Rettet eine Disqualifikation die Schweiz?

Unerhörtes trug sich heute in der Schweiz zu. Dort hatte, so viel kurz zur Vorgeschichte, am 6. Dezember 2015 die senderinterne Jury des deutschschweizerischen Senders SRF aus den wenigen Vorschlägen, welche die Internet-Vorrunde des dortigen Auswahlverfahrens überlebt hatten, die sechs Untauglichsten für das Finale am 13. Februar 2016 in Kreuzlingen herausgesucht. ‚Holz vor dr Hüttn‘ von Platzhirsch, der einzige Song mit guten Chancen im internationalen Wettbewerb, blieb dabei natürlich auf der Strecke. Heute aber mussten die Züricher einen der ausgewählten Beiträge, ‚Perché mi guardi cosi?‘ von Stéphanie Palazzo, disqualifizieren – die Dame hatte das Lied vor zwei Jahren bereits in einer französischen Fassung veröffentlicht. Ups! Das multikulturell aufgestellte Quintett Kaceo aus Bern rückte nach  – und damit könnte sich das Skandälchen noch als Glücksfall entpuppen. Denn ‚Disque d’Or‘ erweist sich als ganz unterhaltsamer Stilmix aus akkordeonsattem Folk, tanzbarem Pop und gitarrengeschwängertem Hardrock: ein bisschen ungelenk noch hie und da, macht aber Spaß! Und außerdem muss der Song ohnehin noch um über eine Minute gekürzt werden, da kann man auch noch den Feinschliff machen. Danke also an Frau Palazzo, dass sie – wenn auch unfreiwillig – den Platz geräumt hat und nun wenigstens ein erträglicher Titel dabei ist bei der Großen Entscheidungsshow im Februar!

Herren im Bad: Kaceo geben alles für den Erfolg

Wie jedes Jahr versüßt uns auch heuer das albanische Fernsehen RTSH die Weihnachtszeit mit dem dreitägigen Festivali i Këngës, dem nationalen Musikfestival, das bereits ins 54. Jahr geht und seit 2008 als Vorentscheidungsformat des Adrialandes dient. 30 Künstler/innen nehmen an den beiden Semis am ersten und zweiten Feiertag teil, und zu meinem Entzücken gibt es seit heute einen Video-Schnelldurchlauf mit kurzen Ausschnitten aus allen Titeln. Leider ist wenig Brauchbares darunter; die einzigen beiden Songs, die mich ansprechen, kommen zu Beginn der zweiten Qualifikationsrunde: ‚Dashuri në përjetësi‘ (‚Ewige Liebe‘), eine vor hemmungslosem Kitsch nur so triefende Operettenballade von Klodian (kicher) Kaçani und Rezarta Smaja und ein mir unfassbar peinliches Guilty Pleasure, sowie ‚Dashurinë s’e gjejmë dot‘ (‚Wir können die Liebe nicht finden‘) des Rap-Duos Revolt Klan, das alleine deswegen schon unterhält, weil einer der beiden liebestollen Hip-Hopper aus unerfindlichen Gründen in seltsam geduckter Haltung auf der Motorhaube eines Autos herumsteht und im Bücken ein hübsches Maurerdekolleté präsentiert.

Die 15 Titel des ersten FiK-Semis im Schnelldurchlauf

Ansonsten gibt es jede Menge dröges Geschreie, aber auch eine Vielzahl ausgesprochen gut aussehender Sänger (hallo, Florent Abrashi!), darunter nicht zuletzt Luiz Ejlli, der Knabe mit der Kondomhütchen-Kombo von 2006, der mittlerweile zu einem prachtvollen jungen Mann herangereift ist. Das macht seine im ersten Semi startende Ballade ‚Pa Mbarim‘ (‚Ohne Ende‘) aber leider nicht weniger zäh. Orgesa Zaimi, die erst in letzter Sekunde als Nachrückerin kam, widmet ihr furchtbar kreischiges ‚Një Shishe në Oqean‘ (‚Eine Flasche im Ozean‘) offensichtlich den Kriegsflüchtlingen, die weiterhin in beschämender Weise im Mittelmeer ertrinken, weil Europa sich nicht auf eine gerechte Verteilung einigen kann. Doch ich befürchte das Schlimmste: mit Evans Rama und ‚Flakë‘ (‚Flamme‘) ist nämlich auch das sich im Land der Skipetaren großer Beliebtheit erfreuende Genre des sterbenslangweiligen Ostrocks vertreten, einer Musikspielart, die das Kunststück fertig bringt, noch lebenskraftaussaugender öder zu klingen als die westlichen Meister der Todeslähmung, Coldplay und Konsorten.

Die 15 Titel des zweiten FiK-Semis im Schnelldurchlauf

In Moldawien musste man bis vor wenigen Tagen noch fürchten, erst gar keine Vorentscheidung zusammen zu bekommen: nachdem es 2015 massive Aufregung um den Sieg des Ukrainers Eduard Romanyuta gab, den die unterlegene einheimische Konkurrenz auf den massenhaften Einsatz gekaufter Prepaid-Karten schob, drohten zahlreiche moldawische Künstler/innen, die Veranstaltung 2016 zu boykottieren. Und bis kurz vor dem Einsendeschluss am 8. Dezember lagen auch nur sieben Bewerbungen vor, darunter der notorische Sasha Bognibov. Doch kurz vor knapp trudelten nun noch vierzig weitere Titel ein. Aufgrund der Proteste hieß es zunächst, dass der Wettbewerb heuer für Ausländer gesperrt sei. Diese Regelung kippte TRM dann aber doch, so dass sich auch die belarussischen Eurovisionsvertreter von 2012, Litesound, im Aufgebot finden, die mit der moldawischen Sängerin Katerine (wer?) kooperieren und mit ‚Imagine‘ ein unimaginatives, mittelmäßiges Midtempo-Popstück einbringen. Die unermüdliche Doiniţa Gherman hat sich diesmal ihren Beitrag von den fabelhaften schwedischen Zwillingsschwestern Ylva & Linda Persson schreiben lassen, die im November das Publikum beim Fankonvent des EC Germany in Köln zu Begeisterungsstürmen hinrissen und die sie auch als Backings begleiten.

