Kroa­ti­en 2017: die lied­ge­wor­de­ne Mozart­ku­gel

Oh. Mein. Gott! Viel Auf­re­gung gab es bereits im Vor­feld um den kroa­ti­schen Bei­trag zum Euro­vi­si­on Song 2017, ‘My Fri­end’ von Jac­ques Hou­dek, nach­dem uns der vom Sen­der HRT intern aus­ge­wähl­te Künst­ler mit ers­ten Song­schnip­seln und – vor weni­gen Tagen – der Instru­men­tal­ver­si­on des Stü­ckes ange­füt­tert hat­te. Hou­deks Kata­log offen­bart außer­dem eine gewis­se Affi­ni­tät zu Camp, doch nichts – wirk­lich nichts! – konn­te einen auf das Hör­erleb­nis vor­be­rei­ten, wel­ches mit der ges­tern erfolg­ten Ver­öf­fent­li­chung der Stu­dio­fas­sung von ‘My Fri­end’ über uns her­ein­brach. Die Num­mer beginnt bereits mit einem abso­lu­ten Knal­ler in Form eines gespro­che­nen (!) Albert-Ein­stein-Zita­tes: die vol­le Ladung Pathos, gleich zum Auf­takt, ohne jede Vor­war­nung mit­ten in die Fres­se rein! Man hat sich von die­sem Fron­tal­an­griff auf die Geschmacks­ner­ven noch nicht rich­tig erholt, da umschmei­cheln zucker­sü­ße Gei­gen und kit­schi­ge Rei­me die Gehör­gän­ge, gefolgt von der nächs­ten Über­ra­schung: Hou­dek wech­selt unver­mit­telt von einer schlei­mig-lieb­li­chen Pop- in eine drö­hen­de Bari­ton­stim­me, in wel­cher er auf Ita­lie­nisch tre­mo­liert. Und wie­der zurück. So als wohn­ten zwei See­len ach in sei­ner Brust, und bei­de woll­ten sich Gehör ver­schaf­fen. Der Refrain ent­führt uns ins Dis­ney-Musi­cal ‘Fro­zen’, und nach einer kur­zen, gei­gen­ge­schwän­ger­ten Brü­cke holt Jac­ques dann zum ganz gro­ßen Schlag aus und singt im Duett gegen sich selbst, in allen Stimm­la­gen gleich­zei­tig.

Jetzt wis­sen wir wenigs­tens, wo Dai­sy, Rudolph Moos­ham­mers Töle abge­blie­ben ist: Jac­ques Hou­dek besitzt sie jetzt!

Was im Stu­dio natür­lich pro­blem­los geht, live auf der Büh­ne aber sehr prä­zi­se funk­tio­nier­te Cho­ris­ten benö­tigt bezie­hungs­wei­se jede Men­ge Poten­ti­al für einen (hof­fent­lich) spek­ta­ku­lä­ren Car Crash bie­tet. ‘My Fri­end’ stellt in Sachen Euro­vi­si­ons­camp alles bis­lang Dage­we­se­ne in den Schat­ten, inklu­si­ve der ita­lie­ni­schen Drei Jun­gen Tumo­re von 2015, dem bel­gi­schen Mamasöhn­chen von 2014 und den rumä­ni­schen Kas­tra­ten-Dra­cu­la von 2013. Auch bis­he­ri­ge kroa­ti­sche Kit­schlie­der wie ‘Nost­al­gi­ja’ (1995), ‘Lijepa Tena’ (2009) oder ‘Mižer­ja’ (2013) ver­blas­sen gegen die Fas­zi­na­ti­on des Schre­ckens, wel­che die sin­gen­de Mozart­ku­gel Hou­dek ver­brei­tet. Man steht wäh­rend sei­ner drei Minu­ten mit vor fas­sungs­lo­sem Stau­nen offe­nem Mund vor der musi­ka­li­schen Mons­tro­si­tät, die er uns hier prä­sen­tiert, und zwickt sich immer wie­der, weil man ein­fach nicht glau­ben will, was man da hört. Auch heu­te, einen Tag spä­ter, kann ich mich noch immer nicht ent­schei­den, ob ich ‘My Fri­end’ in sei­nem bewuss­ten (?) Über­schrei­ten sämt­li­cher Geschmacks­gren­zen geni­al fin­den soll oder ein­fach nur ent­setz­lich. Ver­arscht er uns alle oder meint der das ernst? Tra­gisch ist die Num­mer in jedem Fall, ich weiß nur noch nicht, ob fabel­haft tra­gisch oder tra­gisch tra­gisch. Eines muss man dem Kroa­ten aber las­sen: er sorgt als einer der Weni­gen in die­sem Jahr­gang für Gesprächs­stoff. Das hier wird 2017 der Bei­trag sein, an den sich hin­ter­her jeder erin­nert, ob er will oder nicht. Vor­aus­ge­setzt, dass Hou­dek es ins Fina­le schafft, wor­an ich noch Zwei­fel hege. Denn die Jurys schlach­ten so etwas gna­den­los. Es soll­te mich nicht wun­dern, wenn er von­sei­ten der “Pro­fes­sio­nel­len” eine dicke fet­te Null kas­siert. Gera­de des­we­gen: Hut ab, Jaques, für Dei­ne Toll­kühn­heit!

