Scheitern in Würde – We are the Zeros of our Time!

Was für ein Abend! Diese Woche, wenn mir die kurze Einleitung gestattet sei, besuchte ich in Wien noch die kurzweilige und sehr schön gemachte Ausstellung The Nul Pointers des Cartoonisten Tex Rubinowitz im Leopold Museum (zu sehen übrigens noch bis 8. Juni 2015, Tipp für alle, die dort noch ein paar Tage weilen), stellte dabei fest, dass das letzte Null-Punkte-Ergebnis beim Contest schon zwölf Jahre zuliegt liegt: 2003 in Riga, Jemini mit ‚Cry Baby‘ für Großbritannien, und dachte „wird eigentlich mal wieder Zeit“. Dass es gleich eine Doppelnull wird, und dann auch noch fürs Gastgeberland Österreich und für uns, damit hatte ich nun aber wirklich nicht gerechnet! Lustig finde ich’s trotzdem, gerade weil so die (hier in Wien persönlich auf das herzlichste erlebte) deutsch-österreichische Freundschaft eine so wunderbare Erneuerung im gemeinsamen Scheitern mit Würde findet. Um über Konsequenzen für das Vorentscheidungskonzept des NDR, das möglicherweise nicht mehr adäquate Punktevergabeverfahren oder die zu hohe Zahl der Finalisten zu diskutieren, ist es heute Abend zu früh. Zwei Dinge scheinen mir aber noch wichtig, zu sagen. Zu einen: danke, Ann Sophie! An Dir lag es nicht, Du hast uns sehr würdig vertreten, eine großartige Show abgeliefert und sehr gut gesungen. ‚Black Smoke‘ ist auch kein schlechter Song, halt nur leider eher fürs Formatradio geeignet, als für den größten TV-Wettbewerb der Welt konzipiert, wo glatte Durchhörbarkeit eben kein Erfolgsrezept darstellt. Du kannst hoch erhobenen Hauptes in die Heimat zurückkehren – und Dich schon mal drauf freuen, Aufnahme in die Ruhmeshalle (und hoffentlich bald in die nächste Auflage von Tim Moores Enzyklopädie Null Punkte – ein bisschen Scheitern beim Song Contest) zu finden.

Sie befindet sich in guter Gesellschaft: Ann Sophie (DE)

Nach der Hälfte des Votings hatte ich ehrlich gesagt gehofft, dass jetzt auch nichts mehr kommen mag, denn Letzte(r) mit Null Punkten ist nun mal besser als Vorletzte(r) mit 3 Zählern! Frau Dürmeyer wird so in zwanzig Jahren noch Teil von Eurovisionsrückblicken sein – die No Angels (DE 2008) nicht. Bitterer scheint mir das Ergebnis für den ORF zu sein, der nun gerade auf einem guten Weg war, „den Schaß“ aus der Schmuddelecke der skurrilen Geldverschwendung herauszuholen, mit der Null-Punkte-Dusche für das (ebenfalls formatradiofreundliche) Gedudel der Makemakes nun aber wieder zur Zielscheibe der Meckerer wird. Und das, obwohl er einen organisatorisch wie inhaltlich hervorragenden Contest hingelegt hat! Hut ab für das Moderatorinnentrio, das die heikle Aufgabe hervorragend meisterte, die in der Halle abkippende Stimmung mit einer höflichen, aber bestimmten Mahnung aufzufangen, als sich in der ersten Hälfte der Stimmauszählung ein möglicher Sieg Russlands mit dem zynischen Friedenskitschlied ‚A Million Voices‘ abzeichnete und das zu mehr als neun Zehnteln homophile Hallenpublikum bei der Vorstellung, 2016 ins homophobe Reich Putins reisen zu müssen, den Horror bekam. Und was für ein Glücksfall, dass der ORF die fabelhafte Conchita Wurst als Green-Room-Beauftragte einsetzte, die mit ihren großartigen, warmen Worten für die aufgelöste Polina Gagarina endgültig den letzten blöden Buhrufer in der Halle zum Schweigen (und hartnäckige Applausverweigerer wie mich zum spontanen Beifallklatschen) brachte, in dem sie uns daran erinnerte, für was sie 2014 angetreten war und um was es beim Contest geht: um gegenseitigen Respekt und um Achtung. Danke, meine Kaiserin!

