Supersamstag 2016: Rettet die Schlagerdiven

Er geht als Abend der Überforderung ein in die Annalen der Eurovisionsforschung, der gestrige Samstag: in zehn Ländern gleichzeitig liefen Grand-Prix-Vorentscheidungen. Darunter drei Finale, von denen eines, nämlich das italienische San-Remo-Festival, ohne Ergebnis zu Ende ging, weil die dortigen Sieger einen Kümmert pullten und das angebotene Ticket nach Stockholm erst mal ausschlugen, sich dann aber doch Bedenkzeit ausboten. Befassen wir uns hier nun aber zunächst mit sechs der sieben Nationen, in denen Vorrunden stattfanden (Island wird von mir, wie angekündigt, mit Nichtachtung gestraft). Die meisten Eurovisionsfans entschieden sich angesichts des massiven Überangebotes wohl für das beliebteste Format, nämlich das schwedische Melodifestivalen, von dem die zweite Vorrunde über die Bühne ging. Und mit einem noch schlechteren musikalischen Aufgebot enttäuschte als die erste vor einer Woche. So richtete sich der Fokus auf das Rahmenprogramm, in dem die schwedische Siegerin von 1999 und erfolglose Titelverteidigerin von 2008, Charlotte Perrelli, einen witzigen (und vorbehaltlos zu unterstützenden) Aufruf zur Rettung der bedauerlicherweise langsam aussterbenden Spezies der Schlagerdiva zu Gehör brachte. Und zwar zur Killermelodie von Helene Fischers ‚Atemlos‘! Damit adelt sie den Titel zur neuen Kampfhymne aller europäischen Schlagerfans. Grandios!

„Rettet Schlagerdiven“, fordert Charlotte. Wo kann ich unterschreiben? (SE)

Um so schmerzlicher das völlige Fehlen von Schlagerdiven im offiziellen Line-up. Oder vielmehr das fast völlige Fehlen: dem von Perrelli beschriebenen Patentrezept mit Stilettos, Konfetti, Pyrotechnik und Haareschütteln kam der Auftritt von Krista Siegfrids noch am nächsten, die mit ‚Faller‘ einen mäßig originellen, aber zumindest eingängigen und druckvollen Popschlager darbot, unterstützt von einer klassischen Tanzchoreografie und absolviert in roten Rennfahrer/innen-Outfits. Doch solche Nummern scheinen auch in Schweden nur noch als Parodie geduldet: die finnische Vertreterin (‚Ding Dong‘) und Frauenküsserin von 2013 schaffte es noch nicht mal in die Andra Chansen. Dabei musste sie sich für Mello-Auftritt sogar frei nehmen: eigentlich hätte sie zur selben Zeit gerade die zweite Vorrunde des heimischen Vorentscheidungsformats UMK moderieren sollen. Eine Schande. Zumal die restlichen sechs Beiträge des Mello nur langweilten, einschließlich der direkt ins Finale prolongierten Songs von David Lindgren und einer Wiktoria. So langsam müssten sie dann doch mal in die Pötte kommen in Schweden, wenn das mit der angestrebten Titelverteidigung etwas werden soll.

Gefallenes Mädchen: ‚Ding-Dong‘-Krista war in Schweden nicht erwünscht

A propos UMK: keine Überraschungen gab es in Finnland. Dort schrägte es das Duo Attention 2, zwei propere Schulmädchen, die mit ‚Ready for the Show‘ eine sehr unterhaltsame, quietschend bunte Performance darboten und den Achtzigerjahre-Trend Rollschuhlaufen wiederbelebten, aber leider sangen wie zwei rostige Gießkannen. Was für ein wunderschöner Carcrash! Meine beiden Favoriten Cristal Snow und Annica Milán & Kimmo Blom schafften es erfreulicherweise ins Finale, beide mit fantastisch dramatischen und druckvollen Balladen und jeweils sehr zurückgenommenen, aber effektiven Präsentationen (sehr schön die zunächst hinter roten Tüchern versteckten, Teufelshörner tragenden Chorsängerinnen Cristals, die ‚Love is blind‘ auch stimmlich trugen). Mit deutlichem Abstand vor diesen beiden schaffte es leider aber auch die im schlechtesten Sinne musicalhafte Ballade ‚On it goes‘ von Mikael Saari, der bereits überall als finnischer Repräsentant 2016 gehandelt wird. Was mich wiederum verzweifelt feststellen lässt, dass ich wohl in einem anderen musikalischen Universum leben muss als die große Mehrheit der Menschheit: was diese an diesem zähen, trockenen, deprimierenden, ja irgendwie lustfeindlichen Liederpropfen findet, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

