Erstes Semifinale 2016: Auf in den Kampf!

Das wird jetzt vielleicht nicht auf ungeteilte Zustimmung bei all meinen Leser/innen stoßen und beschreibt auch das Gegenteil meiner eigenen Empfindungen von vor einem Jahr, aber nach der ersten Qualifikationsrunde 2016 aus dem Stockholmer Globen (der immer noch aussieht wie ein Schneller Brüter) am Dienstagabend muss ich sagen: von mir aus können die Schweden gerne jedes Jahr gewinnen. Solange sie Petra Mede weiter moderieren lassen: locker, flockig, eigenironisch, herrlich! Am schönsten der Gag, als auf die Worte „Welcome, Europe!“ die ersten Takte von ‚The Final Countdown‘ der gleichnamigen schwedischen Achtzigerjahre-Rockband ertönten, live von besagter Kapelle intoniert, die Petra und Måns aber schnell wieder abwürgten und sich flugs für die „Peinlichkeit“ entschuldigten! Auch, was das schwedische Fernsehen an Rahmenprogramm auf die Beine stellte, konnte sich sehen lassen, von der Eröffnungsnummer, als ein Chor aus den Kindern von Stepford das Morbid-Düstere in Måns Zelmerlöws Vorjahres-Siegerlied ‚Heroes‘ erst so richtig herausarbeitete, bis hin zu dem als Pausenact eingesetzten Ballett der ‚Grey People‘ zum Thema Flucht, das einem beim Zuschauen stellenweise den Atem stocken ließ, weil es so artifizielle und dennoch tief unter die Haut gehende Bilder für die Tragödie fand, die sich weiterhin täglich vor unseren Toren abspielt. Danke für diesen Appell ans kollektive Gewissen!

Die perfekte Sprache gefunden, um das wichtige Thema an diesem Abend nicht vergessen zu lassen, ohne belehrend zu wirken. Respekt, SVT!  

Wenig Dankbarkeit empfinde ich hingegen für die Ergebnisse dieser ersten Qualifikationsrunde. Noch weiß ich nicht mit Sicherheit, ob sich mein heiliger Zorn gegen die Zuschauer/innen Europas richten muss oder – und das vermute ich eher – mal wieder gegen die diabolischen Jurys. Das betrifft natürlich weniger die Eröffnungsnummer des gestrigen Abends: dass es für Sandhja Kuivalainen aus Finnland nicht reichen würde, war von vorne herein klar. Dabei handelte es sich bei ‚Sing it away‘ um ein flottes Popliedchen mit leichter Gospelnote. Eines, das man gerne nochmal gehört hätte am Samstag. Und Sandhjas Begleitchor legte sich auch richtig ins Zeug. Nur die Sängerin selbst konnte nicht so recht überzeugen, weder akustisch noch optisch. Aus Rentierleder sei der türkisfarbene Einteiler gefertigt, den sie trug, hieß es. Gut, dass die Tiere nicht mehr mit ansehen mussten, was man aus ihrer Haut machte: eine rücken- und schulterfreie Pelle, in der die trotz merkwürdigem Brikett-Dutt auf dem Schädel recht sympathisch wirkende Sandhja aussah wie eine etwas zu strack eingeschweißte Tiefkühlflunder. Eine schwangere Tiefkühlflunder, wohlgemerkt. Obschon die Finnin meines Wissens kein Baby unter ihrem Herzen trug, im Gegensatz zu der an letzter Stelle startenden Malteserin Ira Losco (MT 2002). Vermutlich sicherte der Babybonus Frau Loscos so überraschenden wie unverdienten Einzug ins Finale, denn an ihrem schrecklichen, strukturlosen Amalgam aus schätzungsweise 15 angefangenen, aber nicht weiterentwickelten, unzusammenhängenden Grobskizzen für einen Song kann es nicht gelegen haben. ‚Walk on Water‘ erwies sich als das halbgarste, inhalts- und seelenloseste, sinn- und charmebefreiteste Mischmasch, das mir jemals zu Ohren kam.

