Herr, steh uns bei: der Gottessäusler singt für Deutschland

Es ist, das muss man dem NDR lassen, ein Knaller, mit dem (trotz entsprechender Vorankündigung) niemand ernsthaft gerechnet hat: Xavier Naidoo vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest 2016. Der Sohn Mannheims, fraglos ein Hit-Gigant und seit knapp zwanzig Jahren überaus erfolgreich im Geschäft, wurde vom Sender direkt nominiert. Einen Vorentscheid gibt es dennoch: in der Show Unser Song für Xavier sollen am 18. Februar 2016 sechs Titel präsentiert werden, unter denen sich die Zuschauer/innen entscheiden können. Hierfür sind laut NDR „einige der renommiertesten deutschen Komponisten und Produzenten“ als Materiallieferanten angefragt, Naidoo und eine sechsköpfige Jury suchen am 15. Dezember unter den Einsendungen ihrer Ansicht nach geeignete Vorschläge aus. Für diese Titel sollen Studierende von Film- und Kunsthochschulen passende Inszenierungen erarbeiten. In der Öffentlichkeit und unter Fans schlug die Nachricht wie eine Bombe ein und provozierte neben Begeisterung auch massive Kritik, handelt es sich bei der Person Xavier Naidoo doch um einen der umstrittensten Künstler des Landes.

Dieser Weg wird kein leichter sein: Xavier weiß, was ihn erwartet

Und auch ich weiß ehrlich gesagt nicht so genau, ob ich dem NDR gratulieren soll, endlich mal einen richtig großen Namen geholt zu haben, oder ob ich im Strahl kotzen möchte. Der sich selbst als Christ bekennende Sänger fällt seit Beginn seiner Karriere durch außergewöhnlich wirre Äußerungen auf – so machte er bereits 1999 den Vorschlag, alle Gifte zu verbrennen, um sie „durchs Ozonloch entweichen zu lassen. Dann sind wir sie für immer los“. 2012 zeigte ihn der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands wegen Volksverhetzung an, weil er in einem Hidden Track auf seinem Album ‚Gespaltene Persönlichkeit‘ (mit Kool Savas) so menschenfreundliche Zeilen verbreitete wie: „Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab / Und dann fick ich euch in den Arsch, so wie ihr’s mit den Klein‘ macht / Ich bin nur traurig und nicht wütend, trotzdem will ich euch töten“ sowie „Warum liebst Du keine Möse, wo jeder Mensch doch aus einer ist?“. Nett, oder?

Keiner Verschwörungstheorie abhold: der Xavier

Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt; Xavier, der nach eigener Aussage als Kind selbst von einem Pädophilen missbraucht wurde, verteidigte sich vehement gegen der Vorwurf der Schwulenfeindlichkeit: „Ich stehe, seit ich denken kann, mit der katholischen Kirche auf Kriegsfuß, weil sie Schwule, Lesben und Transsexuelle nicht respektiert und akzeptiert. Diese Haltung ist völlig inakzeptabel, und wer gegen diese Menschen Verachtung und Hass aufbringt, der hat Jesus nicht verstanden.“ Weiter steht er unter anderem in der Kritik, weil er bei einer Veranstaltung der Reichsbürger sprach und auch im ARD-Frühstücksfernsehen schon die Ansicht äußerte, Deutschland sei noch immer ein „besetztes Land“. Gerne vertritt der Mannheimer auch absurde Thesen über 9/11 oder das Ozonloch. extra3, die Satiresendung des NDR, postete dementsprechend zur Entscheidung des eigenen Hauses ganz passend:

