A Touch too much: das Finale 2015

Okay, ich geb’s zu: sie kommt ein bisschen spät, diese Besprechung. Direkt nach dem Finale im Mai ging das Buch vor und danach brauchte ich erst mal ein bisschen Abstand. Mit eben diesem Abstand habe ich mir nun, mehr als zwei Monate nach dem eigentlichen Event, die TV-Aufzeichnung des von mir live besuchten Jubiläums-Contests angeschaut. Und prompt stellte es sich wieder ein: dieses schon ihn Wien sehr subtil vorhandene Gefühl, dass es des Guten einfach irgendwie zu viel war. Zu viel von allem: zu viel Sendung (geschlagene vier Stunden ging die Show diesmal), zu viele Lieder (27, so viele wie noch nie zuvor im Finale), zu viele Moderatorinnen („Dreieinhalb“, wie es Barbara Schöneberger in der Anmoderation der deutschen Punktevergabe so neckisch zusammenfasste), zu viel LED-Hintergrundanimationen, viel zu viele Balladen (der unheilvolle Einfluss der Jurys), zu viel Pomp, zu viel Schwermut (als ständig wiederkehrende Themen dominierten Krieg, innere Dämonen und dunkle Geheimnisse), zu viel clevere Choreografie, zu viel Politik, zu viel beschworene heile Welt und Gemeinschaftsgefühl. Jedes davon für sich genommen großartig, gut gemacht, unterhaltsam und erfreulich, und doch blieb in der Summe eine so merkwürdige wie unbestimmte Mischung aus Übersättigung und leichter Enttäuschung. Vielleicht durch nichts so gut illustriert wie durch den offiziellen Siegertitel.

Wieso trug das Zeichentrickmännchen eine Hitlerfrisur? War das der besungene „Dämon“ in Monzis Seele? (SE)

‚Heroes‘ von Måns Zelmerlöw galt bereits im Vorfeld als klarer Buchmacher-Favorit und tatsächlich kann wohl niemand bestreiteten, dass er als Gesamtpaket alles enthielt, was man für einen Eurovisionssieg braucht: ein supereingängiger, uptemporärer Popsong mit mehr als deutlichen Anleihen bei tagesaktuellen Musikgrößen wie David Guetta und Avicii sowie einer kleinen Prise Neofolk zur Abrundung; dargeboten von einem äußerst gut aussehenden jungen Mann mit gewinnendem Lausbubengrinsen (sowie im Bühnenhintergrund versteckten Backings) und visuell begleitet von einem niedlichen Zeichentrick-Männchen und einer strikt durchchoreografierten, dennoch unaufdringlich wirkenden Präsentation – alles auf den Punkt perfekt. Selbst der vage esoterische Text mit seinen homöopathisch düsteren Untertönen und seiner fatalistischen Aussage (sinngemäß: wir haben’s verkackt, aber jemanden, der es besser machen könnte als wir, gibt es halt auch nicht) traf den Zeitgeist. Die musikalische Eurovisionssupermacht Schweden, die seit geraumer Zeit mindestens ein Drittel des Teilnehmerfeldes mit ihren Produkten beliefert, fuhr damit ihren sechsten Sieg insgesamt ein sowie bereits den zweiten in diesem Jahrzehnt.

Ganze 20 Minuten dauerte alleine der Auftakt. Selbst Erika Vaal bekam damals ihre Begrüßung schneller hin!

Der Sieg des charmanten Schweden wurde von den geschätzt 90% schwulen Fans in der Halle – auch von mir – mit großer Erleichterung aufgenommen, denn vorangegangen war ein Abstimmungskrimi, bei dem es zeitweilig so aussah, als könne Russland die Trophäe nach Hause holen. Was – trotz zahlloser Appelle der Veranstalter und Moderatorinnen während des Warm-ups und selbst live in der Sendung – zu unüberhörbaren Buh-Rufen aus dem Fanblock führte (vom ORF, wie sich anhand der Aufzeichnung feststellen lässt, allerdings für die TV-Übertragung weitestgehend herausgefiltert und mit Applaus vom Band überdeckt, ein, wie ich finde, skandalöser Eingriff ins reale Geschehen). Die galten weniger der ebenfalls aus schwedischer Produktion stammenden, geradezu zwingend aufgebauten Weltfriedenshymne ‚A Million Voices‘ mit ihrem übelkeitserregend zynischen Wir-singen-für-eine-bessere-Welt-Kitschtext oder gar der Interpretin Polina Gagarina, deren angstgeweitete Pupillen während des Auftritts den Eindruck vermittelten, der KGB stünde parat, die Repräsentantin mit einem gezielten Schuss aus dem Hinterhalt zu eliminieren, sollte sie auch nur einen Ton nicht richtig treffen.

Irgendwie sah das bei Nicole damals weniger angestrengt aus (RU)

Was Gott sei Dank nicht geschah: die in unschuldssuggerierendem Persilweiß antretende, so zerbrechlich wie stark wirkende Blondine sang herausragend. Die Erleichterung, es fehlerfrei gemeistert zu haben, sorgte bei der Interpretin, kaum, dass die letzte, hohe Note ihrem zarten Hals entfleucht war, für einen so beängstigend wie sympathiebringend anzuschauenden kleinen Nervenzusammenbruch auf offener Bühne. „Du hast es so sehr verdient, in Führung zu liegen,“ stand die emphatische Green-Room-Betreuerin Conchita Wurst (die mit diesem Einsatz in meiner Hochachtung in bislang unbekannte Sphären aufstieg) der ob des gemeinen Fan-Verhaltens bereits in Tränen aufgelösten Polina während der Werbeunterbrechung der rund einstündigen Punkteauszählung zur Seite. Das wirkte: fortan kein Buhen mehr in der Halle, dafür erleichterter Applaus für jedes Land, das weniger als zehn Punkte an Russland gab. Denn natürlich ging es hier um die homofeindliche Politik des Despoten Putin: keiner der im Saal anwesenden schwulen Fans (von denen die meisten auf ‚A Million Voices‘ abgingen wie ein Zäpfchen) hatte Bock, im nächsten Jahr wieder nach Moskau zu fahren, zurück in die Steinzeit. Dann schon lieber zum gefühlt drölfundsiebzigsten Mal ins homofreundliche IKEA-Land.