2 Big Mäc? Als Menü? Kingsize? Bitte fahren Sie zum Fenster vor! (FI)

In Ungarn fand das erste von zwei Semifinals statt. Dort verloren wir unter anderem Reni Tolvai, die den Fallschirm aus ihrem ersten A-Dal-Auftritt gegen ein rotes Tuch austauschte, das sie drei Minuten lang in den Luftstrom mehrerer kreisförmig um sie aufgestellter Windmaschinen hielt. Auch auf ihren Patronengürtel verzichtete sie zugunsten eines klassischen Prostituierten-Outfits, brachte aber immerhin ihre muskelbepackten American-Football-Spieler mit. Das zündete visuell insgesamt nicht mehr ganz so stark und bescherte ihrem bollernden Balkanpopliedchen ‚Fire‘ das Aus. Danke, tschüss hieß es leider auch für das wunderschöne, atmosphärische Chill-Out-Stück ‚Hold on to‘ der Karmapolis. Von den Televotern gegen die korrupte Jury gerettet werden mussten Mushu mit dem sozialkritischen Rock-Gospel ‚Uncle Tom‘. Ein wenig überraschend reichte es für die im Vorfeld bereits als fixe Sieger gehandelte Kállay Saunders Band bei den Juroren nur für den dritten Rang, es siegte der schnuckelige Petruska mit dem schwungvoll-folkigen ‚Trouble in my Mind‘. Wird dies auch im A-Dal-Finale in 14 Tagen gelingen?

Die Superbärte: Petruska (HU)

Feuer brennt nicht nur im Kamin (HU)

Einen langsamen Favoritenrutsch im Juryvoting erlebten wir auch in Litauen. Dort schaffte es der eigentlich als sichere Bank geltende Donny Montell in der drölfundsiebzigsten von gefühlt siebentausend Vorrunden ebenfalls nur noch auf Rang drei. Abschied nehmen hieß es hier vom Schnellen Ivan und seiner hellenischen Sirene: ‚Please don’t cry‘, so der Titel ihrer zähen, schief gesungenen Bombastballade, dürfen sich Ištvan Kvik & Ellada nun selbst zu Herzen nehmen. Ein hochgradig unterhaltsames zweites Semifinale lieferte die Ukraine ab. Das begann schon mit dem ersten Künstler des Abends, dem ausgesprochen niedlichen Arkadiy Voytyuk, der im Holzfällerhemd und mit Hut einen temporeichen, irgendwie herrlich naiv wirkenden Country-Folk-Song namens ‚Vse v tob‘ zu Gehör brachte- jawohl, in der Landessprache gesungen, was einen wunderschönen Kontrast zu dem amerikanischen Klängen seines Beitrags bot. Nun ist Country im europäischen Osten ja eigentlich ein absolutes No-Go, wovon auch Texas Lightning (DE 2006) ein Lied zu singen wissen, und folgerichtig schaffte es Arkadiy auch leider nicht ins Finale. Aber immerhin einen respektablen vierten Rang konnte er erkämpfen, was wohl auch an seinem lausbubenhaften Charme lag. Jedenfalls sind genau dies die Songperlen, wegen denen ich so gerne Vorentscheidungen schaue!

Der ukrainische Waylon (Common Linnets): Arkadiy Voytyuk

Auf dem letzten Rang landete eine quietschbunte Manga-Girlgroup namens Japanda, die sich als Maikäfer verkleideten und den deutschen Rapper Cro mitbrachten. Außerdem hatten sie sich lustige Haardutts geflochten und eine ziemlich perfekte Robot-Dance-Choreografie einstudiert. Schade nur, dass ihr Song ‚Anime‘ sich als brutaler, hoch aggressiver Angriff auf die Gehörnerven eines jeden dem Kindergartenalter bereits entwachsenen Menschen erwies. Als Spektakel aber sehenswert! Putzig hingegen der Auftritt der Glamrock-Band Peaks of Kings, die alte Poison-Zeiten heraufbeschworen und sich weder bei der Haarlänge noch beim Kajalgebrauch irgendeine Form von Zurückhaltung auferlegten. Ihre Darbietung, insbesondere das brünftige Gehauche und Gebrülle ihres Leadsängers, sorgte beim Zuschauer für Lachsalven und hinterließ den Eindruck einer Schülerband, die ausgerechnet beim nationalen Vorentscheid ihren ersten öffentlichen Auftritt absolviert. Was auch den Tatsachen entsprach: die wie Jurorin Ruslana (UA 2004) aus den Karparten stammenden Jungs performten hier das erste Mal vor Menschen, die nicht zu ihrer Familie oder dem Freundeskreis gehörten.

