Vier Todesfälle und eine Hochzeit: der schlimme Supersamstag

Fünf Nationen wählten gestern gleichzeitig ihre Beiträge aus für den Eurovision Song Contest 2016 in Stockholm an diesem stressigsten aller Supersamstage der laufenden Saison. Als erste von ihnen startete bereits um 18:40 Uhr MEZ die moldawische Vorentscheidung, wo wir erfuhren, dass die Zahl 16 (wie in 2016) dort „șaișpe“ heißt, was sich nicht von ungefähr wie „Scheiße“ anhört. Folgerichtig griff das rumänische Bruderland, wie fast alle gestern Abend auswählenden Nationen, tief ins Klo bei ihrer Entscheidung. Sehr, sehr tief. Das sah wohl sogar die Siegerin so, die man nach ihrer Akklamation erst mal hektisch suchen musste (war sie eine rauchen gegangen?). Und ich kann es noch nicht mal auf die korrupte Jury schieben, denn es waren die moldawischen Televoter/innen, die den dissonant vor sich hin kreischenden Hexenbesen namens Lidia Isac mehrheitlich zu ihrer Vertreterin bestimmten, mit einem (natürlich von einem schwedischen Team geschriebenen) absoluten Nichts von einem Song. ‚Falling Stars‘ heißt der und dürfte vermutlich als Omen für die Punkteerwartung in Stockholm stehen. Gut, ein paar Länder müssen ja auch im Semi ausscheiden, und in diesem Fall schmerzt es wenigstens nicht.

Zwei Ventilatoren aus dem Baumarkt als Windmaschine: es sieht so billig aus, wie der Song klingt (MD)

Schmerzlich hingegen die Massen an verpassten Chancen: sei es Valentin Uzun (6 Punkte vom Publikum, nichts von der Jury), dessen Anblick mir bereits im Semifinale viel Freude bereitete und der sein wuscheliges schwarzes Haupthaar zwar zu einem schrecklich entstellenden, Miroesken Mopp auftoupiert hatte, aber weiterhin die schönste Brustbehaarung des gestrigen Abends präsentierte, plus eine brennende Trompete! Oder Maxim Zavidia (7 Punkte von beiden), der seinen Songtitel ‚La la Love‘ bei Ivi Amadou (CY 2012) klaute, leider jedoch nicht auch den Song. Und der eine herrlich übertriebene (wenn vermutlich auch ernst gemeinte) Parodie auf grottenschlechte Fernsehballette darbot, die man tatsächlich gesehen haben muss, um sie in all ihrer schrecklichen Schönheit zu würdigen, und zu der er eine Reihe von Chorfrauen mit gigantischen Achtzigerjahre-Frisuren mitbrachte. Oder die unverwüstliche, seit der Steinzeit regelmäßig an der moldawischen Vorentscheidung teilnehmende Doinița Gherman (jeweils 3 Punkte von Jury und Publikum), die es nach all den fehlgeschlagenen Versuchen mit selbstgeschriebenen Ethnostampfern diesmal mit einem eingekauften, sehr mäßigen Schwedenschlager versuchte, dies aber in Begleitung enthusiastisch tanzender schwuler Robocops. Oder die Mittelalterkapelle Che-MD (eine dicke fette Doppelnull), die mit Schwert und Rüstung die Bühne enterten und gekommen waren, um zu rauben und zu brandschatzen, glücklicherweise jedoch das Studio heil ließen.

Oh, seit wann färbt sich Miro (BG 2010) denn die Haare?