Sehr schön: eine Million Regenbogenflaggen im Publikum (RU)

Dabei erfreute sich der russische Beitrag ja beim Wiener Publikum – wenn auch nicht bei mir persönlich – grundsätzlich großer Beliebtheit. Und man muss zugeben, die schwedische Stangenware verfügt über Ohrwurmqualität und die Sängerin über eine große Stimme und eine gewisse Ähnlichkeit mit Sanna Nielsen (SE 2014) beziehungsweise Helene Fischer. Ohne die Statistik eingehend geprüft zu haben, scheint es so zu sein, dass die Russin aus westeuropäischen Ländern (einschließlich der den HellFisch-Doppelgänger-Qualitäten Polinas geschuldeten Douze Points aus Hamburg) öfters hohe Punktzahlen bekam als aus etlichen ehemaligen Satellitenstaaten. Als an einer Stelle die Liveschaltung nach Georgien abbrach, welches Moskau soeben lediglich mit einer unteren einstelligen Zahl versorgt hatte, dachte ich „Ups, jetzt haben sie es schnell annektiert!“. Mit dem zweiten Platz für Polina, der am Ende herauskam, hatten die Meisten wohl auch kein Problem. Nach Conchitas Green-Room-Umarmung für Polina suchte sich die Putin-Ablehnung in der Halle dann ein anderes Ventil: nun applaudierte man für jede Unter-Acht-Punkte-Wertung für Russland und jubelte, wenn einer der beiden verbleibenen Hauptkonkurrenten, nämlich Italiens Il Volo oder der letzten Endes siegreiche Måns Zelmerlöw eine hohe Punktzahl einfuhr. ‚Heroes‘ wurde so zum Rettungsanker – lieber schon wieder Schweden mit einer rundherum glatten Europopnummer als das kollektiv empfundene Reich des Bösen. Ich empfand das, ehrlich gesagt, genau so – ob das heutige Ergebnis aber hilft, eine Brücke nach Russland zu bauen, steht auf einem anderen Blatt…

Tanzt mit seinen und unseren Dämonen: der schnucklige Monz (SE)

ESC Finale 2015

Eurovision Song Contest 2015 - Finale. Samstag, 23. Mai 2015, aus der Stadthalle in Wien, Österreich. 27 Teilnehmer, Moderation: Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01SIMaraayaHere for you0391402719
02FRLisa AngellN'oubliez pas0042500326
03ILNadav GuedjGolden Boy0970910207
04EEElina Born + Stig RästaGoodbye to Yesterday1060714405
05UKElectro VelvetStill in Love with you0052400425
06AMGenealogyFace the Shadow0341607711
07LTMonika Linkytė + Vaidas BaumilaThis Time0301804416
08RSBojana StamenovBeauty never lies0531008610
09NOMørland + Debrah ScarlettA Monster like me1020803717
10SEMåns ZelmerlöwHeroes3650127203
11CYJohn KarayiannisOne Thing I should have done0112200823
12AUGuy SebastianTonight again1960512406
13BELoïc NottetRhythm inside2170419004
14ATMakemakesI am yours0002700027
15GRMaria Elena KyriakouOne last Breath0231902421
16MEKnezAdio0441303418
17DEAnn Sophie DürmeyerBlack Smoke0002600524
18PLMonika KuszyńskaIn the Name of Love0102304715
19LVAminataLove injected1860608809
20ROVoltajDe la capat0351506912
21ESEdurneAmanecer0152102620
22HUBoggieWars for nothing0192001722
23GENina SublattiWarrior0511105113
24AZElnur HuseynovHour of the Wolf0491204814
25RUPolina GagarinaA Million Voices3030228602
26ALElhaida DaniI'm alive0341709308
27ITIl VoloGrande Amore2920335601

Null Punkte für Deutschland!

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20 Gedanken zu “Scheitern in Würde – We are the Zeros of our Time!

