Zweites Semifinale 2016: der sich den Wolf tanzt

Måns ist sehr enttäuscht“: das war er, der Satz des Abends, gesprochen vom deutschen Kommentator Peter Urban, nachdem Gastgeberin Petra Mede direkt im Anschluss an den Auftritt des Weißrussen Ivan informierte, dass dieser ursprünglich nackt und in Begleitung von Wölfen zu performen gedachte, was die EBU im Hinblick auf die Regeln leider verbieten musste. Zum Missfallen des komoderierenden Vorjahressiegers, der gerade hinter Petra die Bühne enterte – im Adamskostüm, leider mit einem strategisch platzierten Plüschwolf vor dem Gemächt. Wie dankbar bin ich dem Schweden dafür, dass er ein dergestalt schamlos selbstverliebter, zeigefreudiger Exhibitionist ist, der wirklich keine Gelegenheit auslässt, seinen durchtrainierten Körper möglichst textilfrei der Öffentlichkeit zu präsentieren. Und wie dankbar bin ich den Schweden dafür, dass sie mit solch einer Leichtigkeit durch diesen Abend führten und die Show mit einem wunderbaren Mini-Musical eröffneten, das uns in vier Minuten darüber aufklärte, was die Eurovision eigentlich ist und dabei so fachlich akkurat wie herrlich selbstironisch daherkam. Der Stimmauszählungs-Überbrückungsact ‚Man vs. Machine‘, eine Art Hommage an die Tanzszenen aus dem Achtzigerjahre-Streifen ‚Nummer 5 lebt‘, fiel gegen das bewegende Flüchtlingsballett vom Dienstag zwar etwas ab, ergab aber dennoch eine schöne Pausenunterhaltung. SVT: 12 Points!

Nicht nur Måns ist enttäuscht – ich ebenso: von der Größe seines, ähm, Wolfs!

Kaum Anlass zur Enttäuschung gaben hingegen, anders als noch im ersten Semifinale, am Donnerstag die Entscheidungen des Publikums und der Jurys in Sachen Finalisten. Einzig den Verlust der fabelhaften Kaliopi Bukle (MK 2012) gilt es zu beklagen. Und selbst hier kann ich nicht richtig böse sein, denn als Song kam ihre Balkan-Ballade ‚Dona‘ nicht richtig aus dem Quark und klang wie etwas, das in dieser Form bereits 1993 in der Osteuropa-Qualifikationsrunde für Millstreet hätte stecken bleiben können. „Dona, Dona, Dona, Dona, Dona, Dona, gledaj me“ ergibt nun mal keinen ausreichend starken Refrain, selbst wenn es sich für das aufs Englische geeichte Ohr anhört wie „Donut, Donut, Donut, Donut, Donut, Donut, glad I met“ (als Reaktion auf entsprechenden Internetspott verteilte die herrlich souveräne Kaliopi in Stockholm übrigens besagtes Fettgebäck in der Pressekonferenz). Als Werbemelodie für die amerikanische Krapfenkette Donkin‘ Donuts also bestens geeignet, für den Contest jedoch zu schwach. Da reichte der unbestreitbare Star-Appeal der mazedonischen Diva alleine nicht aus, um die Nummer dennoch ins Finale zu bringen. Und auch die Idee, sich zum Songfinale ihr akustisches Markenzeichen, den ‚Crno i bielo‘-Schrei, aus dem Hals zu drücken, ging nach hinten los: der wirkte hier als Fremdkörper. Und dann versemmelte sie ihn auch noch. Dennoch: wegen mir darf Skopje Kaliopi gerne jedes Jahr zum Contest schicken!

Ordentliche Auslage, Frau Bukle! (MK)