Sieht man eher selten: die Kombi aus Cowboyboots und Babystrampler (FI)

Mariah Carey hat angerufen und will ihre Perücke und ihr Kleid zurück (MT)

Sein Finaleinzug hinterlässt mich ebenso fassungslos wie das Ausscheiden Griechenlands. Sicher: die Kombination aus quäkiger Ethno-Instrumentierung, griechisch und im Dialekt gesprochenen Rap-Passagen, deren Biss und Ironie sich dem Zuschauer mangels Sprachkenntnis nicht vermittelten, sowie der beinahe schon rotzigen Selbstsicherheit, mit der das pontische Sextett Argo seinen Entwurf eines ‚Utopian Land‘ in den Raum stellte, achtete nicht so sehr auf Mainstreamtauglichkeit. Genau genommen muss man die griechische Darbietung, die auf das finanzielle Aushungern und dem so ziemlich vollständigen Alleinelassen des Landes in der Flüchtlingskrise mit einer galgenhumorigen Gegenutopie antwortete, als die freundlichstmögliche Art bezeichnen, Europa den Mittelfinger entgegen zu strecken. Und gerade das machte den hellenischen Beitrag so großartig! Wie natürlich auch die folkloristische Tanzchoreografie, diese einzigartige Mischung aus Riverdance und konzertierter Waldbrandbekämpfung per Pedes. Damit schaffen die Hellenen zum ersten Mal seit der Einführung der Semis im Jahre 2004 nicht die Qualifikation – und das ironischerweise mit ihrem besten Beitrag ever. Noch nicht mal das Blankziehen ihres jugendlich virilen Tänzers konnte das Ruder herumreißen. Sollte sich, wie ich vermute, Samstagnacht herausstellen, dass die Jury bei ihrer Aufgabe, große Kunst zu erkennen und zu fördern, versagt und den Beitrag heruntergewertet hat, gibt es wirklich kein Argument mehr für ihr weiteres Wirken.

MC Hammer hat angerufen und will seine Hosen zurück (GR)

Kein Einwand hingegen zum Ausscheiden von Lidia Isac aus Moldawien. ‚Falling Star‘ trug das Scheitern bereits im Namen, und zu dünn kamen sowohl ihr (weitestgehend von den hinter der Bühne versteckten Backings überdeckter) Gesang als auch die halbgare Schwedenpop-Stangenware herüber, um irgendjemand zu überzeugen. Da half auch die freundliche Leihgabe Montenegros nichts, die einen der beiden Who-See-Jungs von 2013 vorbeischickten, noch immer im Kosmonauten-Outfit, sie tänzerisch zu begleiten. Er erledigte die Aufgabe, in dem er versuchte, einen Tintenfisch beim Paarungstanz darzustellen. Hübsch, aber welchen Bezug das zu Lidias Lied haben sollte, blieb offen. Wenig überraschend kam auch für San Marino am Dienstag das Aus. Serhat Hacıpaşalıoğlu, ein lebenserfahrener ehemaliger türkischer Gameshow-Moderator, murmelte sich im Amanda-Lear-Sprechgesang durch den diesmal nicht von Ralph Siegel (sind des Onkels Finanzen erschöpft?), sondern vom Neunzigerjahre-Modestar Thierry Mugler finanzierten und produzierten Beitrag ‚I didn’t know‘, der einst als Pianobar-Jazz zur Welt kam, hier aber als völlig aus der Zeit gefallene, fabulöse Siebzigerjahre-Schwulendisco-Reinkarnation über die Bühne ging. Mit doppelten Handklatschern, und wie wir alle wissen, ist jeder Song mit doppelten Handklatschern automatisch gut! Ein fünfköpfiger weiblicher Begleitchor stemmte die stimmliche Hauptarbeit und musste dabei auch noch Serhat umtanzen und umschwärmen. Ein hartes Los, aber ein Festtag für Freunde des schlechten Geschmacks wie meine Wenigkeit. Danke dafür!