Schön zu sehen, dass Dolly Parton immer noch die Menschen inspiriert! (MD)

Oder aber (ja, die Reihe geht noch weiter!) das offensichtlich patriotisch gestimmte Duo Andrei Ionița und Onoffrei (1 Mitleidspünktchen von den Juroren), die vermutlich ein sehr wichtiges Anliegen umtrieb und die als barfüßige, von Stricken gegürtete Kung-Fu-Kämpfer die Arena betraten, um dann zu hübschen Bildern ihrer moldawischen Heimat mit heiligem Ernst eine Art politischer Ansprache zu halten, gelegentlich unterbrochen von flüsterndem, düster klingendem Gesang. Ihr Titel lautete ‚Lie‘, und da sie in ihrer Muttersprache sangen und nicht auf schlechtem Englisch wie so viele ihrer Landsleute, vermute ich, dass damit nicht die schändliche Lüge gemeint war. Ja, ich muss gestehen, dass ich mangels ausreichender Rumänischkenntnisse nicht den blassesten Schimmer habe, was sie uns so Wichtiges erzählen wollten, es muss aber von höchster Dringlichkeit gewesen sein. Immerhin verbrachte, auch wenn das die Wenigsten meiner Leser/innen wissen wollen, der schwule Fußfetischist in mir sehr vergnügliche drei Minuten. Eine Erwähnung ehrenhalber verdient ebenfalls die Drama-Balladesse Nadia Moșneagu (1 Punkt vom Publikum), die einen in seiner subdisneyhaften Kitschigkeit offenbar aus Litauen übrig gebliebenen, zähen Riemen sang, der den Zuschauer direkt in den Tiefschlaf wiegte – bis sie uns mit einer unvermittelt daherkommenden, kreischend hohen Note unsanft wieder aufweckte und plötzlich Blut aus dem Ohr des Zuhörers tropfte. Alles keine ernsthaft eurovisionswürdigen Lieder natürlich, dennoch allesamt besser als das letztlich für Stockholm Ausgesuchte. Eine wirkliche Schande jedoch die Zurückweisung meines Lieblingsbeitrags, der herrlich ethnobunt gekleideten Folk-Popper DoReDos (6 Punkte von der Jury, 10 vom Publikum), die sich zu fröhlichen Folkklängen selbst bescheinigten, ein ‚Funny folk‘ zu sein, die den Genüssen des Lebens bejahend gegenüberstehen, wie sie es in ihrer Hookline „More amore, Marijuhana“ zum Ausdruck brachten. Sehr gerne!

Ein Sturzhelm, ein Knieschoner und ein schwuler Centaurenschild, und fertig ist das Kostüm! (MD)

Ich weiß nicht, was sie uns sagen wollen, aber es scheint ernst zu sein! (MD)

Eine Stunde nach Moldawien, um 19:40 Uhr, startete das Finale des ungarischen A Dal. Diesmal eine besonders schwierige Angelegenheit, denn von den acht verbliebenen Songs hätte ich gerne fünf in Stockholm gesehen und gehört. Wie es zu dem minderdemokratischen Land passt, stimmten in der ersten Runde ausschließlich Juroren ab und sortierten vier Titel aus, darunter zwei meiner Lieblinge. Gedenken wir an dieser Stelle also kurz Mushu, die mit ‚Uncle Tom‘ eine anklagende Allegorie auf den weltweit fortschreitenden, in Osteuropa ganz besonders stark verbreiteten Billiglohnsektor als neue Sklavenarbeit verfassten, wofür sie – vermutlich auf direkte Weisung des ungarischen Semidiktators Victor Orbán, dem solche aufklärerischen Gesänge sicher nicht behagen – mit Zero Points abgestraft wurden. Auch dran glauben musste die Zigankapelle Parno Graszt. Mangels Sprachkenntnissen entzieht sich mir, über was sie sangen – aber die in den Augen der Frontfrau schwimmenden Tränen und der leicht melancholische Unterton ihres fröhlichen Ethnostampfers sagen mir, dass es etwas Trauriges gewesen sein muss. Auch sie kantete die regierungstreu minderheitenfeindliche Jury gnadenlos raus.