Ansonsten traf es im zweiten Semifinale 2016 ausschließlich die Richtigen. Daran, dass die für die Schweiz singende Kanadierin (nein, diese Formel funktioniert nicht automatisch) Rykka sich qualifizieren würde, glaubte wohl selbst im eigenen Camp niemand mehr. Sonst hätte man sicherlich nicht zugelassen, dass sie sich vom Coiffeur dermaßen entstellen lässt: Rykkas Seveso-Locken in seniorenstiftkompatiblem blaugrau gelten ab sofort als neue Definition des Wortes „Frisurenunfall“. Auch ihr Gesundheitszustand gab Anlass zu Bedenken: falls sich unter meinen Lesern ein Arzt befindet, der qualifizierte Mutmaßungen anstellen kann, weswegen es zum Songauftakt aus ihren Achselhöhlen dampfte, so schreibe er diese bitte in die Kommentare. Danke! Die verstörend krampfartigen Hospitalismusbewegungen, die Rykka vollführte, lassen sich hingegen erklären: ein durchsichtiger und vermutlich auch luftdurchlässiger Rock aus dünner Teichfolie und die beständig von vorne pustende Windmaschine müssen zwangsläufig zu einer verkühlten Blase führen! Den Song möchte ich knapp in einem Wort zusammenfassen: Rohrkrepierer. Hoffen wir, dass sich der Titel ‚The Last of our Kind‘ nicht als prophetisch erweist und die Schweiz nächstes Jahr dennoch wieder mitmacht. Dann sollte sie aber unbedingt dem schwedischen Beispiel folgen und bei der Auswahl des Beitrags eine internationale Jury mit ins Boot holen – und zwar bereits bei der Bestückung des Vorentscheids. Bislang werden nämlich alle erfolgversprechenden Titel aus den Internet-Vorrunden bereits im Vorfeld gnadenlos ausgesiebt. So kann das nichts werden!

Und auch noch barfuß! Kein Wunder, dass sie sich da was holt! (CH)

Der bereits anfangs erwähnte Ivan zog tricktechnisch alle Register: nach dem erwartbaren Verbot des öffentlichkeitswirksam angedrohten Blankziehens eröffnete er – ebenso erwartbar – mit einem Hologramm seines unbekleideten Ichs nebst mehrerer Isegrims. Zwar materialisierte er sich dann doch noch in Person auf der Bühne, im beigefarbenen Outfit, allerdings umgeben von mehreren seiner virtuellen Alter Egos (Gruß nach Zypern!), die ihn auf der Gitarre oder an der Trommel begleiteten. Für europaweit ratloses Schulterzucken sorgte vermutlich seine Gesichtsbemalung, die einem Schamanen nachempfunden sein und seine spirituelle Verbundenheit mit der Natur zum Ausdruck bringen sollte, wie er im Vorfeld erklärte; noch mehr allerdings das bewindelte virtuelle Riesenbaby, das zum Schluss über den Bildschirm stapfte (nein, dafür habe ich keine Erklärung!). Die Kombination des dominanten Wolfsthemas mit dem Text seines zähen Rockriemens ‚Help you fly‘ lässt zudem nur den Schluss zu, dass er besagte Raubtiere entweder vom höchsten Felsen Weißrusslands werfen oder mit Psychedelika füttern wollte. Beides nicht nett. Im Falle Irlands erwies sich die Fehlentscheidung des Vertreters Nicky Byrne, sich vor dem Auftritt glatt zu rasieren, als endgültiger Sargnagel: ohne Dreitagebart ging ein Großteil seines Bryan-Adams-Charmes flöten und die Dürftigkeit sowohl seines mehr als dünnen Gesangs als auch seines Bügelmusik-Beitrags ‚Sunlight‘ trat offen zu Tage. Im Wartezimmer, im Fahrstuhl oder in der Telefonwarteschleife höre ich mir so was gerne an. Das Rewe-Einkaufsradio greift sicher auch gerne zu, aber für einen Wettbewerb war das dann doch zu schwach.

Offensichtlich der verheimlichte gemeinsame Sohn von Otto Waalkes und Dirk Nowitzki: Ivan (BY)

Das Straßenbauamt hat angerufen und will seine Warnweste zurück (IE)

