Spa­ni­en 2017: ein aus­ge­buh­ter Sie­ger

Tumult­ar­ti­ge Sze­nen spiel­ten sich heu­te früh im Fina­le der spa­ni­schen Vor­ent­schei­dung Obje­tivo Euro­vi­sión ab, wie Euro­fire berich­tet (ich selbst konn­te die Sen­dung dank eines zicki­gen, auf mei­nem Rech­ner ums Ver­re­cken nicht funk­tio­nie­ren­den Live­streams lei­der nicht mit­ver­fol­gen – “dan­ke” noch­mal an die EBU für die Ent­schei­dung, die natio­na­len Fina­le nicht mehr auf eurovision.tv zu über­tra­gen!). Denn es kam mal wie­der zum klas­si­schen Patt zwi­schen der Jury und dem Publi­kum. Das favo­ri­sier­te klar die Sän­ge­rin Mire­la und ihren (zuge­ge­be­ner­ma­ßen extrem euro­vi­si­ons­kli­schee­haf­ten, aber wenigs­tens flot­ten) Grand-Prix-Schla­ger ‘Con­ti­go’. Von den drei Juror/innen hin­ge­gen stand eine eben­falls auf der Sei­te Mire­las, zwei aber bevor­zug­ten den (im Tele­vo­ting nur dritt­plat­zier­ten) zwan­zig­jäh­ri­gen Sur­fer­boy Manel Navar­ro und sein selbst­ge­schrie­be­nes, mit­tel­schwung­vol­les und arg repe­ti­ti­ves ‘Do it for your Lover’, wel­ches der Hawaii­hemd­en­trä­ger in größ­ten­teils erstaun­lich gutem Eng­lisch vor­trug – bis auf den letz­ten Lied­part, wo er stän­dig “to sue it for your Lover” for­der­te. Wen sol­len wir da ver­kla­gen? Das spa­ni­sche Fern­se­hen? Wegen der Schie­bung? Denn auf­grund der Unei­nig­keit von Volk und Herr­schaft kam es zum Punk­te­gleich­stand, und statt das demo­kra­tisch Rich­ti­ge zu tun und das Ple­bis­zit anzu­er­ken­nen, über­ließ TVE dem Mani­pu­la­ti­ons­ko­mi­tee die Ent­schei­dung. Die drei Juro­ren muss­ten noch­mals ein­zeln abstim­men und votier­ten – wenig über­ra­schend – mit Zwei­drit­tel­mehr­heit erneut für Manel. Das ent­fes­sel­te Stu­dio­pu­bli­kum, das bereits laut­stark “Mire­la a Euro­vi­si­on” skan­dier­te, quit­tier­te die Bevor­mun­dung ver­ständ­li­cher­wei­se mit Buh­ru­fen. Und damit fährt auf­grund des Wil­lens von zwei (!) ein­zel­nen (!!) Per­so­nen, die ein gan­zes Volk düpie­ren durf­ten, nun jemand zum Con­test nach Kiew, der zuhau­se die kla­re Mehr­heit gegen sich hat. Das ist ja schon mal ein gutes Omen, wie Atlan­tis 2000 (→ DE 1991) dem Spa­ni­er sicher erzäh­len könn­ten.

Du hast die Haa­re schön: Manel Navar­ro (ES)

