Albanien 2016: Angriff der James-Bond-Borgs

Drei Abende, dreißig Songs, gefühlte dreihundert Stunden voll zäher Moderation, zäherer Lieder und zähester Interval-Acts sowie ungefähr dreitausend Wiederholungen der selben drei Werbeclips liegen hinter uns. Mit anderen Worten: ein ganz normales Festivali i Këngës! Und auch wenn man gegen Ende des dreieinhalbstündigen Finales schon alle Hoffnungen hatte fahren lassen: zuletzt schaffte es die (nach wie vor allein abstimmungsberechtigte) albanische Jury doch, eine Siegerin zu küren und uns damit das erste Lied für den Eurovision Song Contest 2016 zu schenken! ‚Përrallë‘ heißt es, – jawohl, mit gleich zwei Diakrit-ës, wir sind schließlich in Tirana! – was sich mit ‚Märchen‘ übersetzt. Und es klingt wie die Titelmusik einer albanischen Sci-Fi-Action-Parodie, in der James Bond auf kriegerische Weltraumamazonen trifft. Deren Anführerin, Eneda Tarifa (das übersetzt sich vermutlich als „Energiespartarif“), singt die episch angelegte Nummer. Und sie macht das sehr gut: das leicht angerockte, mit schwelgerischen Geigen aufgewertete Midtempostück bietet viel Raum für Stimmakrobatik, und die blonde, streng gescheitelte und noch strenger dreinblickende Sängerin schreit sich auch schön die Lungen wund. Dennoch wird es nie disharmonisch, wie bei so vielen ihrer Vorgängerinnen aus dem Land der Skipetaren.

Frisst britische Agenten zum Frühstück: Eneda Tarifa (AL 2016)

Ein bisschen sperrig kommt ‚Përrallë‘ schon daher, langweilt aber aufgrund seiner ausgefeilte Songstruktur zumindest nicht und löst somit bei mir weder aktive Ablehnung noch berauschte Begeisterung aus. So wie übrigens ein Großteil des diesjährigen FiK-Aufgebotes: unter den insgesamt dreißig Wettbewerbsbeiträgen, die am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag vorgestellt und für das Finale am 27. Dezember auf schmale 22 Titel eingedampft wurden, fand sich wenig, bei dem ich den sofortigen Wunsch verspürte, mir die Ohren zuzuhalten – allerdings auch kaum etwas, das mir mehr als ein wohlwollendes Schulterzucken entlockt hätte. Zu fesseln vermochte mich einzig Luiz Ejlli – und das auch nur wegen seiner wunderschönen grünen Augen und aufgrund der Tatsache, dass er seit seinem Eurovisionsauftritt von 2006 zu einem wirklich schmucken jungen Mann herangereift ist, der als Vorher-Nachher-Model für Dreitagebärte werben könnte. Sein Beitrag ‚Pa mbarim‘ langweilte aber leider immens.

Gary Barlow (Take That) hat angerufen und will seinen scheuen Schlafzimmerblick zurück

Das einzige Lied des Abends, das sich wirklich auf Anhieb in meinen Gehörgängen festkrallte, landete am Ende auf Rang 4: ‚Dashuri në Përjetësi‘ (‚Liebe auf Ewigkeit‘), ein wirklich schamlos schmalziger Operettenschleim, gegen den der Eurovisions-Publikumssieger 2015, ‚Grande Amore‘ von Il Volo, geradezu wie Punkrock wirkt. Dass mir ausgerechnet dieses mit Abstand altmodischste Stück des gesamten Wettbewerbs als Einziges wirklich gefiel, macht mir gerade ein bisschen Sorgen – aber wirklich erwärmen konnte ich mich ansonsten für gar nichts. Klodian Kaçani und Rezarta Smaja, die Interpreten des Schleimpropfens, erhielten übrigens einen Sonderpreis einer der Hauptwerbepartner, einer Versicherungsagentur. Für was, blieb für Zuschauer ohne Albanischkenntnisse wie mich leider im Dunkeln. Einen Preis hätte auch Kristi Popa verdient: für die katastrophalste Darbietung. Der arg verhärmt aussehende Sänger brachte für seinen Beitrag ‚Ajo çfarë ndjej‘ (‚Was ich mir wünsche‘) einen kleinen Jungen mit auf die Bühne, der die Aufgabe hatte, durch ein extra bereit gestelltes Fernrohr nach den Sternen zu schauen. Was im Finale auch klappte, im Semi aber nicht: da hatte der undankbare Schraz schlichtweg keinen Bock, so dass Papa dann selbst ans Rohr musste. Auftakt misslungen – und der nachfolgende nervöse Sprechgesang von Kristi machte die Sache nur noch schlimmer.