Eine interessante Taktik verfolgte die Slowenin ManuElla Brečko. Sie schnürte Manu und Ella in einem Art Bondagekleid zusammen (ältere Leser erinnern sich vielleicht noch an die Griechin Mando, die 2003 Ähnliches tat, nur dass ihr Ausschnitt noch praller gefüllt daherkam) und führte die Hände öfters mal zum Gebet zusammen, um die Kamera zu zwingen, auf die Milchfabriken draufzuhalten, dabei aber gleichzeitig den Eindruck von Reinheit und Heiligkeit zu erwecken. Zur Songmitte, als diese Strategie nicht mehr länger über die stupende Langweiligkeit ihres halbgaren Country-Songs ‚Blue and red‘ hinwegzutäuschen vermochte, konterkarierte sie selbiges Unschulds-Image jedoch durch den Einsatz eines halbnackten Stangentänzers, auf dessen Oberkörper man zweifellos Muskatnüsse reiben könnte, der aber angesichts des furchtbaren Gejaules von Frau Brečko auch nichts mehr zu retten vermochte. Galt seit dem Millennium eigentlich das eherne Gesetz, dass nach einem Sieg Schwedens beim Song Contest in nächsten Jahr zwingend Dänemark gewinnt, so fand diese Serie 2016 ihr abruptes Ende. Und zu Recht. Ich kann meine unendliche Genugtuung und Schadenfreude nicht verhehlen, dass die „in die Jahre gekommene Boyband“ (Peter Urban, herrlich böse!) Lighthouse X (was sich prätentiöserweise „Ten“ und nicht „X“ ausspricht) mit ihrem Lied ‚Soldiers of Love‘, für welches die Bezeichnung „seicht“ bereits zuviel der Ehre wäre, so verdient unterging. Gegen die drei Sterilmilchbübchen, die sich offensichtlich selbst auf der Bühne zu Tode langweilten (genauso wie die Zuschauer im Globen und vor den TV-Geräten), wirkt ja selbst ein Florian Silbereisen noch wie ein Hardrocker.

Carrie Underwood hat angerufen und will ihren Song zurück: ManuElla (SI)

Auch die beleuchteten Mikrofonständer boten keinen Halt: die Liebessoldaten ertranken im Seichten. Gut so! (DK)

Neben Dänemark und Finnland (erstes Semi) schied am Donnerstag mit Norwegen zudem das letzte skandinavische Land aus, mit Ausnahme der Gastgeber. Zwar sang Måns in der Eröffnungsnummer zum Thema Nachbarschaftsvoting noch augenzwinkernd, wenn Schweden seine 12 Punkte an Norwegen gebe, zeuge dies natürlich nicht von geopolitischer Bevorzugung, sondern von gutem Geschmack. Doch davon konnte heuer nicht die Rede sein. Agnete Johnsen, die aufgrund einer depressiven Erkrankung im Vorfeld dieser Qualifikationsrunde sämtliche Werbeauftritte und Pressekonferenzen absagen musste, verfügte mit ‚Icebreaker‘ zwar über einen qualitativ hochwertigen, angenehm düster-dräuenden Elektropopsong, der in den Strophen eine vielversprechende Spannung aufbaute. Nur, um dann im Refrain eine krasse Vollbremsung hinzulegen und das Tempo massiv herunterzudrosseln – in meinen Ohren ein absoluter Dealbreaker! Eneda Tarifa zeigte sich genau so beratungsresistent wie fast alle albanischen Eurovisionsvertreter/innen vor ihr: auch sie verwandelte gegen alles engelszungenhafte Anreden der Fans die wunderschön orchestrierte, in Landessprache gesungene und somit ansprechend mystisch klingende Originalversion ihres Beitrags ‚Përrëlle‘, mit dem sie dereinst das Festivali i Kënges gewann, in ein talmihaft billig instrumentiertes und durch die Transkription ins Englische jedweden Charmes beraubtes ‚Fairytale‘. Im Bewerbungsvideo illustriert durch eine Verkleidung als Rotkäppchen sowie Accessoires aus den hierzulande völlig unbekannten albanischen Märchen von der kaputten Uhr und von der Schaukel des Schams, gab sie uns beim Songcontest die etwas prominentere Goldmarie. In einem zugegebenermaßen fabelhaften Kleid, aber mit einer dementsprechend völlig statischen Performance.

