Namasté oweh: die Eurovisionsremixe 2017, Part 2

Nachdem in den vergangenen Monaten innerhalb der nunmehr abgeschlossenen Vorentscheidungssaison 2017 nach und nach alle 43 Beiträge für den Eurovision Song Contest 2017 in Kiew ausgewählt wurden, trafen in der vergangenen Woche, rund um die Deadline für das Einreichen der Lieder bei der EBU, diverse Remixe der bereits feststehenden Titel ein, die es hier noch zu besprechen gilt. Dazu zählt natürlich in erster Linie die unvermeidliche Überarbeitung des albanischen Songs. Der hieß, als er Ende Dezember 2016 das heimische Festivali i Kënges gewann, noch ‚Botë‘: eine hochdramatische, verschwenderisch orchestrierte Grand-Prix-Ballade in Landessprache, die von dem stimmsicher, präzise und mit Hingabe dargebotenen Gekreische seiner Interpretin lebt, sowie von den sehr präsenten und eindrucksvollen Chorsängerinnen, die Linditas lautstarkes Klagen mit einer Art schmerzvoll-dunklem Grundbrummen aufs Wunderbarste kombinieren. Der nun präsentierte, unvermeidlicherweise enttäuschende ESC-Remix mischt letzteres bis an die untere Grenze der Wahrnehmbarkeit herunter, hallt und donnert dafür die Leadstimme gigantisch auf, was dem Lied ein wenig die Balance nimmt. Als viel schlimmer erweist sich jedoch die Sprachwahl: während Instrumentierung und Länge praktisch unverändert bleiben (‚Botë‘ beachtete, extrem ungewöhnlich für einen albanischen Song, bereits in der FiK-Fassung die magische → Drei-Minuten-Grenze), singt Frau Hamili den Beitrag in Kiew, wie üblich und wie bereits angekündigt, unter dem neuen Titel ‚World‘ auf Englisch.

Gleicht ertrinkt sie in ihrem eigenen Echo: Lindita (AL)

Was man jetzt nicht sofort heraushört, denn obschon Lindita seit 2013 in den USA lebt, versteht man allenfalls die Hälfte. Das liegt natürlich nicht nur an ihrer Aussprache, sondern auch an der Struktur des Songs, der als klassischer Jury-Köder auf eine möglichst beeindruckende vokale Leistungsschau setzt, bis hin zu einer über zwanzigsekündigen (!) durchgehenden hohen Note (die sie übrigens auch live so hin bekommt – Respekt!), und die Verständlichkeit des Textes diesem Ziel opfert. Ganz ehrlich: wenn ich schon drei Minuten lang angeschrien werde, dann bitte in einer Sprache, derer ich nicht mächtig bin. Dann klingt das nämlich geheimnisvoll und authentisch. So aber bleibt es leider mal wieder profan. Und obschon der Song angeblich zuerst in der englischen Fassung erarbeitet und nur für das FiK ins Albanische transkribiert wurde, hakt der in der Landessprache sanft mäandernde, runde Textfluss im Englischen für meine Ohren massiv. ‚World‘ kann als erneutes Musterbeispiel dafür gelten, wie sich viele kleinere Nationen mit ihrem halsstarrigen Bestehen auf das vermeintlich wettbewerbsfähigere Englisch die Lieder kaputt machen. Ein Lernprozess ist hier aber auch nicht zu erwarten, da sich das Land der Skipetaren aufgrund seiner riesigen Diaspora stets selbst genug Punkte zuschaufeln kann, um dennoch problemlos die Qualifikation zu schaffen (in diesem Fall berechtigt) und relativ weit vorne mitzuspielen. Ein Trauerspiel.

Zum Vergleich: die Originalfassung (AL)

Eine leicht aufgefrischte Version ihres Wettbewerbsbeitrags reichten die Esten ein. Der moderntalkingeske Trennungsschmerzschlager ‚Verona‘ bekam im Wesentlichen einen etwas fetteren Beat und ein unmerklich schnelleres Tempo verpasst und klingt damit deutlich druckvoller, wenngleich immer noch hoffnungslos altmodisch. Das dazu produzierte Lyrik-Video kombiniert die ästhetisch billige Anmutung einer solcherart textlastigen Optik mit den zwar zum Thema des Titels passenden, für den Zuschauer dennoch deprimierend wirkenden teilnahmslosen Gesichtsausdrücken der beiden Interpreten Koit Toome und Laura. Gehört weiterhin zu meinen Guilty Pleasures dieses Jahrgangs, wird aber die Vorrunde wohl nicht überleben.

Wenn das Liebe ist / was, was ist dann Hass? (EE)

Ein wenig nebulös äußerte sich der NDR vergangene Woche zum deutschen Beitrag ‚Perfect Life‘ von Levina Luen, der allgemein als einer der heißesten Anwärter auf die Rote Laterne gehandelt wird, womit wir zumindest das Triple vollmachen würden. Kein Wunder übrigens, wo der Titel noch nicht einmal zu Hause reüssiert: nach dem deutschen Vorentscheid im Februar 2017 verweilte die Single für exakt eine Woche in den Media Control Top 100, auf Rang 28, um sich anschließend direkt wieder zu verabschieden. Vor wenigen Tagen veröffentlichte Levinas Plattenfirma Sony Music nun den deutlich aufgepimpten ‚Madizin Mix‘, welcher die musikalische Ödnis unseres Songs für Kiew durch einen ordentlichen Beat und allerlei elektronische Spielereien wenigstens stellenweise notdürftig übertüncht. Flugs keimte bei den Fans die leise Hoffnung auf, dass vielleicht doch noch eine Platzierung oberhalb der 20 drin sein könnte.

