Türkvizyon 2015: Deutschlands bombiger Beitrag

Seit geraumer Zeit angekündigt, heute endlich enthüllt: ‚Sessiz çığlık‘, der deutsche Beitrag zur Türkvizyon 2015, die in wenigen Tagen in Istanbul über die Bühne geht. Der Titel übersetzt sich mit ‚Stummer Schrei‘, und wie die Interpretin Derya Kaptan dem NDR verriet, sei die dramatisch-flehende Ballade den Opfern eines Terroranschlags auf eine Demo in selbiger Metropole am 10. Oktober diesen Jahres gewidmet, der mindestens 30 Tote forderte. Die in Gütersloh geborene Sportlerin und Musicalsängerin, Schwester der großartigen Comedienne Meltem Kaptan, wird tänzerisch von dem Franzosen Joseph Simon unterstützt und von Serdar Yayla auf der Yaz begleitet. Volkan Gücer komponierte den etwas sperrigen, dennoch eindringlichen Song, der hier in voller Länge angehört (und käuflich erworben) werden kann. Ob Deutschland damit seine magere Erfolgsbilanz bei der Türkvizyon (Platz 21 im Semi) verbessern kann, bleibt abzuwarten.

Ein zweiminütiger Ausschnitt des deutschen Beitrags, mit Untertiteln

Immerhin trifft Derya am Bosporus auf deutlich weniger Konkurrent/innen als ursprünglich gedacht: einem entsprechenden Dekret des Despoten Putin folgend, haben zwischenzeitlich alle russischen Republiken und Regionen ihre Teilnahme am osmanischen Musikwettbewerb abgesagt. Der Auftrittsverbot ist Teil des Sanktionskatalogs im derzeit eskalierenden Streit der beiden Nationen nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch türkisches Militär Ende November. Damit dezimiert sich sich die Teilnehmerzahl um von ursprünglich 32 Turkvölkern auf nunmehr 21. Bei den elf Zwangsstornierten, die allesamt schon Vertreter/innen ausgewählt hatten, handelt es sich um die russischen Republiken Altai, Baschkortostan, Balkarien, Chakassien, Sacha, Tatarstan und Tuwa, die annektierte Halbinsel Krim, das Kaukasusvolk der Kumyken sowie die Regionen Moskau und Stawropol.

Unter anderem auf ihn müssen wir verzichten: Aris Appaev aus Kabardino-Balkarien

Wiederkehren wird indes die nordzyprische Sängerin Ipek Amber, die bereits 2014 als Repräsentantin des türkisch besetzten Teils der Mittelmeerinsel feststand, dann allerdings nicht nach Tatarstan einreisen durfte, wo die Türkvizyon letztes Jahr gastierte, weil Russland die De-facto-Teilung Zyperns nicht anerkennt. Keine Neuigkeit soweit; allerdings steht nun auch ihr Titel fest: ‚Sessiz Gidiş‘ heißt der – und es ist der gleiche, den sie bereits in Kasan singen wollte. Sparsam gedacht! Almedin Varošanin, der für das debütierende Serbien antritt, präzisierte unterdessen, dass er für das ehemalige ottomanische Sandschak von Novi Pazar zu singen gedenkt – in der heutigen serbisch-montenegrinischen Grenzregion leben laut Wikipedia mehrheitlich Bosniaken. Einen Interpretenwechsel gab es in Usbekistan: dort annoncierte man vor wenigen Tagen Amira Alibekova als Repräsentantin, nur um sie am Mittwoch durch den Rapper KaaPlya und die Sängerin Hurdona zu ersetzen. Rap bei der Türkvizyon – das verspricht, interessant zu werden!

Ipek Amber aus Nordzypern (Repertoirebeispiel)

Das Finale der Türkvizyon am Samstag, dem 19. Dezember 2015, soll laut Angaben des türkischen Musikfernsehens TMB um 16:30 Uhr MEZ starten (Livestream). Dies gilt vermutlich auch für das Semi am Donnerstag davor.

Türkvizyon 2015

Song Contest des türkischen Kulturraumes. Samstag, 19.12.2015, 15:30 Uhr MEZ, in Istanbul, Türkei.
Land / RepublikTeil vonInterpretSong
AlbanienALXhoana Bejko (Xhoi) + Visar RexhepiAdi Hasret
AserbaidschanAZMehman TagiyevIstanbul
BosnienBAAdis ŠkaljoPa šta
BulgarienBGBig Star LifeIstanbuldayız
DeutschlandDEDerya KaptanSessiz Çığlık
GagausienMDValentin OrmanjiSev beni sev
GeorgienGEAnar AskerovTenha yürek, tenha ürek
IrakIQOğuz SırmalıSerenat
IranIRReza EsbilaniMənim arzum
KasachstanKZOrdaOlaya Emesa
KirgisienKGJiidesh İdirisovaKim bilet
KosovoRSTolga KazazSevmek Günah mıdır?
MazedonienMKKaan MazharBöyle Olmamalıydı
NordzypernCYİpek AmberSessiz Gidiş
RumänienROEdvin RadcifSeviyorum, Anlasana
SandžakRSAlmedin VarošaninTrag
Syrische TurkmenenSYAdil ŞanGeliş
TürkeiTRGörkem DurmazHırcın Sular
UkraineUAAnna MitiogloBaala bana
UsbekistanUZKaaPlya + HurdonaAzadlıq
WeißrusslandBYAleksandra KazimovaAzadlıq

5 Gedanken zu “Türkvizyon 2015: Deutschlands bombiger Beitrag

  1. Mal ne Frage: War reizt dich nur an dieser Homophoben Parade, Oliver? Mich würde eher interessieren, wie es denn jetzt wirklich beim Vorentscheid für den ESC weitergeht in Deutschland. Der Türkensongcontest ist doch nur ein wirklich billiger Abklatsch, um den Türken das Fernbleiben beim ESC schmackhaft zu machen.

