Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: der Maul­trom­me­lirr­sinn am Super­sams­tag

Ein wei­te­rer ereig­nis­rei­cher Super­sams­tag liegt hin­ter uns. Neben der Ent­schei­dung in Island lie­fen in fünf Län­dern wei­te­re Vor­run­den. Im Gast­ge­ber­land des ESC 2016, Schwe­den, war es bereits die drit­te, und noch immer nichts dabei, das mich beson­ders berührt hät­te. Selbst­re­dend flo­gen die bei­den ein­zi­gen Bei­trä­ge des gest­ri­gen Melo­di­fes­ti­va­len, die mich nicht kom­plett zu Tode lang­weil­ten, uni­so­no raus. Näm­lich zum einen den ursprüng­lich unter dem Titel ‘Love take me hig­her’ für Alca­zar geschrie­be­nen Schwe­den­schla­ger ‘Kom ut som en stjär­na’, statt­des­sen nun dar­ge­bo­ten von Drag-Act After Darkvom dem aller­dings das pin­ke Kleid und der ohrenz­er­mür­bend schie­fe Gesang als ein­drück­lichs­te Erin­ne­rung bleibt. Sowie zum ande­ren das tanz­ba­re Penis­ver­herr­li­chungs­lied ‘You car­ved your Name’, das mit so schö­nen Text­zei­len auf­war­te­te wie “Gon­na bring you to your Knees” oder “’cau­se it’s big­ger than it seems”, zu denen sich Inter­pret Swing­fly dann auch unab­läs­sig ans Gemächt griff. Die EBU-Ober­zen­so­rin Sara Yuen, die 2003 dem Öster­rei­cher Alf Poier sol­cher­lei Anzüg­lich­kei­ten noch strikt ver­bot, dürf­te bei die­sem Anblick wohl in Ohn­macht gefal­len sein. Swing­flys ein wenig prol­lig wir­ken­de, für den kraft­vol­len Refrain zustän­di­ge Duett­part­ne­rin Hele­na Gutar­ra mach­te übri­gens schon mit so hüb­schen Hits wie ‘Dick­suc­k­in’ von 2013 auf sich auf­merk­sam. Sub­til!

Ver­teilt es wie eine Tro­pen­krank­heit: Swing­fly (SE)

In die Andra Chan­sen zogen der sin­gen­de Fuß­bal­ler Boris René (nett) und die New­co­me­rin Sara Lars­son ali­as SaRa­ha, die mit dem unter ande­rem von Aser­bai­dschan-Alle­ri­te­ra­ti­ons-‘Always’-Arash (2009) kom­po­nier­ten ‘Kizun­gu­zun­gu’ bewies, dass das Publi­kum schlech­te Gesangs­leis­tun­gen in einem knal­li­gen, afri­ka­ni­sier­ten Uptem­po­stück durch­aus ver­zeiht, solan­ge die Sän­ge­rin weiß ist. Stel­la Mwan­gi (NO 2011) dürf­te sich dies­be­züg­lich gera­de schwarz ärgern. Direkt ins Fina­le zogen die gefühls­du­seln­den Cas­ting­show-Tee­nies Oscar Zia und Lisa Ajax (nicht mit dem Rei­ni­ger ver­wandt), mit denen ich so über­haupt gar nichts anfan­gen kann. Alle Hoff­nun­gen ruhen nun auf der fürs vier­te Del­täv­ling gesetz­ten Schwe­den­schla­ger­le­gen­de Lin­da Bengt­zing. Im zwei­ten Halb­fi­na­le der est­ni­schen Vor­ent­schei­dung hin­ge­gen mach­ten das Publi­kum und die Jury fast alles rich­tig und wähl­ten von den zehn ange­tre­te­nen Acts vier rich­ti­ge und nur eine fal­sche wei­ter. Am erstaun­lichs­ten und erfreu­lichs­ten: das Publi­kum ret­te­te mei­nen per­sön­li­chen Eesti-Laul-Favo­ri­ten Meis­ter­ja­an mit dem auf bes­te Wei­se ver­stö­ren­den ‘Par­mu­pil­li­hul­lus’ (‘Maul­trom­me­lirr­sinn’) vor der offen­sicht­lich musikun­kun­di­gen Jury. Womit sich wie­der ein­mal bestä­tigt, dass die Esten das ver­dammt noch mal cools­te Volk Euro­pas sind. Als wei­te­res her­aus­ra­gen­des Stück, das es ins Fina­le schaff­te, dort allen Umfra­gen zufol­ge aber wohl kei­ne gro­ße Chan­ce haben wird, ist ‘Sal­ly’ von Go away Bird zu nen­nen, das sich dafür aber für den nächs­ten Quen­tin-Taran­ti­no-Sound­track emp­fiehlt.