Melancholisch schön (HU)

Im Superfinale durften die Zuschauer immerhin mitstimmen, und sie lagen, was den Sieger angeht, auf einer Linie mit der Jury. Viel falsch machen konnten sie nun ja auch nicht mehr: auf der Strecke blieben sowohl der fantastische, hier bereits abgefeierte Petruska und seine Mannen als auch die Kalláy Saunders Band, die möglicherweise über den besten Titel verfügte, deren namensgebender Frontmann und Vertreter von 2014 jedoch so grauenerregend schief sang, dass es beinahe an eine Selbstparodie grenzte. Die verbliebene Wahl erwies sich als die richtige: es setzte sich stattdessen der sehr hübsch anzuschauende, wie so viele seiner Eurovisionskollegen aus einer Castingshow (nein, diesmal nicht The Voice, sondern Rising Star) entsprungene Gábor Alfréd Fehérvári mit der kraftvollen, hingebungsvoll hingeraspelten Rockhymne ‚Pioneer‘ durch. Und wer seinen Namen weder aussprechen noch abtippen mag, kann beruhigt sein: Freunde nennen ihn Freddie. Ein sehr eingeschränkt demokratisches Verfahren ohne Minderheitenschutz also, mit einem dennoch sehr guten Ergebnis in Ungarn – genau umgekehrt lief es in meiner einstigen eurovisionären Lieblingsnation Finnland. Dort stimmten das Publikum und eine aus zehn verschiedenen Segmenten der finnischen Gesellschaft, darunter einige Minderheiten, zusammengesetzte Jury ab. Darin fanden sich Eurovisionsfans, Musiker/innen, Medienmenschen, Youtube-Stars, Finnlandschweden, die Regenbogenfraktion, Abgeordnete, Straßenbauer, Kinder und Nutzer/innen der sozialen Medien.

Ach, dieses herrliche Spiel der Augenbrauen! (HU)

Und dieses Panel überstimmte die Televoter – mit verheerenden Folgen. Denn obwohl das UMK-Finale vor fantastischen Beiträgen nur so barst, entschied sich die Jury mit sehr deutlicher Mehrheit für Sandhja Kuivalainen, eine 24jährige Sängerin mit finnischen und guyanischen Wurzeln, die im Televoting lediglich auf dem dritten Platz landete. Aufgrund des großen Punktevorsprungs im Juryvoting reichte es für das schwungvoll-beliebige Popliedchen ‚Sing it away‘ für den Gesamtsieg. Und dagegen wäre auch gar nichts einzuwenden, hätten die Finnen nicht (übrigens gleichermaßen in beiden Lagern) solche fantastischen Jahrhundert-Songperlen ignoriert wie das tief unter die Haut gehende schwule Liebeslied ‚Love is blind‘ von Cristal Snow oder die herzzerreißende Pärchenballade ‚Good enough‘ von Annica Milán & Kimmo Blom. Beim Publikum lag die auch von vielen Fans favorisierte Saara Aalto vorne, deren irgendwie merkwürdiger Beitrag ‚No Fear‘ sich aber nicht so richtig zwischen Popstampfer, Ethno-Stück und hauchzarter Ballade entscheiden konnte und in meinen Ohren ganz furchtbar klingt, eben wie aus mehreren herumliegenden Versatzstücken planlos und willkürlich zusammengeschweißt.

Finnische Frauenpower: Sandhja

Was mich direkt zu den skandinavischen Kollegen bringt, denn auch in Norwegen siegte ein aus zwei überhaupt nicht zusammenpassenden Musikstücken zwangsverheiratetes Lied. ‚Icebreaker‘ heißt es, ebenfalls ganz unpassend, denn mein Eis bricht es nicht. Ganz im Gegenteil: nichts hasse ich mehr als einen Tempowechsel in einem Song, besonders, wenn es hierfür überhaupt keinen erkennbaren Anlass gibt. Gesungen wird die entsprechend schreckliche, elektrolastige Nummer von einer einzelnen, streng dreinblickenden, blonden Frau in einem hautengen weißen Kleid. Und wer jetzt Margaret Berger (NO 2013) rief, liegt daneben: Agnete Kristin Johnsen nennt sich die hauptberuflich in einer Rockband beheimatete Sängerin, die für den Song Contest auf ihren Nachnamen verzichtet. So wie ich auf jeglichen Anruf für Norwegen, im Mai diesen Jahres. Agnete siegte im MGP-Superfinale sehr eindeutig, mit der doppelten Stimmenzahl des zweitplatzierten Songproleten Freddy Kalas, der mit der reggae-angehauchten Comedynummer ‚Feel da Rush‘ so etwas wie die Fortsetzung des letztjährigen ‚En godt Stekt Pizza‘ von Staysman & Lazz darbot, also praktisch das liedgewordene Äquivalent zu einem Stück Pizza Hawaii.

