San Mari­no will eige­nes Inter­net­vo­ting

In San Mari­no ist man stin­kig auf die EBU: nach der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Voting­ver­fah­rens beim Euro­vi­si­on Song Con­test, das eine getrenn­te Ver­le­sung der Jury-Ergeb­nis­se und der (zusam­men­ad­dier­ten) Zuschau­er­ab­stim­mung beinhal­tet und erst­mals 2016 zur Anwen­dung kam, pro­tes­tier­te die win­zi­ge Repu­blik gegen die Neu­ord­nung, die sie in den Wor­ten ihres Dele­ga­ti­ons­lei­ters Ales­san­dro Capic­chio­ni als “dis­kri­mi­nie­rend” emp­fand. Der Grund: da das voll­stän­dig von Ita­li­en umschlos­se­ne, ledig­lich 30.000 Einwohner/innen star­ke Mini-Land über kein eigen­stän­di­ges Tele­fon­netz ver­fügt, kann es kein vali­des Tel­e­vo­ting lie­fern, wes­we­gen bis 2015 beim Grand Prix nur die san­ma­ri­ne­si­sche Jury-Abstim­mung zähl­te. Seit 2016 errech­net Diga­me im Auf­trag der EBU ein fik­ti­ves Tel­e­vo­ting auf Basis der rea­len Abstim­mungs­er­geb­nis­se meh­re­rer ande­rer Natio­nen, ver­rät aller­dings nicht, wel­che es dafür her­an­zieht. Damit ist man auf dem Mon­te Tita­no sehr unglück­lich und ent­wi­ckel­te nun, wie Euro­voix berich­tet, einen eige­nen Vor­schlag. Nach die­sem will San Mari­no neben der Jury ein Zuschau­er­pa­nel ein­rich­ten, das aus nach sta­tis­tisch rele­van­ten Gesichts­punk­ten aus­ge­wähl­ten Bürger/innen der Repu­blik besteht. Die­se sol­len wäh­rend der Live-Sen­dung per Inter­net abstim­men. Das so ermit­tel­te Ergeb­nis zäh­le dann als san­ma­ri­ne­si­sches Tel­e­vo­ting.

Der legen­dä­re “Moment!”-Moment beim deut­schen Vor­ent­scheid 1980: Frau Dr. Köh­ler kommt mit dem Aus­zäh­len nicht hin­ter­her

Ein sol­ches Sys­tem mit reprä­sen­ta­tiv aus­ge­wähl­ten Zuschauer/innen kom­me dem Euro­voix-Bericht zufol­ge bereits seit vier Jah­ren beim ita­lie­ni­schen San-Remo-Fes­ti­val, der Mut­ter des Euro­vi­si­on Song Con­test, zum Ein­satz. Es erin­nert ein wenig an den Ein­satz von Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tu­ten bei deut­schen Grand-Prix-Vor­ent­schei­dun­gen in den frü­hen Acht­zi­ger­jah­ren, als meh­re­re tau­send eben­falls nach sta­tis­ti­schen Gesichts­punk­ten aus­ge­wähl­te Bundesbürger/innen den ger­ma­ni­schen Bei­trag bestim­men durf­ten (und dabei meist ein ziem­lich gutes Händ­chen bewie­sen). Mit die­ser Zuschau­er­ju­ry ent­gin­ge der Winz­staat der Fremd­be­stim­mung durch ein anony­mes, fik­ti­ves Durch­schnitts­er­geb­nis, wel­ches zwar wei­ter­hin ermit­telt wer­den kön­ne, aber nur für den Fall eines tech­ni­schen oder sons­ti­gen Pro­blems mit dem Publi­kums­pa­nel als Not­fall­op­ti­on zur Ver­fü­gung ste­hen sol­le. Jeden­falls, wenn es nach SM RTV geht. Ein inter­es­san­ter Vor­schlag, dem zusätz­li­che Bedeu­tung zukommt, da die EBU nach einem Bericht von Wiwi­bloggs von Anfang Novem­ber 2016 in den Regeln für den 2017er Con­test bewusst die Opti­on ein­räumt, das Ver­hält­nis der Stim­men von Jury und Zuschauer/innen neu zu gewich­ten.

