Malta 2017: Atemlos durch die Nacht

Also gut, bringen wir es hinter uns: am gestrigen Samstagabend wählte auch die kleine, in Eurovisionsdingen unermüdliche Mittelmeerinsel Malta ihren Beitrag für Kiew aus. Einiges machte man diesmal anders: das in der Vergangenheit meist obligatorische Semifinale wurde gestrichen, die Vorab-Vorstellung von zirka eine Minute langen Songausschnitten im sterilen Xarabank-TV-Studio entfiel diesmal meines Wissens auch, und – größter vorstellbarer Kulturschock überhaupt! – selbst die bislang allmächtige Jury schaffte das maltesische Fernsehen TVM komplett ab. Nur beim Songtableau gab es keine Überraschungen: das übliche halbe Dutzend unermüdlicher Dauerkomponisten, die üblichen unermüdlichen Verdächtigen hinter dem Mikrofon, die üblichen lehrbuchhaften Tanzchoreografien und der übliche schwerverdauliche Auflauf aus insgesamt 16 mehr oder minder gleich klingenden Beiträgen, deren einziges Ziel es zu sein schien, sich in ihrer absoluten Harmlosigkeit und ihrem kompositorischen Kindergartenniveau gegenseitig hart zu unterbieten. Zu den unermüdlichsten Teilnehmerinnen der maltesischen Vorauswahlen gehört seit gefühlt hundert Jahren Claudia Faniello, Schwester des zweimaligen Eurovisionsrepräsentanten Fabrizio (→ MT 2001, 2006). Fantastische, spitzenmäßige Camp-Disco-Schlager schenkte sie uns dabei in der Vergangenheit, so wie das königlich komische ‚Caravaggio‘ (2008) oder das sensationelle ‚Samsara‘ (2010), doch mit keiner dieser großartigen Beiträge war ihr (oder uns) das Glück beschieden. Gestern forderte sie das Schicksal mit der provokativ betitelten, pompösen Klavierballade ‚Breathlessly‘ heraus – und das zeigte sich ihr (aber nicht uns) gnädig. Gar nicht ‚Atemlos‘ kämpfte sie sich von der letzten Startposition aus im hautengen Abendkleid durch den zähen Torchsong, und das Publikum schenkte ihr den Sieg, ob nun aus Mitleid mit der Sängerin oder aus Bösartigkeit gegenüber den Grand-Prix-Zuschauer/innen. So langsam glaube ich doch an eine europaweite Verschwörung mit dem Ziel, mir den Spaß an meinem einstmals heißgeliebten Fun-Event mit Gewalt zu rauben und mich in den depressionsbedingten Suizid zu treiben…

Und noch eine dramatische Ballade für den Grand Prix. Wir haben ja noch nicht genug davon (MT)

Aber Spaß scheint ja mittlerweile generell verboten zu sein. Das musste auch das singende Pärchen Deborah C & Josef erfahren, das mit ‚Tonight‘ ein in seiner zuckersüßen, über jedes vertretbare Maß hinaus naiven Niedlichkeit beinahe schon wieder parodistisches Liedchen über „Bumblebees and Sommerdays“ anstimmte und dieses vor einem derartig kitschigen Zeichentrickhintergrund präsentierte, dass ich insgeheim damit rechnete, dass nun gleich die Teletubbies die Bühne stürmen und die beiden unverheirateten Frischverliebten, die da fröhlich kichernd ihren für die heutige Nacht geplanten erstmaligen gemeinsamen Beischlaf herbeisehnten, für dieses (wir sind schließlich auf einer streng katholischen Insel!) sündige Begehren mit der lilafarbenen Handtasche verprügeln würden. Was allerdings nicht geschah.

Och guck mal, Heteros. Wie niedlich!

Bevor man mich nun wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit wegsperrt: das bedeutet nicht, dass ich ‚Tonight‘ ernsthaft gut fände – aber es zauberte mir in seiner unfassbaren Lächerlichkeit zumindest ein andauerndes Grinsen ins Gesicht und fesselte meine Aufmerksamkeit für die vollen drei Minuten, während mich die restlichen Beiträge des Abends – einschließlich des Siegertitels – einfach nur zu Tode langweilten und ich die meisten von ihnen in der Youtube-Nachschau bereits nach wenigen Sekunden wegklicken musste, um meinen Lebenswillen nicht vollständig zu verlieren. Erwähnenswert wäre allenfalls noch das optisch ansprechende, augenscheinlich eineiige Bärenbrüder-Zwillingspärchen, das die Sängerin Miriana Conte tänzerisch begleitete, was mich ihren Songriemen zumindest für eine halbe Minute ertragen ließ. Vielleicht könnte Frau Faniello die Beiden ja mit nach Kiew nehmen, um das Grauen etwas zu lindern? Bitte?

Och guck mal, die zwei Tanzbären. Wie niedlich!

Beim hundertsten Anlauf geschafft: Claudia Faniello singt im Semi zu Kiew. Schafft sie es auch ins Finale?

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5 Kommentare zu „Malta 2017: Atemlos durch die Nacht

  1. Nicht, dass ich diesen Beitrag wirklich gut fände. Er war allerdings wirklich unter den dargebotenen tatsächlich noch der beste.
    Und das ewige Balladen-Bashing hier und an vielen anderen Stellen kotzt mich einfach an. Ich bin sehr für Vielfalt, aber die kann man nicht verordnen, und meinetwegen kann der gesamte ESC nit Balladen bestückt sein, wenn sie denn gut sind. Man darf natürlich auch Spaß haben, aber für mich ist der Wettbewerb eben nicht nur das Spaß- und Party-Event, als der er hier immer dargestellt wird. Zum Glück nicht.

  2. @Def: Der Autor dieses Blogs mag vermutlich keine Balladen. Und da es sein Blog ist kann er ja hier auch seinen Musikgeschmack kundtun.
    Außerdem: Wenn der ganze ESC nur aus Balladen bestehen würde, wäre es wohl stinklangweilig.

  3. Ach, ich will diese Balladendiskussion nicht schon wieder führen. Eigentlich geht es mir um etwas ganz Anderes: ich mag keine langweiligen Lieder. Langeweile ist mir körperlich unterträglich. Das gilt für langweilige Uptemposongs genauso wie für langweilige Balladen. Aber, das gebe ich zu: lahme Balladen, also solche, die mich nicht berühren, langweilen mich sehr viel schneller. So wie eben die von Claudia F. Da stimme ich Ralf zu, der bringt es auf den Punkt.

  4. nicht nur fehlen Power und Drama – auch so etwas wie wirkliche Passion in der Darstellung. „Tonight“ ist wirklich Magerquark vom kompositorischen Blickwinkel, aber die beiden Saenger hatten offenkundig Spass dabei, und das ist dann doch wert, dass man es anschaut…

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