Geschmackvoll: Lidias Spiegelfliesen-Negligée (MD)

Na, wer hat ihn im Publikum gefangen, den Serhathut? (SM)

Zu Recht erwarb sich auch der Este Jüri Pootsmann die frühe Rückfahrkarte. Zwar empfahl sich sein Beitrag ‚Play‘ als durchaus goutierbarer Titelsong für den nächsten James-Bond-Streifen, dafür aber wollte es dem Sieger der Castingshow Eesti otsib Superstaari 2015 nicht gelingen, dem Zuschauer oder den Kameras zu vermitteln, dass er Charme besäße. Wie ein verklemmter Junge-Union-Sprecher (um nicht gleich vom Serienmörder zu sprechen, wie Anja Rützel vom Spiegel in ihrem herrlich bösartigen Kommentar) taperte der blasiert wirkende Este in seinem blauen Anzug über die Bühne, malträtierte die englische Sprache und wirkte stets, als wolle er lieber gerade ganz woanders sein. So bezirzt man natürlich kein Bond-Girl, aber auch mit den potentiellen Schwiegermüttern verscherzte er es sich, in dem er zweimal je eine Spielkarte aus der Jacketttasche zauberte und ins Publikum schnickte. Taschenspielertricks mögen die Mamas nicht! Wie man einen blauen Anzug rockt, stellte stattdessen Douwe Bob unter Beweis. Unter seinem Kragen lugte ein Halstattoo hervor, was dem Niederländer, der in Begleitung einer klassischen Rockbandaufstellung antrat, das Aussehen eines nach Außen hin ordentlichen Mannes verlieh, der es tatsächlich faustdick hinter den Ohren hat. Er offenbarte außerdem Mut zum Risiko: die Idee, während seines Appelles für ein langsameres Alltagstempo für zehn Sekunden innezuhalten, ging zwar komplett in die Hose. Dennoch schaffte er mit seinem aus einem Teil Beatles und zwei Teilen Common Linnets (NL 2014) bestehenden, schnelleinschläfernden ‚Slow Down‘ unfasslicherweise die Qualifikation.

Uah, wenn der mich anzwinkert, gruselt es mich aber wirklich! (EE)

Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt (NL)

Während Zypern es mit einem als Rocksong getarnten Schwedenschlager ins Finale schaffte, endete der Highway für Montenegro, das mit ‚The Real Thing‘ einen echten Rocksong mit brettharten Dubstep-Einlagen präsentierte, bereits im Semi. Erwartbar. Und ungerecht. Erwartbar ungerecht also. Lag es an der unnötigen Tänzerin, die einsam und vom Rest der Gruppe isoliert auf der Satellitenbühne stehend ihre Verrenkungen abzog, die so gar nicht zum Song passten? An den wirren Kameraschnitten und dem anstrengenden Stroboskopgewitter? Daran, dass man die Gesichter der ausgesprochen hübschen montenegrinischen Jungs im Dunkelschwarz der Bühne kaum sah? Ganz im Gegensatz übrigens zu Greta Salomé Stefánsdóttir (IS 2012), die mit ‚Hear them calling‘ einen inhaltlich angenehm düsteren, musikalisch dennoch flotten Popsong im Gepäck hatte und diesem mit allerlei visuellen Schattenspielereien unterstützte, angefangen von nach ihr greifenden Händen über hitchcockesque Vögelschwärme bis hin zu dunklen Rauchwolken, die ihr wie in Alien aus der Bauchdecke platzten (das nächste Mal vielleicht vor dem Auftritt doch keine Bohnensuppe!). Bei ihr erwies sich die im Vergleich zur isländischen Vorentscheidung deutlich bessere Ausleuchtung wiederum als Nachteil, wirkt die gute Greta in hochauflösender Nahaufnahme doch ein wenig verhärmt. Auch sie schaffte die Qualifikation nicht. Als absoluter Skandal und bitterstes Unrecht muss aber das Ausscheiden Bosniens bezeichnet werden, das nach dreijähriger Pause endlich wieder teilnahm und mit ‚Ljubav je…‘ einen der in diesem Jahr nicht nur bildlich gesprochen, sondern tatsächlich an einer Hand abzählbaren, nicht auf Englisch gesungenen Beiträge bot. Sowie den bitterlich vermissten, herzzerreißenden Balkanschlager zurückbrachte. Und wie!