Die Schüler/innen der Handarbeitsklasse der Nora-Brockstedt-Grundschule in Tromsø haben angerufen und wollen ihre Scherenschnittarbeit zurück: Agnete (NO)

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat angerufen und will ihre Oscar®-Statue zurück (AL)

Nun kommen die Skipetaren dank des Diasporavotings gerne mal mit dem größten Mist ins Finale. Eneda hatte aber das Pech, direkt nach Georgien antreten zu müssen, den Überraschungsqualifikanten dieses Semis, die mit einem atemberaubenden Mix aus drei Teilen Blur und zwei Teilen bretthartem Elektro-Grunge gerade die Halle zum Kochen gebracht hatten, woraufhin das Goldmariechen stimmungsmäßig wie ein nasser Waschlappen wirkte. Nika Kocharov und die Young Georgian Lolitaz (ein Bandname, den man angesichts der unrühmlichen Rolle Georgiens im Bereich der Kinderpornografie nach dem Rat der amerikanischen Blogger von Overthinking it besser nicht googelt, wenn man nicht für immer auf der schwarzen Liste der NSA landen will) überzeugten nicht nur mit einem exquisiten Song, der selbst bei einem Genrehasser wie mir für einen Ohrgasmus sorgte, sondern auch mit einer durchdachten Präsentation, die sich von den mittlerweile inflationär eingesetzten Hologrammen fernhielt und zu dem guten alten Mittel der Bildspiegelung griff, wie wir es noch aus dem Musikladen der Siebzigerjahre kennen, so dass wir den fabelhaft behüteten Nika zunächst doppelt, im Verlauf des Songs auch vierfach sahen (oder lag das am zeitgleich konsumierten georgischen Wein?). Stroboskopeffekte, schnelle Kameraschnitte, entsättigte Farben und psychedelische Bildverfremdungen verstärkten das Augenpläsier, während die Lolitaz stoisch auf die Instrumente eindroschen. Beziehungsweise so taten, denn natürlich kam auch hier die Musik vom Band.

Kernig trotz Naturwelle: der Herr Kocharov (GE)

Noch unerwarteter und im Gegensatz zu Georgien völlig unverständlich die Qualifikation des polnischen Meat Loaf Michał Szpak, unter Freunden von Disney-Abenteuerfilmen auch als Kapitän Szpak Sparrow bekannt. Optisch in seiner Kombination aus schulterlanger Minipli, Piratenbärtchen und schwarz lackierten Fingernägeln zwar gewöhnungsbedürftig, aber auf androgyne Weise ansprechend, erwies sich jedoch die rote Zirkusdirektorenuniform mit dem schwarzen Schulterlametta als absoluter, unverzeihlicher Fehlgriff, der das sofortige Aus zur Folge hätte haben müssen, wenn es denn Gerechtigkeit gäbe. Und da spreche ich jetzt noch nicht mal von seinem Song ‚Color of my Love‘, einer llyoddwebberesken Musicalballade mit völlig ausgelutschten „Oh oh oh oh“-Gesängen und brechreizerregenden Textklischees, einschließlich eines Fire-Desire-Reims. Allenfalls der waidwunde, flehende Blick des Spacken in die Kameras und direkt hinein in die Herzen europäischer Hausfrauen, denen hier vermutlich trotz Klimakteriums wieder die Milch einschoss, vermag das Ergebnis irgendwie zu erklären. Umgekehrt bei Laura Tesoro: als die im Januar 2016 den belgischen Eurosong gewann, setzte kaum jemand einen Pfifferling auf die damals schüchterne junge Belgierin und ihren so dreist von Queens ‚Another One bites the Dust‘ abkupfernden Funk-Pop-Song ‚What’s the Pressure‘. Im Semi aber profitierte sie ohne Ende von ihrem Startplatz als Letzte des Abends: nach vier düsteren beziehungsweise zähen Titeln am Stück wirkte sie und ihre muntere, hoch motivierte Tanzgruppe wie ein frischer Wirbelwind und verbreitete etwas, das sich beim Song Contest in den letzten Jahren äußerst rar gemacht hat: Spaß nämlich. Wusste ich gar nicht, dass der noch erlaubt ist! Laura aber lieferte: selbstsicher, strahlend, fröhlich, in silbernen Hotpants und vor passendem Siebzigerjahredekor im Backdrop. Davon bitte künftig, um mit der Andrea True Connection zu sprechen, ‚More more more‘!