Wenn die früheren Vasallen schon nichts für uns übrig haben, machen wir’s uns halt selbst: Dimitri scherzt

Und in der zweiten Hälfte der Auszählung passierte dann ja genau dies: Polina schmierte ab, auch weil „Mütterchen Russland“ (so der herrlich eigenironische Punktesprecher Dimitri Schepelew, 2009 in Moskau noch Green-Room-Moderator, der sich zum Trost selbst die Douze Points verlieh) von auffällig vielen ehemaligen Satellitenstaaten, wo im Hinblick auf Putins militärisches Engagement in der Ukraine Polinas Friedensgesang wohl auf ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem stieß, auffällig wenig Punkte erhielt. Weniger als beispielsweise aus Hamburg: unsere Sprecherin Barbara Schöneberger gab die deutschen Douze Points gen Moskau. Was im Übrigen nicht dem Wunsch des heimischen Publikums entsprach: wie in vielen anderen Ländern auch, stimmten die deutschen Zuschauer nämlich mehrheitlich für die an letzter Stelle in der Startreihenfolge angetretenen drei jungen Tumore aus Rom, Il Volo, die mit ihrem melodisch verführerischen, vor abgestandenen Italo-Klischees nur so triefenden Popera-Schlager ‚Grande Amore‘, einem Guilty Pleasure von Modern-Talking-Dimensionen, den Wettbewerb gewannen. Dass sie im offiziellen EBU-Listung nur an dritter Stelle stehen, verdankten sie den Jurys, welche die kommerziell weltweit erfolgreichen Hausfrauenhöschenbefeuchter konzertiert herunterwerteten.

Ich hätte sie gerne mit Giotto-Kugeln beworfen: Il Volo, die tatsächlichen Sieger 2015 (IT)

Damit trat im Jubiläumsjahr erstmals das ein, was seit der Wiedereinführung des Korrumptionspanels im Jahre 2009 zu befürchten stand: nicht die Zuschauer entschieden über den Sieg, sondern ein nach undurchsichtigen Verfahren zusammengesetztes „Experten“-Gremium. Zu meinem großen Erstaunen blieb der allgemeine Aufschrei über die Negierung des Publikumswillens durch eine Handvoll Besserwisser jedoch aus: anders als noch im Vorjahr, wo die Herabwürdigung der Publikumsheroin Conchita Wurst durch die deutsche Jury für einen öffentlichen Sturm der Entrüstung sorgte, schienen die Fans diesmal zufrieden: Hauptsache nicht Russland – und dann schon lieber einen chartfreundlichen (#3 DE) Tanzflächenfüller wie ‚Heroes‘ zum Sieger manipulieren als einen dem Ansehen des Song Contests als Veranstaltung mit einigermaßen zeitgemäßer Musik eher abträglichen Popera-Schlager gewinnen lassen. Vielleicht lag die mangelnde Empörung auch daran, dass die beiden Siegersongs (also sowohl der echte, der italienische, als auch der offizielle, der schwedische) im Vergleich zu Conchitas ‚Rise like a Phoenix‘ so egal sind, so ohne jeden Belang.

Nochmal zum Vergleich: Conchitas legendäre Siegesansprache 2014…

Was übrigens nichts schöner hätte kenntlich machen können als der Moment nach der Akklamation von Måns Zelmerlöw zum Gewinner des Abends, als ihm seine Vorgängerin Conchita den Grand Prix überreichte und ihm anschließend das Mikrofon hinhielt, um ein paar Worte für die Nachwelt zu sprechen: sein hilflos gestammelter Backe-Backe-Kuchen-Allgemeinplatz „Ich möchte nur sagen, wir sind alle Helden, egal wen wir lieben, wer wir sind oder was wir glauben“ stank gegen Conchitas wohlüberlegten und mit innerer Überzeugung vorgetragenen Kampfruf „Ihr wisst, wer wir sind: wir sind eine Gemeinschaft, und wir sind unaufhaltbar!“ mächtig ab und machte Mönzchen zur Charlotte Perrelli des neuen Jahrtausends: dem oberflächlich hübsch anzuschauenden, aber inhaltsleeren Nachfolger auf eine eurovisionäre Lichtgestalt mit gesellschaftspolitischem Anspruch (wie seinerzeit Dana International). Selbigen Anspruch versuchte das muntere Moderatorinnentrio denn auch bei jeder Gelegenheit heraufzubeschwören, mit Hinweisen aufs „Brücken bauen“ (so das CSD-affine Motto des Jubiläumsjahrgangs) oder die Ausrichtung der Veranstaltung als „Green Event“ (im Pressezentrum gab’s dennoch einzeln in Alufolie verschweißte Süßigkeiten für die Schwurnalisten – im Zweifel geht das Sponsoring halt doch vor).

…und Monzis Preisübergabe (2015). Er zieht sich da ganz geschickt aus der Affäre, zugegeben. Die Herzen berühren kann er aber nicht.

Das gab, gemeinsam mit dem pompösen Rahmenprogramm mit den Wiener Philharmonikern und Sängerknaben, einem unpassenden Rapper und einem schon comichaft übertrieben aufgeputscht wirkenden Trommler, in dem auf Biegen und Brechen die (unbestreitbare) Bedeutung Wiens als europäische Musikmetropole und multinationaler Schmelztiegel untergebracht werden sollte, dem Ganzen ungewollt etwas leicht Verkrampftes – wenn natürlich auch kein Vergleich mit unserem denkwürdigen „Le Chef d’Orchèstre“-Desaster dunnemals. Dafür ist die fabelhafte Arabella Kiesbauer, die schon zu der Zeit, als sie noch hirnlosen Trash-Talk für Pro Sieben machte, mit ihrer Unbekümmertheit und Empathie ganz angenehm aus dem Elend des deutschen Unterschichtenfernsehens herausstach, einfach viel zu locker. Ihre Komoderatorinnen Mirjam Weichselbraun und die große Gesichtsausdruckkomödiantin Alice Tumler präsentierten sich nicht weniger charmant; dennoch waren drei von ihnen einfach zwei zu viel, wirkten die Texte zu offensichtlich auswendig gelernt und knarrten die Übergänge zu sehr. Wie schon bei der Anzahl der Finalteilnehmer erscheint hier Reduktion dringend von Nöten.