  1. Tja, Mädel, keine gute Idee, dem Publikum erst einmal eine halbe Minute lang die kalte Schulter und den Hintern zu zeigen! 0 Punkte in Würde – da gebe ich dem Seitenbetreiber vollkommen recht – gehen in die ESC-Geschichte ein.
    Zu Juri Gagarin, äh, Polina oder wie die Russin heißt: Merkt denn niemand, dass die auf dem rohen Fleisch singt? Die hohen Töne muss mit eng geschnürter Kehle festhalten, was einen unschönen kehligen Knödel ergibt.Jeder Gesangscoach wird das bestätigen. Die Reißbrettnummer aus dem Baukasten ist ja außerdem vom Musikalischen und um Arrangement äußerst belanglos. 12 Punkte aus Deutschland – wenn da mal nicht Gabriele Krone-Schmalz ihre Finger im Spiel hatte.Bin sehr gespannt auf das Jury-Ergebnis.

  2. Bei der Option Krone richten heißt es dann aber auch bitten, die Krone so richten, dass sie wieder glänzt. Soll heißen: VE-Modus ändern, reicht schon wenn jeder Künstler nur ein Lied präsentieren darf. Von großen Namen will ich gar nicht hoffen, obwohl Forster, Strate und Clio sich nach ihrem Pfusch qualifizieren nächstes Jahr selber antreten zu wollen. Wie glaubwürdig ist das, dass die deutschen 5 jedes Jahr die gleiche nummer 1 haben? :O

    Auch wenn, oder vllt gerade weil, ich keine der Top 3 großartig fand, finde ich es eine Schande, dass Italien so stark um seine Lorbeeren gebracht wurde.

  3. … als wenn die Show (wohlgemerkt die Show, das Lied selbst hat ja keinerlei Substanz) aus Schweden weniger Reißbrett wäre …

  4. Was soll ich schon dazu sagen? Eine einzige Katastrophe, obwohl der Auftritt durchaus was versprochen hat.

    Stattdessen endete der Abend dreifach schlimm.

    Erstens: NULL PUNKTE und das gleich für zwei Länder (erstmals für den Gastgeber).

    Zweitens: Das, was ich 2014 befürchtet habe, ist 2015 eingetreten. Ein Sieg schwedischer Langeweile. Und dann noch diese falsche Schlange Mans Zelmerlöw, der hier richtig einen auf Carola macht. Die Schwulen tun mir echt leid. wie sie hier von dem Monz vollgeschleimt werden, obwohl er sie abartig findet. Aber viele von ihnen fallen auch noch drauf rein.

    Drittens dann der Oberhammer: Italien weit vor Russland und knapp hinter Polina erst Schweden. Italien nur Sechster bei den Juroren? Holla, was ist denn da los, sonst springen die doch bei sowas auf ?!
    Auch wenn „Grande Amore“ nie mein Herz erobert hat: Dieses Ergebnis ist skandalös und es muss darüber gesprochen werden. Das Volk wollte Italien siegen sehen!

    Allgemein war das ein ESC zum Kopfschütteln. In Schweden wird zwar professioneller gearbeitet, aber nach drei Jahren wieder dahin? Nein, danke!
    Andererseits passt das aber zu diesem ESC mit seinem künstlichen Jubel und seinen blassen Moderatorinnen (die fabelhafte Conchita selbstverständlich ausgenommen). Ein Grand Prix für die Tonne!
    Danke, Kopenhagen, es war wunderbar mit Conchita, den Common Linnets und natürlich der deutsch-lettischen Kuchenbäckerbande!

  5. Erstmal herzlichen Glückwunsch nach Schweden. Das ist schon das freundlichste was ich zu sagen habe, über den gestrigen Abend. Ich habe mich gestern abend geschämt, nicht wegen Ann Sophie, die hatte einen guten Auftritt. Vielmehr für die deutschen Televoter und für die deutsche Jury, die dem Verbrecherland Russland für sein heuchlerisches Friedenspropagandalied 12 Punkte gegeben haben. Hätte Russland gewonnen, ich schwöre, ich hätte nie mehr den ESC geschaut. Wie verblödet, verdorben und verkommen muss man sein, das man diesem Kriegstreiberland und seinem Verrückten im Kreml für dieses Propagandalied anruft. Ich war fassungslos. Wie homophob eingestellt muss man sein, wie menschenverachtend muss man da eingestellt sein?