Sert­ab Ere­ner hat ange­ru­fen und will ihre Bonda­ge-Cho­reo­gra­fie zurück (EE)

Heu­te blau und mor­gen blau (EE)

Ein­zi­ger Fehl­griff, für den das Publi­kum ver­ant­wort­lich zeich­ne­te: anstel­le der mit einem star­ken visu­el­len Kon­zept und einer düs­ter-fra­gi­len Elek­tro­bal­la­de namens ‘Meet Half­way’ antre­ten­den (und lei­der aus­ge­schie­de­nen) Púr Múdd zogen sie das extrem kon­ven­tio­nel­le, von Sven Lõh­mus (u.a. ‘Rocke­fel­ler Street’, EE 2011) kom­po­nier­te ‘Sto­ries untold’ von Gre­te Paia vor, die daher kam, als habe sie ihr Büh­nen­out­fit in einem tür­ki­schen Braut­mo­de­la­den ein­ge­kauft (und sich dabei der­ar­tig vie­le Bak­la­va ein­ver­leibt, dass sie nun unter Ver­stop­fung lei­de). Dafür schaff­te es das fabel­haf­te ‘Pati­ence’ von I wear Expe­ri­ment, bei dem ich zwar schwö­ren könn­te, die Hook­li­ne schon mal irgend­wo gehört zu haben, das aber im Fal­le eines Eesti-Laul-Sie­ges ohne­hin dis­qua­li­fi­ziert wer­den müss­te, weil die Band es tat­säch­lich wagt, auf “Fire” etwas ande­res als “Desi­re” zu rei­men. Uner­hört! Im est­ni­schen Fina­le am nächs­ten Sams­tag läuft es den Umfra­gen zufol­ge jedoch auf ein Kopf-an-Kopf-Ren­nen zwi­schen dem letz­te Woche vor­ge­stell­ten Zei­chen­trick-Video-Kon­zept von Car­toon (das die Mög­lich­kei­ten des vir­tu­el­len Büh­nen­bil­des neu aus­lo­tet und damit für hit­zi­ge Debat­ten in Fan­krei­sen sor­gen dürf­te), dem von Stig Räs­ta (EE 2015) geschrie­be­nen, faden ‘Play’ und dem im Ver­gleich zu den sons­ti­gen Eesti-Laul-Per­len arg öden ‘Super­so­nic’ von Lau­ra hin­aus.

Zar­tes Näs­chen, tol­le Kno­chen­struk­tur! (EE)

When Love takes over (EE)

