ESC-Voting: Jury und Zuschauer gehen getrennte Wege

Überraschung! Wie die EBU heute verkündete, gilt ab diesem Jahr ein neues Abstimmungsverfahren beim Eurovision Song Contest, das man vielleicht mit der Formel „aus 50/50 wird 100+100“ umschreiben könnte. Um die Auszählung, bekanntlich das Herzstück der Sendung, spannender zu gestalten, werden die Ergebnisse der Jurys und des Zuschauervotings nicht mehr zusammengefasst und gemittelt, sondern einzeln verkündet und aufaddiert. Jedes Lied kann also zwei mal 12 Punkte je Land erhalten, bei 43 teilnehmenden Nationen somit insgesamt 1.008 Punkte anstatt 504. Rein theoretisch natürlich. Von der EBU pompös als „größte Änderung seit 1975“ annonciert, handelt es sich praktisch um eine Weiterentwicklung der Punktevergabe – die aber natürlich nicht ohne Auswirkungen bleibt. Wie bisher stimmen die aus fünf Personen zusammengesetzten Länderjurys bereits bei der Generalprobe am Freitagabend ab. Ihre Ergebnisse werden wie bislang in 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 10 und 12 Punkte umgerechnet und nach der Schließung des Votingfensters für die Zuschauer/innen in der Sendung bekannt gegeben, wozu es – ebenfalls wie bisher – Liveschaltungen zu den einzelnen Punkteansager/innen gibt. Anders als bisher sollen diese aber nur die Höchstwertung (also die Douze Points) verkünden, alle anderen Punkte werden während der üblichen Begrüßung im Hintergrund direkt in die Tabelle eingelesen. Besagte Sprecher/innen möchte der veranstaltende Sender SVT zudem im Vorfeld briefen, um zu vermeiden, dass wir uns vierzig Mal „Danke für die fantastische Show“ und ähnlich nervige Nullsätze anhören müssen – und um sicherzustellen, dass sie im knapp bemessenen Zeitrahmen bleiben, denn länger als bisher soll die Sendung nicht dauern.

Hier erklärt es die EBU leichtverständlich

Während die Ansager/innen aus den einzelnen Ländern also die Juryvoten verkünden, rechnen die fleißigen Computer von Digame die Anrufe der Zuschauer/innen nach dem bisherigen Verfahren in die Punkte aus dem Televoting um. Und addieren sie schon mal, denn um die Abstimmungssequenz nicht doppelt so lange ausfallen zu lassen, spart sich die EBU ein erneutes Abfragen der Einzelergebnisse. Stattdessen verkünden die Gastgeber Måns Zelmerlöw und Petra Mede in der zweiten Abstimmungsrunde nur noch die bereits zusammengezählten Länderpunkte. Und zwar beginnend mit dem Verlierer des Abends, der die wenigsten Stimmen der Zuschauer/innen erhalten hat, und dann in aufsteigender Reihenfolge bis hin zum Publikumssieger. Was vor allem bedeutet, dass der Gewinner des Eurovision Song Contest erst mit der letzten Stimmverkündigung feststeht – Spannung bis in die allerletzte Sekunde! Damit vermeidet man den frühzeitigen Siegererguß, wie er bislang eher die Regel war. Eine aus dramaturgischer Sicht goldrichtige Entscheidung also, die auf dem von SVT bereits seit Jahren beim Melodifestivalen angewandten Verfahren beruht und die Show deutlich spannender macht. Verbunden mit den vorgesehenen Kürzungen bei der Jury-Punkteverlesung bietet sie zudem die Chance, den geplanten Zeitrahmen von dreieinhalb Stunden tatsächlich einzuhalten. Denn dadurch, dass man die Jurystimmen bereits verlesen kann, während die Rechner noch am Zuschauervoting arbeiten, können die Veranstalter, wie Ewan Spence auf escinsight vorrechnet, 40 Minuten einsparen, die derzeit mit einem Pausenact überbrückt werden müssen. Natürlich kommt dann die Zeit, die die Verkündigung des Televotings benötigt, wieder drauf – unter dem Strich fällt die Sendung dennoch deutlich straffer aus als bisher. Gut!

„Wenn die Punkte kommen, verlierst Du die Kontrolle,“ so Christer Björkman. Das geht natürlich nicht!