Nun kann man natürlich argumentieren, dass es beim Eurovision Song Contest nicht um die persönliche politische Einstellung des Repräsentanten geht, sondern um den Song. Und in der Tat ist hier die spannende Frage, was der NDR da zusammenbekommt. Zu loben ist auf jeden Fall der Ansatz, auch in die Präsentation zu investieren. Dass Xavier abseits seiner Wirrköpfigkeit (ganz ehrlich scheint er mir nicht ernsthaft homophob oder rechtsradikal, sondern eher ein Musterbeispiel für die Warnung zu sein, dass zu viel Kiffen blöd macht) gut singen kann, ist unbestreitbar, und wenn andere Menschen Texte für ihn schreiben, könnte sogar etwas Passables dabei herauskommen. So höre ich persönlich auch heute noch gerne die Stücke aus der Zeit seiner Zusammenarbeit mit Moses Pelham (‚Freisein‘, ‚20.000 Meilen über dem Meer‘). Nur das krude Genöle, das seit seiner Trennung vom Frankfurter Produzent aus seiner eigenen Feder floss, ist mir unerträglich.

Da plapperte er wenigstens noch nicht öffentlichen Dünnpfiff: Xavier am Anfang seiner Karriere

Doch Naidoo soll ja das Land vertreten, und viele sind damit nicht einverstanden. Inzwischen gibt es sogar die ersten Fan-Petition gegen die Teilnahme von Xavier Naidoo beim Eurovision Song Contest. Und Martin Kaul schreibt in der taz, vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus schießend: „Wer ihn „für Deutschland“ ins Rennen schickt, schickt Pegida „für Deutschland“ ins Rennen“. Er spaltet also die Nation, und das ist ja erst mal grundsätzlich eine gute Eigenschaft. Zuletzt schaffte bekanntlich Guildo Horn 1998 dieses Kunststück, wenn auch nicht aufgrund fragwürdiger politischer Äußerungen, sondern aufgrund seines Äußeren. Und auch, wenn ich mich selbst diesmal im anderen Lager wieder finde und mich alleine aufgrund der Person Naidoos nicht vom deutschen Beitrag repräsentiert sehe, egal wie gut oder schlecht das Lied sein mag, so bleibt doch zumindest anzuerkennen, dass dem NDR nach dem Null-Punkte-Desaster mit Ann Sophie in Wien mit der Direktnominierung eines dergestalt namhaften Stars – auch wenn böse britische Zungen bereits lästern, das sei nun wohl die deutsche Antwort auf Engelbert Humperdinck (UK 2012) – ein Befreiungsschlag gelang. Oder? Ich bin echt so ein bisschen ratlos, wie ich damit umgehen soll, freue mich also besonders über Eure Einschätzung in den Kommentaren.

Xavier Naidoo singt 2016 für Deutschland

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15 Gedanken zu “Herr, steh uns bei: der Gottessäusler singt für Deutschland

  1. Ich warte die Songs ab. Vorher möchte ich mir kein Urteil erlauben. Xaidoos politische Äußerungen sind ohne Zweifel befremdlich und schwer erträglich – aber Marija Serifovics Engagement für eine ultranationalistische rechte Partei in Serbien hat auch nichts damit zu tun, dass „Molitva“ ein wunderschöner Song/Auftritt war/ist und den Contest zu Recht gewonnen hat.
    Diese ganze Überpolitisierung des Contests nervt mich langsam. In jeden Furz wird mittlerweile ne ideologische Aussage reininterpretiert. Man darf mich gerne dafür kritisieren, aber ich möchte mich auch einfach mal nur mit der Musik beschäftigen. Das Weltgeschehen ist so schon traurig und entmutigend genug, da muss man nicht auch noch meine Lieblingsunterhaltungssendung damit versauen.

  2. Der Stardom Naidoos mag ja unbestritten sein – auch wenn man sich fragen könnte, brauchen wir einen Megastar, um aus der ESC-Scheiße zu kommen?

    Ob man seine Stimme, Texte, Lieder mag, darüber könnte man ebenfalls trefflich streiten – Geschmäcker sind halt verschieden.

    Was aber der Reichsbürger ansonsten so alles von sich gibt, halte ich persönlich für nicht mehr verhandelbar. Seine Nominierung fällt in ein mittlerweile zunehmend rechtspopulistisch und schwulenfeindlich ausgeprägtes gesellschaftliches Klima. Schritt für Schritt werden in diesem Land Äußerungen und Handlungen salonfähig, die in einer liberalen Gemeinschaft nicht mehr toleriert werden können.