Bei 2:14 Min. muss Rick Astley, sorry, Stig Rästa, selbst über seine schwache Ausrede lachen (EE)

Dann kommen wir doch endlich mal zu besagten Finalteilnehmer/innen: Marjetka Vovk von Maraaya trat, wie schon im Semi, in der etwas befremdlichen Mischung aus Großmutterkleid und Hipster-Kopfhörern auf, was sie (bzw. ihren ziemlich guten Popsoulsong ‚Here for you‘) wohl etliche Sympathiestimmen kostete. Der Funktionskopfschmuck mag zwar ihr Markenzeichen sein, dennoch schafft er einen unangenehmen Abstand zum Publikum, so als wolle sie sich von dem Geschehen selbst distanzieren, nicht wirklich daran teilhaben. Da brauchen sich die Slowenen über einen Mittelfeldplatz nicht wundern. Distanziert wirkten auch die beiden anderen singenden Pärchen aus Estland und Norwegen, wenn auch eher voneinander. Hier passte das allerdings sehr gut zu ihren düsteren Balladen, in dem sie einen verkorksten One-Night-Stand (‚Goodbye to Yesterday‘) bzw. ein schreckliches Geheimnis (‚Monster like me‘) besangen. Herausragend das Schauspiel des ostentativ gelangweilt dreinblickenden Stig Rästa und der vor Gekränktheit und Hass nur so glühenden Elina Born, die sich sogar eine glaubhafte Zornesträne herauspresste ob des feigen Verhaltens ihres Beschälers. Großes Kino!

Total unwiderstehlich: selbstzweiflerische Männer mit dunklen Geheimnissen. Mein persönlicher Siegersong 2015 (NO)

Großes Kopfkino verursachte der norwegische Beitrag: welche schreckliche Tat Mørland in seiner Jugend beging, verriet er auch im Finale nicht. Die zwischen bedingungsloser Liebe und tiefen Zweifeln changierende Verzweiflung, in die er seine Duettpartnerin Debrah Scarlett, die ihren fantastischen Rotschopf mittels weißem Kleid dankenswerterweise noch optisch herausstrich, mit seinem Geständnis stieß, berührte mich tief. Die Anrufer offenbar nicht so: Rang 17 im Televoting, aber Platz 8 im Gesamtklassement, der Jury sei Dank. Auf wenig Zuspruch bei allen Abstimmungsberechtigten stieß hingegen das litauische Pärchen Monika Linkytė + Vaidas Baumila. Und das trotz ihres possierlichen, im disneyesken Pastellfarbenrausch inszenierten Countryschlagers ‚This Time‘, dem 2015er Update zu Jürgen Marcus‚ (LU 1976) ‚Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben‘. Ihnen brach das visuelle Gimmick das Genick: wie schon Semi stoppte pünktlich zur Textstelle „One kiss…“ das Band und sowohl die beiden Protagonisten als auch die sich zu zwei verschiedengeschlechtlich gleichgeschlechtlichen Paaren formiert habenden Backings tauschten Mundflora aus. Sehr hübsch – blöd nur, dass die Litauer zur nach ein paar Sekunden wiederkehrenden Musik ihren Einsatz verpassten und der restliche Satz „…and you will see what you’ve missed“ ungesungen blieb.

Trägt die Hose so auf oder hat Vaidas nach dem Kuss tatsächlich einen Ständer? (LT)

Das größte Echo in der Halle erzeugten naturgemäß Israels ‚Golden Boy‘ Nadav Guedj und Serbiens Wuchtbrumme Bojana Stamenov: ihre CSD-taugliche Selbstvertrauenshymne ‚Beauty never lies‘ mit der klassischen Coming-Out-Zeile „Finally I can say / I am different and it’s okay“ sorgte schon die ganze Woche in der Eurodisco im Fancafé für spitze Entzückensschreie, ebenso wie das „Before I leave / let me show you Tel Aviv“-Versprechen des saftstrotzenden Israelis und seiner knackigen Tänzer. Zwei echte Crowdpleaser also, wenn auch gesanglich nicht die Stärksten des Abends. In der TV-Aufzeichnung scheint mir die wirklich brodelnde Stimmung in der Stadthalle bei beiden Auftritten nicht so recht eingefangen, wenn nicht gar vorsätzlich heruntergedrosselt (wer schon Buhrufe unterdrückt, dem traue ich alles zu). Als Antipol wirkte das anstrengende armenische Sextett Genealogy, sechs gesanglich völlig unterschiedlich talentierte Sänger aus allen fünf Kontinenten mit armenischen Wurzeln, die das bedeutungsschwangere ‚Face the Shadow‘ dementsprechend in den Sand setzten. Eine Botschaft, und sei sie noch so berechtigt, mit der Brechstange rüberbringen zu wollen, kann nur nach hinten losgehen, und so waren diese drei Minuten für Niemand ein Vergnügen, nicht mal für die singenden Sechs.

Nie zuvor trug jemand eine Pudelfrisur mit so viel Grandezza: die fabelhafte Bojana, Königin der Herzen in Wien (RS)

Auch John Karagiannis, der sympathisch schüchterne Brillennerd aus Zypern, konnte im Finale, wo andere Gesetze gelten als in den Semis, nicht mehr vom Underdog-Bonus zehren und schmierte mit seiner lähmend langweiligen Ballade ‚One Thing I should have done‘ (ein anderes Lied singen, vielleicht?) ab. Er begann selbige in der TV-Übertragung in schwarz-weiß: spätestens seit Frau Ödemehl (EE 2013) der amtliche visuelle Hinweis, dass sich in den folgenden drei Minuten der Klogang lohnt. Viel Aufhebens gab es um die erst- und angeblich einmalige Teilnahme Australiens am Jubliäumswettbewerb. Dass der knuffige Guy Sebastian, wie so viele seiner Landsleute des über seine Geschichte als ehemalige britische Strafgefangenenkolonie kulturell mit Europa verknüpften fünften Kontinents, ein echter Eurovisionsfan ist, merkte man nicht nur an der mustergültigen Inszenierung: die Textzeile „This is one tough Act to follow“ in seinem netten, vordergründig einen besonders gelungenen Beischlaf thematisierenden Poprockkonglomerat ‚Tonight again‘ lässt sich auch als Verbeugung vor Conchita Wurst interpretieren. Guy verdarb sich die Siegeschancen ein wenig durch die merkwürdigen, klobigen Straßenlaternen auf der Bühne, die vom Song ablenkten, zumal sich einfach kein Bezug zum Lied herstellen ließ. Außer, Guy wäre Exhibitionist.

Europäer ehrenhalber: die Australier dürfen gerne dabei bleiben!

