Slo­we­ni­en 2017: die Rück­kehr des Jugo-Rob­bie

Bei man­chen Län­dern fragt man sich doch, war­um sie über­haupt noch schein­bar öffent­li­che Vor­ent­schei­dun­gen abhal­ten, wenn sie ihren Ver­tre­ter doch ohne­hin längst intern bestimmt haben. So wie heu­te Abend bei der slo­we­ni­schen EMA: dort ent­schied sich das Publi­kum mit gro­ßer Mehr­heit für das aus zwei Brü­dern bestehen­de Wort­spiel-Duo BQL (gespro­chen: “be cool”) mit dem musi­ka­lisch zwar nicht son­der­lich ori­gi­nel­len, aber zumin­dest extrem ein­gän­gi­gen Mid­tem­po­song ‘Heart of Gold’, eines der weni­gen Lie­der die­sen Abends (und Jahr­gan­ges), das tat­säch­lich über einen erkenn­ba­ren Refrain ver­füg­te. Doch die kos­ten­pflich­ti­gen Anru­fe hät­ten sich die Slo­we­nen (wie immer) spa­ren kön­nen: die Jurys wer­te­ten die bei­den char­man­ten Jungs, deren Ver­wandt­schaft auch stimm­lich unver­kenn­bar schien, vor­sichts­hal­ber in einer offen­sicht­lich vor­her abge­spro­che­nen kon­zer­tier­ten Akti­on vor­sätz­lich her­un­ter und schum­mel­ten den Sieg so ihrem ein­deu­ti­gen Favo­ri­ten zu, dem Wie­der­keh­rer Omar Naber (→ SI 2005). Der Rob­bie Wil­liams des Bal­kan sah zwar trotz einer etwas arg nach­läs­si­gen Gar­de­ro­be und feh­len­der Gesichts­be­haa­rung noch immer so gut aus wie bei sei­nem ers­ten Euro­vi­si­ons­auf­tritt in Kiew, lie­fer­te aber mit ‘On my Way’ eine der­ma­ßen alt­ba­cke­ne, kitsch­trie­fen­de, dis­ney­fi­zier­te Grand-Prix-Bal­la­de ab, dass wohl selbst ein völ­lig abge­schmack­ter Schnul­zier wie Engel­bert Hum­per­dinck (→ UK 2012) sich für solch eine Num­mer zu Tode schä­men wür­de. Zumin­dest erklär­te das Ergeb­nis den nerv­tö­ten­den Ein­satz des ohrenz­er­mür­bend laut­star­ken Dosen­ap­plau­ses (der um so offen­sicht­li­cher auf­fiel, da an der Stel­le, wo der Loop zu Ende war, stets eine ein­se­kün­di­ge Jubel­pau­se ein­trat, bevor das Gejoh­le wie­der von vor­ne los­ging) wäh­rend der EMA: konn­te man auf die­se Wei­se doch die ver­mut­lich von vor­ne­her­ein ein­kal­ku­lier­ten Pfif­fe und Buh­ru­fe des düpier­ten Saal­pu­bli­kums erfolg­reich über­tün­chen und tumult­ar­ti­ge Sze­nen wie in Spa­ni­en ver­hin­dern. Nur dem bereits vor der Sen­dung fest­ste­hen­den Sie­ger hat­te nie­mand das Memo zukom­men las­sen: Omar zeig­te sich wäh­rend sei­ner Repri­se sicht­bar ange­pisst und griff sich an einer Stel­le wäh­rend des Vor­trags gar in den Schritt – offen­sicht­lich als gars­ti­ge Ges­te gegen­über dem Publi­kum und in Refe­renz auf John Cobra (→ Vor­ent­scheid ES 2010).

