Perlen der Vorentscheidungen: Unangestrengtes aus Österreich

Dem ernüchternden Null-Punkte-Ergebnis der MakeMakes zum Trotze scheint der Eurovision Song Contest in unserem liebsten Nachbarland Österreich weiterhin hoch im Kurs zu stehen. So veranstaltet der ORF auf seiner Contest-Facebook-Seite heuer eine Wildcard-Vorrunde, und es kamen bislang einige überraschend gute Bewerbungen zusammen. Der Grazer Langhaarzottel Kevin Etheridge beispielsweise bringt uns mit ‚Palmtrees on my Mind‘ mitten in der schlimmen Jahreszeit mittels Mandoline und Mundharmonika den Sommer zurück – sicher nicht das originellste Popstück aller Zeiten, dennoch macht es (mir) unweigerlich gute Laune. Merlin Miller reicht mit ‚Moneypoliert‘ einen wegweisend guten Mix aus intelligent formulierter Gesellschaftskritik, treibenden Elektrobeats und rotzcooler Eingängigkeit ein: das Stück gehört in die Charts! Mit kompromisslos bretterndem Gitarrengebratze bewirbt sich die Salzburger Hardrockband Copernico. Ihrem clever konstruierten, nach vorne gehenden ‚Turn your Back‘ wird die klassische Schlagerschwuppe sicherlich schnell den Rücken zukehren, als Abwechslung im ewigen Brei der Jodelballaden und Schwedenschlager kämen sie aber extrem gut.

Einfach gut, Merlin Miller macht das einfach gut… 

Sogar einige ehemalige Vorentscheidungsteilnehmer/innen „rittern“, wie die Österreicher so schön sagen, mit um die Wildcard. Während jedoch die Songs von Celina Ann (2015) und Mary Broadcast (2012) unglaublich langweilen (auch wenn Mary in ‚Not in my Name‘ sehr kluge Sachen über den beschämenden Umgang Europas mit den Flüchtlingen sagt, die ich Wort für Wort so unterschreibe: bei dem lahmen Gitarrengeplänkel, mit dem sie ihren Aufruf unterlegt, schlafen mir nach zwei Sekunden die Füße ein), weiß Leo Aberer (2011) mit dem schubstarken Elektropopchanson ‚Menage a trois‘ durchaus zu gefallen. Was auch an der tollen Stimme von Theresa Chorinsky liegt, die ihn im Refrain begleitet. Mein Lieblingsstück kommt aber natürlich von den rundheraus fantastischen Mizgebonez (2015), meiner offiziellen österreichischen Lieblingsband, die mit ‚Nichts dafür tun‘ und der darin enthaltenen Textzeile „Ich strenge mich nicht an“ meine offiziellen Lebensmotti vertonen. Und wie sie das machen! Lässig, super eingängig, druckvoll, verspielt, intelligent, amüsant. Dass das Ganze wieder von einem endcoolen Video begleitet ist, versteht sich fast schon von selbst. Lieblingsnachbarn, bitte bitte schickt das nach Stockholm!

Ein audiovisueller Hochgenuss: die Mizgebonez

Einen Miniatur-Shitstorm gab es auch schon: so hatten wohl einige Fans und Teilnehmer/innen geglaubt (und teilweise stand es auch so zu lesen), dass der Künstler mit den meisten Likes automatisch die Wildcard erhalte, woraufhin sich bei der einen oder anderen Interpretin eine verdächtige Vielzahl von „Mi piace“s aus Indien und anderen Niedriglohnklickländern häufte. Zudem hätten die bereits Ende November präsentierten Acts gegenüber den erst in den letzten Tagen eingestellten Nachzügler/innen einen deutlichen Vorteil genossen. Allerdings lautet die Regel (nun?), dass eine ORF-Jury eine Auswahl aus den Bewerbungen trifft und im Januar (ursprünglich war Mitte Dezember angedacht, doch anscheinend kamen nur mehr Einsendungen als erwartet) zur Abstimmung stellt. Neben dem Wildcard-Sieger gehen am 12. Februar bei Wer singt für Österreich? noch neun von Austrozone-Macher Eberhard Forcher handverlesene Acts ins Rennen: klingt insgesamt vielversprechend!

You better bring him some Water: Kevin Etheridge

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