Keine Sterne in Tel Aviv: die ersten ESC-Remixe sind da!

Mit dem schwedischen Melodifestivalen, traditionell immer nur wenige Tage vor dem offiziellen Abgabetermin aller Beiträge bei der EBU terminiert, ging gestern Abend die Vorentscheidungssaison für den Eurovisionsjahrgang 2016 zu Ende. Noch aber wartet die Welt mit angehaltenem Atem auf zwei offene Beiträge und zwei ESC-Versionen bereits gewählter Titel. Während bereits seit geraumer Zeit feststeht, dass die Albanerin Enada Tarifa ihr in der Originalfassung sterbensschönes ‚Përrallë‘ in Stockholm in einer (noch nicht veröffentlichen) anglifizierten Version als ‚Fairytale Love‘ verhunzt, stieg in Rom noch immer kein weißer Rauch auf: ob die San-Remo-Zweite Francesca Miechelin ‚Nessun Grade di Separazione‘, wie von den Fans erhofft, in Landessprache singt oder ebenso den Fehler begeht, auf Englisch zu setzen, ist weiterhin offen. Genau so wie die Frage, für welchen Ersatztitel sich Ira Losco entschieden hat: erst am 17. März 2016, also kommenden Donnerstag, soll der Nachfolger für das von der Interpretin selbst nicht als konkurrenzfähig erachtete ‚Chameleon‘ das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Bereits morgen hingegen lüftet Bulgarien den Schleier über dem Lied für Wiederkehrerin Poli Genova. Unterdessen treffen bereits die ersten ESC-Remixe ein, nachfolgend im Überblick vorgestellt.

Die Lolitas auf der Suche nach dem Mitternachtsgold (GE)

Die gekürzte Eurovisionsfassung des georgischen Beitrags ‚Midnight Gold‘ bietet wenig Überraschungen: erwartungsgemäß fiel die exakt hinter der Drei-Minuten-Marke liegende Abschlussstrophe der Schere zum Opfer. Schade, denn gerade diese Klatschfalle erhöhte aus meiner Sicht den Reiz des Liedes. Am verzerrten Elektro-Gefiepe, für viele Hörer sicherlich schmerzbringend, für mich ein weiteres großes Plus des georgischen Beitrags, spielten die (meines Wissens deutschen) Produzenten der Eurovisionsmischung noch ein wenig herum, beließen sie aber im Kern so. Prima! Durch das Video wandelt nun noch eine Frau mit blonder Perücke, ohne dass man weiß, warum. Aber immerhin lockert sie die Stimmung der ansonsten stoisch gelangweilt vor sich hinblickenden Kaukasus-Rocker ein wenig auf. Ist gut geworden!

Mitgezählt! In wie vielen europäischen Metropolen drehte Barei? (ES)

Der spanische Beitrag ‚Say yay‘ zählte auch vor seiner Überarbeitung schon weniger als drei Minuten. Dementsprechend musste man hier auch nicht viel herumschneiden, eine sanfte Politur und ein runderer Beat genügten, um die für meinen Geschmack ohnehin schon fabelhafte Gute-Laune-Nummer noch ein bisschen besser zu machen. Im eigens in zahlreichen europäischen Großstädten gedrehten Videoclip verzichtet Barei dankenswerterweise nicht auf ihr Markenzeichen aus der spanischen Vorentscheidung, den sehr unterhaltsamen X-Bein-Tanz. So dass ich mich der begründeten Hoffnung hingebe, dass sie uns auch in Stockholm damit beglückt. Ich freu mich sehr, sehr hart!

Bisschen blass für einen Funk-Song: Laura und ihre Possee (BE)

Der Remix von ‚What’s the Pressure‘ wirft mal wieder ein Licht auf die alte Frage, ob man einen Haufen Mist so lange aufpolieren kann, bis daraus ein funkelnder Diamant entsteht. Kann man bekanntlich nicht, stattdessen funktioniert aber auch die Masche, ihn in ordentlich Glitter zu rollen. So machte es das belgische Fernsehen mit Laura Tesoros Beitrag. Der brustschwache Funk-Song bekam ein paar dickere Beats und hie und da etwas funkelnde Verzierung. Dennoch bleibt das vorgestellte Video blasser als Lauras Live-Auftritt im belgischen Eurosong. Insgesamt hilft hier alles nicht: ‚What’s the Pressure‘ war vorher nett, aber chancenlos, und ist nach dem Remix immer noch nett, aber chancenlos.