  2. @escfan05
    Muss sich ein Wettbewerb um Homosexualität drehen, damit er seine Toleranz zeigt? Ich finde das sehr intolerant.
    Und spätestens nach dem letzten Jahr ist wohl klar, dass der Türkvizyon Song Contest keine Kompensation für die Türkei ist. Der Sinn der Veranstaltung ist ein ganz anderer, im Gegensatz zu anderen Wettbewerben…
    Ein bisschen über den schwulen Tellerrand hinauszuschauen würde nicht nur den eigenen Horizont erweitern, sondern auch wahre Toleranz beweisen.

  3. Danke, Lin. Sehe ich auch so. Jörg, um die Frage zu beantworten: was mich an der Türkvizyon reizt, ist zum Einen, dass man dort teils völlig andere Musik zu hören und Showkonzepte zu sehen bekommt, als wir es vom ESC gewohnt sind. Das ist so herrlich bizarr, bunt, anders. So etwas finde ich wahnsinnig spannend. Und zum Anderen wohnt bekanntlich jedem Neuanfang ein Zauber inne, so ist es auch bei der Türkvizyon. Da merkt man bei Vielem, dass sie noch am Üben sind, Dinge klappen nicht oder werden erst in letzter Sekunde geregelt, er herrscht ein für unsere Begriffe unvorstellbares organisatorisches Chaos, über das sich vortrefflich lästern lässt. Und trotzdem kommt am Ende eine fantastische, hoch unterhaltsame, beeindruckende, abwechslungsreiche Show dabei heraus. Ich freue mich echt schon wie ein Keks drauf und drücke natürlich unserer Vertreterin Derya Kaptan ganz fest die Daumen.

  4. Nein, er muss sich nicht nur um Homosexualität drehen. Auch gehört der ESC nicht den Homosexuellen, wie viele es manchmal glauben. Aber Russland und die Türkei sind nun mal homophobe Länder. Das hat man ja an den Reaktionen nach Conchitas Sieg gesehen. Und viele der Länder die teilnehmen, Ausnahme Deutschland, sind von staatswegen homophob. Also insofern ist Kritik gerechtfertigt.

    @Oliver: Das dir das etwas schräge gefällt, egal wie trashig es ist, merkt man ja auch daran, das du auch beim ESC solche Beiträge gerne abfeierst. Ich bin da etwas kritischer. Auch eine Turkvision muss irgendwann auch für das Musikalttagsleben auch relevant sind, zumindest in den Ländern die teilnehmen. Denn ähnlich wie beim ESC, macht sie sich dann irgendwann unnötig.

  5. „Musikalltagsleben“ ist ja ein schöne Wortschöpfung. Aber genau da möchte ich Dir widersprechen: nichts ist so langweilig wie der Alltag. Den ESC liebe ich dafür, dass er ein bunter, manchmal überraschender Gegenentwurf zu diesem Alltag ist, ein Ort, an dem alles überlebensgroß, schräg und bunt ist, an dem bärtige Diven gewinnen und trachtentragende polnische Buttermädchen von der diabolischen Jury abgestraft werden. Mit dem, was im „Musikalltag“ stattfindet, kann ich mittlerweile nichts mehr anfangen. Du hast ja nicht Unrecht, dass der ESC auch ein Stück weit relevant für das aktuelle Popgeschehen sein muss – entfernt er sich zu weit, schaut keiner mehr zu, wie wir es ja schon in der dunkelsten Phase von 1986 bis 1995 hatten. Trotzdem mag und mochte ich beim ESC schon immer, wie Du selbst sagst, die schrägen und trashigen Beiträge viel lieber.

    Bei der Türkvizyon konnte man übrigens bei der zweiten Ausgabe 2014 schon eine deutliche Professionalisierung gegenüber der ersten Ausgabe von 2013 feststellen, und das ist ja ein Muster, das dem des ESC folgt – die ersten Jahrgänge in den Fünfziger waren ja auch noch alles andere als professionell im heutigen Sinne. Aber die Türkvizyon hat natürlich auch einen anderen Hintergrund – es ist dort, glaube ich, nicht so sehr ein Kräftemessen verschiedener Nationalitäten wie beim ESC. Das sind ja alles Turkvölker, die da mitmachen, da steht der Wettbewerb und das Gewinnenwollen, glaube ich, nicht so sehr im Vordergrund, eher das Vorzeigen kultureller Identität (was es ja beim ESC auch schon gab, man erinnere sich z.B. an „Sámiid Ædnan“ (Norwegen 1980).

    Was die Homophobie Russland und der Türkei angeht, so ist ja richtig, die zu kritisieren. Es ist aber was anderes, ob solche Länder beim Europäischen Wettsingen teilnehmen und man natürlich darüber streiten kann, ob Länder, die die Menschenrechte so wenig achten, überhaupt da mitmachen dürfen – oder ob die quasi bei sich zu Hause ein Wettsingen unter Gleichgesinnten veranstalten. Dann gelten da natürlich deren Werte. Und ich finde es zumindest interessant, sich das mal von Außen anzuschauen – deswegen muss man deren Einstellungen ja nicht teilen.

Oder was denkst Du?