Die Village People sind in Wien: erste Proben erstes Semi 2015

Seit Montag Mittag sind die Spiele offiziell eröffnet: in der Wiener Stadthalle probten gestern und heute die 16 Teilnehmer/innen des ersten Semifinales am kommenden Dienstag. Und obgleich es sich um den allerersten, technischen Durchlauf handelte, der hauptsächlich zum Finden der richtigen Kameraeinstellungen und Beleuchtung diente, berichteten die zahlreich in Wien bereits aufgeschlagenen Schwurnalisten natürlich ausführlich über jedes noch so kleine Detail und erstellten umgehend neue Prognosen. Wenn nicht gerade kontrovers über den Aufreger des Tages debattiert wurde: so rüstet die Wiener Stadtverwaltung derzeit 120 Fußgängerampeln mit mit neuen Symbolen aus: händchenhaltend gemeinsam wartende bzw. laufende Pärchen – darunter auch gleichgeschlechtliche – sollen für höhere eine Aufmerksamkeit der gefährdeten Passanten sorgen, angesichts des bevorstehenden Life Balls (Aidshilfe-Benefiz), des Song Contests und dem für Juni termininerten CSD aber auch für Toleranz werben. Und prompt fühlen sich die heterosexuellen Eurovisionsfans diskriminiert, weil der Grand Prix damit in die Nähe einer schwulen Veranstaltung gerückt würde (ach was!). Dabei machte gleich der erste Starter des ersten Semis klar, wessen Party das hier ist!

Schwuler geht’s nimmer: der Bahnhofsstricher und die Bullen

Und so beginnen wir die Rückschau auf die ersten Probentage gleich mit dem visuellen Highlight: begleitet von zwei durchtrainierten Village-People-Polizisten in enganliegenden PVC-Uniformen und in kurzen Radlerhosen, tanzt sich der im Lederwestchen nicht minder fetischbarfeine Eduard Romanyuta durch seinen herrlich billigen Discoschlager ‚I want your Love‘. Okay, drei weibliche Cops sind auch noch mit auf der Bühne: zwei davon als Chorsängerinnen, eine reißt ihm das Shirt vom Leibe. Trash as Trash can, der perfekte Auftakt für die Festspiele und natürlich aus dem Stand mein neuer Lieblingsbeitrag, jedenfalls für den Augenblick!

aufrechtgehn.de-Wertung: 12 Punkte, Finale: ja, hoffentlich

In Armenien haben sie’s mit den Bäumen. Ob Toilettenpapierstreifen darin flattern, Aprikosen an ihm wachsen oder sich einfach nur eine Zeichentricksilhouette im Sturm der Windmaschine wiegt wie bei Genealogy: stets scheint es sich um das selbe Exemplar zu handeln. Um die Aussage des Songs über das genozidbedingte Zerstreutsein der Exilarmenier über alle Winkel zu unterstreichen, wird auf dem Bühnenboden eine Weltkarte eingeblendet und die Sänger hüpfen auf ihren Kontinent (oder irgendwo in die Nähe). Die 30 Sekunden, die im eurovision.tv-Clip zu hören sind, klingen – anders als im Vorschauvideo – verhältnismäßig harmonisch.

aufrechtgehn.de-Wertung: 0 Punkte. Finale: ja (Exilarmenier-Diasporavoting)

Loïc Nottet und seine fünf Backings liefern ein geradezu klinisch kaltes, schwarz-weißes Setting mit harten visuellen Kontrasten auf der Leinwand und roboterhaften Tänzen. Passt hervorragend zu seinem Titel ‚Rhythm inside‘ aka ‚Rappapapp‘, wie der Song griffiger heißen sollte. An einer Stelle vertanzt sich Loïc und entschuldigt sich – aber dafür sind Proben ja da.