Manga-Mädchen aus der Hölle: Japanda (UA)

Manchmal ist es von Vorteil, die Hoffnung aufzugeben (UA)

Ein Knüller auch die Darbietung von Viktoria Petryk, die mit einem turbobeatgetriebenen Schwedenschlager antrat. Passend zum Titel ‚Overload‘ auch ihr Outfit: ein weißes Lederjackett, das ihre pralle Oberweite so richtig in den Vordergrund rückte und mit echsenhaft spitzen Schulterpolstern die visuelle Wucht der drallen Tina-Karol-Wiedergängerin noch unterstützte. Wie bei ihrem offensichtlichen Vorbild musste man auch Viktorias Aussprache des Englischen als fußnägelaufrollend brandmarken. Gott sei Dank saß, anders als am Freitag in Österreich, keine Muttersprachlerin wie Julie Frost (Komponistin von ‚Satellite‘) im Expertenpanel, die darunter Höllenqualen zu leiden gehabt hätte. Allerdings fragte man sich beim Blick auf die drei Finalisten, welche bewußtseinszerstörenden Drogen die Ukrainer/innen, inklusive der Jury, so einwerfen? Ganz vorne landete nämlich ein brechreizerregend kitschiges, musikalisch komplett wirres ‚Lovemanifest‘, das nach einer Null-Punkte-Klatsche im Semi nur so schreit, gefolgt von einer ausgelutschten Pseudo-Lesben-Trashpop-Darbietung der als Gestrenge Gebieterinnen aufgemachten NuAngely. Schauder.

Overload, in der Tat (UA)

Wo ist das Vögelchen? (UA)

Zu voller Größe lief der gestrige Nachmittag (los ging es bereits um 18 Uhr) aber beim drittplatzierten Act auf, der Band Pur:Pur. Deren Beitrag ‚We do Change‘ entzieht sich jeder Beschreibung und klingt am ehesten so, als hätten Pur:Pur beim Komponieren die richtigen Substanzen eingeworfen, das aber in rauen Mengen. Doch man nimmt ihn ohnehin höchstens unterbewußt wahr, weil man so sehr vom Erscheinungsbild der Sängerin gefesselt ist, die aus unerfindlichen Gründen einen gigantischen Vogelkäfig auf dem Kopf spazieren trägt. Was ihr in Verbindung mit ihrem Hohepriesterinnengewand das Aussehen einer versehentlich auf die Erde gebeamten Herrscherin eines unbekannten Planeten in einer weit entfernten Galaxie verleiht. Die Faszination lässt auch die kompletten drei Minuten nicht nach und funktioniert sogar beim wiederholten Anschauen. Was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass ich Prinzessin Oweia unbedingt in Stockholm sehen möchte! Was natürlich nicht passieren wird: der Sieg von Jamala steht ja bereits fest.

Wie Atari auf LSD: Würffel (EE)

Bleibt noch das erste Semifinale der Eesti Laul, die ebenfalls am Samstag stattfand und sich wie immer mit sphärisch-elektronischen Popperlen vollgestopft zeigte bis zum Abwinken. Fünf der zehn exquisiten Stücke flogen raus. Darunter die herrlich verstolperte Klangcollage ‚I’m facing North‘ von Würffel (die ich alleine für den Bandnamen schon liebe), deren Hängenbleiben ich nur als Verbrechen an der Menschheit beschreiben kann. Ähnlich wie beim luftigen Elektropopper ‚Salty Wounds‘ von Windy Beach, wobei das in diesem Fall dem Outfit der Leadsängerin zuzuschreiben sein mag: ein press sitzendes Kleid aus Silberfolie mit einem schwarzen, ganzflächigen Kreuz, das aussah, als solle sie gleich zum Röntgen, gekrönt von der kaputtesten Kreppeisenfrisur seit Madonna. Hübsch anzuschauen hingegen die Mädchen und Jungs von Indrek Ventmann, aus derem folkig-poppigen ‚Hispaania tüdruk‘ ich nicht so recht schlau werde: handelt es sich um ein entspanntes Update zu ‚Eviva España‘? Hat Ott Lepland es geschrieben? Immerhin kommen die Wörter „Kuula“ und „Vartaa“ genau so oft drin vor wie in seinem 2012er Beitrag. Jedenfalls ist auch dieses Stück draußen.