„Inside you / Feel it / I’m the real Thing / Yeah“: das ist schon ein Beischlaflied, oder? (ME)

Das Update zu ‚When Spirits are calling your Name‘ (SE 2000). Tja, liebe Skandinavier: zu wenig Sonne schlägt halt irgendwann aufs Gemüt (IS)

Vielleicht packten die Bosnier einfach zu viel in ihre drei Minuten. Ursprünglich als Duo angedacht, schickten sie letztlich ein Quartett nach Stockholm: Deen (jawohl, die süße ‚In the Disco‘-Tucke von 2004, mittlerweile mit deutlich weniger Haupthaar, aber deutlich mehr Lippe), die Sängerin Dalal Midhat-Talakic, die Cellistin Ana Rucner und der Rapper Jala lieferten ein Drama in drei Akten. Zum Auftakt saßen beziehungsweise standen die Vier (plus ihre zwei weiblichen Backings), die sich in ihrer Präsentation ebenfalls des Flüchtlingsdramas annahmen, in Rettungsdecken gewickelt auf der Bühne, als habe man sie eben gerade aus dem Mittelmeer gefischt und wolle sie nun vor dem Kältetod bewahren. Stellvertretend für das reiche, satte Europa und die in ihrer Not dorthin flüchtenden Menschen aus den Kriegsgebieten sangen sich Deen und Dalal durch einen eigens aufgestellten Stacheldrahtzaun an, der die scharf bewachte und immer undurchlässigere Außengrenze unserer angeblichen Wertegemeinschaft darstellen sollte. Dass das einstige Disco-Häschen eine schwarze, lange Lederkluft mit schweren Stiefeln trug, die entfernt an eine Nazi-Uniform erinnerte, erwies sich dann vielleicht doch als einen Hauch zu dick aufgetragen. Ebenso wie der verführerische Hüftschwung des Sängers beim Catwalk in Richtung Kamera, der sämtliche Naomis dieser Welt blass aussehen ließ. Schließlich lieferte der mit Terroristenbart, Sonnenbrille und Ledermantel bedrohlich aussehende Jala noch einen aggressiven Sprechgesang, während sich Frau Rucner auf einem frugalen goldenen Geigengerippe die Seele aus dem Leib fiedelte und im Hintergrund die Backings aufjauchzten. Großes Gefühlskino!

Schön: Dalal konnte auf der Flucht immerhin noch ihr Abendkleid aus der Quality-Street-Kollektion retten (BA)

Auch hier gehe ich erneut jede Wette ein, dass die Jurys bei der einzigen Aufgabe massiv versagte, die ihre Existenz, wenn schon nicht begründet, dann wenigstens entschuldigt, und das hoch artifizielle bosnische Gesamtkunstwerk nicht vor dem Unverständnis der Hip-Hop-Hasser Europas rettete, sondern im Gegenteil zu seinem Untergang beitrug. Hocherfreulich hingegen die Qualifikation Österreichs: das zuckersüße, drogenbunte Technicolormärchen ‚Loin d’ici‘ von Zoë Straub überzeugte auch ohne das bei der Vorentscheidung noch so prominente Laufband, auf dem die supersympathische Sängerin auf der Stelle in Bewegung bleiben konnte. Bis kurz vor dem Abflug gen Stockholm habe sie noch auf dem Fitnessgerät geübt, wie zu hören war, dann entscheid sich der ORF aber doch um. Zu hoch erschien das Risiko eines ungewollten Unfalles, zumal bei der langen, bauschigen Schleppe ihres Prinzessinnenkleides in einer an unreife Marillen erinnernden Pastellfarbe, wie ich sie eigentlich seit dem Ende der Achtzigerjahre für ausgestorben hielt. A propos: der Barbara-Dex-Award für das schlimmste Outfit des ersten Semifinales geht zweifelsfrei an die Kroatin Nina Kraljić und ihr doppeltes Trickkleid. Es sah aus, als sei der kränkliche Albatros, der 2010 die Malteserin Thea Garrett erfolglos von der Bühne zu scheuchen versuchte, in ein Quecksilberbad gefallen und habe sich anschließend in einem Schleppnetz verfangen. Schön geht anders!