Mein Gott, was ist Hubert Kah aber alt geworden!

Viel schlimmer noch als dieses Lied war aber das, was uns das albanische Fernsehen rund um die Sendung vorsetzte. Da es unterschiedliche Angaben über die Startzeit der beiden Semis gab, verweilte ich am ersten Feiertag ab 20 Uhr vor dem Livestream von RTSH. Und musste so zunächst eine halbstündige Nachrichtensendung über mich ergehen lassen, die zu 80% aus Bildern des Papstes bestand. Sowie in Dauerschleife geschaltete Aufnahmen festlich geschmückter albanischer Innenstädte zu den Klängen der abgehangensten amerikanischen Pop-Christmas-Klassiker, unterbrochen durch mehrfach gezeigte Weihnachtsgrüße der Europäischen Kommission. Was dann um 20:45 Uhr, dem offiziellen Sendebeginn, passierte, stellte aber alles bislang Gesehene in den Schatten: da man im Kongresszentrum von Tirana noch nicht so weit war, schob man einen – der Bildqualität nach zu urteilen – in den Achtzigern auf Betamax gedrehten Lückenfüller ein, in dem eine geschlagene Viertelstunde lang weibliche Models in verschiedenen bäuerlichen Trachten auf einem handgewebten Teppich auf und ab stolzierten, den man irgendwo im albanischen Gebirge auf dem Schnee ausgelegt hatte. Dazu quälte jemand off Camera irgendein Saiteninstrument. Und glauben Sie mir: es wirkt in der Beschreibung nicht halb so bizarr, wie es tatsächlich war.

Achten Sie mal bei 1:18 Minute auf Dorothy Szbornak im Orchester!

Nun bleibt abzuwarten, was Enada Tarifa aus ihrem Beitrag macht. Die Albaner sind ja berüchtigt dafür, ihre Beiträge zwischen Vorentscheid und Song Contest komplett umzukrempeln, und wenigstens 20 Sekunden müssen ohnehin raus aus dem Song, um der Drei-Minuten-Regel zu entsprechen. Vermutlich dürfte es auch nicht beim muttersprachlichen Text bleiben, der zwar beim FiK vorgeschrieben ist, für den internationalen Wettbewerb aber meist gegen schlechtes Englisch ausgetauscht wird. Im Interview mit escXtra direkt nach ihrem Sieg kündigte die glückliche Siegerin bereits an, mehrere Versionen ihres Beitrags zu produzieren, um die „bestmögliche“ zu finden. Es könnte also ein völlig anderes Lied dabei herauskommen als das, was wir heute Abend gehört haben. Oder Enada tauscht es vor Stockholm noch komplett aus – auch das wäre nicht das erste Mal in Albanien. Jedenfalls ist nun ganz offiziell endlich Hochsaison: lasset die Spiele beginnen!

Geht für Albanien 2016 ein Eurovisions-"Märchen" in Erfüllung?

  • Kann ich derzeit nicht beantworten, das ist ja nur der Rohentwurf. Mal sehen, wie der Song im Mai klingt. (53%, 34 Votes)
  • Warum nicht? Der Song hat definitiv was, (nicht nur) die Jurys werden ihn lieben. Finale ist sicher. (31%, 20 Votes)
  • Damit? Auf keinen Fall! Das ist wirr, anstrengend, kreischig - Schluss im Semi. (16%, 10 Votes)

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1 Kommentar zu „Albanien 2016: Angriff der James-Bond-Borgs

  1. Hat dieses Mal ja auch lange genug gedauert. Wobei ich nicht weiß, warum dieses Mal alle so vorsichtig zu sein scheinen – traut sich einfach keiner? Hat man noch keine Lieder gefunden (in den Ländern mit Direktauswahl, versteht sich)? Will man eine Wiederholung der platonischen Ideal-Langeweile von 2015 vermeiden, weswegen jeder erst mal abwarten will, was sonst noch kommt, um nicht etwas zu Ähnliches zu schicken?

    Wie auch immer. Das Eurovisionsjahr 2016 hat begonnen. One down, 42 to go.

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