Einen Bezug zum Song hatten immerhin die beiden albernen Werwölfe, die den Aserbaidschaner Elnur Huseynov (AZ 2008) zu ‚Hour of the Wolf‘ umtanzten. Sie lenkten dennoch komplett von der an sich ziemlich guten Ballade (natürlich wie immer aus schwedischer Feder) ab, nicht jedoch von dem Fakt, dass unserem Sopranisten mitten im Vortrag die Stimme versagte und er akustisch von seinen Backings ertränkt wurde. Wie beim offiziellen Siegertitel gab es auch bei Belgiens Beitrag ‚Rhythm inside‘ Plagiatsvorwürfe: der Song gleicht einem Titel von Lorde doch schon deutlich. Aber egal: der etwas blässliche Ephebe Loïc Nottet machte seine Sache sehr gut und zauberte gemeinsam mit seinen Backings eine klischeefreie Tanzchoreografie auf die Bühne, begleitet von beeindruckenden LED-Effekten, die hier ausnahmsweise nicht ablenkten, sondern unterstützten. Rang 4 für den vielleicht modernsten Song des Abends, der sich trotz musikalischer wie lyrischer Verspieltheit dank der tollen Mitsingzeile „Rappapapp“ in den Gehörgängen festsetzte: ein herausragendes Ergebnis für das beim Song Contest zuletzt eher erfolglose Land.

Wie unhöflich: da legt sich Loïc schon extra hin, und keiner macht Rappapapp mit ihm! (BE)

Sehr, sehr Bekanntes brachten auch Griechenland und Montenegro. Maria Elena Kyriakou kupferte für ihre Eurovisionsballade von der Stange ‚One last Breath‘ schamlos das Songfinale von ‚Rise like a Phoenix‘ ab.  Immerhin: ihren Liedtext kann, ja muss man als verzweifelten Hilferuf an die Troika und die Kreditgeber Griechenlands lesen: „I’m begging you, take me / out of this fiery hell / Come back and save me/  what happened wasn’t fair / Nothing left, all that I have / is one last breath / Only one last breath“. Das trifft die Lage im von den Banken und ihren politischen Handlangern in Berlin und Brüssel ausgehungerten Athen wohl ziemlich genau. Knez, nach dessen vorcontestuärer Gesichtsauffrischung wohl ein kurzzeitiger weltweiter Botoxmangel herrschte, brachte einen Song des serbischen Schlagerkönigs Željko Joksimović (RS 2008, 2012) zu Gehör. Na ja, DEN einen Song, um genau zu sein: es klang wie immer, wenn Željko komponiert: verhaltener instrumentaler Auftakt, schluchzende Sehnsuchtsgeigen, kontinuierliche Steigerung hin zum paukenschlaghaften Finale. Wunderschön übrigens, ich kann das immer wieder hören! Dass es für den herrlichen Schwulst heuer nur für Rang 13 reichte (#18 bei den Zuschauern), ist wohl dem weggespritzten Charme des Montenegriners zu verdanken.

Und auch der „Ruzmarin“ darf natürlich nicht fehlen! (ME)

Wo wir gerade beim Einspritzen sind: ‚Love injected‘ hieß der außergewöhnliche lettische Beitrag, der mit seinem tiefen Basswummern die Wiener Stadthalle zum Erbeben brachte und für eine angenehme Zwerchfellmassage bei den Zuschauern im Saal sorgte. Aminata Savadogo war eine Erscheinung: elfenhaft, sphärisch, regierte sie in einem aufsehenerregenden roten Tüllkleid die Bühne. Die naheliegenden, pubertären Wortspielereien mit dem Songtitel erspare ich mir und Ihnen jetzt mal (wenn ich sie nicht schon an anderer Stelle verbraten habe). Sie stieß vor allem bei den Juroren auf sehr viel Gegenliebe, so auch bei den deutschen, die sie alle Fünf unisono auf Rang 1 setzten – ein ziemlich verdächtiges Abstimmungsverhalten, das in ähnlich gelagerten Fällen für die Suspendierung des Jury-Votings sorgte. Aber wenn man Teil der Big Five ist, kann man sich hat alles erlauben. Bei Voltaj und ‚De la Capat‘, die an zwanzigster Stelle starteten, machte es sich langsam bemerkbar, dass der ORF aufgrund einer unglücklichen Auslosung gezwungen war, die wortwörtlich an einer Hand abzählbaren Uptempoknaller dieses Jahrgangs komplett in der ersten Hälfte zu verballern: berührte mich der zu weiten Teilen auf Rumänisch vorgetragene Titel über das Schicksal der in der Heimat zurückgelassenen Kinder der Arbeitsmigranten ursprünglich sehr, so war mein Vorrat an Mitgefühl an dieser Stelle des Abends doch ziemlich erschöpft, an dem ich selbst alle Kraft aufwenden musste, in der Flut der langsamen Lieder nicht vor Langeweile abzusaufen.

Auch die Hochwasserhosen irritierten etwas (RO)

Ich kann mich nicht mehr erinnern, womit ich mir in der Halle die drei Minuten vertrieb. Bei der TV-Aufzeichnung richtete sich mein Augenmerk auf die massive Skorpionsbrosche, die Graf Zahl Leadsänger Călin Goia am Hals trug und die ihm ein leicht gruseliges Aussehen verlieh. Also, nicht ernsthaft bedrohlich, sondern eben so Sesamstraßen-Monster-mäßig. Ein Lob für die handgemachte Songreihung gebührt dem ORF indes für die Paarung Boggie und Nina Sublatti. Plädierte die mindergroße Ungarin mit dem erschreckend starren Blick und dem selbst geschriebenen, lagerfeuerkompatiblen Antikriegslied ‚Wars for Nothing‘ fürs Frieden schaffen ohne Waffen – fraglos eine noble, unterstützenswürdige Causa – so konterkarierten die Österreicher den auch dank des effektiv eingesetzten, sich langsam steigernden Begleitchors durchaus gefälligen magyarischen Friedensappell aufs Gemeinste, in dem sie direkt danach die georgische Kriegerin antreten ließen, für deren Bühnenkostüm aller Wahrscheinlichkeit nach zwei Kaukasusraben ihr Leben lassen mussten, wie der britische Kommentator Graham Norton bemerkte. Nina Sublatti blickte wie immer böse aus krass kajalumrandeten Augen, warf das LED-Gewitter an, sang das Hohelied der Gewalt („World’s gonna listen to me“) und regierte die Bühne.

„Break a Heart, kill a Mite“: ehrlich, mein Herz bricht nicht, wenn eine Milbe stirbt (HU)

Das sahen auch die Zuschauer und Juroren so: Platz 20 für Boggie, aber Rang 11 für Nina – keine all zu ermutigende Botschaft für die Zukunft Europas… Die härtesten Differenzen zwischen Jury- und Zuschauerpräferenzen traten bei der albanischen Repräsentantin Elhaida Dani zutage, die trotz ihres Geständnisses, sie sei lebendig (‚I’m alive‘) in etwa so untot wirkte wie die ungarische Friedenselfe. Wunderte ich mich in Wien noch, wie es dieses absolute Nichts von einem Song und diese Interpretin mit der Ausstrahlung einer Stehlampe überhaupt ins Finale schaffen konnte, so gab mir die TV-Aufzeichnung die Antwort: streichelte Frau Dani doch die gesamten drei Minuten lang unablässig, wenn auch etwas verstohlen, ihre prallen, in einem raffiniert geschnittenen schwarzen Hauch von Kleid hervorragend in Szene gesetzten Mammae. Das funktionierte schon für Evelina Sašenko (LT 2011) bestens und tat es heuer wieder: Achte bei den Zuschauern, Rang 17 insgesamt. Sollte die Gesangskarriere also versanden: bei Sport1 ist sicherlich jederzeit noch ein Programmplätzchen frei für die Albanerin.