Ihr muss man den Grinsekrampf nach Stockholm wohl operativ aus dem Gesicht entfernen: Sonnenschein Zoë (AT)

Joy Fleming hat angerufen und will ihr Komposthaufenkleid aus der deutschen Vorentscheidung 2001 zurück (HR)

Anerkennung schließlich an die aserbaidschanische Delegation: noch bei den allerletzten Proben, so die überstimmende Auskunft aller in Stockholm praktizierenden Schwurnalisten, habe sich schmerzlich gezeigt, dass ihre Repräsentantin Samra Rahimli eines ganz gewiss nicht kann: singen nämlich. Beim TV-Auftritt am Dienstag war hiervon so gut wie nichts zu merken. Drehte man ihr das Mikro einfach ab und ließ die Backings den Job gleich komplett erledigen? Es glich jedenfalls dem besungenen ‚Miracle‘, dass sie mit ihrem schon tausend Mal gehörten Schwedenschlager aus der Ausschusswarenkiste des Melodifestivalen nun doch ins Finale ziehen konnte, gemeinsam mit ihrer armenischen Rivalin Iveta Mukuchyan, die bei ‚LoveWave‘ allerdings alle Register zog und nicht nur mit den längsten Beinen seit Marlene Dietrich und sensationellen Hologrammen, sondern auch einer fantastischen Stimme und einem vollends zeitgemäß klingenden, wenn auch mich persönlich kalt lassenden Elektro-Pop-Stück überzeugen konnte. Weniger überzeugend allerdings das Verhalten der zeitweilig in Hamburg Lebenden im Green Room, wo sie während des Schnelldurchlaufes die Fahne der zwischen den beiden Nationen umstrittenen Region Berg-Karabach in die Kamera hielt – eine völlig unnötige Provokation, welche die aufgeheizte Lage im eingefrorenen Krieg der beiden Länder um die Bergregion sicher nicht beruhigt. Natürlich konnte sich die EBU trotz entsprechender Proteste nicht zum aus meiner Sicht einzig angemessenen Ausschluss Armeniens von diesjährigen Contest durchringen, stattdessen soll es bei einer Warnung bleiben. Im schlimmsten Fall könnte der unliebsame Vorfall aber dazu führen, dass die EBU den Contest künftig leicht zeitversetzt ausstrahlt, um bei solchen Entgleisungen zeitnah zensieren zu können.

Die Goldmarie: Samra (AZ)

Was natürlich auch dem russischen Fernsehen die Möglichkeit gibt, unliebsame Regenbogenflaggen aus den TV-Bildern zu verbannen, wenn es den Wettbewerb 2017 austragen sollte. Und das scheint nicht all zu unwahrscheinlich, zeigte der Auftritt von Sergey Lazarov doch, wie ernst es der Riesennation mit dem Sieg ist. Ausgestattet mit einem sehr klassischen Eurovisionsschlager (mit Rückung) aus der Feder der immer barocker aussehenden russischen Komponistentunte Philip Kirkorov (RU 1995), überzeugte der smarte Sergey mit einer ausgeklügelten Choreografie vor und auf der Leinwand, die sämtliche Trickelemente jüngerer Jahrgänge in beeindruckender Weise in sich vereinte, von Dima Kolduns (BY 2007) ausfahrbaren Treppenstufen über Ani Loraks (UA 2008) beleuchtete Kleiderschränke, Conchitas (AT 2014) Adlerschwingen bis hin zu Måns (SE 2015) Zeichentrickfiguren. Hochgradig kalkuliert, natürlich. Massiv auf Sieg getrimmt, ohne Frage. So, wie schon 1974 ‚Waterloo‘. Oder 2003 ‚Every Way that I can‘. Oder 1982 ‚Ein bisschen Frieden‘. Wenigstens enthielt ‚You’re the only One‘ keine zynische, leere Friedensbotschaft wie die beiden vorangegangenen, ausgebuhten russischen Beiträge. Im Gegenteil: „Thunder and Lightning, it’s getting exciting“ klingt eher nach einem Schlachtruf. Na dann: auf in den Kampf!