Avantasia-Leadsänger Tobias Sammet (DVE 2016) hat angerufen und will seine Jacke zurück (PL)

Freddie (nein, nicht der Ungar:) Mercury hat angerufen und will sein Riff zurück (BE)

ESC 2. Semifinale 2016

Eurovision Song Contest 2016 - Zweites Semifinale. Donnerstag, 12. Mai 2016, aus dem Globen in Stockholm, Schweden. 19 Teilnehmer, Moderation: Petra Mede + Måns Zelmerlöw.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01LVJusts SirmaisHeartbeat1320806807
02PLMichał SzpakColor of your Love1510613104
03CHRykkaThe Last of our Kind0281800318
04ILHovi StarMade of Stars1470702016
05BYAlexander IvanovHelp you fly0841205209
06RSSanja VučićGoodbye (Shelter)1051005010
07IENicky ByrneSunlight0461503114
08MKKaliopi BukleDona0881105408
09LTDonny MontellI've been waiting for this Night2220411806
10AUDami ImSound of Silence3300114202
11SIManuElla BrečkoBlue and red0571400817
12BGPoli GenovaIf Love was a Crime2200512205
13DKLighthouse XSoldiers of Love0341702415
14UAJamala19442870215201
15NOAgnete JohnsenIcebreaker0631303413
16GENika Kocharov + Young Georgian LolitazMidnight Gold1230903911
17ALEneda TarifaFairytale0451603512
18BELaura TerosoWhat's the Pressure2740313503

5 thoughts on “Zweites Semifinale 2016: der sich den Wolf tanzt

  1. Hihi…falls der Artikel nicht schon eindeutig genug war, zeigt auch die Tabelle am Ende nochmal deutlich, was der Hausherr vom polnischen Beitrag hielt. Das „NQ“ stimmt bedauerlicherweise nicht. (Irgendwas machen die Polen allerdings in den letzten Jahren richtig – 3/3 Qualifikanten seit der Rückkehr 2014.)

    Ich kann mir dieses spezielle „Q“ aber auch nur mit der enorm schwachen Konkurrenz erklären. Was für ein sturzlangweiliger Abend. Dem Himmel sei gedankt für Weißrussland, Bulgarien, Georgien und Belgien, die wenigstens ein bisschen Interesse reingebracht haben (im Fall von Weißrussland die ganz falsche Art, ähnlich wie San Marino am Dienstag, aber heute konnte man wirklich nicht wählerisch sein). Belgien 2016 erinnert mich rein vom Spaßfaktor her an die Schweiz 2014 – Sebalter war damals auch so ziemlich der Einzige, der der Spaßpolizei entkommen war.

    Und schämt euch in Grund und Boden, Australien! So äußert sich also eure Dankbarkeit, endlich mitmachen zu dürfen? Mit einer (zugegeben grandios performten) Malen-nach-Zahlen-Ballade, gegen die sogar der polnische Beitrag innovativ und der mazedonische wortgewandt wirkt? Ernsthaft: „Now my heart awakes to the sound of silence / And it beats to the sound of silence / And it beats to the sound of silence“? Das soll ein Refrain sein? Den womöglich auch noch ein Englisch-Muttersprachler verfasst hat? Ich weiß ja, dass beim ESC der Text bestenfalls Platz 9 auf der Prioritätenliste hat, aber selbst dann kann man es übertreiben.

    Noch dazu ist es fast immer eine furchtbar schlechte Idee, Leute während des Songs an bessere Lieder zu erinnern – was nebenbei auch mal jemand den Albanern hätte erzählen sollen, wobei deren Titelklau noch eine Ecke dämlicher war, weil sie das Publikum an einen der populärsten Sieger des Wettbewerbs erinnerte; ich warte dann nächstes Jahr auf „Waterloo“ aus San Marino, „Hard Rock Hallelujah“ aus Irland oder „Ein bisschen Frieden“ aus Lettland. Wenn ich mich entscheiden müsste, mir nochmal ein Lied namens „Sound of Silence“ anzuhören, nehme ich jedenfalls Simon and Garfunkel, herzlichen Dank auch.

    Eurgh. Der russische Sieg wird immer unvermeidlicher. Und das passt mir überhaupt nicht – und zwar nicht nur, weil es Russland ist und damit meine tiefste Antipathie genießt, sondern auch, weil ich den Hype einfach nicht begreife. Aber das habe ich bei „Euphoria“ oder „Fairytale“ auch nicht. Mein Favorit landet ja sowieso immer irgendwo um Platz 15 (in diesem Sinne schon mal Glückwunsch an Österreich hierzu!).