Versteht irgendjemand, was sie da singt? (AL)

Unter ferner liefen landeten mal wieder – mit Ausnahme Italiens – die Großen Fünf. Am besten schnitt noch Spanien ab, das erneut die seit 2012 erfolgreiche Strategie aufwärmte, eine einzelne, stimmstarke Frau eine Einheitsballade des schwedischen Serienschreibers Thomas G:sson schreien zu lassen. Damit konnte das beim Song Contest chronisch unterbewertete Land schon zwei Mal einen zehnten Rang erkämpfen. Klappt aber nicht immer: Platz 21 für die schöne Edurne, und das, obwohl sie sämtliche ungeschriebenen Eurovisionsgesetze beachtete und in einem atemberaubenden roten Cape erschien, aus welchem sie ihr oberkörperfreier, atemberaubend durchtrainierter Tänzer Giuseppe Bella (welch‘ passender Name!) herauspellte, dann hinter die Bühne eilte, um es ordentlich zusammengefaltet wieder in der Requisite zu verstauen und sich erst hernach für ein paar anmutige Hebefiguren wieder zu der nun im Golddress scheinenden Sängerin zu gesellen. Alleine – G:sson vergaß bei ‚Amanecer‘ eine entscheidende Zutat: den Refrain. Immerhin konnte Frau García Almagro noch 15 Punkte erhaschen und damit drei Mal so viele wie die Briten.

Rotkäppchen und der pedantische Wolf: der schöne Sepp frisst keine kleinen Mädchen, er legt lieber ihre Wäsche zusammen (ES)

Das einstige, schon lange entthronte Mutterland des Pop entschied sich für ein besonders desaströses Rezept: ein extra für den Contest zusammengestelltes Duo namens Electro Velvet, bestehend aus einem hauptberuflichen Lehrer, der in der Freizeit einer Rolling-Stones-Coverband vorsteht, und einer aufstrebenden Sängerin, die optisch ein wenig an die Cartoonfigur Betty Boop erinnerte; versorgt mit einem Elektroswing-Song, geschrieben von einem bereits lebenserfahrenen Werbejingle-Komponisten (daher vermutlich auch die Ähnlichkeit zu einer steinalten Tiefkühl-Kartoffelpuffer-Werbemelodie) und versehen mit einem witzig gemeinten Text über „Sneezes or nasty deseases“. Miss Boop konnte übrigens noch nicht mal ihre eigene fiese Erkrankung (Mukoviszidose) einen Platz in einer Castingshow sichern, aber für den Song Contest reichte es. Auch in Punkto Präsentation gab die BBC alles: vier Charleston-Tänzer/innen, lustiges kribbelbuntes L-Wire (das war vor zehn Jahren mal der letzte Schrei) und psychedelische Muster auf dem LED-Screen.

Das rüde „Sorry, Bitch!“ bei 2:05 Min. fällt aber arg aus dem texlichen Rahmen! (UK)

Auch wenn sich die britischen Fans vor Ort unisono für ihren Beitrag schämten: ‚Still in Love with you‘, einer der – wie bereits erwähnt – an einer Hand abzählbarer Uptempokracher des Abends, machte natürlich riesigen Spaß. Bis zu der Stelle im Song, an der man den sichtlich unangenehm berührten Alex Larke – den Stones-Cover-Sänger – zwang, einen auf Balu der Bär zu machen und zu scatten. Schlimm! Noch einen Punkt weniger errang Frankreich, das es mit einer Gedenkballade zum hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs versuchte: ‚N’oubliez pas‘ – ‚Vergesst nicht‘, forderte Lisa Angell, optisch die ein wenig aus dem Leim gegangene Tochter von Mireille Mathieu, stimmlich allerdings fantastisch. Natürlich vergaßen Publikum und Juroren sie dennoch, nachdem der ORF ihr bereits vorsorglich den Todesslot (Startplatz 2) zuwies. Und mal ganz ehrlich: bis auf das eins zu eins von Regina (BA 2009) geklaute Songfinale mit den als Soldaten verkleideten Trommlern war auch nichts an der Nummer erinnerungswürdig – schon gar nicht der LED-Backdrop, der kriegsverwüstete Städte zeigen wollte und doch nur aussah wie ein PC-Egoshooter-Game.

Ich könnte übrigens schwören, auf einem der kriegszerstörten Häuserfassaden im Hintergrund „Deutsche, geht heim“ gelesen zu haben. Wäre ja des Anlasses angemessen. (FR)

Doch steht es uns überhaupt nicht zu, zu lästern. Während meiner Woche in Wien besuchte ich die fantastische Ausstellung Nul Points des deutschen Autoren und Künstlers Tex Rubinowitz im Museum Leopold, in der er jede/n Sänger/in, die seit 1956 beim Song Contest jemals mit Null Punkten nach Hause geschickt wurde, verewigte. Die Hall of Shame endete im Jahr 2003 mit dem legendären britischen Duo Jemini – und ich muss an dieser Stelle gestehen, dass sich im Leopold der böse Gedanke „wäre ja langsam mal wieder an der Zeit“ in mein Gehirn stahl. Dass es dann gleich eine Doppelnull gab, für die Gastgeber und für unsere Ann Sophie, war aber nicht meine Absicht! Ich gebe jedoch auch zu, ab etwa der Hälfte der Punkteauswertung inständig gehofft zu haben, dass jetzt bitte nicht noch ein oder zwei Trostzählerchen aus San Marino oder sonst woher kommen mögen – denn wie Tex‘ Ausstellung (die er noch am Sonntag flugs um Fräulein Dürmeyer und die Makemakes erweiterte) und das großartige Buch von Tim Moore beweisen, reicht der Ruhm der Nilpointer einfach länger.

Unsterblich: der österreichische Nilpointer Thomas Forstner (AT 1991), gern gesehener Stargast im Eurocafé, wenn auch mit etwas weniger Haaren mittlerweile. Natürlich konnte man in Wien auch das Eisläuferkostüm im Museum bewundern.

