Ita­li­en 2017: Namas­té olé

Bis tief in die Nacht hat­te es (wie wir es ja nicht anders gewohnt sind) ges­tern mal wie­der gedau­ert, bis beim San Remo Fes­ti­val 2017 die fina­le Ent­schei­dung fiel. Und die ist eine ziem­lich sen­sa­tio­nel­le: der 34jährige Fran­ces­co Gab­ba­ni, letz­tes Jahr an sel­bi­ger gehei­lig­ter Stät­te des Aris­ton-Thea­ters noch als Sie­ger aus der Nach­wuchs­ka­te­go­rie Nuo­ve Pro­pos­te her­vor­ge­gan­gen, gewann in die­sem Jahr den tra­di­ti­ons­rei­chen ita­lie­ni­schen Gesangs­wett­be­werb bei den Gro­ßen, den Cam­pio­nimit dem Titel ‘Occidentali’s Kar­ma’. Und er gab noch in der glei­chen Nacht, gegen halb drei, bekannt, dass er, wie es sein Recht, aber nicht sei­ne Pflicht als San-Remo-Sie­ger ist, das Land nun auch in Kiew ver­tre­ten möch­te. Mit sel­bi­gem Song. Sein Tri­umph kann als um so sen­sa­tio­nel­ler gel­ten, da sein Bei­trag und ins­be­son­de­re die Prä­sen­ta­ti­on schon sehr aus dem Rah­men des bei der alt­ehr­wür­di­gen Gala Übli­chen her­aus­fällt. So trat der Sän­ger in einer der Run­den im Affen­kos­tüm an und tanz­te wäh­rend des Vor­trags eine bei­läu­fi­ge, so simp­le wie effekt­vol­le Cho­reo­gra­fie aus weni­gen, um so ein­präg­sa­me­ren Arm­be­we­gun­gen, die offen­sicht­li­che Anlei­hen im Yoga neh­men. Das Lied selbst kommt als fröh­li­cher, ein­gän­gi­ger, mit­rei­ßen­der, dabei aber nicht plat­ter Pop­song her­über. 

Lei­der blo­ckiert die RAI sämt­li­che Live-Mit­schnit­te von San Remo auf You­tube, daher hier der pro­fes­sio­nel­le Video­clip.

Und auch, wenn man des Ita­lie­ni­schen nicht mäch­tig ist, erschließt sich schon aus bestimm­ten, inter­na­tio­nal ver­ständ­li­chen Wor­ten wie “Kar­ma”, “Nir­va­na” oder “Namas­té”, dass Fran­ces­co dar­in inhalt­lich etwas Tief­ge­hen­de­res als die beim Con­test sonst gern genom­me­ne Lie­bes­schnul­ze oder kit­schi­ge Welt­frie­den­s­ül­ze abhan­delt. Tat­säch­lich lie­fert der gran­dio­se Song­text eine so kryp­ti­sche wie cle­ve­re Abrech­nung mit dem aktu­el­len Zustand der west­li­chen Welt (dem titel­ge­ben­den Okzi­dent): Gab­ba­ni beschreibt uns als tan­zen­de nack­te Affen im selbst­ge­wähl­ten, beque­men Käfig, die in anony­men Sel­fie-Grup­pen Hil­fe suchen, ihre “asep­ti­schen” Kör­per mit Cha­nel bespren­keln, um bloß nicht wie Men­schen zu rie­chen, und Intel­li­genz als “demo­dé” betrach­ten. Gewis­ser­ma­ßen iro­nisch ein­ge­streu­te “olé“s neh­men dem Text gleich­zei­tig die Schär­fe und ver­lei­hen ihm eine lako­ni­sche Gelas­sen­heit, die zum Abschluss in einem spi­ri­tu­el­len “Om” mün­det. Ein rund­her­aus fan­tas­ti­scher Bei­trag und aus dem Stand mein dies­jäh­ri­ger Favo­rit! Der sogar, nicht zuletzt auf­grund des unfass­li­chen Laus­bu­ben­char­mes des Inter­pre­ten, in Kiew die Zuschauer/innen wie Jurys glei­cher­ma­ßen für sich ein­neh­men könn­te. Soll­te Ita­li­en mit ihm 2017 also end­lich den ver­dien­ten Sieg davon­tra­gen, um den man das Land schon 2015 betrog? Das wäre dann ein ver­dien­tes, posi­ti­ves Kar­ma!

[Nach­trag]: Dank eurovision.tv nun end­lich auch ver­füg­bar: Fran­ces­cos Live­auf­tritt – und der ist noch bes­ser als der Clip.

4 Gedanken zu “Ita­li­en 2017: Namas­té olé

  1. Ist zwar ganz und gar nicht mein Musik­ge­schmack, aber abso­lut stim­mig, und ich ver­ste­he gut, wie dies gewin­nen konn­te. Fin­det sicher auch euro­pa­weit sei­ne Freun­de. Beson­ders freue ich mich natür­lich dar­über, dass der Inter­pret dem Rest von Euro­pa so zuge­tan scheint, dass er sofort geäu­ßert hat, bei´m ESC ant­rez­ten zu wol­len. Das ist lei­der, wie die ver­gan­ge­nen Jah­re gezeigt haben, kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Dan­ke!

  2. Hei­der­jei, ich habe einen Bei­trag, für den sich sowohl das Anru­fen als auch das Mit­fie­bern los: Dou­ze et Gab­ba­ni! 🙂 Go Ita­ly go. Wun­der­bar und ich tei­le die Begeis­tung des wer­ten Blog­gers. 🙂

  3. Ich hat­te mir schon ver­gan­ge­ne Woche mal einen Über­blick über die dies­jäh­ri­gen San-Remo-Teil­neh­mer ver­schafft und bin bei zwei­en hän­gen­ge­blie­ben: dem jun­gen Cas­ting-Act Miche­le Bra­vi und dem gut­aus­se­hen­den, cha­ris­ma­ti­schen, stimm­lich an bes­te Cel­en­ta­no-Zei­ten erin­nern­den Fran­ces­co Gab­ba­ni. Hab mir von Gab­ba­ni sofort sein Album “Grei­tist Iz” besorgt und war von Anfang an rest­los begeis­tert.
    Daher war ich ges­tern vom Ergeb­nis ein­fach nur hin und weg – Ita­li­en hat alles rich­tig gemacht ! Und auch Miche­le Bra­vi erreich­te einen respek­ta­blen vier­ten Platz.
    Jetzt in Kiew ein­fach nur Dau­men drü­cken.

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