Das nenne ich mal eine klassische Popperfrisur! (EE)

Ein interessantes Experiment wagte das estnische Fernsehen EVT mit der Zulassung der Band Cartoon. Hier bestanden die ersten zweieinhalb Minuten nämlich ausschließlich aus einer Art gezeichnetem Videoclip, der von einer an ‚Take on me‘ erinnernden schwarzweißen Comiczeichnung in eine farbige 3-D-Animation umschlug, welche die zum Song tapsig umhertorkelnde Leadsängerin Kristel Aaslaid zeigte. Sowie holografische Effekte, die man aber vermutlich so auch „in echt“ nachstellen könnte. Was Cartoon wohl auch vorhaben, sollten die Esten sie nach Stockholm schicken. Von der Idee her spannend, weil es die neuen technischen Möglichkeiten noch ein Stück weiter auskostet. Andererseits wirkt es jedoch ein bisschen befremdend und distanzierend, eben eher wie ein Clip denn wie eine Live-Performance. Ein bisschen Zweifel löst bei mir zudem der Bruch in den letzten 30 Sekunden aus, wenn Kristel tatsächlich in Person auf der Bühne erscheint, im selben pinkfarbenen Pfannkuchenkleid, das sie schon im Video trägt, und mit hörbar brüchigerer Stimme weiter singt. Der Song, übrigens, ist ziemlich gut: ein bisschen düster, gleichzeitig poppig und eingängig. Ins Eesti-Laul-Finale hat er’s jedenfalls schon mal geschafft.

In Estland verschwimmen die Grenzen zwischen Realauftritt und Zeichentrick

Oh, es gilt noch einen Nachtrag zu liefern: am gestrigen Abend performte der bereits intern ausgewählte irische Vertreter Nicky Byrne zum ersten Mal seinen Beitrag ‚Sunlight‘ live. Und bestätigte leider alle Spekulationen über seine eher rudimentären stimmlichen Fähigkeiten: sämtliche Stellen in seinem ohnehin nicht besonders originellen und hoch repetitiven Song, in denen ihn sein vierköpfiger Hintergrundchor nicht überdeckte, klangen zum Davonlaufen. Dankenswerterweise sind das nicht all zu viele, und so bleibt abzuwarten, ob Nickys unbestreitbarer Bryan-Adams-Charme (der aufgrund seiner offensichtlichen Nervosität gestern Abend nicht wirklich durchstrahlte) in ausreichendem Maße hiervon abzulenken vermag. Eine weitere spannende Frage ist nun, ob sich ‚Sunlight‘ und der ähnlich dröge dänische Beitrag ‚Soldiers of Love‘ im Semifinale gegenseitig die Stimmen wegnehmen und – hoffentlich – beide scheitern. Einen weiteren Live-Auftritt absolvierte übrigens die spanische Vertreterin Barei, die als Pausenact bei der oben besprochenen ukrainischen Vorentscheidung (!) auftrat. Lieber NDR, aufgemerkt: ja, auch als Big-Five-Land kann man die Möglichkeit nutzen, den eigenen Beitrag im Ausland – wo es zählt – etwas bekannter zu machen. Nein, ob es etwas bringt, weiß man vorher nicht, aber wenn man gut abschneiden möchte, kann man es ja mal probieren. Wenn Spanien das kann, können wir das auch, oder?

Fesch, aber krächzig: Nicky Byrne live (IE)

2 Kommentare zu „Supersamstag 2016: Rettet die Schlagerdiven

  1. Jetzt würde ich aber schon ganz gerne wissen ob „Atemlos“ in Schweden eigentlich bekannt ist. Wenn die Schweden den Hintergrund kennen würden, ließe sich die Nummer sicherlich noch mehr „würdigen“.

    Und Estland: Hach verdammt, die haben einfach viel zu viele gute Nummern im Angebot, nur so ist zu erklären, dass nur die Hälfte meiner persönlichen Finalkandidaten weitergekommen sind.
    Und sollte Cartoon wirklich gewinnen (ich glaube je nicht dran und tippe auf Grete Paia), wäre ich sehr gespannt, wie sich das dann in Stockholm umsetzen ließe.

  2. Irgendwie schade um Krista in Schweden. Der Song war super vorgetragen und auch stimmlich kann man nichts sagen. Aber am Lied selbst fehlte mir irgendwas. Die Vergleiche mit Bengtzing: Ich weiß ja nicht. Kam schon in die Richtung, aber ich hätte eher Veronica Maggio als Linda Bengtzing gesagt. Linda Bengtzing wäre mit „Faller“ jedenfalls nicht aus dem Haus gegangen, geschweige denn es eingesungen.

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