    Bezüglich Ann Sophie hat die große Joy Fleming endlich das ausgesprochen, was ich schon lange denke. Es wurde gestern nicht das Lied oder Ann Sophie bewertet, sondern es wurde Deutschland eins ausgewischt. Viele Länder sind neidisch auf unseren wirtschaftlichen Erfolg und haben den ESC dazu missbraucht uns eins auszuwischen. Die ARD sollte sich fragen, wie lange sich das noch bieten lassen will, das sie für den Scheiß zwar bezahlt, aber fast ständig dafür noch abgestraft wird? Die ARD soll sich das Geld einfach sparen und nicht mehr mitmachen. Soll doch Russland die ganze Sache bezahlen, die EBU ist ja gut befreundet mit denen. Wo es um Geld geht, da verschwinden halt Moral und Anstand. Natürlich war der Schwede gut, aber ist es ein Wunder, das Schweden fast immer gut abschneidet, wenn der dafür Verantwortliche Chef aus Schweden oder Norwegen kommt? Ich habe das Gefühl, schon bei ESC in Kopenhagen, das Norwegen und Schweden beim ESC bevorzugt werden. Vor allen Dingen weil ja ständig die Supervisor aus diesen Ländern kommen. Die kriegen ständig die besten Startnummern zugeschanzt oder es wird dafür gesorgt, das die Zuschauer mitmachen bei schwedischen oder norwegischen Songs.

    Die ARD sollte jetzt endlich sagen, Tschüss ESC. EBU und Europa, wir scheißen auf euch. Um es klar zu sagen, ich habe nicht erwartet das Ann Sophie gewinnt oder ganz weit vorne mitspielt, aber 0 Punkte sind einfach nur eine bodenlose Frechheit. Auch gegenüber dem Gastgeberbeitrag aus Österreich.

  6. Hat sich innerhalb von drei Jahren (Deutschland) bzw. eines Jahres (Österreich) so viel geändert, was die allgemeine Stimmung in Europa angeht? Und ich bin sicher, einige der Leute, die jetzt von politischen null Punkten reden, haben vor zwölf Jahren herzlich gelacht, als die Briten ihre total verquere Performance auf diese Art erklären wollten. Was nicht heißt, dass ich glaube, Ann Sophie wäre auch nur ansatzweise so schrecklich gewesen wie Jemini damals. Meine Erklärung ist einfacher: noch ein Land mehr, auf das sich die Punkte verteilen, dazu eine Abstimmung, die generell immer den exakt gleichen Ländern Punkte gab (sogar Australien hatte die gleichen Top 3!) und ein Simpson-Paradox, das Deutschland (und in etwas geringerem Maß Österreich) richtig übel erwischt hat – da fällt eben einiges durchs Raster. Fragt mal Großbritannien, Frankreich oder Zypern.

    Was mich auf ein anderes Thema bringt: reduziert den Jury-Einfluss. Sofort. Schweden kriegt weiß Gott beim ESC genug Zucker in gewisse Körperöffnungen geblasen, die brauchen keine Juryhilfe, um einen (verdienten) dritten Platz in einen (absolut unverdienten) Sieg zu verwandeln. Der FC Bayern München des Eurovision Song Contest braucht definitiv nicht noch mehr Unterstützung.

  7. Dass die Skandinavier meist recht gut abschneiden, liegt schlicht und einfach daran, dass die die Veranstaltung (inklusive all ihrer Vorentscheide) einfach ernster nehmen. Man muss nicht mögen, was dann dabei herauskommt (so mag ich den schwedischen Song wirklich nicht besonders), aber sowas kommt halt von sowas. Nicht umsonst engagieren gefühlt fast die Hälfte aller Teilnehmer inzwischen schwedische Songschreiber.
    Und eben aus dem gleichen Grund kommen halt auch EBU Supervisors oft von dorten. Es finet sich nämlich sonst nirgends jemand, der das mit gleicher Begeisterung tun würrde.

    Die Lösung (die sich insbesondere Länder wie Deutschland oder erst recht Großbritannien mal zu Herzen nehmen sollten) heißt nicht Rückzug oder Lächerlichmachen, sondern selbst ernster nehmen. Genau das ist zu Lenas Zeiten nämlich mal kurz geschehen.

