Von Göteborg nach Stockholm: ein Kessel Buntes vom Vorentscheid

Meine Güte, was ein Stress: in Köln fanden heute bereits die ersten Generalproben statt für den morgigen deutschen Vorentscheid Unser Lied für Stockholm, bei denen tatsächlich alles auf die langweiligste Option hinauszulaufen scheint; auf den Song, der mich am kältesten lässt: auf das farblose ‚Ghost‘ von Castingshow-Sternchen Jamie Lee Kriewitz nämlich. Gähn. Doch so viel ist noch nachzuholen, so viele Ereignisse stapeln sich noch aus den letzten Tagen, dass sie nur noch in chronologischer Reihenfolge abzuarbeiten sind. Beginnen wir mit dem Halbfinale der lettischen Supernova vom vergangenen Sonntag: dort passierte zwar musikalisch nichts Neues mehr, ging es ja nur noch um das Eindampfen der Finalteilnehmer/innen. Um so lustiger die unvermittelte Zwangspause, als LTV unmittelbar nach dem Auftritt der Band Catalepsia, auf den eigentlich die übliche Kommentierung durch die Jury folgen sollte, plötzlich die Werbung einspielte. Die im Internetstream nicht gezeigt wird, weswegen die internationalen Zuschauer sahen, wie Superbärchen und 2009-Vertreter Intars Busuli, der gerade zu seinem Vortrag ansetzen wollte, rüde aus dem Off abgewürgt werden musste. Auch der zur Publikumsbespaßung in den Pausen eigens eingekaufte Riga Biber wurde von den Geschehnissen überrascht und konnte nicht sofort einspringen. Als Auslöserin des ganzen Chaos entpuppte sich indes eine andere Supernova-Teilnehmerin, Samanta Tīna.

Komm, wir trinken erst mal ein Glas Wein: Leckerli Intars weiß, wie man Pausen überbrückt (LV)

Die entschied nämlich mitten in der laufenden Sendung, den Bettel hinzuwerfen. Offiziell verkündeter Grund: Favorit Justs sei viel besser als sie (stimmt), sie wolle ihm nicht ihm Weg stehen (ha ha). Tatsächliche Ursache: die Dauerbewerberin Tīna war ursprünglich mit zwei Beiträgen in der Supernova gestartet, einen der beiden Titel hatte ihr die Jury schon vor 14 Tagen rausgekantet (zu Recht). An dem hing aber ihr Herz. Und so zog sie ihre Teilnahme komplett zurück, freilich erst, nachdem sie die Welt ein weiteres Mal mit ihrer Performance als bekiffte Nofretete erheitert hatte. Ganz unfreiwillig Schluss war, zur großen Bestürzung meines geschätzten Bloggerkollegen eurofire, aber zu meiner persönlichen Erleichterung, für den inoffiziellen Gewinner des Eduard-Romanyuta-Awards für den abgegrabbeltsten Bahnhofsstricher in einem osteuropäischen Vorentscheid, Markus Riva. Am Montag dann verkündete die BBC das mit Hochspannung erwartete sechsteilige Teilnehmerfeld für die übermorgen angesetzte britische Vorentscheidung Eurovision: you decide (ein wirklich nur äußerst notdürftig verhüllter Euphemismus für Eurovision: it’s your Fault). Große, etablierte Namen: natürlich Fehlanzeige, stattdessen bekamen wir die üblichen Castingsternchen und ehemaligen Neunzigerjahre-Boyband-Buben. Musikalisch erinnerte das Aufgebot an das Wildcard-Clubkonzert von Unser Song für Dänemark 2014: sechs Schattierungen von beige. Nichts wirklich Peinliches – und insofern bereits ein beachtlicher Fortschritt für das ehemalige Mutterland des Pop – aber auch nichts Aufsehenerregendes. Eben wie bei uns.

Einfach zu und zu schön: die Tīna (LV)

Und als seien wir bei DSDS, liefert Schnuckel Karl William Lund (nein, kein Schwede) die ergreifendste Hintergrundgeschichte: er schrieb über zwei Jahre lang an seinem Beitrag ‚Miracle‘, in dem er den – mittlerweile glücklich überstandenen – Kampf seines Schwagers gegen den Krebs verarbeitete. Rührt mich tatsächlich zu Tränen, macht das lahme Lied aber leider auch nicht besser. Mit Rastafrisur und Festival-Kleidung sehr sympathisch wirkt auch das Songwriter-Duo Tomas Twyman und die namensgebende Dulcima Showan, deren folkig-druckvolles ‚When you go‘ tatsächlich eine leicht alternative Farbe zum Contest bringt, aber eben auch eher nach Lagerfeuer klingt als nach Euroclub. Der wohl langweiligste Beitrag sickerte im Vorfeld als einziger durch: die weichgespülte Nullachtfünfzehn-Popballade ‚A better Man‘, gesungen von Matthew James, vor rund zwanzig Jahren mal Teil der Bad Boys Inc. Nein, kannte ich auch nicht, hatten auf der Insel aber wohl Hits. Die schönste Nummer kommt von den beiden ehemaligen (nicht schon wieder!) The-Voice-Kombattanten Joe Woolford und Jake Shakeshaft (Joe & Jake). Und zwar, weil man ‚You’re not alone‘, nach Aussage der beiden 21jährigen eine Art Ode an die Teamarbeit, so herrlich missinterpretieren kann. „I come alive when I’m with you“, „Your Smile tells me where I wanna go“, „All that you want is riding forever“ – mehr homophiles Innuendo könnte der Song kaum enthalten…

