 2015 wird es ganz ähnlich gehen.

  5. Ich kann den hier vorherrschenden Enthusiasmus überhaupt nicht nachvollziehen. Zum einen waren die 3 Siege allesamt keine Überraschung, und zum anderen sind sie mit der Ausnahme von Boggie einfach furchtbar.

    zu FIN: Ich bin bekennender Hardrockfan, und ich liebe auch Punk. Aber dieses Stück hat so gar keine Substanz (wie Ospero schon treffend bemerkte). Dass es schon nach 90 sec endet (enden muss), ist symptomatisch: mehr ist einfach nicht. Natürlich wird das weit kommen, und ich gönne den Typen ja auch ihren Erfolg, aber bitte, in Wahrheit ist das doch übelste Zurschaustellung behinderter Menschen.

    zu MD: furchtbarer geht es kaum. Ich weiß nicht, auf welcher Ukraine-Solidaritätswelle Herr Romanyuta da geritten ist, dass er die Televoter und sogar die Jury (Bestechung? alte politische Anhänglichkeit?) hinter sich bringen konnte. Da wäre mir die Jury-Erstplatzierte Valeria Pasa zigtausend mal lieber gewesen. Ich muss gleich kotzen, habe glaub’ich meinen Hasstitel für dieses Jahr gefunden.

    zu H: Geht voll in Ordnung. Da bei A Dal dieses Jahr nichts dabei war, was mich wirklich 100%ig überzeugt hat, war das auch mein Favorit. Stimmig, und inhaltlich auch in Ordnung (mag ja Berechnung sein, aber ich finde, sowas gehört auf jeden Fall zur Eurovision). Hoffentlich verliert sie nicht die Nerven. Das muss zwar zart und vielleicht auch etwas brüchig gesungen werden, aber wenn das so kommt wie bei der Siegerreprise, dann sehe ich allerdings schwarz. Aber das ist ja eine verzeihliche Ausnahmesituation.

    noch ein Wort zu S: Die Schweden haben mal wieder mein Vorurteil, dass sie komplett spinnen, bestätigt. Die absolut schlechtesten Beiträge gehen in die andra sjansen, die nächstschlechtesten gehen direkt ins Finale, und der absolute Topact des Abends (Caroline Wennergren) wird als fünfte ausgesiebt. Den Schweden ist wirklich nicht mehr zu helfen.

  6. Das Dumme ist, den Schweden muss im Moment auch gar nicht wirklich geholfen werden. Die Plätze waren in den letzten Jahren ordentlich bis sehr gut.

  7. Das finnische Kalkül kann man ganz gut mit dem österreichischen vom letzten Jahr vergleichen. Da gabs diese Transe mit Bart, im Vorfeld wurde heftig diskutiert und polemisiert, es wurde an die Toleranz appelliert. Und das machen jetzt eben auch die Finnen – gerade mit den Hardcore-ESC-Fans: Wie viel erträgt ihr? Ich finde, es ist ein heisser Anwärter auf den Sieg.

  8. Naja. Was die Medienaufmerksamkeit betrifft, hast Du sicher recht. Aber einen entscheidenden Unterschied gibt es dann doch, was die Qualitäten von sowohl Song als auch Interpreten betrifft. Man mag von Conchita Wurst / Tom Neuwirth ansonsten halten was man will, gesangstechnisch war das 1a.

  9. Finnland: no comment
    Ungarn: wieder alles falsch gemacht. Die drei Mitfinalisten waren allesamt besser als dieses flügellahme Friedenstäubchen. Das wäre in den 90ern noch originell gewesen – aber heute *gähn*
    Moldawien: ich bin für jeden fetzigen Uptempobeitrag auf Knien dankbar. Da darf er auch billig daherkommen…

  10. nicht nur gesangstechnisch – auch die buehnenshow war eine der besten in den letzten Jahren (in denen wir durchaus einige extrem gute Buehnenshows hatten!). Der Auftritt war perfekt… und ehrlich gesagt, wird sich das mit Finnland wohl sehr schlecht machen lassen. Allein schon auch, weil der erste Oh-wow-Effekt doch nach 30 Sekunden vorueber ist. Dann aber nicht durch Faszination ersetzt wird. Sondern eher einer ich-geh-mal-was-zu-essen-holen-Pause….

  11. Da darf der Kühlschrank aber nicht allzuweit weg stehen bei der verbleibenden Minute. 😉
    Ich habe es so gar nicht mit Punk – aber ich finde es stark, dass sich die 4 von PKN der Meute in Wien stellen und freue mich wie der werte Blogger hier auf die PKs von PKN. Und ob Trash,Tragik, Transe oder Trauma für den ESC muss für mich alles möglich sein.

  12. Und der „Eduard mit den langen Haaren“ ist schon arg!
    Aber ich mag das – danke Moldau! Auch wenn ich dem schmissigen Maricica doch nachtrauere.“I want your love“ …. jaja

  13. Die Finnen leiden am Downsyndrom, nicht an einer ‚Lernschwäche‘.
    Leider kann ich das Video nicht abspielen, aufgrund dieser schwachsinnigen Sperren. Danke YouTube, danke GEMA …

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