Von der Jury ver­hin­dert: der Sieg des Zuschau­er­fa­vo­ri­ten Ser­gey Laza­rew (RU 2016)

Seit 2009 zäh­len bekannt­lich bei­de Ergeb­nis­se jeweils zur Hälf­te, doch künf­tig kön­nen die Gen­fer im Beneh­men mit der Refe­rence Group, dem zen­tra­len Len­kungs­or­gan des ESC, die­se Ratio ver­än­dern. Die For­de­run­gen nach einer stär­ke­ren Berück­sich­ti­gung des Zuschau­er­vo­tings mehr­ten sich zuletzt, da sich in den letz­ten bei­den Jah­ren der kla­re Publi­kums­fa­vo­rit nicht gegen die Jury durch­set­zen konn­te und 2016 gar eine (wenn­gleich fan­tas­ti­sche) Kom­pro­miss­kan­di­da­tin als lachen­de Drit­te im Streit zwi­schen Zuschau­ern und den “Pro­fes­sio­nel­len” den Sieg davon­trug. Auch die Prä­sen­ta­ti­on der Ergeb­nis­se steht nach den aktu­el­len Regeln zur Dis­po­si­ti­on des Ver­an­stal­ters und der EBU. Zwar gibt es der­zeit kei­ne Anzei­chen, dass das vom schwe­di­schen Sen­der SVT 2016 mit gro­ßem Erfolg ein­ge­führ­te, hoch­span­nen­de Aus­zäh­lungs­ver­fah­ren wie­der auf der Kip­pe stün­de, dafür aber lässt das der­zeit prak­ti­zier­te Ver­le­sen der kumu­lier­ten Zuschau­er­stim­men rela­tiv pro­blem­los eine rech­ne­risch stär­ke­re Gewich­tung der Vox popu­li zu, wel­cher statt 50% bei­spiels­wei­se auch eine Zwei­drit­tel­mehr­heit zukom­men könn­te. Damit blie­be noch immer das von Vie­len gewünsch­te “Kor­rek­tiv” zum Dia­spor­a­vo­ting durch die Jurys, deren Ein­fluss aber sän­ke und die nicht mehr so leicht wie bis­her ihnen nicht geneh­me Bei­trä­ge durch kon­zer­tier­tes Straf­be­punk­ten her­un­ter­vo­ten könn­ten. Bis­lang sind sol­che Plä­ne aber noch nicht bekannt.

Wäre auch bei hun­dert­pro­zen­ti­gem Tel­e­vo­ting knapp geschei­tert: der fabel­haf­te san­ma­ri­ne­si­sche Dis­co­tür­ke Ser­hat

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1 Gedanke zu “San Mari­no will eige­nes Inter­net­vo­ting

  1. Das Ver­hält­nis von Jury und Tel­e­vo­ting zuguns­ten des Publi­kums zu ändern, ist doch eine total sinn­lo­se Idee. Ent­we­der sie haben genug Ein­fluss, um den Sie­ger des Publi­kums auch mal ver­hin­dern zu kön­nen, oder man soll­te sie gleich abschaf­fen. Einen Mini-Ein­fluss um nur auf den Rän­gen ein wenig zu ver­än­dern, braucht es mei­ner Mei­nung nach nicht.

    Und Ser­hat hät­te die ursprüng­li­che Bal­la­den­ver­si­on sin­gen sol­len. Die Dis­co-Rhyth­men und – mie­zen kon­ter­ka­rie­ren zu sehr sei­ne gefühl­vol­le Stim­me und sei­ne eige­ne sta­ti­sche Per­for­mance.

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