„And they don’t need to know“. Doch, wissen sie. Alle. (UK)

Schon am vergangenen Samstag kam es zu einer überraschenden Begegnung der dritten Art in der Schweiz: Heavy-Metal-Großmutter Inge Ginsberg, von der SRF-Jury schon 2015 und auch in diesem Jahr bei der Internet-Vorauswahl zur Großen Entscheidungsshow schnöde übergangen, kam doch noch zu einem Auftritt im deutschschweizerischen Fernsehen. Und zwar, Sie ahnen es bereits, in einer Castingshow: Die größten Schweizer Talente heißt das Format, und wäre der Titel ehrlich gemeint, wäre die über Neunzigjährige dort auch richtig. Inge gab mit Unterstützung der New Yorker TritoneKings ihren ursprünglich für die Vorentscheidung gedachten Song ‚Trümmer‘ zum Besten und sorgte bei der Jury für offene Münder. Schade, ich hätte das viel lieber in Stockholm gesehen – aber vielleicht besteht ja für 2017 noch Hoffnung, jetzt, da der SRF endlich wahrnimmt, welches Gold er da in den Händen hält!

DAS hättet ihr schicken sollen, lieber Schweizer!

Gestern verkündete der NDR dann gegenüber der dpa, dass man nach dem Kümmertgate vom Vorjahr einen neuen Rücktritts-Skandal um jeden Preis verhindern wolle. „Wir haben sehr ausführliche und intensive Gespräche mit Künstlern, Managements und Plattenfirmen geführt und verschiedene Vereinbarungen getroffen,“ zitierte DWDL die Meldung. Einerseits verständlich, dass man sich eine weitere hektisch diskutierte Blamage ersparen möchte. Anderseits auch schade, dass hier ein weiteres Stück künstlerische Freiheit beschnitten wird, nämlich die Möglichkeit, auch nein sagen zu können, wenn man sich der Verantwortung nicht gewachsen fühlt. Immerhin können knickerige Fans jetzt ruhiger schlafen, in der Gewissheit, ihre paar Cent für den Anruf nicht umsonst vertelefoniert zu haben. A propos: ins Superfinale kommen die drei stimmstärksten Acts, die Plätze 4 bis 10 werden daher nicht mehr in Sendung bekannt gegeben, sollen aber später im Internet veröffentlicht werden. Neu: Peter Urban begleitet in der ARD diesmal auch den Vorentscheid mit kurzen Kommentaren. „Wir wollen den typischen ESC-Sound,“ so der NDR-Mann Thomas Schreiber auf der Pressekonferenz, wie die Prinzen berichten. Schöne Idee! Fortsetzen will man auch die Zusammenarbeit mit den verschiedenen deutschen Kunsthochschulen, die Ideen für die Bühnenshows lieferten. Noch schönere Idee!

Die Schrecksekunde hat die deutsche Grand-Prix-Stimme Gott sei Dank mittlerweile verdaut

Knies gab es unterdessen zwischen der EBU und San Marino. Der Miniaturstaat in Italien zeigte sich erbost über die vom ESC-Lenkungsgremium augenscheinlich ohne jegliche Rücksprache mit den betroffenen Teilnehmerländern beschlossenen Änderungen beim Abstimmungsverfahren, nach denen ab sofort Jury- und Televoting nicht mehr zusammengerechnet, sondern einzeln verlesen und aufaddiert werden. Da kleine Länder wie San Marino wegen zu geringer Anruferzahl kein gültiges Televoting zusammenbekommen, zählte dort in der Vergangenheit nur das Plazet der Jury (das, wie beispielsweise auch in Malta, Aserbaidschan oder anderen anfälligen Mitspielern gerne mal äußerst merkwürdige, dem allgemeinen Trend entgegenstehende Ergebnisse zeitigt). Nun aber zwängt die EBU nicht liefern könnenden Nationen ein mathematisch aus dem Durchschnitt der Nachbarländer gebildetes, fiktives Televoting auf. „Kleine Länder werden dadurch wieder einmal diskriminiert. (…) Das ist kaum tolerierbar und das sanmarinesische Fernsehen muss sich ernsthaft überlegen, ob das im nächsten Jahr noch hingenommen werden kann. Es kann nicht sein, dass bestimmte Entscheidungen nicht mit den betroffenen Rundfunkanstalten besprochen werden„, beschwerte sich der Generaldirektor von SMRTV, Carlo Romeo, laut eurofire. Fürchtet man um die fest eingeplanten Einnahmen aus dem Jurystimmen-Verkauf? Das verliert nun immerhin 50% an Wert, dementsprechend dürften die Raten für die Schmiergelder sinken. Doch abseits bösartiger Unterstellungen: mit seiner Kritik am Kommunikationsverhalten der EBU hat Herr Romeo Recht. Selbst wenn man das auch von Fans bereits kritisierte neue Verfahren gerade als Maßnahme zur Unterbindung von Mauscheleien einführte, muss man mit den Betroffenen vorher wenigstens mal drüber reden.