Fai­rer­wei­se will ich ergän­zen, dass die – aus der Per­spek­ti­ve der spa­ni­schen Fans natür­lich skan­da­lö­se – Ent­schei­dung aus der Sicht Rest­eu­ro­pas letzt­lich herz­lich egal war. Denn unter den ins­ge­samt sechs Titeln des gest­ri­gen Fina­les fand sich kein ein­zi­ger, mit dem die Ibe­rer auch nur den Hauch einer Chan­ce gehabt hät­ten, das Tal der Trä­nen, dass sie gemein­sam mit uns Deut­schen seit meh­re­ren Jah­ren selbst­ver­schul­det beim Euro­vi­si­on Song Con­test durch­wan­dern, in Rich­tung eines Gip­fels zu ver­las­sen. Allen­falls der zau­ber­haft ver­spiel­te Coun­try­schla­ger ‘Lo que nun­ca fue’ von Pau­la Rojo, eben­falls kein welt­ver­än­dern­des Werk, aber zumin­dest hübsch zum Mit­sum­men, stach ein wenig aus dem Feld der musi­ka­li­schen Ein­falls­lo­sig­keit her­aus. Doch den setz­ten die Juro­ren wie das Publi­kum jeweils auf den vor­letz­ten Rang, was in der Addi­ti­on absur­der­wei­se sogar für die Rote Later­ne reich­te. Sei’s drum: nun also Herr Navar­ro. Wenn der sich beim Auf­tritt in Kiew gnä­di­ger­wei­se weni­ger oft durch die wusche­li­ge Locken­pracht streicht und ins­ge­samt den Level der aus­ge­strahl­ten Selbst­ver­liebt­heit ein klein wenig her­un­ter­dimmt, man also viel­leicht sel­te­ner das Bedürf­nis ver­spürt, ihm eine zu scheu­ern, und wenn sich die spa­ni­sche Dele­ga­ti­on eine etwas avant­gar­dis­ti­sche­re Büh­nen­show ein­fal­len lässt als das ziel­lo­se Her­um­wan­dern mit der Klamp­fe in der Hand… dann ist zwar immer noch kein Platz ober­halb der 20 drin, aber man möch­te als Zuschau­er wenigs­tens nicht mehr ganz so oft bre­chen, wie es die dem Song­ti­tel inhä­ren­te ego­is­ti­sche mora­li­sche Erpres­sung eigent­lich indu­ziert. Do it for your Lovers, TVE.

Die kla­re Publi­kums­fa­vo­ri­tin Mire­la mit einem tau­send­mal gehör­ten Bumms­beat-Schla­ger (ES)

Nach­trag: wie das spa­ni­sche Inter­net­por­tal For­mu­la TV berich­tet, soll der Juror Xavi Mar­ti­nez direkt nach der Sen­dung noch im Fern­seh­stu­dio von TVE von einem erbos­ten Fan ange­gan­gen und sogar kör­per­lich bedroht wor­den sein, ohne dass es jedoch zum Äußers­ten kam. Mar­ti­nez war einer der bei­den Jury­mit­glie­der, die Manel Navar­ro mit der vol­len Punkt­zahl bedach­ten (und in der Kampf­ab­stim­mung am Ende wenig über­ra­schend für ihn votier­ten), wäh­rend sie die Publi­kums­fa­vo­ri­tin Mire­la jeweils mit der geringst­mög­li­chen Punkt­zahl abstraf­ten, also offen­sicht­lich kon­zer­tiert her­un­ter­vo­te­ten. Dass sich der Zorn so sehr gegen Mar­ti­nez ent­lud, lag dem Por­tal zufol­ge auch dar­an, dass die­ser in sei­nem Brot­job als Radio-DJ im Vor­feld der gest­ri­gen Vor­ent­schei­dung sein Pro­te­gé Manel Navar­ro auf sei­nem Sen­der – wel­cher Manels Sieg bereits vor dem amt­li­chen End­ergeb­nis per Twit­ter ver­kün­det haben soll – stark pro­mo­te­te, ihn zum Inter­view ins Radio ein­lud und Manels Bei­trag auf sei­ner Wel­le in die Hea­vy Rota­ti­on gedrückt haben soll. Eine gewis­se, wol­len wir es mal Befan­gen­heit nen­nen, mag man dem Juro­ren also vor­wer­fen. Und auch, wenn das eine Gewalt­an­dro­hung natür­lich nicht recht­fer­tigt (weil, über­flüs­sig es zu sagen, nichts das tut), so kann ich doch mei­ne klamm­heim­li­che Scha­den­freu­de dar­über nicht ver­heh­len, dass die offen­sicht­lich kor­rup­ten Juro­ren nun auch mal den Volks­zorn zu spü­ren bekom­men. Denn völ­lig unab­hän­gig davon, dass bei­de Titel glei­cher­ma­ßen schlecht sind und es ange­sichts des mau­vai­sen Song­ta­bleaus um die Wahl zwi­schen Pest und Cho­le­ra ging, kann ich mich hier nur wie­der­ho­len: dass zwei ein­zel­ne Per­so­nen mit einer sehr offen­sicht­li­chen, abge­stimm­ten Stra­te­gie die Wahl des Publi­kums auf eine der­art schä­bi­ge Wei­se hin­ter­trei­ben kön­nen, ist und bleibt empö­rend. Dass die, wie wir alle wis­sen, seit jeher in beson­de­rer Wei­se dem Dra­ma zuge­neig­ten spa­ni­schen Fans dies nicht ein­fach stumm hin­neh­men, son­dern ihren berech­tig­ten Zorn laut­stark arti­ku­lie­ren, spricht aus mei­ner Sicht für sie.