aufrechtgehn.de-Wertung: 7 Punkte. Finale: ja, definitiv

Tagesgespräch am Montag war das Outfit von Trijnte Oosterhuis: ein schwarzes, enganliegendes Kleid, vorne im Zickzackmuster tief ausgeschnitten: härter habe ich noch nie jemanden nach einem Nipplegate (und dem Barbara-Dex-Award) betteln sehen. Auch Zügleins prachtvoller Allerwertester erfährt mit einem ausgeschnittenen Stern sein Outing. Zum Songauftakt trägt sie einen schwarzen Schleier, als wolle sie einer Beerdigung beiwohnen: entweder der des guten Geschmacks oder der ihrer (ohnehin geringen) Chancen auf Finalqualifikation. Das langweilige Lied geht hierbei völlig unter.

aufrechtgehn.de-Wertung: 1 Punkt (für den Mut). Finale: nein. Das ist nicht der Eurovision Breast Contest

„Test, eins, zwei“ geht eine Mikrofon-Probe üblicherweise. Nicht bei den finnischen Punks: da heißt es „Oh yeah, fuck“. Wie authentisch! Auch sonst ist ‚Aina mun pitää‘ halt ein klassischer, gottseidank kurzer, Punksong und das Staging entsprechend: düsterer Hintergrund, weißer Bodennebel, vier musizierende Schrate. Fertig. Visuell und musikalisch so gar nicht meins, aber als Kontrapunkt zum üblichen überladenen Pomp prima. Meine Sympathien haben die Jungs!

Aufrechtgehn.de-Wertung: 4 Punkte. Finale: ja – das ist der Votingschwamm für alle Contest-Hasser und / oder Punk-Fans

Da Trijnte Mandos (GR 2003) Dolly-Buster-Kleid gestohlen hat, sollte man meinen, dass die griechische Regierung gerade ihre Reparationsforderungen beziffert. Doch da könnte ihnen Maria-Elena einen Strich durch die Rechnung machen: offenbart doch auch ihr Silberlaméfummel ihre Mammae, wenn auch deutlich dezenter als bei der Niederländerin. Die Hellenin steht bewegungslos im Windmaschinensturm, singt mit kraftvoller Stimme und im Dunkel des Bühnenhintergrunds sitzt Ralph Siegel am Klavier. Oder irgendjemand anders, man erkennt es nicht. ‚One last Breath‘ ist und bleibt dennoch sterbenslangweilig.

aufrechtgehn.de-Wertung: 0 Punkte. Finale: nein (hoffentlich)

Geteilte Reaktionen rief die von technischen Pannen dominierte Proben der Esten unter den Bloggern hervor. Während einige bemängelten, dass die Chemie zwischen Stig und Elina nicht stimme, was Voter abschrecke, priesen andere genau diesen Umstand, sei ‚Goodbye to Yesterday‘ doch ein Trennungslied und verkörperten die Beiden den im Song skizzierten Hass aufeinander geradezu perfekt. Die Szenerie mit eingeblendeten Türen, Silhouettenspielen und Hochhaushintergründen ist jedenfalls eindrucksvoll, und Estland scheint seinen Status als einer der Top-Favoriten zu festigen.

aufrechtgehn.de-Wertung: 8 Punkte. Finale: ja

Daniel Kajmakoski scheint seinen Status auch zu verfestigen – leider den des im Semi Ausscheidenden. Den Bühnenhintergrund bilden Aufnahmen irgendeines mazedonischen Monuments, durch den das Herbstlaub fällt – interessanterweise nach oben. Im Vordergrund versuchen sich der knuddelige Wahlwiener und die drei Blackstreet-Buben an einer ungelenken Boyband-Choreografie, was ziemlich in die Hose geht und vom Song ablenkt. Das herbsttriste Mäntelchen, das Daniel trägt, macht es leider auch nicht besser.

Aufrechtgehn.de-Wertung: 2 Punkte. Finale: leider nein

Das waren die Pröblinge vom Montag, die vom Dienstag folgen auf der nächsten Seite.

8 Gedanken zu “Die Village People sind in Wien: erste Proben erstes Semi 2015

  1. Moldawien, Oliver? MOLDAWIEN? Puh, es ist schlimmer, als ich dachte. Ich hoffe, Du bist Dir bewusst, dass Du mit dieser Meinung mutterseelenallein auf weiter Flur stehst!