Sie bombardierten den verantwortlichen Hamburger Sender daraufhin mit Anfragen, ob man eventuell beabsichtige, die etwas erfolgversprechendere Abmischung für Kiew einzureichen. Das zarte Pflänzchen Hoffnung zermalmte der NDR jedoch schnell mit der interpretationsbedürftigen Mitteilung: „Levina singt in Kiew die bereits bekannte Version von ‚Perfect Life‘, noch einmal verdichtet“. Was immer das auch heißen mag – nach dem aufgemöbelten Madizin-Remix (der mit 3:25 Minuten Spieldauer zudem gegen die → Liedlängenobergrenzenverordnung der EBU verstößt) klingt dieses Wording nicht. Die „verdichtete“ ESC-Variante soll am 14. April 2017 erscheinen, wenige Tage vor Levinas Album. Augenscheinlich hat man bei Sony Music, anders als beim NDR, trotz der schwachen Chart-Performance Levinas die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.

Levina versucht es mit allen Mitteln (DE)

Als größte Katastrophe der Remix-Saison muss aber zweifellos die Eurovisionsfassung des italienischen Beitrags ‚Occidentali’s Karma‘ von Francesco Gabbani gelten. Der in den Wettbüros und in sämtlichen Fan-Polls unisono auf dem ersten Platz liegende Song dauert in der Originalfassung 3:28 Minuten und ist damit ebenfalls zu lang. Dass der notwendige Einschnitt schmerzhaft ausfallen muss, dürfte jedem irgendwie klar gewesen sein, aber bis dato verdrängten die Fans den Gedanken daran schon aus Selbstschutz so weit wie möglich. Das geht nun nicht mehr, denn die regelkonforme Drei-Minuten-Version ist draußen, und die vorgenommene Amputation erweist sich als deutlich brutaler als gedacht: Franceso schnitt (notgedrungen) die vollständige zweite Strophe heraus, die mit den Chanel-besprenkelten aseptischen Körpern.

Kein Kokain der Völker, Opium der Armen mehr: die zweite Strophe fehlt in der ESC-Fassung (IT)

Diese Notoperation dürfte der im Vorfeld des diesjährigen Jahrgangs bereits entflammten Diskussion um die → Drei-Minuten-Regel neue Nahrung zuführen, denn wenn man das Lied bereits kennt, kann man die Narbe beim Hören gewissermaßen ertasten. Zumal gerade der lyrisch anspruchsvolle Text dem italienischen Beitrag seine besondere Tiefe und Ausstrahlung verlieh, die nun ein Stück weit verblasst. Schlechtes Karma also für Francesco! Für den Sieg in Kiew dürfte zwar selbst die verstümmelte Fassung noch ausreichen, da weit und breit keine ernsthafte Konkurrenz in Sicht ist. Dennoch schmerzt der geradezu barbarische Einschnitt beim Anhören. Jedes. Verdammte. Mal. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, eine Ausdehnung der maximal zulässigen Gesamtlänge eines Grand-Prix-Liedes auf wenigstens dreieinhalb Minuten zu überdenken, zumal das bei 26 Songs im Finale am Samstag im Maximalfall gerade mal ein Viertelstündchen mehr Musik bedeutet – und diese Zeit ließe sich im ausufernden Rahmenprogramm locker wieder reinholen.

Zum Vergleich: die dreieinhalbminütige Live-Fassung (IT)

Was meinst Du: macht die Drei-Minuten-Regel Sinn?

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4 Gedanken zu “Namasté oweh: die Eurovisionsremixe 2017, Part 2

  1. Ich empfinde die neue Version des Siegers aus Italien ehrlich gesagt gelungen. Ich hatte die Befürchtung das an der letzten sehr starken Minute des Songs rumgesäbelt wird aber so ist es nicht gekommen.

  2. Geht mir auch so, die Kürzung ist gelungen. Was hätte er denn auch sonst wegschnibbeln sollen? Hat Francesco alles richtig gemacht.

  3. Im brutal beschnittenen Video merkt man den Bruch natürlich extrem, aber bei der Live-PErformance wird das wohl nicht weiter auffallen. Auch wenn es extrem unglücklich ist, dass nun an der Stelle einfach der Refrain sinnlos zwei mal hintereinander gesungen wird. Es wäre sicherlich eine elegantere Lösung möglich gewesen, aber so hat man sich halt auch des Chanel-Problems entledigt.
    Zumindest kann man froh sein, dass nicht noch eine Strophe auf Englich drübergeflanscht wurde, welches das Lied ebenso zerstärt hätte wie bei den Franzosen der Fall.

    Bei der englischen Version des albanischen Liedes finde ich hingegen überhaupt nicht, dass dadurch irgendwas verschlechtert oder verwässert wurde. Da sind wir aus dem letzten Jahr ja viel schlimmeres gewöhnt.

  4. 1990 musste der italienische Beitrag „Insieme: 1992“ auch gekürzt werden, weil dieser sogar im Original über 4 Minuten ging. Die Kürzung tat dem Sieg keinen Abbruch. Also sehe ich dem ganz entspannt entgegen. ABsolut top dieser Song, er bleibt einfach in den Ohren (aber wahrscheinlich nicht in Jury-Ohren, die ja öfter auf gequälte Töne stehen).

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