Eine Bluse wie ein Scherenschnitt: Agnete (NO)

Das versteht man im Norden also unter dem Bacardi-Feeling. Danke, nein (NO)

Für (unfreiwillig) heitere Momente sorgte auch die supersüße, supersympathische schwarze Soulsängerin (ja, das ist eine Bewerbung als Alliterationstexter für Bauer sucht Frau!) Makeda, die sich trotz einer etwas zur Fülle neigenden Figur dazu entschloss, ihre Rundungen in ein transparentes Oberteil und in enganliegende, hoch ausgeschnittene Hot Pants zu zwängen. Was mich unwillkürlich an die einschlägige, hoch unterhaltsame Website People of WalMart denken ließ, die seit geraumer Zeit den mutigen Outfitträgern Amerikas ein virtuelles Denkmal setzt. Makeda schied ebenso bereits in der ersten Votingrunde des Melodi Grand Prix aus wie, schändlicherweise, meine persönlichen Favoritinnen nicht nur dieses Abends, sondern des kompletten Jahrganges, wenn nicht gar dieses Jahrtausends: die fabelhaft lustigen Weltraumlesben The Hungry Hearts und Lisa Dillan nämlich, mit dem discotastischen ‚Laika‘, das neben der mutigen Ankündigung, händchenhaltend durch Moskau laufen zu wollen, auch die deutsche Textzeile „Der Untergang ist jetzt, der Untergang ist hier“ enthielt. Dass sie dieses Glanzstück verschmähten, werde ich den Norwegern niemals verzeihen! Zumal die fabelhaften MGP-Gastgeber, Silya Nyomen und Kåre Magnus Berg (nom nom!) den Abend mit einer sensationellen Comedy-Nummer eröffneten, in der sie zahlreiche Beiträge der letzten Jahre durch den Kakao zogen (vor allem die Schweden bekamen nicht zu knapp ihr Fett weg) und das Rezept präsentierten, wie man die Eurovision gewinnt.

Als Dragqueens verkleidete Weltraum-Lesben: wie soll man die Hungry Hearts nicht lieben? (NO)

Und da sind sie noch mal, im Opening Act des Melodi Grand Prix (NO)

Die unterhaltsame Eurovisionsparodie (und das enttäuschende Endergebnis) teilten sich die Norweger am gestrigen Samstag mit den Slowenen. Dort war es der fabelhafte Comedian und EMA-Moderator Klemen Slajonka, der den Vorentscheid mit einer wunderbar lustigen ‚Euphoria‘-Parodie eröffnete. Sein Glanzstück lieferte er allerdings in der Wertungspause ab, als er in die Rolle des russischen Despoten Vladimir Putin schlüpfte und, zusammengehalten von einem knalligen Popsong, einen rasanten, vor zündenden Gags nur so sprühenden Ritt durch alle Themengebiete unternahm, die uns den Diktator der Herzen so gerne haben lässt. ‚Putin, put out‘ hieß das Ganze, was nicht von ungefähr an den verhinderten georgischen Eurovisionsbeitrag von 2009 erinnert. Roy Delaney vom britischen Blog Eurovision Apocalypse, dem ich die Entdeckung dieses Stücks verdanke (zu dem Zeitpunkt, als das in Slowenien über den Stream ging, verweilte ich längst in Norwegen), mutmaßte bereits, das Slajonka die herrliche Parodie aufgrund der allseits bekannten Humorlosigkeit des Patriarchen demnächst mit einem „radioaktiven Frühstück“ bezahlen könnte, und so sollten sich meine geneigten Leser/innen nicht wundern, falls hier in naher Zukunft der vorhandene Inhalt über Nacht durch antischwule Propaganda ausgetauscht wurde. Oder Ähnliches.