Zieh am Finger! (RU)

ESC 1. Semifinale 2016

Eurovision Song Contest 2016 - Erstes Semifinale. Dienstag, 10. Mai 2016, aus dem Globen in Stockholm, Schweden. 18 Teilnehmer, Moderation: Petra Mede + Måns Zelmerlöw.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01FISandhja KuivalainenSing it away0511501615
02GRArgoUtopian Land0441602214
03MDLidia IsacFalling Stars0331700918
04HUFreddiePioneer1970411903
05HRNina KraljićLighthouse1331005310
06NLDouwe Bob PosthumaSlow down1970509505
07AMIveta MukuchyanLoveWave2430211604
08SMSerhat HacıpaşalıoğluI didn't know0681204911
09RUSergey LazarevYou are the only One3420119401
10CZGabriela GunčíkováI stand1610904112
11CYMinus OneAlter Ego1640809306
12ATZoë StraubLoin d'ici1700713302
13EEJüri PootsmannPlay0241801516
14AZSəmra RəhimliMiracle1850609307
15MEHighwayThe real Thing0601301417
16ISGreta Salóme StefánsdóttirHear them calling0511402413
17BADeen + Dalal Midhat TalakićLjubav je1041107808
18MTIra LoscoWalk on Water2090305409

6 Gedanken zu “Erstes Semifinale 2016: Auf in den Kampf!

  1. Bei keinem der Songs hatte ich dieses Mal das „Wow-Gefühl“, nichts hat mich völlig vom Hocker gerissen, paar nette Sachen waren dabei. Island hätte ich mir ne Runde weiter gewünscht, wenn auch es schwer an Loreen erinnerte. Aserbaidschan und Malta sind für mich nicht nachvollziehbare Finalisten, mochte ich die Olle doch schon mit ihren 7 Wundern seinerzeit nicht :), recht gut fand ich den tschechischen Beitrag, kein Knaller, aber ne schicke Ballade. Freue mich auf morgen 🙂

  2. Das mit Petra Mede ist völlig richtig – allein dafür lohnte sich das gestern abend. Und beim Live-Auftritt von „Europe“ mit „the final countdown“ habe ich mir direkt in die Hose gem%&$t vor Lachen. Zwar teile ich nicht alle Einschätzungen des werten Bloggers über die Finalisten – ich fand Bosnien irgendwie zu viel und „erschlagend“, aber natürlich ist ESC nur mit solchen Kosmonauten, Serhats und verrückten Trickkleidern denkbar. Die Finnin hätte ich auch gerne noch einmal im Finale gehabt, aber über Österreich und Tschechien im Finale bin ich sehr froh. Tolle Unterhaltung!

  3. Herrliche Kommentare, auch wenn wir beide musikalisch nicht auf einer Linie sind.
    Es ist natürlich immer schwer, das Offensichtliche (iih, das ist aus deeeem Land) und das Musikalische (oh, das ist aber nett) auseinander zu halten. Aber scheinbar habe ich zuhause auf unseren netten großen Fernseher eine andere Show gesehen. In HD, wohlgemerkt, und nicht wie in den Jahren zuvor, live eingeklemmt vor dem Erste-Reihe-Gitter in den jeweligen Hallen.

    Was man auch sagen muss, und da hatte ich wirkliche Bedenken: Die Kameraführung war angenehm zurückhaltend und fokussiert auf die Bühne, d.h. es gab zwar immer noch viel zu viele Kameraschwenk in die Halle, von oben, in die Totale, aber eher weniger als befürchtet. Und in HD sahen manche Sänger auch einfach nur lecker aus. Ich sag‘ nur Ungarn, oder der Sänger aus Zypern…

    Zu den Liedern: Da kommen wir musikalisch nicht wirklich zusammen. Von den Ausscheidern waren eigentlich alle bis auf
    Island und Montenegro vorhersehbar, erwartbar vorhersehbar. Island wollte ich draußen haben, konnte aber nicht glauben, dass das klappt. Monte wollte ich drin haben, weil mir das seltsamerweise gefallen hat – und dafür Aserbaidschan draußen: Ungerechtfertigt weiter, Massenware von der Stange, und auch der eine oder andere Ton sehr daneben. Im Finale wird AZE eher hinten laden.