Großartig die Reaktion von Ann Sophie, die zwar zugestand, geschockt und enttäuscht gewesen zu sein, deswegen aber ihren Humor nicht verlor und noch vor Ort gemeinsam mit ihren österreichischen Nilpointer-Kollegen „We are the Zeros of our Time“ anstimmte. Sehr, sehr cool! Zumal es an ihrer Eurovisions-Perfomance nichts zu bemängeln gab: unsere Vertreterin zeigte auf der Bühne eine bestechende Präsenz, sang sauber und warf sich immer wieder in Pose. Lag es an dem titelgebenden schwarzen Rauch auf dem LED-Schirm, der doch eher an einen Rorschachtest erinnerte, beziehungsweise an die schematische Darstellung weiblicher Fortpflanzungsorgane? An den großen Landebahn-Leuchten, vor denen Ann Sophie und ihre Backings standen und die ungute Erinnerungen an den letzten Zahnarztbesuch auslösten? Aber nein, es lag am Song. ‚Black Smoke‘ ist prototypische Formatradiomucke: mainstreamtauglich bis zur Unkenntlichkeit, problemlos durchhörbar – niemand sieht sich genötigt, den Sender zu wechseln, wenn das Lied kommt – und garantiert unpeinlich. Aber eben auch komplett austauschbar. Und damit nicht geeignet, in einem Feld mit 27 (!) Liedern am Ende im Gedächtnis hängen zu bleiben.

Gut, der vergeigte Kiekser am Ende kam nicht so geschickt, aber schlechter als Albanien? Lächerlich! (DE)

Noch härter traf es im Übrigen die Gastgeber. Genießt dort der Song Contest einen deutlich schlechteren Ruf als bei uns, so verband sich mit Conchitas Sieg und der Ausrichtung des Wettbewerbs in Wien für den ORF, aber auch für viele österreichische Fans die Hoffnung, dass nun endlich das goldene Zeitalter anbricht und die im Alpenland besonders zahlreichen und lautstarken Grantler und Herumkrittler das Maul gestopft bekommen mögen. Auch hier liegen die Gründe ähnlich wie bei Ann Sophie: fesche Burschen, diese Makemakes, und ein tadellos produziertes Lied, das aber auf keinen Fall anecken möchte – und wer nicht aneckt, bleibt auch nicht nicht hängen. Da vermochte noch nicht mal das brennende Klavier als visueller Hingucker zu zünden. Hätte man im Vorentscheid besser nicht gleich die fantastischen Mizgebones aussortiert! Den Nimbus als professioneller Ausrichter unterminierte der ORF bei der Punktevergabe ein wenig, als gleich bei drei Ländern die bereits stehenden Verbindungen mitten in der Prozedur wieder zusammenbrachen: „wir schreiben das Jahr 2015, und noch immer benutzen sie Konservendosen und gespannte Schnüre,“ so ätzte Graham Norton.

Bei den singenden Gesichtsflokatis brannte nichts (AT)

Oder hatte doch der KGB seine Hände im Spiel? Als bei Georgien der Bildschirm schwarz wurde, kurz nachdem man auf der Ergebnistafel lesen konnte, dass Polina Gagarina nur eine einstellige Punktespende aus der ehemaligen Sowjetrepublik erhalten sollte, dachte ich noch „Ups, jetzt haben sie’s blitzannektiert“. Gleich zwölf Nationen boten ehemalige Vertreter/innen auf, die drei Spitzenwertungen zu verlesen. Dabei ging der Coolnesspreis an die Niederländerin Edsilia Rombley (1998, 2007), die das aufsehenerregende Unfallkleid von Trijnte Oosterhuis aus der ersten Semifinalprobe auftrug. Die Trophäe für die verzweifeltste Ex darf sich Valentina Monetta (SM 2012, 2013, 2014) ins Regal stellen, die vor jeder ihrer Punkteansagen erst kurz den Refrain einer ihrer drei Eurovisionstitel anstimmen musste – vermutlich stand Onkel Ralph drohend mit dem Elektroschocker hinter ihr. Der kleine Barbara-Dex-Award geht an Andri Xhahu aus Albanien, der einer bestechenden Quietschgelb-blau-Kombination und mit Baseballcap erschien, und den Preis für die beste Standup-Comedy erhält Kati Bellowitsch vom ORF, die behauptete, „in der Mitte von 25 Fans“ im strömenden Regen auf dem Wiener Rathausplatz zu stehen. Ein paar mehr waren’s dann doch.

„Bevor wir Dich verlieren…“: Alice Tumler vertraut der ORF-Technik nicht so ganz

ESC Finale 2015

Eurovision Song Contest 2015 - Finale. Samstag, 23. Mai 2015, aus der Stadthalle in Wien, Österreich. 27 Teilnehmer, Moderation: Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01SIMaraayaHere for you0391402719
02FRLisa AngellN'oubliez pas0042500326
03ILNadav GuedjGolden Boy0970910207
04EEElina Born + Stig RästaGoodbye to Yesterday1060714405
05UKElectro VelvetStill in Love with you0052400425
06AMGenealogyFace the Shadow0341607711
07LTMonika Linkytė + Vaidas BaumilaThis Time0301804416
08RSBojana StamenovBeauty never lies0531008610
09NOMørland + Debrah ScarlettA Monster like me1020803717
10SEMåns ZelmerlöwHeroes3650127203
11CYJohn KarayiannisOne Thing I should have done0112200823
12AUGuy SebastianTonight again1960512406
13BELoïc NottetRhythm inside2170419004
14ATMakemakesI am yours0002700027
15GRMaria Elena KyriakouOne last Breath0231902421
16MEKnezAdio0441303418
17DEAnn Sophie DürmeyerBlack Smoke0002600524
18PLMonika KuszyńskaIn the Name of Love0102304715
19LVAminataLove injected1860608809
20ROVoltajDe la capat0351506912
21ESEdurneAmanecer0152102620
22HUBoggieWars for nothing0192001722
23GENina SublattiWarrior0511105113
24AZElnur HuseynovHour of the Wolf0491204814
25RUPolina GagarinaA Million Voices3030228602
26ALElhaida DaniI'm alive0341709308
27ITIl VoloGrande Amore2920335601

11 Gedanken zu “A Touch too much: das Finale 2015

  1. Danke sehr, das Warten hat sich gelohnt – wieder einmal eine sehr pointierte und treffsichere Zusammenfassung und im Buch bin ich gerade beim Kapitel über den 79er 🙂

  2. Ich hab das schon an verschiedenen anderen Stellen gesagt: den Aufschrei, wenn die Vorzeichen bei Schweden und Italien umgekehrt gewesen wären (Schweden als Publikumssieger und Italien dank der Jurys Gesamtsieger), will ich mir nicht vorstellen. Aber mit dem Song, den sowieso keiner (jedenfalls kein „richtiger“ ESC-Fan) mag, kann mans (ha!) ja machen. Blergh.