Sehr geehrter Herr Putin, selbstverständlich distanzieren wir uns hier in aller Schärfe von den Inhalten dieses Clips, den wir mit Abscheu und Empörung zur Kenntnis nehmen müssen! (SI)

Morena (MT 2008) hat angerufen und will ihren Act zurück: Nuša Derenda (SI)

Dies kann jedoch nicht über meine Verbitterung hinsichtlich der in Ljubljana für Stockholm ausgewählten Interpretin hinwegtäuschen. Wenigstens kann ich hier meinen gesammelten, ungefilterten, puren Hass in Richtung der vermaledeiten Jury kanalisieren, die bitte daran ersticken möge! Denn, wie schon in vorigen Jahren, verfügte die EMA über das sinnloseste Abstimmungsverfahren, das man sich vorstellen kann: zuerst durften zehn hoffnungsvolle Aspiranten singen, dann wählte alleine die lediglich dreiköpfige Jury – ohne jegliche Zuschauerbeteiligung – zwei Titel für das Superfinale aus, unter denen die Slowenen per SMS entscheiden mussten. Warum man nicht gleich nur die Zwei einlädt, die RTVSLO will, erschließt sich mir nicht. Viel Zeit und Geld ließe sich sparen, verzichtete der Sender, der seinen Zuschauern so offensichtlich nicht traut, auf diese unnütze Farce. Schlimmer als das Unvermögen zur Einhaltung demokratischer Mindeststandards wiegt aber die Wahl, welche die Juroren trafen. Es befanden sich im gestrigen EMA-Line-up ohnehin nur zwei leidlich brauchbare Schlager zweier erfahrener Grand-Prix-Diven. Nämlich das nach einem maltesischen Vorentscheidungsbeitrag der Nuller Jahre – also himmlisch – klingende ‚Tip Top‘ von Cougar Nuša Derenda (SI 2001), welcher die Präsenz ihrer göttlichen, jugendlichen Tänzer verständlicherweise die Stimme verschlug. Sowie das arg quäkig vorgetragene und bis auf den Refrain ziemlich zähe ‚Alive in every Way‘ der in ihrem lustigen, halbärmeligen Schmetterlings-Trickkleid und unter ihrem halbrunden Kochtopfpony etwas geistesgestört hervorblickenden Regina Kogoj (SI 1996).

Die Refrainzeile sollte wirklich „Alive in every Way / The Richness comes when you’re gay“ heißen: Regina (SI)

Tobias Sammet (Avantasia, ULFS 2016) hat angerufen und will seine Zirkusdirektorenuniform zurück: ManuElla (SI)

Doch als viel geistesgestörter zeigte sich die slowenische Jury, die sich anstelle dieser beiden Lieder für zwei völlig andere, völlig inakzeptable Songs entschied. Nämlich das nicht weiter erwähnenswerte ‚Črno bel‘ von Raiven und das letztlich siegreiche, fadenscheinige Countrynümmerchen ‚Blue and red‘ von ManuElla Brečko, die es 2012 bei der groß angelegten Eurovisions-Castingshow Misija Evrovizija bis in die vorletzte Runde schaffte. Ihr Beitrag, der, wie Leser SamTex in den Kommentaren feststellt (danke für den Hinweis!), dem Titel ‚Something in the Water‘ von Carrie Underwood musikalisch doch in erstaunlicher Weise gleicht, macht nun wirklich alles falsch, was beim Song Contest falsch machen kann und bettelt geradezu um den letzten Platz in seinem Semifinale: er kommt als Country-Song daher, wie wir nicht erst seit Texas Lightning (DE 2006) wissen, gerade im Osten ein sicheres Rezept für den Punktetod; er plätschert winselig vor sich hin, statt in die Ohrmuscheln zu knallen; und die verkniffen vor sich hin blickende Sängerin trägt eine schlimme Phantasie-Uniform, die sich nicht zwischen Liftboy, Tambourinmajorette und Zirkusdirektorin entscheiden kann. Ein Trauerspiel. Aber, wie schon bei der Würdigung des moldawischen Wettbewerbstitels festgestellt: jemand muss ja im Semi ausscheiden, warum dann also nicht gleich freiwillig?