Der süße Wuschelkopf Amir hat nun einen etwas kürzeren. Song natürlich! (FR)

Auch Frankreichs intern bestimmter Vertreter Amir Haddad musste sein anglofrankophones Lied ‚Je cherché‘ eurovisionskonform kürzen. Zuerst dachte ich, er habe einfach die Laufgeschwindigkeit erhöht (was übrigens der Mehrzahl der Beiträge nicht schaden könnte), doch tatsächlich hatte sein Beitrag in der etwas längeren Originalfassung ja schon einen herrlichen Schub. Stattdessen riss man irgendwo in der Mitte eine Brücke ab, und im Songfinale jodelt Amir nun noch etwas stärker herum als vorher. Ändert aber alles nichts: hätte ich mein Herz nicht schon unwiderruflich an Jamala verschenkt, wäre dies mein 2016er Lieblingslied. Jedenfalls erwarte ich für Frankreich dieses Jahr eine Top-Fünf-Platzierung, sonst ist aber was los!

Alles Funkeln entfernt: Hovis Stern sinkt rasant (IL)

Wie man all seine Chancen mit einem Remix unwiederbringlich ruiniert, stellt unterdessen der israelische Teilnehmer Hovi Star unter Beweis. Der hörte leider auf die wenigen Schreihälse, die an dem in der Originalversion sterbensschönen ‚Made of Stars‘ herummäkelten und überlegte gar, mit einem anderen Titel zu fahren, entschied sich dann aber für eine Neuabmischung des Liedes. Leider machte er daraus eine völlig kraft- und saftlose Klavierballade, die den ursprünglichen Reiz seines Titels, nämlich die frappierende Mischung aus druckvoller Elektrohymne und seiner wunderbar melancholisch-kratzigen Stimme, völlig negiert. In meiner persönlichen ESC-Hitliste 2016 fällt der Song von einem Top-Ten-Platz auf die letzten Ränge, und da dürfte ich nicht der Einzige bleiben. Standen die Chancen Israels vorher schon knapp, so bewegen sie sich jetzt im Minusbereich. Schade!

Der Pirat der Ostsee: Michał Szpak (PL)

Bleibt noch das polnische Präsentationsvideo: beim ersten Hören kann ich keinen maßgeblichen akustischen Unterschied zwischen der Studiofassung der Bombastballade ‚Color of your Life‘ zur Livefassung aus dem Vorentscheid feststellen. Dafür um so mehr einen visuellen: alleine der Verzicht des Sängers auf die sterbenspeinliche Milli-Vanilli-Gedächntnisjacke wirkt sich schon sympathiefördernd aus, und das Setting des Videoclips in winterlicher Landschaft und alten Adelsgemäuern trägt ebenso zu einer freundlicheren Aufnahme bei wie die sanft im Zug der Windmaschine wehende saure Dauerwelle von Herrn Szpak. Das alles macht jedoch aus dem polnischen Beitrag noch immer keinen Song, den ich auch nur mit der Kneifzange anfassen würde.

10 thoughts on “Keine Sterne in Tel Aviv: die ersten ESC-Remixe sind da!

  1. Also ich muss bei Hovi ganz klar wiedersprechen, die ursprüngliche Version fand ich völlig nichtssagenden, die überarbeitete Piano Version ist tausend mal besser und hat damit erst jetzt Finalchancen, ich find den Song nun wunderschön!

  2. Ich denke die Jacke hat gut zu dem Polen gepasst. Das Ganze ist musikalisch sowieso aus einer Zeit als man durchaus sowas getragen hat und das war übrigens vor Herrn Farians Buben, eher als es Bonnie M noch gab.
    Könnte mir gut vorstellen dass es nächsten Jahr nach Paris geht und der Langhaarige mit der Samtstimme doch mehr Frauenherzen bezaubert, als wir zur Zeit noch glauben.
    Aber so sehr ich doch fast immer mit deinem Urteil nicht übereingehe, die jungen georgischen Lolitas werden den ESc rocken.

  3. Nachdem ich deinen Kommentar gelesen habe war ich auch sehr gespannt…und ich muss auch sagen , jetzt hat der Song, für mich, auch absolut an Klasse gewonnen….

  4. Das sind doch die Gallagher-Brüder da im Hintergrund des sich so geil britpoppig anhörenden georgischen Beitrags!
    Ich find die Nummer ähnlich geil wie damals „My Story“ von der ersten Sopho und würde mich wahnsinig freuen, wenn das wider Erwarten weiterkommen würde.

    Und Israel finde ich jetzt auch um Welten besser als das furchtbare Gejaule vorher.

  5. Na toll… Israel war das erste Lied, das ich dieses Jahr mitsingen konnte. Jetzt ist es mir dafür zu langsam… Sehr ärgerlich.

  6. endlich weiß ich, woher ich den polnischen spacken kenne…
    letztes jahr in oberammergau….

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