Nun kann man natürlich beklagen, dass wir auf diese Art und Weise während der Sendung nicht mehr erfahren, welches Land (also: deren Zuschauer/innen) seinen Nachbarn die Höchstwertung zuschanzte oder, um Jan Feddersen zu zitieren, „ob etwa Deutschland aus Österreich wieder nix bekommen hat“. Das gilt zwar nicht für die Hardcore-Fans, denn die EBU will diese Ergebnisse im direkten Anschluss im Netz veröffentlichen. Und selbstredend werden sich alle Fanseiten noch in der Nacht auf die genauen Zahlen stürzen und diese bis zum Erbrechen analysieren. Der gemeine TV-Konsument aber, der um halb eins nach der Verkündung des Siegers ermattet in die Kissen sinkt, weiß nur, ob die kroatische Jury für den montenegrinischen Beitrag die Douze Points zückte oder für den serbischen. Oder aber, wie das eigene Land stimmte: die EBU will die Einzelergebnisse zeitnah den TV-Stationen zur Verfügung stellen, so dass beispielsweise Peter Urban noch in der Sendung verkünden kann, an wen unsere Zuschauerstimmen gingen. Ob jedoch die (aufaddierten) Televoting-Punkte für Enada Tarifa hauptsächlich aus Ländern mit vielen albanischen Einwanderern stammen, bekommt der Normalzuschauer nicht mehr mit. Dabei ist das mögliche Wiederstarken des Diaspora-Votings ein wichtiger Effekt des neuen Punktevergabeverfahrens. Anders als in den letzten Jahren, wo die Jury durch das vorsätzliche Herunterwerten eines beim Publikum beliebten Liedes effektiv verhindern konnte, das dieses überhaupt Punkte bekommt, geht nun eine hohe Zuschauerwertung direkt in das Endergebnis ein. Womit die überbordende Macht der Spaßbremsen von der Juryfront endlich ein wenig eingehegt wird, was ich natürlich auf das Schärfste begrüße.

Profitiert sie vom neuen Verfahren? Die albanische Vertreterin 2016, Enada Tarifa

An einem Beispiel festgemacht: die fantastisch unterhaltsamen polnischen Buttermägde von 2014 konnten im Vereinigten Königreich mit Abstand die meisten Anrufe auf sich vereinigen. Was zum einen daran liegt, dass die Briten, anders als viele vertrocknete Kontinentaleuropäer/innen, Sinn für Humor und Ironie besitzen, zum anderen aber auch daran, dass England sehr viel polnische Arbeitsmigranten aufgenommen hat. Die britische Jury jedoch setzte Cleo & Donatan in einer konzertierten Aktion auf den letzten, den 27. Platz. Gemittelt landeten die ‚Slavic Girls‘ dann unterhalb Rang 11 – und erhielten so keinen einzigen Punkt aus Royaume-Uni. Nach dem neuen Abstimmungsverfahren bekämen sie 0 (von der Jury) + 12 (von den Zuschauern) = 12 gesamt. Die natürlich nur noch halb so viel zählten, damit aber immer noch für 6. Der NDR stellte freundlicherweise schon mal eine Gegenüberstellung für den 2015er Contest nach alter und neuer Zählweise parat: ‚Hero‘ hätte, den Jurystimmen sei Dank, auch nach dem neuen Verfahren gewonnen, die echten Sieger Il Volo wären statt auf dem dritten aber auf dem zweiten Platz gelandet. Und – das halte ich für den zweiten entscheidenden Vorteil – bei der Verkündigung des Televotings wäre auch dem unbedarftesten Zuschauer aufgefallen, dass eigentlich sie den Wettbewerb um die Popularität beim europäischen Publikum gewonnen haben und nicht der smarte Schwede.