Die Inspiration für ManuEllas Songschreiber?

Noch nicht einmal für anständige Perücken reicht es mehr im Schlagergeschäft: Linda Bengtzing (SE)

Ach, und dann war da ja noch etwas an diesem Samstag der vier Verzweiflung verursachenden Fehlentscheidungen und des einen akzeptablen Eurovisionsbeitrags! Nein, ich rede nicht von Litauen, dort passierte nichts Nennenswertes, es flogen nur zwei weitere überflüssige Titel raus. Sondern: die vierte und letzte reguläre Vorrunde des Melodifestivalen. Dort trugen die Anrufberechtigten zunächst einmal mit der glänzend aufgelegten Linda Bengtzing die letzte Aufrechte des amtlichen Schwedenschlagers zu Grabe. Noch nicht einmal für die Andra Chansen reichte es für unser ‚Killergirl‘ mit der raspelkurzen Kampflesbenfrisur und den beeindruckenden Oberarmmuskeln. Dunkle Zeiten brechen gerade an in Europa, nicht nur für die vor dem Krieg flüchtenden Menschen, sondern auch für die Fans mitsingbarer Melodien und extrovertierter Synchrontänze! Auch die drei Hupfdohlen von Dolly Style, der Kinderfaschingsvariante dieser überlebenswichtigen Musikrichtung, erreichten lediglich die Zweite-Chance-Runde. Das ist tatsächlich ein ‚Rollercoaster‘, aber einer, auf dem es nur noch steil bergab geht!

Im Schulmädchenpop aber anscheinend schon: Dolly Style (SE)

Fast noch trauriger als das schon lange befürchtete, nicht mehr zu übersehende Ende der Schlager-Ära beim Eurovision Song Contest stimmt mich die Begeisterung etlicher Fans für die im gestrigen Melodifestivalen weitergewählten Titel. Allen voran der von Frans Jeppsson Wall, bei dem ich durchaus nachvollziehen kann, warum viele ‚I I were sorry‘ für den aussichtsreichsten Kandidaten um den erneuten Auftritt auf heimischem Grund im Mai 2016 halten, und dem ich – man möge mir meine schlechte Laune bitte nachsehen – doch nur unentwegt in seine schleimige Backpfeifenfresse hauen möchte. Nicht wirklich natürlich: wer mich kennt, weiß um meine Friedfertigkeit und dass ich keiner Fliege etwas zuleid tun könnte. Es ist nur der Frust darüber, dass auch Schweden, wie bereits mein Heimatland, und wie bislang fast alle der mitmachenden Nationen, voraussichtlich ein Lied zu meinem einstigen Lieblingsevent beisteuern werden, dem ich nicht wirklich irgendetwas vorwerfen kann. Und mit dem ich gleichzeitig nicht wirklich irgendetwas anfangen kann. Aber was beklage ich mich: mein Glück liegt halt nicht mehr beim eigentlich Song Contest, sondern auf den Spielwiesen der nationalen Vorentscheide, die sicherlich auch in nächster Zukunft die wahren Schätze beinhalten werden.