  8. Abgesehen vom letzten Paragraph (Juries; hierzu äußere ich mich jetzt nicht) volle Zustimmung.
    Simpson-Paradox gut erkannt, trifft (positiv und negativ) noch auf ein paar andere Länder zu. Das ist die Folge der Art, wie die Voten kombiniert werden.
    Was mich auch sehr verwundert hat, ist, dass dieses Jahr das Abstimmungsverhalten aller Länder (mit sehr wenigen Ausnahmen) so unheimlich ähnlich war. Fas alle hatten die gleichen Top 10 und Top 3, nur immer anders permutiert, der Rest der Tabelle hat nur ein paar Krümel abbekommen. Dass da für die hintersten überhaupt nichts mehr bleibt, ist natürlich schade für diese, so auch Ann Sophie, die natürlich zigmal besser war als viele andere unserer früheren Hinterbänkler.
    Mit Politik hat das nichts zu tun, sondern wohl eher damit, dass der Musikgeschmack der Massen sich immer weiter angleicht (was ich persönlich schrecklich finde, denn gerade die Vielfalt in der Landestypischkeit ist etwas, das ich am ESC schätzte), und Titel natürlich von vornherein darauf abgezielt kalkuliert am Reißbrett komponiert werden (einzelne löbliche Ausnahmen (oft aus Georgien oder Albanien) bestätigen nur die Regel und gehen meist, aber zum Glück nicht immer, unter (ich sagee nur Suus)).
    Dass das Ganze daraufhin extrem vorhersagbar wird, sieht man sehr gut daran, dass die Wettquioten der Bookies die voredeen 5 Plätze IN KORREKTER REIHENFOLGE a priori wiederspiegeln!
    (Und dass Schweden gewinnen würde, konnte man auf jeden Fall wissen, nachdem man einen Blick auf die handgestrickte Reihenfolge der Befragungen geworfen hatte, die klar darauf angelegt war, das möglichst lange zu verschleiern).

    Rechnerische Belege für die Punktekumulation auf den vorderen Plätzen: zwar ist nicht der Siegertitel allein extrem mit Punkten (und Abstand zum Zweiten) gesegnet (obwohl „Monz“ mit 365 auch an die theoretische Maximalzahl von 468 schon recht nahe herankommt, sondern der Abstand der ersten 3 und dann wieder der ersten 9 vom Rest. Der rechnerische Durchschnittswert der Bepunktung bei Gleichverteilung liegt bei knapp unter 86 Punkten. Und da liegt nicht etwa die Hälfte der 27 Kandidaten drüber, sondern nur ein Drittel (ab Platz 9). Und die Top 3 halten zusammen mehr als 41% aller abgegebenen Punkte!
    Das verzerrt natürlich auch die Wertigkeit der Halbfinals. Im zweiten Semi konnte Schweden soviele Punkte auf sich ziehen, dass der Durchschnittswert erst ab den Plätzen 6 und höher überschritten wurde. Das war noch extremer als im ersten Semi, wo das ab Platz 7 gilt, was belegt, dass das zweite Semi härter war. Somit bekam beispielsweise Aserbaidschan in seinem Semi (Platz 10) unterdurchschnittlich viele, Armenien in seinem Semi (Platz 7) noch überdurchschnittlich viele, obgleich im Finale dann AZ klar vor ARM lag.
    Aber darüber will ich nicht meckern, das ist ja Schicksal des Loses.

  9. Nur zur Klarstellung: die deutsche Jury hat (einstimmig!) Lettland, nicht Russland, 12 Punkte gegeben. Danke Jury!

    Und ich muss zugeben: Politik hin oder her, der russische BEITRAG war stimmig und gekonnt. Natürlich hätte ich auch nicht gern Russland als Austragungsort gesehen, aber ein Sieg von Polina wäre mir definitiv lieber gewesen als der von „Monz“ oder auch von Italien, nicht aus politischen Gründen, sondern weil es mir einfach besser gefallen hat.

    Natürlich habe ich persönlich für keinen der drei angerufen. Meine Favoriten waren ganz andere: Frankreich – Armenien – Lettland – Griechenland (in dieser Reihenfolge). Dass der absolut klasse Beitrag aus Frankreich (bei dem mir immer noch Schauer über den Rücken laufen, in der ursprünglichen reinen Vokalfassung wie in der gestrigen Inszenierung mit dem wunderbaren Effekt der marschierenden Soldaten auf Leinwand und in echt) so dermaßen untergegangen ist, hatte ich zwar leider erwartet (da kommen immer diese dämlichen Argumente, das sei nicht“modern“ genug. Als wenn das ein Wert an sich ist. Meinetwegen kann ein Teilnehmer mit Gregorianik kommen. Wenn es gut ist, gehört das belohnt), aber es war nichtsdestoweniger skandalös.
    Und wenn Griechenland, das sonst schon Punkte kassierte, wenn es nur einen Besen (wie hier schon treffend geulkt wurde) oder eben bescheuerte Risky Kids auf die Bühne stellt, so viel schlechter abschneidet, wenn es einmal etwas wirklich Vernünftiges entsendet, finde ich nicht minder schockierend.

