Leaving all my Midnight Gold in Georgia

Als Georgiens Vertreter beim Eurovision Song Contest 2016 stand die intern ausgewählte Indie-Rock-Kapelle Young Georgian Lolitaz schon seit Mitte Dezember 2015 fest. Hinsichtlich des Songs schrieb der Sender des Kaukasusstaates einen internationalen Komponistenwettbewerb aus, und angeblich seien mehr als 100 Vorschläge eingegangen. Ob da auch was vom Siegel dabei war? Fünf davon schafften es jedenfalls in die engere Wahl, interessanterweise alle von Menschen aus dem Umfeld der Band oder dem Leadsänger Nika Kocharov selbst verfasst. Am 4. Februar 2016 stellte der Sender GBP sie der Öffentlichkeit vor und spielte sie seither regelmäßig im Programm. Seitdem durften die Georgier/innen per SMS voten, und – das nenne ich mal eine Wahlbeteiligung! – rund 1.500 Stimmen gingen bis heute ein. Mehr als 1.300 davon entfielen auf den Titel ‚Midnight Gold‘. Eine vierköpfige internationale Jury, bestehend aus dem russischen Blogbetreiber Andy Mikheev (escKAZ), dem Mello-Mastermind Christer Björkman (SE 1992) und den bereits für Georgien tätig gewesenen Choreograph/innen Sasha Jean Baptiste und Marvin Dietmann, die ihre Voten heute Abend live in der Nachrichtensendung Komunikatori durchgaben, entschied sich zwar mehrheitlich für ‚Sugar and Milk‘, konnte aber gegen die klare Übermacht der Zuschauerstimmen nichts ausrichten.

Il pleut de l’Or, wie der Schweizer sagen würde

Und das ist auch gut so! Denn obwohl ich gegen Indierock üblicherweise eine starke Allergie hege, muss ich sagen, dass mir ‚Midnight Gold‘ richtig gut gefällt. Und zwar richtig, richtig gut! Das liegt an dem krassen Verstärkergefiepe, mit dem die Lolitaz die rotzig abgelieferte Nummer ab der Mitte aufpeppen und das mich an die guten alten Neunziger erinnert, als man sich noch per Telefonmodem ins Internet einwählen musste, wobei man ähnliche Soundattacken zu ertragen hatte. Und das bei vielen in der Wolle gefärbten Eurovisionsfans einen heftigen Migräneanfall auslösen dürfte. Aber auch an den ordentlich bratzenden Gitarren, denn wenn schon, denn schon. Außerdem haben die völlig stoischen, fast schon versteinerten Gesichter, mit denen die Indiejungs da vor sich hin musizieren, in all ihrer ostentativen Ist-mir-egal-Haltung fast schon wieder etwas Majestätisches. Ein bisschen erstaunt mich, dass es nicht die vom Frontmann geschriebene Ballade ‚Weagree‘ geworden ist, die den Zuhörer in watteweiche Soundwälle einlullt und sanft in den Tiefschlaf wiegt. Aber, wie gesagt: alles richtig gemacht, Georgier! Jetzt bin ich mal extrem gespannt, wie das in Stockholm abschneidet.

Leerzeichen waren gerade aus am Kaukasus. Kommtvor.

Wie schaut's? Kommen die georgischen Lolitaz ins Finale?

  • Nicht in einer Million Jahren! Das ist ja ein tätlicher Angriff auf die Gehörnerven! (26%, 20 Votes)
  • Auch wenn ich persönlich es liebe: das ist viel zu weit weg vom Mainstream, als das es punkten könnte. (23%, 18 Votes)
  • Aber so was von! Der Song ist endgeil, außerdem geht eine Rocknummer immer, und bislang gibt's noch keine Konkurrenz. (18%, 14 Votes)
  • Mir egal, ich will endlich wieder eine Sopho! (17%, 13 Votes)
  • Auch wenn ich persönlich davon Migräne bekomme: es ist Georgien. Es ist Rock. Klar kommt das weiter. (8%, 6 Votes)
  • Das werden die Jurys schon zu verhindern wissen. (5%, 4 Votes)
  • Dafür werden die Jurys schon sorgen. (4%, 3 Votes)

Total Voters: 78

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2 thoughts on “Leaving all my Midnight Gold in Georgia

  1. Ich hätte gedacht, dass der Hausherr die Nummer in Grund und Boden verreißen wird, weil sie doch so eigentlich überhaupt nicht seinem Geschmack entspricht. Umso schöner, dass er über seinen Schatten springt und diesem Oasis-Soundalike-Song was abgewinnen kann.
    Und selbstverständlich kommt so was nicht ins Finale. Ich würde mich freuen, sollte ich mich iren.

  2. Herrliches Geschrummel. Zwei Probleme: 1. funktioniert Rock beim ESC nicht sonderlich gut und 2. schon mal gar nicht mit der klassischen Bandformation auf der Bühne. Ich fürchte sehr, die bleiben im Semi hängen. Täte mich ganz dolle freuen, wenn ich falsch geunkt habe. Das ist nämlich wirklich richtig gut. Somit schließe ich mich dem Vorschreiber herlich gerne an…

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