Alles stun­den­lan­ge Recht­fer­ti­gungs­ge­re­de bemän­telt es nicht: Manels Sieg war eine Schie­bung. Immer­hin sorg­te die­se für ein hoch unter­halt­sa­mes Dra­ma.

4 Gedanken zu “Spa­ni­en 2017: ein aus­ge­buh­ter Sie­ger

  1. Benut­zen wir da mal wie­der das gern und oft bemüh­te Stil­mit­tel der Über­trei­bung?^^
    Es war natür­lich nicht nur die Ent­schei­dung von zwei Juro­ren, son­dern auch von den Zuschau­ern, die Manel einen drit­ten Platz im Tele­vo­ting beschert haben. Und wenn Mire­la nicht mehr als 50 % der Tele­vo­ting­stim­men bekom­men hat, dann hät­te auch sie die Mehr­heit gegen sich gehabt. 😉

  2. War ja klar, dass das hier the­ma­ti­siert wer­den wür­de. Habe ich mir schon beim Betrach­ten des Live-Streams (bei mir hat er funk­tio­niert) gedacht. Der arme Mode­ra­tor hat­te wirk­lich einen schwe­ren Stand. Dabei waren die Regeln eigent­lich vor­her klar kom­mu­ni­ziert wor­den.
    Aus die­sem Grund ste­he ich auch zum Sie­ger, selbst wenn mein per­sön­li­cher Geschmack aan­ders aus­sieht. Hier wäre mir tat­säch­lich Mire­la lie­ber gewe­sen (mein zwei­ter Platz, Manel sah ich auf der drei). Aber mei­ne Favo­ri­tin (Mai­ka) ist eh sowohl bei Jury als auch beim Publi­kum nur ganz weit hin­ten gelan­det.

    Wor­in ich dem Haus­herrn 100%ig zustim­me, ist sei­ne Kri­tik dar­an, dass die EBU ihr Strea­ming und Kon­ser­va­ti­on der natio­na­len VEs ein­ge­stellt hat. Bei allen Pro­ble­men, die auch ich anfangs mit octo­s­hape hat­te, fand ich das eine fan­tas­ti­sche Idee, zumal eini­ge Live-Streams kata­stro­phal unter­di­men­sio­niert und insta­bil waren (wahr­schein­lich hat­te nie­mand das welt­wei­te Inter­es­se geahnt), vor allem aber wegen der Mög­lich­keit, das zeit­ver­setzt aus der Kon­ser­ve anzu­schau­en, weil sonst die ESC-“Supersamstage” ein­fach nicht zu bewäl­ti­gen waren (ich habe ges­tern auch auf 3 Bild­schir­men Ver­an­stal­tun­gen par­al­lel ange­se­hen und selbst das war natür­lich zu wenig).
    Fra­gen:
    1.) kann man da viel­leicht in einer kon­zer­tier­ten Akti­on eine Peti­ti­on in Gang set­zen, dies wie­der ein­zu­füh­ren? Ich wäre bereit, dies zu unter­stüt­zen.
    2.) wo sind denn die alten Auf­zeich­nun­gen gelan­det? Momen­tan kann ich sie nicht bei eurovision.tv fin­den, aber viel­leicht (bestimmt?) sind sie ja noch irgend­wo.

  3. Viel­leicht soll­ten wir ein­fach bevor wird das Wort Demo­kra­tie in den Mund neh­men, kurz nach­den­ken was es bedeu­tet. Ein Tipp kann ich geben, es hat nichts damit zu tun, wie ein Fern­seh­sen­der einen Titel für eine inter­na­tio­na­le Show aus­wählt. Gera­de in einer Zeit, in der von Rechts gegen Ent­schei­dungs­trä­ger pole­mi­siert (Éli­te, Eta­blsih­ment etc.) und ein ima­gi­nä­res Volk die­sen gegen­über gestellt wird, soll­te man mit sol­chen Begrif­fen vor­sich­tig sein. UNd ein Ple­bis­zit war das natür­lich auch nicht, aber ich bin nicht dein Poli­tik­leh­rer.

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