    Und über RUS, na ja, da bin ich echt froh, als es endlich vorbei war. Das Lied wird ob der visuellen Massenmasturbation einfach übersehen, und wenn man es losgelöst vom visuellen Anreiz hört, ist es recht altbacken und langweilig, anno 2002 sag‘ ich mal. An anderer Stelle schrieb ich schon einmal: leicht angegorener russischer Quark. Als danach Tschechien kam, freuten sich meine Ohren – einen besseren Startplatz konnte CZ gar nicht haben – die Zuschauer freuten sich, waren sicher erleichtert endlich mal Musik zu hören, hörten umso mehr zu, und wählten es sicher weiter. Da schätze ich mal, dass die unfehlbaren Juries das eher langweilig fanden.

    Mit den ruhigeren Nummern aus NL, A und CZ sind plötzlich andere, leisere Töne hörbar und der Schwedeneinheitspop wirkt dagegen beliebig. Es bleibt spannend!

    Petra Mede machte ihre Sache sehr gut, sie und Mans fielen nicht unangenehm auf, selbst die Europe/The Final Countdown-Einlage war nett, nur von den Taxifahrten möchte ich deutlich mehr sehen, das war mir ein bisschen kurz.

  4. Bosnien und Griechenland zum ersten Mal gescheitert. Gerade bei Bosnien ist das doch eine faustdicke Überraschung. Lag es am in hohe Töne geschleuderten, atemlosen Gebell der Hintergrundsänger?
    „Ljubav je“ und „Utopian Land“ spielten auf die Flüchtlingskrise an. Beide Lieder gescheitert. Hat Europa genug von dem Thema? Aber bei Bosnien kann es nur an den Jurys gelegen haben. Es gibt da so gut wie nichts, was ein Ausscheiden rechtfertigt. Aber es mussten halt acht Länder gehen und gestern Abend war das eine besonders schwere Sache.

    Sehr schade ist es um Moldawien. Warum musste „Falling Stars“ so zerinszeniert werden? Der letzte Finaleinzug ist schon drei Jahre her, das ist für moldawische Verhältnisse besorgniserregend!
    Dafür bin ich sehr erleichtert, dass es Österreich geschafft hat. Wenigstens sie! San Marino wird bestimmt null Punkte bekommen haben. Serhat hat halt keine Stimme. Aber ich habe mich trotzdem von dieser Neuauflage von „Disco Tango“ sehr unterhalten gefühlt.

    Russland war geil! Da wurde Mr. „Sell-me-love“ richtig in den Schatten gestellt. „SerGay“, wie er so schön von einigen genannt wird, steht nicht zufällig auf dem ersten Platz in der Wettquotentabelle und hat schon Quoten von 1:1 wie vor vier Jahren Loreen. Schade, dass das ein Land ist, in dem eine ESC-Ausrichtung so eine Sache ist. Angeblich soll es da ja viel schwules Leben geben und viele schwule Clubs, aber Hovi Star hat da noch andere Dinge zu berichten…

    A propos schwul: Peter Urban hat richtig die großen braunen Augen von Freddie bewundert. Mag er ihn? 🙂

  5. Tausche Russland gegen „High Way“ und Österreich gegen „Play“ – dann wäre ich rundum zufrieden. Bosnien zurecht raus, auch Island verdient gescheitert!
    Die Russenshow hat mich nicht überzeugt, so spektakulär war das nicht. Ein Sehnen nach Downsizing lässt sich ob des Einzugs von den Holländern und Tschechien konstatieren.

