Der NDR stellt vor: die ESC-Klasse von 2017

Weit über 2.000 junge Talente haben sich nach Angaben des NDR für das Ticket nach Kiew beworben. 33 von ihnen – und damit die prototypische Schülerzahl einer Klasse zu meiner Zeit – lud der Hamburger Sender am vergangenen Wochenende zum Vorsingen nach Köln ein. Wie Schüler/innen wirken sie denn auch, die Ausgesiebten, in den keck „Speed-Dating“ genannten Drei-Minuten-Interviews mit Bürger Lars Dietrich, mit denen der NDR uns Zuschauer/innen ein erstes Beschnuppern ermöglichen will: so unsicher, so fohlenhaft aufgeregt, so unfassbar jung vor allem. Doch das Schutzalter müssen sie schon erreicht haben, sonst dürften sie ja auch beim Song Contest nicht mitmachen. Und so können wir unbesorgt unsere Augen weiden an solchen Hinguckern wie dem Youtube-Star Alessandro Capasso (wenn der mal nicht zur Familie gehört, fress‘ ich einen Besen!), BroSis-Fan Alex Scuderi, den in seiner aufgesetzt kumpelhaften Art unerträglichen Holzfällerhemdundhutträger Marvin Schloßhauer oder den singenden Fußballer / fußballspielenden Sänger und Bartwuchskünstler Sven Lüchtenborg. Wie meinen? Was vergessen? Ach so, ja: Mädels sind ebenso in der Klasse. So wie die lustig benamste Felicia Lu Kürbiß (bei den Zähnen aber auch naheliegend!), das *räusper* Klassen-Nesthäkchen Elvira Michieva, die nach eigener Aussage bereits am Eurovisionsvorentscheid in ihrer Heimat Aserbaidschan teilnahm (war das vor oder nach 2008, Liebes?) und in der Acapella-Runde zum Interview-Ende mit einer hervorragend flowenden Rapeinlage überrascht, oder die – Nomen est Omen – stimmstarke Mary-Ann Bröllochs. Die fünf Klassenbesten muss die NDR-Jury nun auswählen für den deutschen Vorentscheid am 9. Februar, wo sie dann von senderseits approbierten internationalen Songschreibern beigesteuertes Liedgut zu Gehör bringen dürfen.

Alle 33 Kandidat/innen im fremdschämstarken „Speed-Dating“. Wer bei jeder dummen Frage einen Schnaps trinkt, liegt spätestens beim dritten Clip unter dem Tisch.

Nämliches Fokussieren auf das Liedmaterial, zu dem nur noch der passende Interpret gekoppelt werden muss, scheint mir auch der Grund, warum zum Nachwuchswettbewerb Unser Song 2017 keine Bands zugelassen sind. Denn die zeigen sich meist widerspenstiger, haben oft eigene Songs im Koffer, die sie dann auch singen wollen, und lassen sich nicht so leicht formen wie die überwiegend blutjungen Solokünstler/innen der Klasse von 2017, die, wie sie teils selbst im Interview erzählen, zur „Generation Casting“ gehören. Leider entgehen uns auf diese Weise natürlich auch köstliche, potentielle Vorentscheidungsperlen, wie sie sich in den digitalen Archiven der Wildcard-Runden früherer Vorentscheide zuhauf tummelten (und von denen natürlich nie auch nur eine ihren Weg in die Endrunde fand). Auf einen der solcherart vom NDR verschmähten Vorschläge machte mich das Absenderduo Giro & Gala aus Hamburg-St. Pauli unlängst selbst aufmerksam – und weil er so schön ist, möchte ich ihn meinen Leser/innen nicht vorenthalten! Wunderbar „80er-trashig“ (Selbsteinschätzung) kommt es daher, das Lied ‚Europa Tour‘, nach Angaben der beiden gerne in der Wunderbar anzutreffenden Grand-Prix-Fans „speziell für den ESC überlegt und mit sehr viel Enthusiasmus und Freude sowie allen uns verfügbaren Techniken entwickelt. Es handelt von einer Raum-Reise zum Jupiter-Mond Europa, unter dessen Eismantel Wissenschaftler einen Ozean vermuten, in dem es Leben geben könnte“. Aber natürlich gibt es das dort! Davon berichtete uns in besagten Achtzigern ja bereits Andreas Dorau mit seinem ‚Fred vom Jupiter‘, in dessen ideeller Nachkommenschaft Giro & Galas Song denn auch steht. Und von meiner Seite gibt es Douze Points alleine schon für den fabelhaften Rock. Vielen Dank fürs Zusenden!

Alle Register gezogen: die Hamburger Giro & Gala, beim NDR leider abgeblitzt

3 thoughts on “Der NDR stellt vor: die ESC-Klasse von 2017

  1. Jou. Nett. Jetzt müssen sie nur noch die Richtigen auswählen für die Endrunde. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass sie das nicht versemmeln.

  2. Die Elvira war übrigens 2010 beim ESC-VE in Azedaze. Als Elli Mishiyeva mit „Up, up“, flog aber in der Vorrunde raus. (Quelle: wiwibloggs bzw. Kommentare im Prinzblog. Auf ogae.de verifiziert. Ich bin so ein Nerd 😉 )

    Und: Hat eigentlich einer das Schnäpskenspiel gemacht?

  3. Komisches system. 30 „gesangstalente“vorstellen, aber dann wählt der ndr 5 davon aus? Jeder dieser 5 muss dann einen(vom ndr ausgesuchten)song vordudeln. Der sieger muss dann in kiev das abo auf den letzten platz einlösen.

Oder was denkst Du?