Die Vor­la­ge für Jac­ques’ Refrain

Schafft Jac­ques Hou­dek damit den Final­ein­zug? Und soll­te er?

  • Das ist so groß­ar­tig, das MUSS ins Fina­le. Und es wird auch. Dafür sticht es ein­fach zu sehr raus aus dem Meer der Lan­ge­wei­le. (40%, 41 Votes)
  • Dar­über kann und will ich noch gar nicht nach­den­ken. Ich bin noch immer in der Schock­star­re. (24%, 25 Votes)
  • Ich fin­de ja, man darf das dem Sams­tag­abend­pu­bli­kum nicht vor­ent­hal­ten. Aber ich fürch­te, er wird sich da nicht rein­quet­schen kön­nen. (19%, 20 Votes)
  • Bekämpft es mit Feu­er! Die Jurys wer­den das mit Recht töten, und auch die Zuschau­er wer­den viel­leicht mit dem Fin­ger drauf zei­gen, aber nicht dafür anru­fen. (17%, 17 Votes)

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4 Gedanken zu “Kroa­ti­en 2017: die lied­ge­wor­de­ne Mozart­ku­gel

  1. Dass man Ein­steins Zitat auf die­se unglaub­li­che Wei­se musi­ka­lisch ver­tont, stellt fast die Rela­ti­vi­täts­theo­rie in den Schat­ten sei­nes Schaf­fens. Ich bin sehr ver­stört.

  2. Ich fin­de den mega­geil und er fällt auf! Vor­al­lem wenn man in so anschaut glaubt man weder, das die eine Stim­me noch die ande­re aus ihm her­aus kommt 😉
    Die Erschei­nung passt zu kei­ner Stim­me, und das macht es gera­de so geil.
    Gibt es schon irgend­wo einen Live-Video­auf­tritt ?
    Kann mir das optisch gar­nicht vor­stel­len, und die Prä­sen­ta­ti­on wird bei dem Lied auch eine gro­ße Rol­le spie­len!
    Aber Poten­zi­al hat er auf­je­den­fall. Da ist der Sieg auch mög­lich!

  3. Ich kann die extrem nega­ti­ven Kom­men­ta­re zu der Num­mer nicht so nach­voll­zie­hen. Klar ist es hier von allem too much aber sol­che Num­mern funk­tio­nie­ren bei ESC doch häu­fig. Wenn der Herr das hin­be­kommt mit der Zwei­stim­mig­keit wird es eini­ge über­rasch­te Gesich­ter geben. Ich fin­de der Jahr­gang bie­tet schon deut­lich schlech­te­re Num­mern als die­se.

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