    Sollte ich nach den ersten Proben eine Prognose für die Weiterkommer wagen, dann sähe die so aus:

    Sicher weiter:
    Armenien
    Belgien
    Estland
    Russland
    Rumänien
    Georgien

    außerdem

    Griechenland
    Finnland

    Fehlen noch zwei. Ich fürchte, eins davon wird Ungarn sein, obwohl ich diesen Tränenzieher inzwischen leidenschaftlich hasse. Fehlt noch einer. Mein Bauchgefühl sagt entweder Serbien oder Dänemark.

    Für Mazedonien täte es mir extrem leid, wenns rausfliegt. Und wenn die Albanerin noch ne Schippe drauflegt, hat sie beim Finaleinzug auch noch was zu melden. Ach, ich weiß es doch auch nicht!

  2. Ja, Moldawien. Wegen genau solcher Songs und Darbietung bin ich schließlich dereinst Fan des Contests geworden und bin es bis heute. Und ich weigere mich einfach, zu glauben, dass ich europaweit der einzige verbliebene Trash-Gourmet sein soll!
    Ich weiß, dass die Finalqualifikation an einem mehr als dünnen Faden hängt, weil Eduard sich mit Bojana um die selben Stimmen balgt. Aber ich war noch nie in der Lage, bei meinen Prognosen meinen persönlichem Geschmack außen vor zu lassen – und warum auch, dann macht’s ja keinen Spaß mehr.
    Und wenn die Seht-her-ich-bin-Conchita-aber-ohne-den-doofen-Bart-Griechin tatsächlich weiterkommt, werde ich dem Land jeden mentalen Support entziehen und die falsche Politik der Troika künftig bejubeln. So!

  3. Hey! Die Niederlande ist sicher im Finale! Das einzige Lied, bei dem man sofort mitsingen kann….eieieieiei, 🙂

  4. Ja, schon, aber… aber… douze poengs? Are you sure? Und dass Moldawien NICHT Rainers douze pöngs im ersten Semi sind, das weiß ich sicher!

    Aber gut. Ich hoffe nur, die Tirade gegen uns geschmacksgestörte Heteros/-as bleibt uns erspart, wenn es der Ede dann „ganz überraschend“ nicht ins Finale schaffen sollte – vor allem dann, wenn es Bojana schafft, was im Moment bedeutend wahrscheinlicher sein dürfte. Oder wir kriegen die Tirade jetzt gerade 😀 😀 😀

    Na, egal, keep on the good work! Ich freu mich drauf, egal wie es ausgeht!

  5. Alsdann, einen Tag vor Semi 1 hier mal meine Meinung zu dem ganzen Krempel.

    Ich habe lange nicht mehr so mit mir gerungen, wer nun weiterkommen soll/wird. Es werden auf jeden Fall ein paar recht hübsche Songs auf der Strecke bleiben, denn ich habe dieses Jahr verhältnismäßig wenige echte Hassbeiträge. That said:

    -MD: Oh Gott, bitte nicht. Moldawiens Antwort auf den ohnehin nur schwer erträglichen Jason Derulo soll bitte im Semi hängenbleiben. Wird er aller Wahrscheinlichkeit nach zwar nicht – nicht mit Rumänien im gleichen Semi – aber man weiß ja nie.

    -AM: Nein. Sorry, aber ich habe es von Anfang an nicht verstanden. Die Stelle gegen Ende, wo der Song plötzlich total durchdreht, wird die Juroren wie die Televoter in Massen verjagen. Und das völlig zu Recht. Andererseits hat Armenien schon Grütze ganz anderen Kalibers ins Finale gekriegt (oh hallo, „Lonely Planet“!)…

    -BE: Grandios. Zwar erbarmungslos bei „Royals“ abgekupfert, aber gerade deshalb großartig. Europa, ich baue auf euch!

    -NL: Pfffft. Nach den letzten beiden Beiträgen eine furchtbare Enttäuschung. Das wird nicht leicht.

