Keine Vorurteile: Pollapönk-Backing ist jetzt Minister

Es ist ein kleiner, illustrer Kreis: Åse Kleveland gehört beispielsweise dazu, drittplatzierte Vertreterin Norwegens beim Eurovision Song Contest im Jahre 1966, Moderatorin der gleichen Veranstaltung zwanzig Jahre später und von 1990 bis 1996 Kultusministerin des skandinavischen Landes. Die irische Grand-Prix-Siegerin (1970), Präsidentschaftskandidatin und Europaabgeordnete (1944-1999) Dana National zählt dazu. Und nun auch Óttar Proppé, seines Zeichens Backingsänger der unvergesslichen isländischen Vertreter von 2014, Pollapönk, und Vorsitzender der ironisch-lässig benannten Partei Björt framtíð (Strahlende Zukunft), einer ökoliberalen Vereinigung, die an der aktuell regierenden Dreiparteienkoalition beteiligt ist und seit wenigen Tagen mit Proppé den Gesundheitsminister des Inselstaates stellt. Vor seiner politischen Karriere, die er 2010 in der Besten Partei im Stadtrat von Reykjavik begann, arbeitete Proppé als Buchhändler, Schauspieler und Musiker, wobei er sich einen legendären Ruf erwarb. In einer 3sat-Dokumentation von 2014 beschrieb er sein politisches Credo so: „Wir wollen Politik menschlicher, einfühlsamer machen“ beziehungsweise „Wir wissen, dass wir uns verändern müssen. Nur wissen wir noch nicht so genau, wie wir das anstellen sollen.“ Bei seinem Eurovisionsauftritt forderte er gemeinsam mit seinen Kollegen ‚No Prejudices‘, also „Keine Vorurteile“. Und dafür, dass die Isländer/innen genau das beherzigen und eine so schillernde Persönlichkeit zum Minister machen, dafür liebe ich sie!

Der blondgefärbte Zottelhaarige hinten ist es: Óttar Proppé von Pollapönk

Und wo wir gerade von meiner Liebe zu den Isländern sprechen: in deren Line-up für die diesjährige Vorentscheidung Söngvakeppnin am 11. März 2017 findet sich unter anderem der Hockeyspieler und Sänger Rúnar Eff Rúnarsson, der mit der sanften Liebesballade ‚Mér við hlið‘ / ‚By my Side‘ antritt, einem musikalisch nicht sonderlich mitreißenden, aber auch nicht vorsätzlich langweilenden Song, wozu es ein ziemlich originelles Musikvideo gibt, welches das Ansehen nicht nur wegen des Augenschmauses Rúnar lohnt, sondern auch wegen der im Hintergrund erzählten lustigen Geschichte.

Vergnügliche drei Minuten: Rúnar Eff

Als noch lohnender allerdings erweist sich ein Blick in den Youtube-Katalog des schmucken Wikingers, insbesondere dessen Coverversion des Bonnie-Tyler-Smashhits ‚Holding out for a Hero‘ aus dem Jahre 2010. Die ich zunächst aus reiner Neugierde, aber reservierten Herzens anklickte, handelt es sich bei der überdramatischen High-Energy-Nummer der britischen Eurovisionsvertreterin von 2013 doch um einen meiner liebsten Popsongs aller Zeiten und war ich bislang der Meinung, dass es Blasphemie gleichkomme, sich an diesem Musterbeispiel für fantastischen Camp zu vergreifen. Rúnarsson nimmt dem Achtzigerjahre-Klassiker alles, was ich an dem Lied eigentlich liebe: das Tempo, den Pomp, das Schwule, das Überlebensgroße. Er macht daraus einen fragil intonierten, sterbenstraurigen Blues, der trotz den unveränderten Textes und der Tatsache, dass hier ein Mann davon singt, seinen Helden zu suchen, auch durch das ergreifend lakonische Begleitvideo eine durch und durch heterosexuelle Liebesgeschichte erzählt. Was mich bei minderbegabten Künstlern als skandalöse Aneignung schwulen Kulturgutes empören würde (soviel zu meinen Vorurteilen), kriegt mich hier aber sofort: seine Stimme geht tief unter die Haut, direkt in Seele, und hinterlässt nichts als Liebe zu diesem extrem coolen Isländer, der mit seiner völligen Umkrempelung ja nichts als absoluten Respekt für diesen Musik-Meilenstein beweist. Und dafür danke, Mann!

Wir brauchen mehr Helden wie ihn: Rúnnar Eff

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