Feu­er brennt nicht (nur) im Kamin: ers­te Pro­ben Fina­lis­ten 2015

So – end­lich in Wien auf­ge­schla­gen, ver­gnüg­li­chen ers­ten Abend hin­ter mir und noch leicht unter­kof­fein­iert im Pres­se­zen­trum sit­zend. Heu­te pro­ben die fixen Fina­lis­ten zum ers­ten Mal, und bis dato sieht es nicht so aus, als ob sie die­sen Sta­tus ver­dient hät­ten. Die im Vor­feld von vie­len Sei­ten bereits als mög­li­che Sie­ger gehan­del­ten ita­lie­ni­schen Knö­del­te­nö­re von Il Volo erschei­nen im Anzug, schei­nen mit tech­ni­schen Pro­ble­men zu kämp­fen – es klingt alles ande­re als har­mo­nisch – und las­sen auf der Pro­jek­ti­ons­wand die Stan­dard-Power­point-Prä­sen­ta­ti­on “Rom für Tou­ris­ten in fünf aus­ge­lutsch­ten Kli­schees” lau­fen. Ja, ihr Klas­sik­schla­ger träu­felt sich in die Gehör­gän­ge wie Blü­ten­ho­nig, zwei von den Drei­en sehen ganz nied­lich aus, aber ins­ge­samt ver­brei­tet der Auf­tritt doch den Ein­druck, dass man bei der RAI ent­we­der nicht sie­gen möch­te oder sich im Gegen­teils gar bereits zu sicher ist, den Event in der Tasche zu haben. Und damit gewinnt man die Her­zen nun ein­mal nicht.

Die Mak­e­makes repli­zie­ren unter­des­sen im Wesent­li­chen ihren Vor­ent­schei­dungs­auf­tritt, inklu­si­ve dies­mal lich­ter­loh bren­nen­dem Kla­vier (dem zumin­dest opti­schen Anknüp­fungs­punkt an Öster­reichs Sie­ger von 1966, Udo Jür­gens), was mit Flam­men­pro­jek­tio­nen im Büh­nen­bo­den unter­stützt wird. Natür­lich dür­fen auch die Com­mon-Lin­nets-Gedächt­nis­hü­te nicht feh­len. Den­noch will das alles irgend­wie nicht rich­tig zün­den. Mit der selbst gewähl­ten Start­po­si­ti­on 14 und einem mit­tel­lah­men Lied zielt der ORF ohne­hin auf ein Mit­tel­feld­ergeb­nis, und genau das dürf­te für die bär­ti­gen Lang­haarz­ot­tel (was bit­te als Kom­pli­ment zu ver­ste­hen ist) auch her­aus­kom­men. Inso­fern: Plan­soll erfüllt.

Trick­kleid und halb­nack­ter Mus­kel­tän­zer: die Spa­nie­rin Edur­ne weiß, wer ihre Ziel­grup­pe ist! Sie trägt Nata­lie Hor­lers (Cas­ca­da, DE 2013) Gold­kleid noch mal auf, das sie aber zu Beginn unter einem roten Cape mit rie­si­ger Schlep­pe ver­birgt, wel­che zu hal­ten zunächst die Kern­auf­ga­be ihres ker­ni­gen Tän­zers mit dem pas­sen­den Namen Gui­sep­pe di Bel­la dar­stellt, wäh­rend die Spa­nie­rin vor­sich­tig ihre Möp­se quetscht. Pünkt­lich zum ers­ten (nicht vor­han­de­nen) Refrain kommt der Umhang her­un­ter und wird von Sepp ordent­lich hin­ter der Büh­ne ver­staut. Aber erst, nach­dem er Edur­ne ein wenig her­um­ge­ho­ben hat. Was wohl vor allem dem Zweck dient, uns sei­ne beein­dru­cken­den Mus­keln zu prä­sen­tie­ren. Nicht, dass ich mich dar­über beschwe­ren möch­te! Eine leich­te Lore­en-Pose (die hal­be Krab­be) und die Wind­ma­schi­ne run­den das Pot­pour­ri der hüb­sches­ten visu­el­len Euro­vi­si­ons­kli­schees der letz­ten fünf Jahr­gän­ge ab, und natür­lich wird damit für die Spa­ni­er kein Blu­men­topf zu gewin­nen sein, aber dafür die Lie­be der klas­sisch kon­di­tio­nier­te Euro­vi­si­ons­schwup­pe. Dan­ke, Spa­ni­en!

Und dan­ke, Ann Sophie! Ich bin ja nun eher nicht bekannt dafür, den hei­mi­schen Bei­trag unkri­tisch zu beju­beln, aber ich muss sagen, die deut­sche Pro­be hin­ter­lässt mich beein­druckt. Ann Sophie regiert die Büh­ne! Beleuch­tet von einem Lan­de­bahn-Schein­wer­fer, der ihr stel­len­wei­se eine Art Hei­li­gen­schein ver­leiht, über­zeugt sie optisch im schwar­zen Hosen­an­zug, lan­gem Ohr­ge­hän­ge und mit wun­der­bar diva­es­ken Posen, die sie mit iro­ni­schem Augen­auf­schlag und im bes­ten Sin­ne selbst­be­wuss­tem Strah­len per­fekt abfe­dert. Auf dem Büh­nen­hin­ter­grund wabern Tin­ten­kleck­se (ich weiß, es soll Rauch sein, sieht aber nicht so aus), die je nach per­sön­li­cher Prä­dis­po­si­ti­on an när­ri­sche Pil­ze oder Ute­rus­se erin­nern, was den Auf­tritt etwas wei­cher macht und zusätz­lich die Gefahr bannt, dass es arro­gant wir­ken könn­te. Ledig­lich der Instru­men­tal Break von ‘Black Smo­ke’, der doch arg das Tem­po aus der Num­mer nimmt, bremst mehr als nötig ab. Wei­ter­hin kei­ne Top Ten also, aber der letz­te Platz wird es nun auch nicht mehr. Wir haben defi­ni­tiv nicht die zwei­te Wahl nach Wien geschickt!