Etwas kraftvoller als Prinzessin Stéphanie von Monaco singt sie schon: Doiniţa und ‚Irresistible‘

‚Irresistible‘, wie der Titel verspricht, klingt der Song aber nicht, sondern schon arg nach schwedischer Stangenware, mit in homöopathischen Dosen eingesetzten Blasinstrumenten nur dezent folkloristisch aufgemotzt. Bleibt zu hoffen, das die hochenergetische Doiniţa sich wieder die Seele aus dem Leib performt, dann könnte es sogar was werden mit dem Ticket nach Stockholm. Wie Bukovinasound richtig geht, beweist Valentin Uzun mit ‚Mine‘. Den eingängigeren Song hat allerdings das von Pasha Parfeny (MD 2012) produzierte Trio DoReDos am Start, das mit dem fröhlichen ‚FunnyFolk‘ meinen persönlichen Lieblingstitel abliefert – auch, weil sie (jedenfalls meinem untrüglichen Gehör zufolge) etwas von „more-a, more-a Marihuana“ schmettern. Und weil bei ihnen nach wie vor das sexieste Bärchen Europas mitspielt. Lustige Notizen am Rande: einer der Wettbewerbssongs heißt ‚La la Love‘, wird aber nicht von Ivi Adamou (CY 2012) gesungen, und einer der Künstler nennt sich Serghei Lazarev – nein, nicht dieser. Einschlägigen Quellen zufolge soll der Name des russischen Vertreters in Osteuropa etwa so gängig sein wie Thomas Müller hierzulande.

Brachten schon letztes Jahr mit ‚Maricica‘ den besten Beitrag: die DoReDos

Große Chancen werden dem Damentrio Elle eingeräumt, in dem unter anderem die moldawische Repräsentantin von 2007, Natalie „Babystrich“ Barbu, mitwirkt. Mit dem eingängigen Ethnopopstück ‚Tare‘ haben die Drei auch einen kraftvollen Song am Start, der allerdings auch, wie Wiwibloggs rapportiert, unter allen Beiträgen auf Youtube die meisten Dislikes auf sich vereint. Entscheidender als die Prominenz der Sängerinnen könnte jedoch, wie das gleiche Portal stichelt, sein, dass Barbu mit einem Millionär verheiratet ist, der dem finanziell schwachbrüstigen Land die Präsentationskosten abnehmen könnte – ein für die moldawischen Juroren, die bei der Entscheidung ein gewichtiges Wort mitzureden haben, sicherlich nicht uninteressantes Argument. Alle 47 Wettbewerbstitel werden nun am 19. Dezember ab 11 Uhr bei einer im Netz gestreamten Auswahlrunde live vorgesungen, 24 von ihnen kommen in die Semis der Melodie pentru Europa, dessen Finale für den 27. Februar 2016 angesetzt ist. Trashfreunde halten sich den Samstag also besser schon mal frei!

Der nächste gekaufte Sieg? Barbu und Begleitung singen ‚Tare‘

Die eingangs erwähnte Eurovisionslegende Sasha Bognibov darf beim Vorsingen übrigens gleich zwei Mal ran: neben seinem bereits frühzeitig vorgeschlagenen Titel ‚Alone‘ bewirbt er sich auch gleich noch mit seinem neuesten, angeblich auch bei anderen europäischen Vorentscheidungen eingereichten Werk ‚Insane (against Corruption)‚. Und damit liefert der ehemalige Gothic-Bube sein bisheriges Meisterstück ab: der Hardrocksound brettert richtig gut, Sashas fragil-klagende Stimme wabert wie Novembernebel über die Riffs hinweg, und über einen ordentlichen Refrain verfügt der Song auch. Sollte er es – entgegen aller Erwartungen, aber zu meiner unbändigen Freude – mit dem Stück schaffen, könnte es allerdings Probleme geben: die offizielle Textzeile „we will fight against Corruption“ klingt aus seinem Munde doch sehr deutlich nach „we will fight against the Russians“. Da werden Erinnerungen an „Lasha Tumbai / Russia goodbye“ wach, mit dem Verka Serdutschka 2007 für internationale Verspannungen sorgte. Kaum vorstellbar, dass die EBU das nochmal durchgehen lässt, gerade in der aktuellen Situation.

Ein Jahrgang ohne Bognibov ist keiner: Sasha lässt uns auch 2016 nicht im Stich!

4 Gedanken zu “Rettet eine Disqualifikation die Schweiz?

  1. Das wird auch so nichts für die Schweiz. Gold im Titel hat doch auch schon bei dem von der Heide nicht geholfen.

    Das Lied von Klodian und Rezarta gehört auch zu meinen Favoriten. Ist aber kein Kunststück, zum einen habe ich einen soft spot für dramatische Balladen und zum anderen trifft der Komponist Edmond Zhulali meinen Geschmack bisher ohnehin mit großer Häufigkeit. Aber leider haben Drama-Duette weder die letztjährigen Tschechen noch die Slowaken vor einigen Jahren ins Finale befördert. 🙁

  2. Die Schweiz sehe ich nach dem Semi draußen.
    Aber was mich etwas erschreckt: Warum gibt es seit Neuestem hier auf der Seite einen Trauerrand? Doch hoffentlich nichts Ernstes und Beunruhigendes?

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