    Und dann wundere und erschrecke ich mich, dass der NDR gerade zu diesem Zeitpunkt Herrn Naidoo aus dem Hut zaubert. Oder, Oliver, um bei deinen Worten zu bleiben: so viel kann ich gar nicht im Strahl kotzen.

  3. Es hätte schlimmer kommen können.
    Im Grunde liebt Xavier auch nur die Welt und will sie mit seiner Musik verbessern oder zumindestens erträglicher machen. Dass er sich da für seine „politisch unkorrekten“ Gedanken ( die soll es auch geben) bisweilen das falsche Forum sucht, sei seinem vogelfreiem Künstlerdasein geschuldet.

    Ich freue mich jetzt einfach mal auf ein schönes nachhaltiges Lied, dass der sich bis dahin wieder beruhigt habende Fernseh- und Medienpöbel hoffentlich zum Sieger kürt.

  4. Ich möchte mich vom Sohn des Mülleimers nicht vertreten lassen. Musik und Positionen (letzteres noch schlimmer als das erstere): Unerträglich. Ich hab heute morgen schon im Strahl gekotzt, mich inzwischen wieder eingekriegt. Erstens gibts zur Zeit weiß Gott VIEL Schlimmeres, zweitens geh ich mir morgen eine australische Flagge kaufen (mit Umtauschrecht bis Anfang April) und drittens ist das vielleicht nur ein ganz perfider Trick, dass Herr N. seine Karriere öffentlich vor die Wand fahren kann.

  5. BRD GmbH: no points

    Man kann nicht ein Land vertreten, dessen Existenz man verleugnet. Mehr gibt’s da doch gar nicht zu sagen.

  6. Juhu! Endlich mal jemand, der ein großes Kaliber im Biz ist und auf geballte Erfahrung zurückgreifen kann. Einer, der hochprofessionell ist und durchaus dazu in der Lage sein kann, mal wieder ein Top-Ergebnis zu holen, und sei es nur zweite Hälfte Top 10. Einer, der Bock drauf hat, zu gewinnen!

    Oh nein! Ein Fundamentalist! Vor Naidoos ESC-Pressekonferenzen graut es mir jetzt schon. Bei dem hier verlinkten Interview von 1999 bekam ich Gänsehaut. Aber Stockholm ist ein guter Ort, um Brüder und Schwestern im Geiste zu treffen. Xavier Naidoo und Carola Häggkvist werden sicher Freunde fürs Leben.

    Da hat man aber eine großartige Persönlichkeit an Land gezogen, aber ich will mich nicht zu sehr beklagen. Viel wurde nach einem großen Namen geschrieen und jetzt ist es auch wieder nicht recht.

  7. Ich glaube auch nicht das Naidoo, rechtsradikal oder homophob ist. Diese Vorwürfe sind lächerlich. Die ARD würde niemals so einen Künstler nominieren. Ich wusste gar nicht, das es verboten ist, krude politische Ansichten zu haben. Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, wir leben in einer Demokratie, und da muß man auch mal seltsame Ansichten eines Künstlers ertragen können. Diese ganze Hetze gegen Naidoo, hängt ganz einfacht damit zusamenn, das Naidoo ein farbiger Sänger ist und viele einfach nicht akzeptieren können, das Naidoo farbig ist.Vom musikalischen her, finde ich seine Songs zu sperrig für den ESC. Jedem der Russland z.bsp kritisiert hat in der Vergangenheit wurde doch gesagt, das es beim ESC nur um die Musik geht, auch du Oli hast das immer wieder betont, und das man den ESC nicht politisieren sollte, gilt das für Naidoo nicht? Unabhängig davon, ob man seine Musik mag oder nicht.