Tut mir leid, damit kann ich nicht warm werden: Fan-Favorit Frans (SE)

15 Gedanken zu “Vier Todesfälle und eine Hochzeit: der schlimme Supersamstag

  1. Als ich gestern Abend nach dem ungarischen Highlight (ich hätte zwar Petruska bevorzugt, kann aber mit Freddie gut leben) und dem finnischen Megacrash nach Norwegen wechselte, sah ich als erstes den „Icebreaker“ vom Turm steigen und dachte bei mir: wie gruselig, hoffentlich nehmen die das nicht !!! Als dann selbiger Eisbrecher ins Finale kam, schwante mir schon ungutes und nach der ersten Punkteverkündigung aus der Provinz hatte ich den Glauben ans Gute komplett verloren. Höhepunkt der Frechheit: kurz vor dem Voting noch einmal den grandiosen Monstersong vom letzten Jahr performen zu lassen…. Fazit: norwegischer Totalabsturz

  2. Wenn dieser Jahrgang so weitergeht, sollte der NDR schon mal anfangen zu sparen. So chancenlos ist Jamie-Lee dann nämlich auch nicht.

    Andererseits sollte man sich ins Gedächtnisrufen, dass wir ja gerade mal Halbzeit haben. DA kann – und muss! – noch einiges passieren.

  3. Ich glaube, bezüglich Slowenien kannst Du ganz entspannt sein, dieses Lied wird bestimmt nicht teilnehmen. Zwar gibt es bei jedem zweiten Lied Plagiatsvorwürfe, aber so was Dreistes hab ich noch nie gehört – man vergleiche mal Carrie Underwood – Something in the Water – gib es hier auf der Tube: https://www.youtube.com/watch?v=s_HLIOnfJNs

  4. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber ich glaube „If I Were Sorry“ könnte den ganzen ESC gewinnen. Das ist musikalisch so dicht am aktuellen Zeitgeist. Mehr als Måns letztes Jahr. Und die Ähnlichkeit zu „Catch & Release“ ist geringer als die von „Heroes“ zu „Lovers On The Sun“, also wird das auch keinen stören. Und es könnte Jury und Zuschauer überzeugen.

  5. Werde mich später noch ausführlicher zu Wort melden, jetzt auf die Schnelle nur ein wenig Klugscheisserei: 16 heißt auf rumänisch șaisprezece.

  6. Also schlecht fand ich Frans auch nicht. Einfach ein schlichtes kleines Liedchen ohne Schnick Schnack, dicken Brüsten und ne aufgeblähte Bühnenshow! Meinen Anruf hätte er sicher im Finale

  7. So, Tatort ist rum, Zeit also, nun auch meinen Senf loszuwerden …

    Insgesamt fand ich diesen Samstag wesentlich weniger stressig als den vergangenen. Diese Woche gab es zwar mehr FINALrunden, aber die Anzahl der Veranstaltungen insgesamt war doch kleiner. Trotzdem habe ich immer noch nicht genügend Computer (und Bildschirme), um alles parallel verfolgen zu können (immer den Ton hochdrehen, wenn es aussieht, als wenn es interessant wird). Da musste ich Abstriche machen und einiges für später aufheben.

    MD: Die waren zum Glück so früh dran, dass man das fast ungestört ansehen konnte. Nachdem ich mir die Ergebnisse der Semifinals angesehen hatte, schwante mir bereits Schlimmes, insbesondere hinsichtlich des Televotings, etwa dass Maxim Zavida (schauder; Televoting-Sieger SF1) oder Valentin Uzun (grauen; Tele SF1 10 Punkte; zum Glück Jury 0). Dagegen fand ich Juryfavorit SF2 Big Flash Sound (0 Punkte dämliches Publikum) gar nicht so übel.
    Meine persönlichen Faves wären übrigens DoReDoS und vor allem Che-MD gewesen (da liegen wir gar nicht so weit auseinander).
    Doinita hat zwar meine Sympathie, aber dieses Jahr definitiv ihren bislang schwächsten Song.
    Das letztliche Endergebnis gefällt mir zwar nicht besonders, ich bin aber erleichtert, dass es nicht noch schlimmer kam.

    H: habe nur den Anfang gesehen, muss ich noch nachholen. Mein Fave war eindeutig Mushu, aber der ist dann ja leider nicht ins Superfinale gekommen. Unter den Verbleibenden wären mir Kallay Saunders oder Petruska durchaus noch recht gewesen. Den tatsächlichen Sieger finde ich falsch.