Strafwertungen für spaßbringende Beiträge werden eingeschränkt: super! (PL 2014)

Vorbei ist es damit wohl auch mit den gefürchteten Nil Points: sowohl die Makemakes als auch Ann Sophie hätten bei getrennter Zählung nämlich Punkte erhalten. Damit hätten wir uns vom letzten Platz auf Rang 25 vorgeschlichen, das Gastgeberland Österreich gar auf Rang 23. Die stärkste Verbesserung wäre für Albanien herausgesprungen – ein diasporastarkes Land. Noch spannender dürfte aber der Einfluss auf die beiden Semifinals sein, in denen die Punkteermittlung dem gleichen Verfahren folgt (allerdings verkünden Måns und Petra am Dienstag- bzw. Donnerstagabend wie bisher schon nur die zehn Finalisten, die exakten Ergebnisse gibt es wiederum erst Samstagnacht). Und hier liegt aus meiner Sicht das größte Plus des neuen Verfahrens, stärkt es doch, wie erläutert, den Einfluss der Zuschauer und belohnt damit kontroverse, auffällige Acts (wie den im Beispiel erwähnten polnischen). Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit weiterer Katastrophen wie dem Haba-Haba-Gate, dem Kuunkuiskaajatgate und weiterer von der Jury verhinderter Knallersongs zumindest ein kleines bisschen. Wenn auch um den – aus meiner Sicht aber hinnehmbaren – Preis des leichten Wiedererstarkens des Diasporavotings. Von dem aber der gewöhnliche Zuschauer dank der gebündelten Verkündung der Televotingstimmen nichts mehr mitbekommt; in Zeiten, da Europa ohnehin auseinanderzubrechen droht, vielleicht sogar ein positiver Nebeneffekt. Verhindert er doch, weiteres Öl ins Feuer zu gießen: Hass auf eine anonyme fünfköpfige Jury zu schieben, die dem Lieblingssong die Douze Points versagte, richtet weniger mentalen Schaden an, als auf ein ganzes Land sauer sein zu müssen.

Hätten mit uns den Platz getauscht: die britischen Elektro Velvet

Jan Feddersen übrigens möchte genau das nicht: er fordert, das heute vorgestellte Verfahren umzudrehen und anstelle der Juryvoten die Land für Land aufgesplitteten Televoting-Ergebnisse einzeln zu verlesen (und dafür dann das Jury-Ergebnis en bloc). Wofür ich zwar Verständnis hege, weil natürlich nur die Zuschauerstimmen die wirklich relevanten sind. Doch genau aus diesem Grunde befürworte ich die von der EBU skizzierte Reihenfolge. Denn mal abgesehen davon, dass Feddersens Vorschlag schon alleine aus zeitlichen Gründen nicht realisiert werden kann, hat das neue Verfahren rein praktisch zur Folge, dass die Jurys zwar gewissermaßen den Grundstein legen, in dem sie die erste Hälfte der benötigten Gesamtstimmen beisteuern, die Zuschauer aber de facto den Sieger des Abends küren. So, wie es sein sollte. Schade übrigens, dass man die nach Angaben von Christer Björkman (dessen Habitus, am Mello-Wesen den ESC genesen zu lassen, ein Stück weit nervt, auch wenn er natürlich Recht hat) bereits seit 2012 in den EBU-Gremien diskutierte Änderung erst mitten in der bereits laufenden Vorentscheidungssaison verkündete: so ist es für viele Länder schon zu spät, zu reagieren und wieder mutigere Songs zu schicken. Welche, die ruhig auch mal anecken oder nur bestimmte Zielgruppen bedienen. Und die nun auch gegen die Jurys wieder eine (wenn auch nur graduell) fairere Chance haben. Ich erwarte mir davon spätestens 2017 eine etwas abwechslungsreichere musikalische Bestückung des Wettbewerbs, der zuletzt ja zunehmend vom uniformen, jurygerechten Mittelmaß bestimmt wurde, so wie es schon einmal in den finsteren Zeiten der Fall war. 2016 dürften die Änderungen erst mal für eine schnellere, dramatischere und unterhaltsamere Show sorgen.

