San Marino: mit Lys an der Bar

Noch nachzureichen gilt es den gestern vorgestellten Beitrag San Marinos. Der seit dem überraschenden Rückzug des deutschen Grand-Prix-Veteranen Ralph Siegel vakante Slot des dortigen „Übernimm sämtliche Kosten, dann nehmen wir Dein Lied“-Arrangements ging in diesem Jahr an den französischen Modeschöpfer Thierry Mugler, weswegen die Pressekonferenz zur erstmaligen öffentlichen Präsentation des sanmarinesischen Beitrags auch in Paris stattfand. Denn mit dem kleinen italienischen Bergdörfchen / Ministaat hat der Song ohnehin nichts zu tun: der Text von ‚I didn’t know‘ stammt vom Griechen Nektarios Tyrakis, der Komponist Olcayto Ahmet Tuğsuz stammt ebenso aus der Türkei wie der Interpret Serhat Hacıpaşalıoğlu. Neben der für den Contest produzierten englischen Version sind auch noch eine italienische und eine französische Fassung sowie diverse Disco-Remixe vorgesehen. Auf die bin ich besonders gespannt, denn das Original, eine von Serhat heiser geraspelte Klavierballade, evoziert vor meinem geistigen Auge unweigerlich verwaschene Schwarzweißbilder, auf denen Lys Assia in einem geschmackvollen Cocktailkleid zu sehen ist, wie sie zur blauen Stunde in der Bar des Hotel Imperial an ihrem Old Fashioned nippt, während im Hintergrund der Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs näher rückt. Oder so. Jedenfalls gäbe ‚I didn’t know‘ den perfekten Soundtrack für einen Film der Schwarzen Serie ab, denn aus dieser Zeit scheint auch die Musik zu stammen.

Dr. Ididntknow, der Arzt, den die Frauen verhauen

Für das Musikvideo führte Mugler Regie, ein 68jähriger Mann mit einem durch extensives Bodybuilding und noch extensivere Schönheitsoperationen verstörend modifizierten Äußeren. Geleitet von der künstlerischen Vision eines „neuen Dandy des 21. Jahrhunderts“, den er gegenüber eurovision.tv als „sophisticated und stark, aber auch charmant und einnehmend“ beschreibt, zeigt er Serhat im Clip in nicht weniger verstörender Weise als windigen Tropenforscher aus der Kolonialzeit, mit einem unter dem Hut hervorlugenden, äußerst suspekten, ledernen Monokel-Stirnband-Befestigungsapparat. So eine Art Frankenstein trifft Indiana Jones. Es ist herrlich bizarr, vollkommen chancenlos und endlich mal wieder ein Beitrag aus der Reihe Only at Eurovision. Und dafür danke, Thierry!

Hat San Marino mit 'I didn't know' Chancen aufs Finale?

  • I don't know. Ha ha ha. Nein, null. (61%, 60 Votes)
  • Das sticht mal dermaßen aus dem gleichgeschalteten Radiopop-See heraus, das kommt weiter! (19%, 19 Votes)
  • Hängt ganz stark von der Präsentation ab. Nach dem Video seh ich da aber eher schwarz. (19%, 19 Votes)

Total Voters: 98

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8 thoughts on “San Marino: mit Lys an der Bar

  1. Ich mag ja solche Lieder und solche Filme und die Geschichte mit Lys an der Bar auch. Allerdings würde ich lieber Margot Hielscher dort sehen. Die ist mir sympathischer. Das einzige was mich stört ist sein grottenschlechtes Englisch. Warum singt er nicht auf türkisch – der Song hat ja sowieso nix mit San Marino zu tun. Und wenn die Ösis französisch singen….

  2. Sorry, irgendwie ist mir der Buchstabe i abhandengekommen. Vielleicht hast du ein paar übrig. Kommt davon wenn man beim schreiben keine Brille aufhat.

  3. Meine Güte, was ist jetzt wieder in San Marino gefahren? Erst dreimal Valentina hintereinander und jetzt das hier!
    Wann wurde ein ESC-Beitrag zum letzten Mal so dermaßen zerrissen? 2012, als Georgien den „Jocker“ schickte?

    Dieser Serhat muss eine Menge Geld auf den Tisch gelegt haben, damit der für San Marino so etwas aufführen kann. Das ist kein Lied, sondern eine Komödie. Oder hat das etwas mit dem san-marinesischen Protest gegen das neue Abstimmungsverfahren zu tun?

    Ich halte null Punkte für nicht unrealistisch. San Marino ist im ersten Halbfinale mit Island, Russland, Ungarn, Zypern, Estland, Kroatien, Holland und Moldawien die schon ziemlich gute Sachen am Start haben. Das ist ja eh schon ein Todessemi. Aber dafür ist der letzte Platz für Montenegro vom Tisch. Der „Real Thing“ wurde ja jetzt unterboten.

  4. @Meikel,
    mir ist auch dieser eine Buchstabe plötzlich abhanden gekommen, was ist denn nur los? 😉

  5. Ah, es gab ein Problem mit Akismet (dem WordPress-Standard-Spamfilter für die Kommentare), das hat anscheinend das „i“ verschluckt. Jetzt sollte alles wieder gehen, hoffe ich.

  6. Wenn der Auftritt so wird wie das Video, dann haben wir das nächste Trash-Highlight. Den Song an sich mag ich hingegen sehr. Ist mal was anderes als dieser Casting-Show-Mainstream-Pop, der einem dieses Jahr aus allen Ecken Europas entgegen schlägt.

Oder was denkst Du?