    Das soll nicht heißen, dass mir Italien als Sieger so viel lieber gewesen wäre. Ich hatte dieses Jahr ein sehr ähnliches Problem wie der Hausherr: es war schlicht zu viel. Ich kann mich nicht erinnern, selbst in den schlimmsten Jahren jemals gedacht zu haben „ist bald rum?“, wie es mir dieses Jahr ging. Wir haben endlich herausgefunden, wo die Schwelle meiner Aufmerksamkeit liegt: 26 Lieder, dann ist Sense. Und auch das nur, wenn irgendwo im letzten Drittel ein Weckruf wartet, wie es letztes Jahr „Hunter of Stars“ war. Es hat nicht eben geholfen, dass es dieses Jahr keinen Song gab, den ich auch nur ansatzweise so mochte wie nahezu die gesamte Top 10 plus diverse andere Songs des Jahrgangs 2014 – in dieser Hinsicht war das weniger 1998/99, sondern eher 1997/98 reloaded (mit „De la capat“ als dem „The One That I Love“ von 2015, dem einzigen brauchbaren Lied des Jahrgangs – und das ist hoffentlich das erste und einzige Mal, dass jemand Voltaj mit Chiara vergleicht 😉 ). Wo ich letztes Jahr zu hoffen gewagt hatte, dass die „Standards“ des Wettbewerbs sich ein bisschen verschoben hätten, wurde ich dieses Jahr krachend auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Der ESC darf fast alles, aber eine Todsünde gibt es: er darf nicht langweilen. Bitte, bitte, bitte, EBU, lernt aus diesem Disaster: kürzt das Finale ein bisschen (ob sich aus den Semis jetzt 9 oder 10 Songs qualifizieren, macht wohl kaum einen Unterschied) und streicht das unsägliche vollständige Juryranking. Ich war noch nie so unmotiviert, mir den ESC auch nächstes Jahr wieder anzusehen, und das liegt nicht nur daran, dass schon wieder der FC Bayern des Contest gewonnen hat – das hat nicht geholfen (langsam aber sicher wird mir Schweden aus Prinzip unsympathisch, und das ist kein schönes Gefühl), aber es war nicht der einzige Grund. Gebt meinetwegen noch zwei Siege an Schweden, damit sie sich endlich an Platz 1 der ewigen Tabelle erfreuen können, aber dann darfs auch mal gut sein. Und bitte lasst nächstes Jahr nicht wieder Dänemark gewinnen, wie das bei den letzten beiden ESCs auf schwedischem Boden der Fall war. Schon allein, um das Portemonnaie des Durchschnittsfans ein bisschen zu schonen.

  3. Ospero, das unterschreib ich so ziemlich alles! Besonders den Punkt mit dem Ranking!

    Dass „De la Capat“ das einzige brauchbare Lied des Jahrgangs war, unterschreibe ich hingegen nicht, da gabs aus meiner Sicht noch ein paar mehr. Aber es ist auf jeden Fall das berührendste und hat sehr unter seiner Startnummer gelitten.

    Eine Sache hätte ich noch zu ergänzen: Ich wünsche mir für zukünftige Jahrgänge, dass die Landessprache wieder mehr zurückkommt. Wenn sogar die Serben englisch singen, ist Gefahr in Verzug. Das möchte ich unbedingst wieder anders! Und wenn dann schon mal Punk in Landessprache (!!!!!!!!!!!!) kommt, hätte ich gerne, das das Wi*****gremium (hier stimme ich ausnahmsweise mit vollem Herzen ins Bashing des Hausherren ein, dazu dann beim ersten Semi mehr) das nicht zugunsten des schlimmsten Rotzes seit Davd d’Or aus dem Wettbewerb kegelt! Das hab ich gestern abend erst bewust wahrgenommen und bin jetzt ernsthaft sauer!

    Ansonsten: Gelästert, gelacht, gelitten, Spaß gehabt und danach in den Urlaub gefahren. Immer sehr erholsam, direkt danach ein bisschen Abstand zum Geschehen zu kriegen, und so schnell wie dieses Jahr ist mir das wohl noch nie gelungen.

    Übrigens: Wisst Ihr, woran man erkennen konnte, dass das ein Green Event ist? Na? An den ganzen Bäumen auf der Bühne! *duck und schnell weg*

  4. Hatte leider noch nicht genug Zeit, alle Kritiken zu lesen, aber zu ersterer über Måns Zelmerlöw nochmal der Hinweis auf dessen homophobe Aussagen.

    Der Gewinner der Show machte bereits im letzten Jahr in der Öffentlichkeit negative Bemerkungen über die LGBT-Bewegung. Zelmerlöw war in der Promi-Kochsendung „Pluras kök“ in Schweden eingeladen und sprach dort von seiner Ansicht: „Es ist nicht natürlich für Männer, miteinander schlafen zu wollen.“ Weiterhin erklärte er: „Der natürlichere Weg ist es selbstverständlich, dass Männer und Frauen zusammen Kinder machen.“ Bei einem weitren Anlass sagte er in das Reporter-Mikrofon, dass Homosexualiät unnatürlich sei und Homosexuelle keine Kinder adoptieren dürften.

    Die russische Presse hat das ausgeschlachtet – das war ein Gewinner nach deren Gusto. Die vielfachen Entschuldigungen von Zelmerlöw reichen mir persönlich nicht, dabei ging es darum, seine potenziellen schwulen Plattenkäufer bei Kauflaune zu halten. Homophobie wird in den Sozialwissenschaften zusammen mit Phänomenen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Sexismus unter den Begriff der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gefasst. Das mindeste was er tun müsste, wäre eine Therapie zu machen. Aber bald interessiert sich so keiner mehr für ihn – sein Siegerlied war für mich so banal und und wie nach dem Mainstream konstruiert wirkend – viel erwarte ich von Herrn Zelmerlöw also ohnehin nicht mehr.