    Die Masse hat in meinen Augen einen sehr einfach gestrickten, leider vorhersehbaren, Geschmack. Wenn ein Lied auch nur ansatzweise etwas komplexer wird (kürzlich etwa The Shin; dieses Jahtr beispielsweise Armenien mit nicht leicht zugänglicher Melodik und nicht einmal im Viervierteltakt 😉 ), dann ist das für Otto Normalverbraucher offensichtlich schon eine zu große Herausforderung.

    Um nicht falsch verstanden zu werden: den Contest liebe ich deswegen nach wie vor. Das Gewinnen finde ich echt nicht die Hauptsache, sondern ich glaube daran, dass hier Brücken gebaut, Menschen und Nationen zusammengebracht werden. Vielleicht nicht die Mehrheit des Wahlvolkes vor den Fernsehern, aber zumindest die meisten Fans und definitiv die Künstler selbst. Das war auch dieses Jahr wieder deutlich zu merken un d das schließt explizit Polina Gagarina ein.

  10. Mit Verschwörungstheorien und „keiner hat uns mehr lieb“ kann ich nichts anfangen. Auch die (altbekannten) Diskussionen um Votingsystem und Juries gehen am Kern des deutschen „Problems“ vorbei.
    Tatsächlich hat das deutsche Gesamtpaket nicht überzeugt. Und ich glaube auch, dass keiner der Beiträge der deutschen Vorentscheidung wirklich signifikant besser abgeschnitten hätte.
    Insgesamt gab es durchaus in Wien eine große Bandbreite: Berechnende, seelenlose und auf Erfolg getrimmte Retortenware, aber auch originelle und sperrige Beiträge. Beides kann und hat funktioniert (wenn man eine Platzierung im vorderen Drittel als Erfolg begreift). Für mich liegt da der Schlüssel des Erfolges: Es braucht an den entscheidenden Stellen Personen, die mit echter Leidenschaft an die Sache rangehen. Man mag von Stefan Raab halten was man will: Aber man wird ihm zugute halten müssen, dass er unbedingt wollte. Und es ist ihm gelungen, diesen Willen umzusetzen.
    Wir hatten eine vergleichbare Situation schon einmal: In den frühen 80iger Jahren brachte der BR frischen Wind in das deutsche Grand Prix Engagement. Irgendwann war die Luft raus und es wurde zunehmend halbherziger. In den 90igern dann gar unerträglich. Nach einem Zwischenspiel beim MDR war es dann der NDR, der in Deutschland den ESC zunächst wiederbelebte und dann Schritt für Schritt (trotz einzelner zwischenzeitlicher Rückschläge) zum Erfolg führte.
    Das, was der NDR in den vergangenen drei Jahren abgeliefert hat, war bemühte Pflichterfüllung. Mittelmaß. Aber eben nicht Leidenschaft. Und das zeigt sich dann auch in der Ergebnissen. Meine Empfehlung: Lasst die Argonie nicht (wie in den 90igern) wieder ein Jahrzehnt dauern. Wechselt das komplette Team aus, konsequent (bis hin zu Peter Urban, den ich wirklich mag) und denkt den ESC komplett neu.

  11. Beim Thema Russland war auch ich in der Halle hin- und hergerissen. Ich mochte das Lied nicht besonders. Aber ich musste zugeben, dass es höchst professionell gemacht war, Polina war grossartig und sah zudem verdammt hübsch aus.

    Einerseits habe ich mich über die 12 Punkte aus Deutschland gefreut: „Seht her, wir sind nicht grundsätzlich gegen euch. Wir mögen Polina, wir mögen euch Russen.“

    Und dann dachte ich an zwei schwule Freunde aus Moskau, die wegen ihres Mutes, sich nicht zu verstecken, massive Schwierigkeiten haben. Ich habe mich gefragt, ob sie das gut finden würden, wenn ich hier mitklatsche. Vielleicht ist Polina einfach eine grossartige, sympathische und unpolitische Künstlerin. Aber das russische Fernsehen ist es ganz sicher nicht. Und der Beitrag war ein Produkt des russischen Fernsehens, geplant und durchaus berechnend in seiner Friedensthematik. Es geht eben nicht nur um Polina.

