Litauen 2017: Every Song is a Cry

Unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit ging am gestrigen Samstagabend ebenfalls die schier unendliche Geschichte des litauischen Eurovisionsvorentscheids 2017 zu Ende. Nach insgesamt zehn Runden setzte sich in der finalen Sendung der Eurovizija das dreiköpfige, seit 2004 in wechselnden Zusammensetzungen bestehende Musik-Kollektiv Fusedmarc mit den Stimmen der Jury und der Zuschauer/innen gegen die langwöchige Favoritin Aistė Pilvelytė mit ihrem von Aminata (→ LV 2015) geschriebenen Wolfslied durch und ließ auch den einzigen einigermaßen erfolgversprechenden Trash-Titel ‚Get frighten‘ der ursprünglich bereits abgewählten, in letzter Sekunde jedoch per Wildcard wieder hinzugefügten Turbo-Dragqueen Lolita Zero weit abgeschlagen hinter sich. Warum, bleibt allen Nicht-Litauer/innen ein völliges Rätsel: da steht eine zierliche Frau mit einem strengen Kugelzopf im roten Kleid auf der Bühne und schreit disharmonisch zu einem im Hintergrund ziellos vor sich hin puckernden Elektrotrack, als gingen ihr gerade ein paar Nierensteine ab. Eine Revolution will sie auf uns herabregnen lassen, so nölt sie, und es klingt nach einer Drohung. Zumal unklar bleibt, woraus diese bestehen soll: aus der ersatzlosen Streichung solcher überkommenen und ewiggestrigen Konzepte wie das eines wahrnehmbaren Refrains oder eines Gesangs, der beim Zuhörer keine unmittelbaren Ohrenschmerzen auslöst? Eigentlich will man das als ignoranter Westeuropäer aber auch gar nicht so genau wissen, sondern den nach ermüdend zähem Prozess nun endlich ausgewählten, ebenso ermüdend zähen Titel ‚Rain of Revolution‘ nur noch flugs in die hoffentlich ausbruchssichere Kiste mit der Aufschrift „hoffnungsloses Füllmaterial für die Qualifikationsrunde“ packen, in der sicher nicht unbegründeten Hoffnung, den Song nur noch ein einziges Mal bei seinem Semifinalauftritt hören zu müssen und dann für immer vergessen zu können.

Keine Revolution: Kon-Fusedmarc schreien für Litauen

Hat Litauen dieses Jahr eine Chance aufs Finale?

  • Natürlich nicht. Wie man zehn Wochen brauchen kann, um so einen Müll auszuwählen, bleibt wohl das Geheimnis der Balten. (85%, 82 Votes)
  • Ja, das geht natürlich nicht so leicht ins Ohr wie Helene Fischer. Der Musik-Connaisseur weiß das aber zu schätzen und wird es ins Finale wählen. Hoffentlich. (15%, 14 Votes)

Total Voters: 96

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4 Gedanken zu “Litauen 2017: Every Song is a Cry

  1. Na, da ist es ja nicht weiter tragisch, dass ich gestern Abend den Livestream entnervt verlassen habe, weil er ständig gehangen hat. Aber die Eröffnung mit dem Chor war toll. Sonst jedoch bekam ich nur Bruchstücke mit und bin nach dem Auftritt von Aiste Pilvelyte gegangen.
    Ich dachte, Litauen professionalisiert sich wie Lettland, das dank Aminata und „Supernova“ einen großen Sprung nach vorne gemacht hat. Aber stattdessen geht es zurück ins Jahr 2014, als „Ätteeeennnttschööönnnnn“ gefordert war. Schade!

  2. Endlich gibt es ihn, den Song, der noch schlechter ist als der deutsche Beitrag. Litauen wird damit zur größten Gefahr, uns den Hattrick zu versauen, was Schade wäre, denn der NDR hätte ihn verdient. Der würde die Verantwortung zwar an unser Angie weitergeben und wieder keine Veranlassung sehen, etwas zu verändern, aber vielleicht bringt es die EBU ja dazu, uns künftig durchs Halbfinale zu zwingen! 😄 Jaja, wird schon, denn Lt kommt damit nicht ins Finale, wir schaffen den Hattrick und die EBU wird uns ins HF zwingen! YeaH!

  3. Mir gefällt das tatsächlich, auch wenn es zugegebenermaßen etwas sperrig ist. Aber ich mochte ja auch Attention.

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