    -FI: Ich bleibe dabei, dass der Song an sich nichts taugt, aber der Hass, der PKN von den Fans entgegenschlägt, ist nur damit nicht zu erklären – dann hätte es die letzten Jahre ganz andere Kandidaten gegeben, die wirklich NIEMAND hätte mögen dürfen. Komischerweise sehen aber viele den Song sicher im Finale – was ich wiederum keinesfalls für ausgemacht halte.

    -GR: Wenn es jemals ein Jahr gegeben hat, in dem Griechenland es verdient hatte, dass ihre 100-Prozent-Serie in den Semis reißt, dann ist das 2015. Zumal das Balladenpublikum sich hinter ganz andere Sachen werfen kann – Russland für die Dramatikerfraktion, Ungarn für die Freunde des eher Schlichten. Ich hoffe auf einen DNQ.

    -EE: Nicht so gut, wie die Fans es gerne sehen, aber trotzdem einer der stärksten Beiträge des Jahres. Das Finale sollte kein Thema sein.

    -MK: Quasi das Anti-Finnland; scheinbar mag fast jeder den Song, aber kaum jemand glaubt an ein Weiterkommen. In die erste Schublade lasse ich mich gern stecken, und ich denke, Mazedonien darf mal wieder Finalluft schnuppern.

    -RS: Oh. Ganz schwer zu beurteilen – aber ich habe hier massive Hera-Björk-Flashbacks. Eine Empowerment-Hymne im Pop-Dance-Stil, gesungen von einer eher kräftigeren Dame? Da krieg ich Deja vus. Das Finale sollte mit dem nahezu kompletten Balkan zur Unterstützung machbar sein, aber der Absturz im selbigen ist ebenfalls programmiert.

    -HU: Ich persönlich finde den Song furchtbar – und wie man es hinbekommt, bei einer so spärlichen Instrumentierung noch konsequent am Rhythmus vorbeizusingen, ist schon bewundernswert. Das Finale ist vermutlich trotzdem drin. Leider.

    -BY: Grausam. Sorry, aber die Stimme resoniert in exakt der richtigen Frequenz, um mir persönlich die Zahnfüllungen rauszusprengen. Geht gar nicht, und muss ich hoffentlich nicht zweimal hören.

    -RU: Tja. Was soll ich dazu sagen. Das Finale schafft sie ja sowieso; ich hoffe nur, dass Europa genug Verstand hat, um sie nicht auch noch zur Siegerin zu machen – einen ESC in Moskau 2016 will ich mir jedenfalls nicht vorstellen müssen.

    -DK: Wobei mir Moskau 2016 immer noch lieber wäre als Kopenhagen. Ich weiß auch nicht, warum ich diesen Song – der nicht so weit von einer meiner Lieblingsbands, Roxette, entfernt ist – vom ersten Moment an gehasst habe, aber es ist so. Vielleicht, weil er so offensichtich unecht ist – authentisch wie eine griechische Tetradrachme mit einem Made-in-Taiwan-Aufdruck.

    -AL: Gefällt mir, aber ich sehe ehrlich gesagt wenig Gründe, warum jemand dafür anrufen sollte. Das Finale kann klappen, auch ohne italienische Unterstützung.

    -RO: Meine Nummer 1 des Jahrgangs, und wenn ausgerechnet bei diesem Song die rumänische Serie reißt, werde ich ernsthaft böse, eingedenk der Sülze, mit denen das Land in den letzten Jahren oftmals das Finale zugekleistert hat. Voltaj for President! 😉

    -GE: Mit dem Startplatz und einer durchaus kraftvollen Nummer dürfte das mit dem Finale kein Thema sein.

    Finalisten: Belgien, Finnland, Estland, Mazedonien, Ungarn, Russland, Rumänien, Georgien, Serbien und (wegen der letzten beiden Jahre) die Niederlande. Das hieße, dass Moldawien, Armenien, Griechenland, Weißrussland, Dänemark und Albanien rausfliegen. Aber das ist natürlich nur eine Momentaufnahme – morgen abend kann meine Liste schon wieder ganz anders aussehen.

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