Perlen der Vorentscheidungen: Fakten, Fantasy und Flatulenzen

Um nach dem Deutschland-Diss die Laune wieder etwas zu haben, schalten wir nun nach Rumänien, wo zwischenzeitlich weitere Acts für die Selectia Nationale vorsangen, von denen ich Euch ein paar beim besten Willen nicht vorenthalten kann. Das gilt insbesondere für Dorel Giurgiu, dessen Auftritt sich eigentlich kaum in Worte fassen lässt. Ich will es dennoch versuchen: da kniet zunächst ein zottelhaariger, verknautscht dreinblickender Mann mittleren Alters in einem um eine bis zwei Nummern zu großen Anzug starr und in andächtiger Position auf der Bühne. Läge ein Hut vor ihm auf dem Boden – ich würde zwei Euro reinwerfen. Dann erklingt eine fiepsige, ziemlich schiefe Casio-Melodie, die klingt wie ein abgelehnter Rohentwurf für die musikalische Untermalung eines Atari-Videospiels. Dorel erhebt sich umständlich und fängt tapsig an zu tanzen, dazu murmelt er gelegentlich ein paar undeutliche Worte ins Mikrofon, immer so zirka eine bis zwei Sekunden hinter dem Beat her. Es wirkt, als habe der Komponist des Beitrags einen Obdachlosen von der Straße gezerrt, ihn einmal abgeduscht, in ein paar saubere Klamotten aus dem Rote-Kreuz-Container gesteckt und ihn auf die Bühne geschoben. Jedenfalls auf den ersten Blick. Doch schnell beschleicht einen der Verdacht, dass sich hier ein genialer Komiker einen herrlichen Spaß mit dem Auswahlkomitee erlaubt, denn nicht nur, dass der Song ‚Be strong!‘ heißt, was auf der Metaebene irgendwie witzig ist. Herr Giurgiu singt auch zu perfekt immer genau eine bis zwei Sekunden zu spät und einen bis zwei Töne daneben. Seine Bewegungen sollen wie zufällig wirken, aber eigentlich ist seine Choreografie ziemlich ausgefeilt. Dementsprechend verwirrt und indigniert schaut die Jury auch drein, auf die das rumänische Fernsehen dankenswerterweise zwischendrin schneidet und zu der neben früheren nationalen Vertretern wie Ovi (→ RO 2010, 2014) interessanterweise auch der ehemalige Focus-Chef Helmut „Fakten, Fakten, Fakten!“ Markwort zu gehören scheint. Der schnallt offenbar sehr genau, dass er hier gerade königlich verarscht wird, und man sieht ihm an, wie sehr er sich beherrschen muss, um nicht aufzustehen und Dorel eine aufs Maul zu hauen. Selten habe ich mich in drei Minuten königlicher amüsiert!

Seien Sie jetzt bitte stark: Dorel (RO)

Auch Mihai Traistariu (→ RO 2006, Vorentscheid 2016) versucht es erneut, programmatischerweise mit dem Titel ‚I won’t surrender‘ (‚Ich gebe mich nicht geschlagen‘). Sein Lied und sein Vorsingen gerieten allerdings dermaßen erbärmlich (also noch nicht einmal mehr im guten Sinne tragisch, sondern nur noch im traurigen), dass er es nach menschlichen Maßstäben nicht ins Semifinale der Vorentscheidung schaffen sollte. Aber das traut sich das rumänische Fernsehen vermutlich nicht, weil der notorisch dauerbeleidigte Künstler sonst wieder monatelang öffentlich greint und wehklagt. Zu Erfreulicherem: wenn ein Beitrag schon ‚Balkanitza‘ heißt, weiß man in etwa schon, wie er klingt. Und die Banda Hoinarii enttäuscht nicht! Einen astreinen, mitreißend platten Turboschlager präsentiert uns das – dem optischen Eindruck nach zu urteilen – aus ein paar Freizeitmusikanten zusammengestellte Quartett, und das mit Verve. Wobei mir noch nicht ganz klar ist, weswegen der ein bisschen wie der verschollene jüngere Bruder von Extrabreit-Frontmann Kai Hawaii aussehende Leadsänger der Hoinariis ständig etwas von der „Schwacke“-Liste skandiert? Will er uns einen Gebrauchtwagen andrehen? Jedenfalls ist die flotte Nummer völlig chancenlos beim Wettbewerb und trifft genau meinen Geschmack!

Ovo je Balkan: Hoinarii (RO)

Über die blonde Anneli Zetterberg ließ sich bereits mein britischer Bloggerkollege Roy Delaney von Eurovision Apocalypse aus, der darauf hinwies, dass Annelis Songtitel ‚Follow through‘ für Native Speakers eine (mir bislang nicht bewusste) köstliche Doppeldeutigkeit bereit hält. Denn neben der eigentlichen, vom Songtexter wohl gemeinten Bedeutung „etwas durchziehen“ (im Sinne von: zu Ende bringen) kommt der Terminus im Englischen auch als „in die Hose machen“ zum Einsatz. Und zwar nicht vor Lachen, sondern im Sinne des versehentlichen Landgangs beim Flatulieren. Was dazu führen könnte, dass sich britische Zuschauer/innen dann eben doch vor Lachen einnässen, wenn Anneli das in Kiew mit der ihr eigenen Ernsthaftigkeit vortragen sollte. Wobei ich die Wahrscheinlichkeit angesichts ihres jaulenden Gesangs als gering einstufe. Größere Chancen könnte da schon die Hardrockband Htheththemeth haben. Die vermutlich zu diesem ungewöhnlichen Namen kam, als einer der Mitglieder nach stundenlangem, ermüdendem Streit über die Namensfindung entweder vor Erschöpfung oder vor Wut mit dem Kopf auf die Computer-Tastatur aufschlug. Oder aber es handelt sich um eine neue Designerdroge. Das würde auch die ständig weit aufgerissenen Augen des voluminösen Leadsängers der ansonsten von teils sehr schmuck anzuschauenden Zottelbartträgern bevölkerten Kapelle erklären, der wie auf einem schlechten Trip permanent vor sich hin schwitzend etwas von einem ‚Fantasy Empire‘ vor sich hin faselt. Aufgrund seiner schlechten Aussprache blieb mir verborgen, ob es dabei um erotische Fiktion geht oder ob er von der Weltherrschaft träumt. So oder so macht er mir jedenfalls Angst. Schade, denn der Song ist noch nicht mal so schlecht, vor allem in den Strophen.

Bitte stoppt ihn, bevor es zu spät ist: Hrmghtpfrf-Meth (RO)

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