Über­sprin­gen kön­nen wir die bereits sieb­te Show des litaui­schen Vor­ent­schei­dungs­ver­fah­rens Euro­vi­zi­jos, in dem sich so über­haupt nichts Berich­tens­wer­tes tat, son­dern ledig­lich drei wei­te­re No-Hoper aus­schie­den. Direkt wei­ter also zum zwei­ten Halb­fi­na­le ins Land der Magya­ren. Dort ver­lo­ren wir die super­coo­le Elek­tro-Har­fen-Com­bo Pas­sed und ihr wun­der­schö­nes ‘Drif­tin’. Wie schmerz­lich! Mit gro­ßem Abstand gewann erneut ‘Pioneer’ Gábor Alfréd Fehér­vá­ri ali­as Fred­die die rei­ne Jury-Abstim­mung und fes­tig­te damit sei­ne Posi­ti­on als stärks­ter Her­aus­for­de­rer des poten­ti­el­len Euro­vi­si­ons-Rück­keh­rers András Kal­láy Saun­ders (HU 2014). Im A-Dal-Fina­le am kom­men­den Super­sams­tag (wenn gefühlt 400 Natio­nen gleich­zei­tig ent­schei­den) sor­tiert zunächst die Jury aus den ver­blie­be­nen acht Acts vier Super­fi­na­lis­ten vor (Sie wis­sen, mit der Demo­kra­tie hat man es in Ungarn nicht so), unter denen dann immer­hin das Publi­kum bestim­men darf. In Finn­land schräg­te es unter­des­sen in der drit­ten und letz­ten Vor­run­de des UMK mit den Guša­ni Bro­thers und ‘Poom Poom’ erwar­tungs­ge­mäß einen wei­te­ren besin­nungs­lo­sen Bol­ler­he­ten-Bal­ler­mann-Bei­trag. Wir leben in fins­te­ren Zeit: Spaß ist offen­sicht­lich mitt­ler­wei­le ver­bo­ten. Immer­hin: die Par­ty-Rock-Chicks Bar­be-Q-Bar­bies (groß­ar­ti­ger Name!) schaff­ten es ins Fina­le. Nicht, dass es wei­ter von Belang wäre: zu den fin­ni­schen Sie­ges­fa­vo­ri­ten zählt kei­ner aus der gest­ri­gen Run­de.

Wie Marie­Ma­rie, nur dezen­ter ange­zo­gen (HU)

Ein­fach mal voll auf die Zwölf: da ist die Spaß­brem­sen­frak­ti­on davor (FI) (Und, lus­ti­ges Detail am Ran­de: das Video vom UMK-Live­auf­tritt ist in Deutsch­land aus Copy­right-Grün­den gesperrt. Die Stu­dio­fas­sung, von der sich inter­es­sier­te Musik­die­be wun­der­schön eine MP3 zie­hen könn­ten [was ich natür­lich auf das Ent­schie­dens­te ableh­ne!], darf aber gezeigt wer­den. Ihr merkt schon selbst, dass Ihr sie nicht mehr alle an der Mur­mel habt, oder?)

2 Gedanken zu “Per­len der Vor­ent­schei­dun­gen: der Maul­trom­me­lirr­sinn am Super­sams­tag

  1. Der Eesti Laul hat die­ses Jahr wirk­lich so unglaub­lich vie­le schweinecoo­le, pro­gres­si­ve und krea­ti­ve Num­mern im Ange­bot, dass es eine wah­re Schan­de ist, dass man nur eine davon in Stock­holm sehen darf (z.B. auch die Büh­nen-Licht-Per­for­mance von Mick Peda­ja – Seis ist der Ham­mer!). Ande­re Län­der wür­den ich die Fin­ger danach lecken, jeden belie­bi­gen aus­ge­schie­de­nen Eesti Laul-Bei­trag zu ihrem eige­nen machen zu dür­fen.

  2. Eesti Laul” ist wirk­lich gut die­ses Jahr. Zwi­schen­zeit­lich habe ich mich wirk­lich blau, schwarz und weiß (die Far­ben der est­ni­schen Fah­ne) geär­gert, dass ich kei­ne Rei­se zum Fina­le in der Saku Suur­hall gebucht habe. Aber das Aus­schei­den von Ger­tu Pabbo (wirk­lich toll insze­niert mit den Land­schafts­auf­nah­men) und den LaL­a­La­dies hat mei­ne Reue gelin­dert (wie auch das Aus­schei­den von Würf­fel letz­te Woche). Dass Meis­ter­ja­an dabei sind, fin­de ich stark. Hat mich über­rascht, ist aber dann doch kei­ne all­zu gro­ße Sen­sa­ti­on wenn man bedenkt, wer da in der Ver­gan­gen­heit schon wie weit kam.

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