  2. Vorweg: Das Problem, dass manche Beiträge im Teilnehmerfeld besonders konventionell wirkten, hatte dieses Semi nicht. Im Vergleich zum ersten Halbfinale wirkte das zweite ohnehin eher wie „klassischer“ und weniger wie „zeitgenössischer“ ESC. Andererseits sind auch gefühlt weniger Beiträge durch das Bühnenbild erdrückt worden. Auf jeden Fall habe ich auch hier wieder Punkte zwischen 0 und 5 verteilt.

    Lettland, Polen – hier agierten am Anfang zwei kleine männliche Drama-Queens, der eine singt sich die Seele aus dem Leib, der andere scheint die Last der ganzen Welt zu tragen, beides etwas zu theatralisch (aber jeweils 4 Punkte)
    Schweiz – sympathisch, aber nicht die beste Sängerin (3 Punkte)
    Israel – ordentlich über die Bühne gebracht, nur den Pyro-Regen fand ich etwas too much (2 Punkte)
    Weißrussland – da fehlen mir die Worte (0 Punkte)
    Serbien – kraftvoll, effektiv (5 Punkte)
    Irland – nur nett sein reicht nicht, wirkte direkt nach Sanja gesanglich und musikalisch wenig beeindruckend (0 Punkte)
    Mazedonien – trotz kraftvoller Stimme unspektakulär (0 Punkte)
    Litauen – ordentlicher Europop (1 Punkt)
    Australien – internationales Format, auch wenn sich mir der Sinn der Hologramme nicht ganz erschlossen hat, könnte eventuell dieses Semi gewonnen haben (3 Punkte)
    Slowenien – Turner ablenkend und total sinnlos (0 Punkte)
    Bulgarien – cooler Auftritt, nur der „TV-Schnee“ war etwas irritierend, ich hätte wohl eher schwarz-weiß kubistisches passend zum Kleid auf die LED-Wände projiziert (2 Punkte)
    Dänemark – sympathische Nummer, nach Poli dennoch etwas altbacken und blutleer (1 Punkt)
    Ukraine – vielleicht einen Tick zu intensiv vorgetragen (4 Punkte)
    Norwegen – hat mir auf der ESC-Bühne besser gefallen als auf Platte oder beim norwegische Vorentscheid (4 Punkte)
    Georgien – schönes Indie-Feeling, stellenweise vielleicht etwas zu anstrengend (5 Punkte)
    Albanien – präsentiert von Ferrero Rocher? Die englische Sprache wirkt in dem Lied wie ein Fremdkörper (0 Punkte)
    Belgien – nicht meine Musikrichtung, so etwas funkiges finde ich persönlich immer sehr altbacken (0 Punkte)

    Meine 20 Anrufe gingen übrigens an Georgien. Und obwohl im Vorfeld auf das Weiterkommen des Beitrags getippt hatte, war der Finaleinzug, dennoch eine sehr große und vor allem sehr schöne Überraschung.

  3. Kein Wort zu Jamala? Man hat da richtig gemerkt, wie versucht wird, sich gegen einen russischen Sieg zu stemmen. Und die Backings haben Jamala gerade am Ende richtig getragen. Das war bei Rykka und Kaliopi ganz anders. Trotzdem sehr schade um Kaliopi.
    Es freut mich, dass es Polen und Georgien geschafft haben. Ich hätte nicht gedacht, dass beide Länder in Europa so gut ankommen. Und endlich hat es auch mal Bulgarien geschafft, auch wenn ich immer noch nicht ganz Poli Genovas Kleid gerafft habe. Ist es irgendwas von Lego?

  4. @Ospero: oops. Das kommt davon, wenn ich die Artikel nachts noch schreibe… Danke für den Hinweis, ist korrigiert.
    @Deutscheland: Jamala heb ich mir fürs Finale auf. Ist aber mein Lieblingslied dieses Jahr.

  5. La Schirschi (Georgien) weiter! Juhu!
    Aknete raus! juhu!
    Zigeuner- oops: Polenbaron weiter! Mist!
    Schweiz: Da würde ich Obstipation diagnostizieren. Wer denkt sich so was aus? Choreo und Kleddage – da muss sich jemand überlegt haben, wie man es wirklich übel macht, geht es nicht noch einen Ticken geschmackloser ….

    Ukraine hat mich dermaßen positiv überrascht, dass ich hier auf einen Sieg nicht neidisch wäre.

Oder was denkst Du?