Douze Points alleine schon für das Brusthaar! (MD)

Immer mal wieder für Mauscheleien gut ist auch Moldawien, wo gestern das erste Semifinale über die Bühne ging. Nicht so sehr hat man es im rumänischen Bruderstaat hingegen mit Bandbreite: der Internetstream des Senders TRM erwies sich eher als Standbild, richtig mitverfolgen ließ sich der Vorentscheid nicht. Dafür beeindruckte man wieder in der moldawischen Bestdisziplin, der größtmöglichen Jury-Televoting-Differenz. Der Sieger in dieser Kategorie, Valentin Uzun (Zweiter bei den Zuschauer/innen), erhielt nicht ein popeliges Pünktchen von den Professionellen. Auch die Folk-Rocker Che-MD, Dritte im Televoting, bekamen gerade mal einen Juryzähler. Doch auch bei den Anrufen passierte Erstaunliches: die Rockband Priza, mit 29 Stimmen und dem neunten Rang von den Jurys zwar nicht großzügig, aber immerhin noch irgendwie bedacht, konnte bei den Zuschauer/innen gerade mal 13 Stimmen auf sich vereinigen. In Worten: dreizehn. Gut, der Song war auch grottenschlecht und der Leadsänger klang, als stürbe er gleich vor dem (von einem bösartigen Techniker absichtlich 20 Zentimeter zu hoch eingestellten?) Mikro. Aber dafür sah er gut aus, das alleine hätte doch wenigstens für ein paar Mitleidsanrufe reichen müssen! Zumal man, wie Roy Delaney von Eurovision Apocalypse bemerkte, beim Blick in den Green Room mitverfolgen konnte, wie die Bandmitglieder fleißig für sich selbst anriefen. Und dann dreizehn Zähler: das ist schon bitter.

Kündigen Sie besser nicht ihren Haupterwerbsjob! (MD)

Enden wollen wir mit einer so traurigen wie faszinierenden Meldung, die auch den Kreis zum deutschen Vorentscheid wieder schließt: am Montag starb im Alter von 57 Jahren Margit Geissler, die 1985 Ein Lied für Göteburg (ja, auch damals ging’s nach Schweden!) moderierte. Und zwar auf Rollschuhen – da wollte der seinerzeit veranstaltende Bayerische Rundfunk wohl Jugendlichkeit unter Beweis stellen (und kam trendtechnisch auch nur ungefähr sechs Jahre zu spät). Für Frau Geissler, Anfang der Achtziger noch PR-Assistentin bei Ralph Siegel, die sich die entsprechenden Fähigkeiten in nur drei Tagen draufschaffen musste, ein Highlight ihrer Laufbahn, wenn auch ziemlicher Stress, wie sie 2012 der Süddeutschen anvertraute: „Ich hatte so einen Schiss“! Die gelernte Sängerin und Schauspielerin, zuvor schon in Siebzigerjahre-Sexklamotten wie ‚Heiße Kartoffeln‘ zu sehen, übernahm zehn Jahre später eine Rolle als ehemalige Prostituierte in der ARD-Daily-Soap Marienhof. Selbst ging sie den quasi umgekehrten Weg: nach dem dortigen Ausstieg und dem Ausbleiben weiterer Rollenangebote betrieb sie ab 2012 ein Bordell in München. Nun erlag sie, dem SZ-Bericht zu Folge schon seinerzeit starke Raucherin, dem Lungenkrebs.

Formel Eins, Torten, Rollschuhe und Max Greger: der BR weiß, was die Jugend begeistert!

2 Gedanken zu “Von Göteborg nach Stockholm: ein Kessel Buntes vom Vorentscheid

  1. „Unser Lied für Stockholm, bei denen tatsächlich alles auf die langweiligste Option hinauszulaufen scheint; auf den Song, der mich am kältesten lässt: auf das farblose ‚Ghost‘ von Castingshow-Sternchen Jamie Lee Kriewitz nämlich.“

    Tja, um das zu verhindern, könntest Du natürlich kräftig Werbung für Avantasia machen. Das ist meiner Einschätzung nach die einzige realistische Alternative (die mir durchaus sympathisch ist).

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