Kennt sich in Kiew bereits bes­tens aus: Omar Naber (SI)

Letz­ten Endes spiel­te die unver­kenn­ba­re Schie­bung, wie sie in dem Bal­kan­land in jedem ein­zel­nen Jahr statt­fin­det, in dem das Publi­kum nicht allei­ne abstim­men darf, aber kei­ne wirk­li­che Rol­le mehr. Hat­ten die Slo­we­nen den ein­zi­gen wirk­lich inter­es­san­ten Titel des gesam­ten Vor­ent­scheids, die äußerst mode­rat an die hei­mi­sche Kult­ka­pel­le Lai­bach erin­nern­de Dar­bie­tung des Pope­ra-Tri­os Tos­ca Beat (‘Free World’), die selbst in ihrer Ver­wäs­sert­heit alles Ande­re deut­lich in den Schat­ten stell­te, doch bereits im ers­ten Semi­fi­na­le kle­ben las­sen. In der heu­ti­gen End­run­de fand sich somit nichts wirk­lich Welt­be­we­gen­des mehr, auch die gleich zwei Bei­trä­ge aus der Feder von Raay Vovk (Mar­aa­ya, → SI 2015) ver­moch­ten nur mode­rat zu über­zeu­gen, dar­un­ter der bereits bespro­che­ne Publi­kums­fa­vo­rit ‘Heart of Gold’, der tat­säch­lich haupt­säch­lich von der stim­mi­gen Che­mie der bei­den Brü­der leb­te, die per­fekt mit­ein­an­der har­mo­nier­ten und deren inni­ge fami­liä­re Ver­bun­den­heit in die Kame­ras dif­fun­dier­te. Einen inter­es­san­ten Jury-Tele­vo­ter-Split gab es auch beim berech­tig­ten Letzt­plat­zier­ten Tim Kores, der mit ‘Open Fire’ zwar einen wun­der­ba­ren nost­al­gi­schen Euro­dance-Titel im Modern-Tal­king-Stil ablie­fer­te und zumin­dest die LED-Wand gehö­rig in Brand setz­te, der jedoch von sei­nen Chor­sän­gern deut­lich über­tönt wur­de – nicht wegen einer schlech­ten Ton­ab­mi­schung, son­dern auf­grund sei­ner wirk­lich hunds­mi­se­ra­blen stimm­li­chen Leis­tung. Kores erhielt nichts von den Qua­li­tät gerecht beur­tei­len­den Zuschauer/innen, aber immer­hin noch zehn Punk­te aus Jury­hand. Die setz­te statt­des­sen die gestan­de­nen Ska-Her­ren von Sell Out auf Punk­te­ent­zug, die beim Publi­kum noch auf dem fünf­ten Rang lan­de­ten. Nun schüt­tet also auch der Alpen­an­rai­ner­staat noch einen wei­te­ren musi­ka­li­schen Eimer in den dies­jäh­ri­gen, schon längst über­lau­fen­den Bal­la­den­see und hebt sich allen­falls dadurch her­aus, dass aus­nahms­wei­se mal kei­ne Frau singt.

Bros befo­re Hoes: zwi­schen BQL passt kein Blatt Papier (SI)

Was meinst Du: schafft es Omar dies­mal ins Fina­le?

  • Bit­te? Der ist 2005 schon geschei­tert, und sein neu­er Song ist ja noch lang­wei­li­ger. No way! (42%, 32 Votes)
  • Das ist natür­lich abge­schmack­ter Bal­la­den­rotz, aber zehn Län­der *müs­sen* ja ins Fina­le… (26%, 20 Votes)
  • Der Song ist fan­tas­tisch, end­lich mal wie­der eine Breit­wand-Bal­la­de. Fina­le, zu Recht! (16%, 12 Votes)
  • Das ist so hun­dert­pro­zen­ti­ges Jury­fut­ter, das schafft der mit links. (11%, 8 Votes)
  • Der könn­te das Tele­fon­buch vor­le­sen und ich wür­de für den anru­fen. Song hin oder her: klar schafft der das! (5%, 4 Votes)

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2 Gedanken zu “Slo­we­ni­en 2017: die Rück­kehr des Jugo-Rob­bie

  1. Das war für mich komi­scher­wei­se so ziem­lich der ein­zi­ge EMA-Bei­trag, der die ESC-Teil­nah­me ver­dient hat, viel­leicht noch zusam­men mit “Open Fire”. Ich glau­be, dass es dies­mal für das Fina­le reicht.

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