Rumänien 2016: Rock me, Ovidius

Hatte der Grand Prix Eurovision seit meiner Kindheit auch deswegen eine so breite schwule Fanbasis, weil sich der Wettbewerb stets garantiert frei von jedweder Form dampfend heterosexueller Rockmusik zeigte, so vollzog sich mit dem Hinzustoßen der osteuropäischen Länder und dem wieder zunehmenden Zuspruch bei den breiten Massen in den letzten Jahren eine Trendwende auch in dieser Hinsicht. So krass wie 2016 war es aber noch nie: bereits drei im weitesten Sinne dem Genre zuzurechnenden Titel fanden sich im Line-Up, heute Abend kam in Rumänien der vierte hinzu. Bereits im vorgestrigen Halbfinale der gemeinsame Jury- und Televoting-Sieger, gewann Ovidiu Anton mit seinem ‚Moment of Silence‘, einem klassischen Bombast-Rock-Song im Meatloaf-Sound, im heutigen Finale der Selecția Națională erneut mit großem Abstand das diesmal reine Televoting. Die vom feisten Ovid im stilisierten Kämpfer-Outfit und in Begleitung eines ebenso verkleideten Chores sowie eines schwertschwingenden Tänzers vorgetragene Songpropfen fiel, so wie fünf Sechstel des heute vorgetragenen Tableaus, in die Kategorie „völlig ernst gemeint und deswegen in seiner absoluten Fremdschämpeinlichkeit um so befremdlicher“. Herrschte bei vielen Fans bereits die Sorge, der aktuelle Jahrgang könne allzu professionell und glatt ausfallen, rettete uns Rumänien quasi in letzter Sekunde vor dem Schicksal, nichts zum Gruseln zu finden. Danke dafür!

Da hat Avantasia seit dem deutschen Finale aber ganz schön zugelegt!

Der einzige Selecția-Națională-Beitrag, der bei großzügiger Auslegung außerhalb von Rumänien geltenden Maßstäben akzeptabler Popmusik annähernd genügte, nämlich ‚I’m coming home‘ von Vanotek feat. The Code & Georgian (nein, ich habe auch keine Ahnung, wer von denen wer ist und nein, es handelt sich auch nicht um eine Abspaltung der Young Georgian Lolitaz), landete mit ungefähr halb so viel Stimmen auf Rang 2. Der mit großen Hoffnungen wieder angetretene Mihai Trăistariu (RO 2006) musste sich hingegen einer trotz hübsch anzuschauender Tanzshow mit lustigen Tron-Männchen und eines neuen Weltrekordes in der Disziplin „am längsten gehaltener hoher Ton“ mit dem fünften Platz begnügen, was er mit als versteinert nur unzureichend beschriebenen Miene quittierte. Nur gerecht aber für dem unterirdischen Strandbarschlager, den er mit ‚Paradisio‘ einreichte und den man noch nicht mal einer sturzbetrunkenen Meute auf Malle zumuten könnte, ohne dass es zu massiven Ausschreitungen käme. Als bizarrer Höhepunkt des Abends erwies sich eine fußnägelaufrollende, wenn auch sicher gut gemeinte Rendition von ‚Rise like a Phoenix‘ durch Juror Cezar Ouato (RO 2013) im Rahmenprogramm, der sich im Anschluss bei Conchita Wurst (AT 2014) bedankte – für die er sich als eine Art Wegbereiter verstehe, weil beide Opernpop sängen, wie er sagte – und ergänzte, dass die Musik alle vereine, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Und das ist doch mal ein schönes Schlusswort! An mein Herz, Ovidiu!

Hut tut gut: Vinothek mit Code

Ein Erlebnis der eigenen Art: Cezar singt Conchita

Hat Rumänien mit Ovidiu Chancen aufs Finale?

  • Der Song ist grauenhaft, aber Rumänien schafft es natürlich immer ins Finale. Und da dann, wie immer, Platz 15. (45%, 36 Votes)
  • Na klar. Das ist eine kraftvolle Darbietung und eine schöne Rock-Ballade. Prima! (34%, 27 Votes)
  • Nein. Das ist einfach zu schlimm. (21%, 17 Votes)

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