  6. Dann will ich mich doch auch mal äußern.

    Insgesamt fand ich die Show sehr gelungen und abwechslungsreich. Besonders gefallen haben mir die einfachen Vorfilme mit Konzentration auf die Interpreten und die Gray People. Der Einspieler mit der Fake Documentary hat meinen Geschmack allerdings nicht so getroffen. Die Bühne findet dann wieder meinen Zuspruch, obwohl man leider bei einigen Beiträgen das Gefühl hatte, die Bühne wäre der Star und nicht der Interpret. Da hatten einige Delegationen kein so gutes Händchen in der Umsetzung.

    Und auch ich kommentiere jetzt mal Land für Land und vergebe Punkte (Skala 0 bis 5).

    Finnland – guter Opener, aber nichtig (0 Punkte)
    Griechenland – weniger zwingend als frühere griechische Beiträge (0 Punkte)
    Moldau – konventionelle ESC-Ware (0 Punkte)
    Ungarn – hier war es für mich so, dass die Bühne den Interpreten in den Hintergrund gedrängt hat, außerdem habe ich mich eher mit dem asymmetrischen halb in der Hose steckenden Shirt beschäftigt als mit dem Lied, trägt man sowas heute echt so? Das Ende fand ich auch etwas anstrengend und gepresst (1 Punkt)
    Kroatien – sympathische Sängerin mit kraftvoller Performance (3 Punkte)
    Niederlande – ebenfalls sympathisch, warme Atmosphäre, Pause im Song wirkungsvoller als befürchtet (3 Punkte)
    Armenien – insgesamt etwas anstrengend, die Hologramme fand ich überflüssig (2 Punkte)
    San Marino – da haben mir buchstäblich die Worte gefehlt, trashig oder Retro? Oder beides? (0 Punkte)
    Russland – wirkte auf mich durch die Kletterei ein bisschen zu technisch und unorganisch, eigentlich zu nahe am Vorjahressieger, um wirklich den Sieg davonzutragen (3 Punkte)
    Tschechien – der Rautenhintergrund war nicht so meins, der Rest aber klassisch schön, glänzte vor allem durch Einfachheit und den damit verbundenen Gegensatz zu Russland (4 Punkte)
    Zypern – der Cerberus von Baskerville! Der Schwarz-Weiß-Invers-Effekt hingegen eher verstörend, konnte seinen Favoritenstatus auf meiner Liste dennoch festigen (5 Punkte)
    Österreich – wirkte im Direktvergleich mit Zypern wieder eher konventionell, auch ihr Lächeln hatte ich noch etwas charmanter im Gedächtnis (1 Punkt)
    Estland – stilvolles Bühnenbild, hat dennoch im Vergleich mit dem Vorentscheidauftritt verloren (4 Punkte)
    Aserbaidschan – noch so ein konventioneller Euro-Pop (0 Punkte)
    Montenegro – kam supercool herüber, war aber leider klar, dass es chancenlos ist, da sperriger als zum Beispiel Zypern (5 Punkte)
    Island – wirkte im Vergleich zu Montenegro auch wieder konventioneller als es eigentlich war, Videowand hat mir besser gefallen als bei Russland, flüssiger, müheloser und ein einheitlicheres Konzept, dass es Island nicht weiter geschafft hat, tut mir wirklich super leid (4 Punkte)
    Bosnien-Herzegowina – wirkte mit Muttersprache und typischem Balkan-Sound im diesjährigen Teilnehmerfeld fast wie ein Fremdkörper und Deen sah anfangs aus wie ein Bösewicht bei Indiana Jones (1 Punkt)
    Malta – professionell über die Bühne gebracht (2 Punkte)

    Was mir noch aufgefallen ist, dass viele Beiträge in Inszenierung und/oder Schnitt sehr stark auf Video-Clip-Ästhetik gesetzt haben. Ein Trend zu Optik und/oder Hektik, dem ich jetzt nicht so viel abgewinnen kann. Da wünsche ich mir fast schon, dass am Ende etwas Einfaches gewinnt. Schweden und Frankreich haben dahingehend in der Vorschau bei mir einen sehr guten Eindruck hinterlassen.

    Bin auf jeden Fall jetzt sehr gespannt auf Donnerstag. Und ich habe noch keine Ahnung, für wen ich anrufen werde.

Oder was denkst Du?