    Ist es richtig, wenn Conchita sich neben Polina setzt, mit ihr lächelt und damit zeigt: Im Grunde ist doch alles gut? Im Grunde verstehen wir uns und sind Freunde? Leider ist es nicht so. Leider ist es nicht gut.

    Ist es die richtige Reaktion des ORF, die Buh-Rufe im Saal möglichst in der Übertragung zu unterdrücken, damit man sie nicht hört? Geht man einem drohenden Eklat gezielt aus dem Weg? Oder ist der Weg einer Anke Engelke der richtigere, die durch ihren Kommentar das ausgesprochen hat, was sich sonst keiner getraut hat?

    Ich habe gestern Abend für mich keine klare Antwort gefunden. Nur so viel: Hier geht es einfach nur um Musik und Spass, Politik hat da keinen Platz – das scheint mir zu billig.

  12. Die Gagarina ist doch ganz klar auf Staatslinie, sonst dürfte sie ja wohl kaum für Russland starten. Ekelhaft wie man lieber haben kann, das Russland gewinnt. Jeder offen bekennende Homosexuelle würde in Russland vermöbelt oder verhaftet werden. Wie kann man dann wollen das Russland gewinnt? Da kann man echt nur den Kopf schütteln. Manche laufen wirklich nur mit ner rosaroten Brille um. Zumindest hat die Putinbraut, die Überraschte sehr gut gespielt, das Voting haben die Russen mit Sicherheit manipuliert. Wäre ja nicht das erstemal das eine Diktatur ein Voting manipuliert. Siehe Spanien 1968.

  13. Ich gehe mal davon aus, dass es (hoffentlich) neben mir noch eine Menge anderer Leute gibt, die aus musikalischen Gründen, d.h. weil sie die Beiträge als solche mögen, wählen, und nicht etwa für Staaten und deren Politik abstimmen. Dass das von den jeweiligen entsendenden Ländern schamlos institutionalisiert wird, finde ich zwar schade, ich möchte mich aber nicht auf das gleiche Niveau begeben und dieses Spiel mitspielen.

  14. Ich warte noch hoffnungsfroh auf die (erneute) heftige Kritik des Blog-Hausherrn an den Jurys, die es alleine zu verantworten haben (besonders die deutsche Jury hat da ja einen großen Beitrag geleistet), dass der erdrutschartige Sieger des europäischen Volkes (Italien) auf den dritten Platz abgewertet wurde und dass die schwedische Standardnummer, die nun abgesehen von der auch mich beeindruckenden Show (ich hatte Schweden jedoch musikalisch auf Platz 23 gesetzt, Italien auf einen klaren Platz 1) wahrscheinlich kaum jemanden vor dem Ofen hervorgeholt hätte, einen erneuten letzten Endes klaren Sieg eingefahren hat.
    Ich war bisher eigentlich immer ein Anhänger der Wiedereinführung der Jurys, weil ich glaubte, dass diese weniger auf die reinen Show-Nummern „hereinfallen“ als das Publikum, überdenke meine Haltung jedoch durch das diesjährige Ergebnis.

  15. können wir uns nicht einfach von douxe points trennen???
    wenn jedes land punkte bekäme (von 1-40 in diesem jahr) wäre doch ein großteil der unfairen punkteverteilung schon abgeschafft. an einen möglichen gewinner mit z.b. 863 punkten könnten wir uns, rein optisch, schnell gewöhnen.
    ich hab mal grob überschlagen: 2011 bekamen die ersten 8 die hälfte aller möglichen punkte, dieses jahr waren es nur die ersten 4 – macht das nicht nachdenklich?

  16. Die Douze Points haben damit sehr wenig zu tun. Das ist letzlich nur Kosmetik, es gäbe zwar vielleicht keine krassen Nuller mehr, aber die sehr spitzenlastige Verteilung hat man dann immer noch.
    Dass sich die Punkte sich mehr und mehr auf die ganz vorderen Plätze kumulieren, hat mich auch sehr nachdenklich gemacht. Siehe dazu meine Ausführungen in einem Kommentar weiter oben.

Oder was denkst Du?