  8. Lieber Oliver,

    vielen Dank – Du sprichst mir aus der Seele! Ich bin ebenfalls hin- und hergerissen. Auf der einen Seite empfinde ich spontane und heftige Ablehnung – weil ich Deutschland nicht von einem, vorsichtig formuliert, Mann mit offenbar merkwürdigen politischen Ansichten, die er zudem sehr unbedarft in die Welt hinaus posaunt, vertreten sehen möchte.
    Auf der anderen Seite denke ich dann doch wieder, dass es am Ende um die Musik gehen sollte. Und auch wenn ich weder mit Herrn Naidoos Stimme noch vor allem mit seinen bisherigen Liedern was anfangen kann, könnte im Februar ja doch vielleicht/hoffentlich ein Song zur Wahl stehen, mit dem wir uns in Stockholm gut präsentieren können. Und dass der NDR endlich auch mal der Inszenierung die gebotene Aufmerksamkeit schenken möchte, finde ich uneingeschränkt begrüßenswert.
    Oder in Kürze: Mein Herz schreit: Nein; mein Kopf sagt: Mal abwarten…

  9. @escfan05:
    Dass Naidoo ernsthaft rechtsradikal oder homophob ist, glaube ich auch nicht. Der ist halt ein bisschen matt in der Birne, aber das ist ja nicht verboten. Nichtsdestotrotz machen seine verwirrten Äußerungen ihn mir halt nicht gerade sympathischer.
    Ich finde zwar auch, dass die Diskussion um ihn leicht hysterische Züge hat, halte „Hetze“ aber für ein zu starkes Wort. So oder so hat das aber nach meinem Empfinden nichts mit seiner Hautfarbe zu tun. Bei mir jedenfalls nicht, und ich glaube, bei denen, die ihn für seine Äußerungen kritisieren, auch nicht. Xavier ist in meinen Augen so deutsch wie Du und ich und jeder andere, der hier lebt, und er hat natürlich jedes Recht, das Land zu vertreten. Ich mag ihn halt nur nicht, wegen seiner komischen Äußerungen und seinem Erretter-Gehabe.
    Ich soll gesagt haben, dass der Contest nicht politisiert werden soll? Wann und wo? Ich bin ja im Gegenteil der Meinung, dass der ESC ein hochpolitisches Event ist.

  10. Nein, ich bin nicht hin- und hergerissen. Allzu leicht hat man Naidoo in der homophoben und rechtsradikalen Ecke abgestellt, in die er m.M.n. nicht gehört. Klar, er hat so manche auch nach meiner Ansicht wirren Aussagen gemacht, doch darauf hat er gerade in Künstlerkreisen wahrlich nicht das Monopol.

    Prinzipiell wäre mir ein klassischer Vorentscheid mit verschiedenen Acts lieber, da bunter. Aber ich sehe hier ein Gesamtkonzept mit einem durchaus herausragenden, etablierten Künstler, Einbindung der Komponisten-/Produzentenszene und eine Hinwendung auch zu einem gestalterischen Ansatz, weshalb ich dieses Vorgehen akzeptieren kann.

    Bühnenprasenz hat Xavier Naidoo, Stimme sowieso, über die Lieder und die Show können wir erst etwas ab dem 18. Februar sagen. Es könnte in eine etwas andere Richtung gehen, als das, was er hauptsächlich – und sehr erfolgreich – bisher angeboten hat. Wobei nicht alles gleich war, was man aber gerne ohne Rückschau zu halten so behauptet. Ich nehme allerdings an, dass man in den Wettbewerbsliedern trotzdem Xavier Naidoo wieder erkennen wird, eine gewisse Handschrift hat man halt in den langen Jahren. Das muss jedoch nicht ESC-untauglich sein.
    Wir werden sehen.

  11. @forever: ich teile deine Meinung, lassen wir uns mal überraschen, schlimmer wie letztes Jahr kann der Xavier auch net machen, und das schlimmste was passieren kann das er seine Karriere gegen die Wand fährt. Und da muss man ihm ja sogar hoch anrechnen das er das Risiko eingeht…

  12. Mein Gott, was ist der NDR feige und gibt den Hetzern nach. Was ist der Herr Schreiber doch rückratlos und feige. Und was passiert jetzt? Wer wird sich denn jetzt noch finden lassen für Deutschland zu starten?

Oder was denkst Du?