  5. Ja, das war wirklich „a touch too much“. Da auf großartige oder zumindest bedeutsame Sieger gerne mal Sieger der Kategorie „Das ist doch nicht euer Ernst ?!“ folgen (1967/68, 1982/83, 1988/89, 2000/01, 2003/04, 2010/11 und jetzt auch 2014/15 – Interpretationsbeispiel: Auf die großartigen Olsen-Brüder folgte der Klamauk aus Estland), war es eigentlich wenig überraschend, dass 2015 etwas gewinnt, das man knicken könnte. Für mich haben nur die Strichmännchen gewonnen. Ich gestehe mir zu meiner Schande ein, dass ich mir das gerne ansehe. Aber „Heroes“ ist vergleichsweise mittelmäßig. Aber ich habe mich ja selbst dabei erwischt, wie ich das anspruchsvolle und deutlich musikalischere „Grande amore“ verabscheut habe. Das lag aber eher an den Gesichtern der drei Jungs (besonders Ignazio Boschetto hat mich warum auch immer hochaggressiv gemacht).

    Noch aggressiver haben mich die null Punkte gemacht, die ich immer noch nicht verstehen kann. Besser als die Polin, die so gut wie keinen Ton getroffen hat, war Ann Sophie allemal. Aber es war eh ein komisches Jahr. Wenn sich fast alle Punkte auf die Top 3 verteilen, dann bleibt halt nichts mehr für die anderen VIERUNDZWANZIG übrig. Serbien mit 53 Punkten auf dem zehnten Platz! Mit genau dieser Punktzahl hat Kati Wolf vor vier Jahren den 22. von 25 Plätzen belegt.

    Aber ich will nicht zuviel drumrum reden: 2015 war ein Rückschritt. Wie schön war es 2014, als die erfolglosen Österreicher und Holländer die Plätze eins und zwei belegten. Meine Hoffnungen ruhten 2015 in Südosteuropa. Aber man lässt sich lieber von Strichmännchen rumkriegen und sorgt dafür, dass der klare Publikumsfavorit Italien nicht gewinnt, damit das heilige ESC-Land Schweden nicht lange auf Sieg Nummer sechs warten muss. Und Sieg Nummer sieben kommt bestimmt schon in den nächsten zwei Jahren.
    It feels just like the nineties coming back.

  6. Für mich auch ein schwaches Jahr. Das Siegerlied perfekt getunt, aber unpersönlich wie chemisch reiner Computer-Musikmix. Kein Ohrwurm, nur eine Momentaufnahme.

    Die Null Punkte für Ann Sophie finde ich mehr als gerechtfertigt. Jeder Laiendarsteller weiß, das man dem Publikum nicht den Rücken zuwendet. Sie hat das geschlagene 45 Sekunden gemacht und dazu den Popo gekreist. Da hätte nur noch eine Gogo-Tänzerinnen-Stange gefehlt.

    Der Titel selbst: Haalbgare Deprirefrains und ebenso nervig wie die Interpretin selbst, die nicht davor zurückschrecke, eine Video aufzunehmen „Zeroes of our time“. Absolut unverständlich, wie man, wenn man von vierzig Ländern mit Null abgestraft wird, da noch einen draufsetzen mag. Gottseidank ist sie aus der Öffentlichkeit bereits beinahe verschwunden.

  7. 2015 steht unter dem Motto: Das homophobe Imperium schlägt zurück. Ein Sieger der in der Vergangenheit mit homophoben Äußerungen aufgefallen ist, und das derzeit größte Verbrecherland, das gleichzeitig auch einer der homophobsten Länder überhaupt ist, auf Platz 2. Besonders geschämt habe ich mich, als Russland aus Deutschland 12 Punkte bekommen hat. Die 0 Punkte für Deutschland und Österreich sind ein Witz. Und ich bin nach wie vor der Meinung, das die ARD dadurch ihre Konsequenzen ziehen sollte. Ebenso sollte sich z.bsp Frankreich Gedanken machen, ob es noch einen Sinn macht teilzunehmen, egal was sie schicken, immer kriegen sie einen auf die Mütze. Andere Länder hatten auch langweilige Balladen geschickt (Norwegen), nur werden die mit Top 10-Plätzen belohnt und Frankreich wird abgestraft. Ebenfalls ist es eine riesige Sauerei, das Österreich keine Punkte bekommen hat, so geht man mit einem Gastgeberland nicht um. Der Auftritt von denen war wirklich gut, da gabs wirklich viel schlechteres. Zum Beispiel hätte dieser schleimige, heuchlerische Friedenssong von Putins Bitch eher wohl 0 Punkte verdient.

  8. “ … so geht man mit einem Gastgeberland nicht um.“ Wenn das Gastgeberland einen Scheiß-Titel schickt, sind 0 Punkte absolut gerechtfertigt! 2015 – kein guter Jahrgang, die wenig guten Titel (BEL, AUS, NOR, EST), Aminata ausgenommen, wurden in die erste Hälfte verfrachtet, bis zur letzten Nummer dann nur Stangenware und Ermüdendes und extra Bemühtes (Wölfe, Flüchtlingskinder, Kriegstruinen). Meine Hassbeiträge: Ungarn, Österreich, Russland, Albanien, Polen – ich könnte ewig ss weitermachen, bis wir bei Italien sind.
    Sehr bemüht das Alles vom ORF, Viel zu viel gewollt und viel zu wenig erfüllt. Zum Glück wurde das „lustige“ Tier-Video aus dem Halbfinale gecancelled, das hätte noch gefehlt beim Grand Finale. Rausschneiden der Buhs bei Russland geht gar nicht, aber typisch für unsere lieben Nachbarn im Südosten: Glaubst i bin bläd, dass i waaß, wos i wui! Wo kämen wir den hin, wenn wir konsequent wären, eins nochmal!

  9. „Noch einen draufsetzen“? Was hätte sie denn deiner Meinung nach machen sollen – in Sack und Asche gehen und das Publikum um Verzeihung anbetteln? Das wäre wirklich würdelos gewesen; so hat sich Ann Sophie wenigstens mit ein bisschen Selbstironie aus der ganzen Sache verabschiedet. Und wenn Albanien und Großbritannien Punkte bekommen, hätten es auch ein paar für Deutschland und Österreich sein dürfen. Meines Erachtens waren das die ungerechtfertigtsten Nul Points seit Celia Lawson 1997 (okay, da waren jetzt auch nicht so viele dazwischen).

  10. Ein bisschen Demut, Selbstreflektion und Eingestehen einer Niederlage wäre angesagt gewesen. Sie sprach bei Lanz, wer ihr kritische FB-Posts schicke, sei grundsätzlich ein Stinkstiefel. Ebenso wurden ja abenteuerliche Rechnungen aufgemacht, unter welchen Bedingungen sie noch ein paar Pünktechen hätte abkriegen können. Es tut ihrer Psyche nicht gut dieses Freudestrahlen trotz einer beinahe beispiellosen Niederlage. Das wird sich eines Tagaes durch Depressionen o. ä. rächen, zumindest, falls sie wirklich glaubt, das Musik-Business sei ihres.

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