Wie auf LSD im Euro­dis­ney-Space Moun­tain (dan­ke an Mario Lack­ner!), so fühlt sich der bri­ti­sche Auf­tritt an. Krib­bel­b­unt-psy­che­de­li­scher Büh­nen­hin­ter­grund, Schwarz­licht­spie­le und ein wenig an die Spring­bret­ter in Frei­bä­dern der Zwan­zi­ger­jah­re erin­nern­de Show­trep­pen­ele­men­te berei­ten den Boden für die fabel­haf­te Trash-Wie­der­auf­er­ste­hung von Julie & Lud­wig (MT 2004, und für sich genom­men schon tra­shig genug): Lud­wig als Roger Cice­ro (DE 2007) ali­as Balu der Bär im schlim­men Glit­zer­an­zug und Julie als pin­ke Elfe mit umge­schnall­ten Lebens­er­hal­tungs­sys­te­men auf dem Rücken, was ihrem Gesund­heits­rat­ge­ber­text zusätz­li­che Tie­fe ver­leiht. Nicht. Dazu der groß­ar­ti­ge Käptn-Iglo-Wer­be­me­lo­die-Schla­ger: mehr Camp geht nun wirk­lich nicht! Für eine Pop­na­ti­on wie Groß­bri­tan­ni­en natür­lich ein Monu­ment der Schan­de, für Car-Crash-Gour­mets ein abso­lu­ter Gau­men­schmaus!

Mein Gott, ist Mireil­le Mathieu aber aus dem Leim gegan­gen! Lisa Angell steht mit Koch­topf­schnitt und einem wenig figur­schmei­cheln­den Kleid aus der Bou­tique für die gesetz­te Dame ab 70 vor einem com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Hin­ter­grund mit Frie­dens­tau­ben und Kriegs­rui­nen, den offen­sicht­lich ein Micro­soft-Prak­ti­kant in der Ziga­ret­ten­pau­se zusam­men­ge­schus­tert hat und der den Inhalt des Welt­krieg-Mahn­lie­des trans­por­tie­ren soll, die stimm­lich her­aus­ra­gen­de Fran­zö­sin aber optisch lei­der völ­lig erschlägt. Da ret­ten auch die vier an Regi­na (BA 2009) erin­nern­den Tromm­ler nichts mehr, die zum Song­fi­na­le hin­zu­kom­men. Scha­de!

Bleibt als letz­ter fixer Fina­list der eben­falls bis heu­te als mög­li­cher Sie­ger gehan­del­te Guy Sebas­ti­an aus Tra­li­en, auch er im Roger-Cice­ro-Hüt­chen und noch etwas vom Jet­lag gezeich­net. Wie schon bei Lisa Angell arbei­tet auch hier die Hin­ter­grund­ani­ma­ti­on gegen den Künst­ler, mit dem Unter­schied, dass man bei der Fran­zö­sin wenigs­tens noch die Idee dahin­ter erken­nen konn­te. Wes­we­gen aber Guy auf einer sti­li­sier­ten bel­gi­schen Auto­bahn ste­hend singt, erschließt sich mir nicht – außer, es han­delt sich um den dis­kre­ten Hin­weis der EBU, doch bit­te nicht die Aus­sies gewin­nen zu las­sen, son­dern den smar­ten Rap­pap­papp-Buben. Woge­gen ich wie­der­um nichts ein­zu­wen­den hät­te. Mal schau­en, wo der ORF am Sams­tag den Guy in der Start­rei­hen­fol­ge plat­ziert…

2 Gedanken zu “Feu­er brennt nicht (nur) im Kamin: ers­te Pro­ben Fina­lis­ten 2015

  1. So abgrund­tief ich “Black Smo­ke” anfangs gehasst habe, so posi­tiv über­rascht bin ich doch von der Pro­be. Ann Sophie hat sich da echt gemacht. Zwar gehe ich eher von einer Plat­zie­rung zwi­schen zwölf und fünf­zehn als von der Top 10 aus, beson­ders weil sie sich stimm­lich ein wenig zu sehr über­nimmt, aber es scheint doch schon so, als ob sich der NDR wirk­lich ein klei­nes biss­chen bemü­hen wür­de. Bleibt nur zu hof­fen, dass da am Sams­tag kein dum­mer Ein­fall sei­tens der Dele­ga­ti­ons­lei­tung kommt. Aber die Pro­be hat mich end­gül­tig mit unse­rem Bei­trag ver­söhnt, auch wenn er wohl auf ewig zu kalt bleibt, um mein Herz zu erobern.

    Viel Spaß in Wien! 🙂

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