Serbien 2016: ein Fall für den Exorzisten

Und schließlich präsentierte am gestrigen Samstagabend auch noch Serbien sein Lied für Stockholm. Und dieses bringt mich in echte Gewissensbisse. Es handelt sich um eine weitere düstere Ballade (stöhn!), allerdings um eine, die mit einem sich langsam steigernden Liedaufbau, schwelgerischen Geigen, (leider nur sehr) homöopathisch eingestreuten Balkan-Flöten, einem hübschen Gospelchor im letzten Drittel, einem dramatischen Songfinale und vor allem einem wichtigen Text aufwartet: in ‚Goodbye (Shelter)‘ geht es um eine gewalttätige Beziehung, aus der sich die Protagonistin nur schwer lösen kann. Ich sollte das serbische Lied also mögen. Ich möchte es mögen! Ich kann es nur nicht. Wer mir das verunmöglicht, ist seine Interpretin: die vom Sender intern bestimmte Sanja Vučić kommt aus dem Jazz. Und das merkt man: es scheint ihr nicht möglich zu sein, den Song einfach geradeheraus zu singen und einen Ton mal länger als drei Sekunden zu halten. Nein, sie muss permanent ihre – zugegebenermaßen sehr starke – Stimme unter Beweis stellen und phrasiert. Durchgehend. Bis die Schwarte kracht. Um ihre Hingabe ans Lied zu visualisieren, tut sie das zudem unter ständigen krampfartigen Zuckungen, was den Eindruck vermittelt, als sei sie von Dämonen besessen. Man möchte einen Exorzisten herbeirufen; auch, um den Song aus ihren Fängen zu retten. Was einen ironischen Zirkelschluss zum Inhalt ihres Beitrags bildet, diesen aber leider auch nicht rettet. Schade.

Das „ZAA“ steht vermutlich für „Zuckungen auf Abruf“

In der gestern Abend ausgestrahlten Präsentationsshow sang Sanja ihren Beitrag auch in Landessprache, wo er für meine Ohren sehr viel harmonischer und natürlicher, aber auch eindringlicher klingt. Obschon Frau Vučić es hier ähnlich stark übertreibt wie in der englischen Fassung. Wenn man sie also irgendwie überreden könnte, anstelle von ‚Goodbye‘ in Stockholm ‚Iza Osmeha‘ zum Vortrag zu bringen, und wenn man ihr dann noch ein starkes und schnell wirkendes Narkotikum verabreicht, so dass sie mit dem Gezappel aufhört und das anstrengende Modulieren beim Singen unterlässt… aber ich fürchte, den Serben ist diesbezüglich ebenso schwer Vernunft beizubringen wie einem deutschen AfD-Wähler. Schließlich sei es bereits entschieden, so der Sender gegenüber eurovision.tv, dass La Zaa ihr Lied auf englisch massakriert singt. Seufz.

Flöte + Landessprache = Gänsehaut-Ballade.

Gelingt Serbien mit Sanja Vučić der Finaleinzug?

  • Ja: fantastische Sängerin, Gänsehaut-Ballade, wichtiges Thema. Kommt weiter. (53%, 49 Votes)
  • Na ja, es ist Serbien. Die müssen schon extrem schlecht sein, um hängenzubleiben. Und extrem schlecht ist 'Goodbye' nicht. Nur so mittelschlecht. Das reicht. (31%, 29 Votes)
  • Nein. Die Alte nervt mit ihrem Geschreie und ihrem Gezucke dermaßen, dafür ruft keiner an. (9%, 8 Votes)
  • Wenn sie auf serbisch sänge, dann vielleicht. Auf englisch sicher nicht. (8%, 7 Votes)

Total Voters: 93

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6 Gedanken zu “Serbien 2016: ein Fall für den Exorzisten

  1. Okay, das übertriebene Gestikulieren und das groteske Minenspiel (auch die Amy-Winehouse-Gedächtnis-Schminke) nehmen dem Vortag viel von seinem Charme. Der Song ist nicht so übel. Die Balkanflöte hingegen ist vollkommen überflüssig und stöt geradezu!

  2. Ich finde auch die serbischer Version besser. Andererseits ist das erstaunlich gutes Englisch. Der Song selbst geht absolut in Ordnung wird eine gute Platzierung im Finale erreichen.

  3. Ich finde es ganz gut, vor allem im Vergleich zum Rest der diesjährigen Beiträge. Aber leider ist es letzten Endes doch nur eine weitere „Amy Winehouse look alike meets Rise like a phoenix“… Aber Top 10 sind drin.

  4. Ich finde den Titel sehr gut und mitreißend. Auch denke ich, dass die Winehouse kein Patentrecht auf den dicken Liedstrich (hatte die das nicht selbst von älteren Kolleginnen abgeschaut?), den erst kürlich die Zilli auftrug, hat.

    Mir persönlich gefällt insbesondere das Minenspiel, aber das ist natürlich Geschmacksache. Ich mag exzentrische Künstler und weniger Normalos. Auch das sie den Song nicht als die klassische ESC Tuntenballade, im Abendkleid, mit Hochsteckrisur und flach gesungen, interpretiert, finde ich lobenswert.

    Was die Balkanflöte angeht – ganz meine Meinung. Die passt gar nicht richtig ins Bild. Eine jazzige Nummer und mitten drin eine Prise „Lane moje“.

    Kurzum … neben Australien, Kroatien und Bosnien, einer der Titel, die mich bislang überzeugen konnten.

  5. PS: Oliver, von Prinz, erkannte Maria Callas, als Vorlage, für Sanjas Vorlage ;). Jetzt, wo er’s sagt ;))).

  6. „… den Serben ist diesbezüglich ebenso Vernunft schwer beizubringen wie einem deutschen AfD Wähler..“
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    unmöglich wie man einen Volk denunziert. Dabei kann sich der Autor dieses Textes in Hinblick seiner eingeschränkten Sicht dem AfD anschliessen.

Oder was denkst Du?