„I don’t have it“: ein paar schöne Momente der Vergangenheit

Als skurriles Randproblem taucht nun auf, dass die EBU für die Ergebnisermittlung künftig zwingend zwei Ergebnisse aus jedem Land benötigt, nämlich das der Jury und das der Zuschauer/innen. Allerdings bekommen Miniaturstaaten wie San Marino, das noch nicht mal über eine eigene Landesvorwahl verfügt, kein valides Televoting zustande, weswegen in der Vergangenheit einfach die dortige Juryabstimmung als Gesamtergebnis zählte. Anstatt diese für das neue Verfahren nun schlichtweg zu verdoppeln, will die EBU künftig ein simuliertes Televoting heranziehen, das nach einem nicht weiter erläuterten mathematischen Verfahren aus den tatsächlichen Ergebnissen konsensual bestimmter Nachbarländer errechnet wird. Selbiges gilt umgekehrt bei einem Ausfall des Juryvotings, beispielsweise weil ein Ergebnis aufgrund zu großer Auffälligkeiten annulliert werden muss, wie das 2015 bei Montengro der Fall war. Das riecht natürlich automatisch fischig und dürfte in Zukunft noch zu erbitterten Diskussionen und Verschwörungstheorien führen, wenn sich z.B. herausstellt, dass ein Künstler aufgrund des simulierten Ergebnisses den Einzug ins Finale ganz knapp nicht schaffte. Auf der anderen Seite bietet das uns Hardcore-Fans natürlich besten Diskussionsstoff und eine schöne Beschäftigung für die contestlose Sommerpause. Und so lautet mein Fazit: alles gut!

 

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5 Gedanken zu “ESC-Voting: Jury und Zuschauer gehen getrennte Wege

  1. Kein Ranking mehr! Ich bin soooo happy! Alles in allem ist diese Neuerung unbedingst zu begrüßen – ich bin gespannt; wie es sich dann am Ende tatsächlich umsetzt.!

  2. Hatte Langeweile und das schon unlängst durchgerechnet. 2011 hätte sich herzlich wenig geändert in den Semifinals, mit Ausnahme eines Austauschs von Belgien mit der Republik Moldau 😉 2012 gab es sogar keine einzige Änderung der Semi Top 10. Der Einfluss „schrumpft“ also wieder auf das Maß der Jahre 2009-2012.

    Bin auch noch unschlüssig. Einerseits gut, dass uns so dämliche Pausenfüller von nun an erspart bleiben, andererseits schade, dass die Ergebnisse des Televotings nun in 10 Minuten aufgewaschen werden. Ebenfalls stößt es mir übel auf, dass alle Länderpunkte verkündet werden. Das kann ganz schnell zu Spott führen, besonders wenn, wie im Falle 2015, so viele Länder kläglich in den Zuschauerstimmen abschnitten. Zumal, wenn, wie beim Melodifestivalen eine Leiste der übrigen Punkte eingeblendet wird, die Spannung auch irgendwann raus sein kann. Italien und Russland hätten nach dem Verkünden der schwedischen Punkte keine Chance mehr auf den Sieg gehabt. So verhält sich das also spätestens nach dem vorletzten Ergebnis. Wollen mal hoffen, dass nicht so viele mitrechnen können und wirklich glauben, da wäre noch etwas spannend. Mir wurde da fast schon zu viieeel versucht an der Spannung und fortlaufenden Unterhaltsamkeit (nach dem Ende der Songpräsentationen) zu mauscheln.

    Aber ich stimme zu, dass es großartig ist, dass nun auch die Zuschauer, die nicht so verrückt wie wir sind, nachvollziehen können, was ihnen da für Ergebnisse aufgetischt werden.

  3. Sehr kluge Gedanken lieber Oliver! Insbesondere die Argumentation der für Otto-Normalzuschauer nicht direkt aufdröselbaren Televotingstimmen und damit die Eindämmung des Diaspora-Votes-Bashing in den aktuell politisch so unruhigen Zeiten leuchtet mir sehr ein. Da kann ich gleich noch besser mit dem neuen Verfahren leben. Bin sehr gespannt und denke, wir alle sollen dem 2×12 er Voting eine Chance geben. Wir haben noch unsere Douze Points und das das vom Mello kommt, wissen doch eh wieder nur wir Freaks. Ich stehe der Neuerung generell positiv gegenüber.

  4. Mal schauen, wie es wird. Dieses merkwürdige Ranking nach de Hond‘ oder Bond‘ ist zumindest erst einmal vom Tisch. Das ist schon mal fein-fein. Für uns „Freaks“ wird alles spannend, hoffentlich schalten nicht die Normal-Zuseher nach den Jury-Ergebnissen aus, weil sie schon glauben, den Sieger zu kennen. Schön erklärt, werter Blogger.

  5. Man sollte dem neuen System eine Chance geben. Das Bisherige System ist 40 Jahre alt. Und wenn sich dieses System nicht bewährt, kann man nächstes Jahr ein anderes ausprobieren.

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