    FIN: Die Finnen fand ich dieses Jahr mit am stärksten. Und einige der in meinen Ohren besten Acts blieben sogar bis zum Schluss dabei. Ich konnte mich nicht entscheiden zwischen Saara Aalto, Stella Christine, Barbe-Q-Barbies und Sandhja, hätte jeder von ihnen den Sieg gegönnt. Und bis auf Stella kamen ja alle recht weit. Bin sehr zufrieden mit dem Sieger!
    (Cristal Snow fand ich übrigens grauenhaft).

    N: Die beste Show bislang. Allein schon das Intro war grandios. Mein Sieger wäre eindeutig Laila Samuels mit Afterglow gewesen, und eine Weile blieb die Hoffnung noch lebendig. Richtig enttäuscht war ich aber über den Sieg von Agnete auch nicht. Zwar finde ich den Song auch nicht den Brüller (nein, bestimmt NICHT wegen des Tempowechsels, der ist noch eines der besten Elemente des Stückes; ich mag Tempowechsel, wie alles, das Songs untanzbar macht), aber Agnete gönne ich einen Sieg schon seit ihrem ersten mir bekannten Auftritt mit dem Song vom kleinen dicken Hund (oro jaska, beana), hätte sie natürlich lieber mit einem Rock-Titel gesehen.
    Übrigens: Laika fand ich auch nicht übel!

    SLO: Habe ich noch nicht gesehen. Aus den Vorschauvideos waren meine Favoriten Anja Kotar und Nusa Derenda. Die Siegerin hatte ich gar nicht auf dem Plan. Nachdem ich aber ihren Liveauftritt gesehen habe (nur diesen; nicht den Rest der Show), war ich positiv überrascht.

    S: Same procedure as always … Obwohl dies in meinen Ohren das stärkste der 4 Semis war, passierte, was in Schweden immer passiert: die besten 3 Titel (mein Fave war natürlich Eclipse; Linda Bengtzing war auch ganz ok). Was irgend jemand an diesem Frans findet, kann ich nicht nachvollziehen.
    Unter den verbleibenden Titeln gefällt mir noch der von Molly P-H am besten, aber das ist ja in der AS. Und im Finale gefallen
    mir eigentlich nur noch ihre Namensvetterin Molly Sandén und Wiktoria. Aber die sind vermutlich chancenlos, also brauche ich mir das Finale besser gar nicht anschauen.

    Fazit: 4 Todesfälle und 1 Hochzeit könnte ich fast unterschreiben, aber ich sehe die Hochzeit natürlich in Finnland. Und ganz so tot ist Slowenien auch nicht.

  8. Korrektur zu meinem vorherigen Posting: im Absatz zu Schweden fehlt ein halber Satz: „die besten 3 Titel (…)“ muss weirergehen mit „fallen natürlich raus“.

  9. Oh my god: Das moldawische Lied ist so abgenudelt, dass es fast schon wieder mutig ist, sowas zu schicken. Und Schweden macht es eigentlich richtig: Sie schicken ihre B-, C- und D-Ware in die europäischen Vorentscheidungen, um dann selbst mit den besseren Songs für Schweden itself abzuräumen. Kluge Taktik.

  10. Frans, der kann’s….. Wenn nicht ein Wunder geschieht ( geschehen immer wieder), dann sehen wir uns 2017 schon wieder in Schweden (read my lips bzw Blogeintrag) Ich kann das Niedermachen des Melo nicht mehr hören… Selbst kriegen wir keinen vernünftigen Vorentscheid hin: Müssen uns zwischen Pest und Cholera entscheiden, dass was die Musikindustrie noch ‚mal,recyceln oder irgendwie an den Mann bringen will. In Schweden sind die Hallen voll und das Interesse riesig. Hier schickt man eine Voice-Gewinnerin ( zugegeben das kleinste Übel des Abends) mit einem Lied, das im September schon keiner hören wollte und feiert sich ob der großen Vielfalt, die zur Auswahl stand. Es ist zum Schaudern. Ich drücke dem Frans die Daumen und gut ist!! ( Grummel)

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