Russland 2017: eine Wunderwaffe auf Rädern

Hut ab vor diesem Schachzug! Überschlugen sich zuletzt die durch entsprechende Forderungen vonseiten der Politik genährten Spekulationen, Mütterchen Russland würde am Eurovision Song Contest 2017 in der Ukraine aufgrund der Feindschaft der beiden sich im Krieg befindlichen Länder nicht teilnehmen, so beendete der verantwortliche Sender Kanal 1 diese heute Abend erfreulicherweise mit der Präsentation des Beitrags ‚A Flame is burning‘, einer geradezu prototypisch generischen Sülzhymne, wie sie abgeschmackter kaum sein könnte. Wäre da nicht die Interpretin, die 28jährige, an den Rollstuhl gefesselte Julia Samoilova, die schon 2013 in der russischen Variante der Castingshow X-Factor mit einer fantastischen Rendition von ‚Molitva‘ (→ RS 2007) und natürlich ihrer persönlichen Geschichte eine Nation berührte: gesund geboren, verlor sie, wie Wiwibloggs unter Berufung auf ihre Website berichtet, angeblich als Folge eines Impfschadens die Kontrolle über ihre Beine und sei seither gelähmt. Von der Schulmedizin aufgegeben, hätten sie ihre wohlmeinenden Eltern zunächst von Wunderheiler zu Scharlatan gezerrt. Doch erst, seit sie sich der Musik zuwendete und alle Behandlungen stoppte, gehe es ihr wieder besser, so die Story, die fast schon zu kitschig klingt, um wahr zu sein.

So geht Abrüstung auf menschliche Art: Julia Samoilova (RU)

Die praktisch nur noch aus Kopf und Knochen bestehende Julia scheint deutlich stärker gelähmt zu sein als die polnische Eurovisionsvertreterin von 2015Monika Kuszyńska, die als Folge eines Verkehrsunfalls ebenfalls im Rollstuhl sitzt und die Mitleidsmasche als erste beim Eurovision Song Contest melkte. Mit diesem Schachzug beweist Russland zum einen Großmut, überhaupt zum Wettbewerb im Feindesland anzutreten, und kann andererseits sicher gehen, dass seine Vertreterin diesmal nicht ausgebuht wird, wie das den letzten Jahren leider immer wieder vorkam und wie es gerade in Kiew wohl beinahe unvermeidlich gewesen wäre. Und das aktuelle Contestmotto „Celebrate Diversity“ bedient die selbstverständlich in totaler (und legitimer) Berechnung erfolgte, nichtsdestotrotz positive Ernennung einer Schwerbehinderten als nationale Repräsentantin ebenfalls. Das Lied wird natürlich nicht siegen, dazu ist es zu mittelmäßig, aber darum geht es auch nicht. Putins Zarenreich zeigt mit dieser Nominierung einerseits Präsenz und andererseits menschliche Größe und macht sich drittens unangreifbar. Denn selbst der hartgesottenste und russlandfeindlichste Fan-Hooligan kann diese Interpretin im IEC zu Kiew nicht ausbuhen, ohne selbst als herzloser Unmensch dazustehen. Ich kann mich nur wiederholen: Hut ab, Russland (und im übrigen auch Hut ab vor Julia, denn bei aller Berechnung: eine gute Sängerin ist sie offensichtlich)!

Julias Castingshow-Auftritt 2013. Wenn sie Russland in Kiew vor Buhrufen bewahrt, steht sie zuhause als Heldin dar. Was könnte es für sie Besseres geben?

Schafft Russland mit Julia Samoilova den Finaleinzug?

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7 Gedanken zu “Russland 2017: eine Wunderwaffe auf Rädern

  1. Tut mir leid, aber ich hab mit der Vorführung dieses armen Mädels zum ganz eindeutigen Zweck des auf die Tränendrüsendrückens ganz große Probleme. Das hat überhaupt nichts mit der Person und ihrem Schicksal oder dem – ganz passablen – Lied zu tun, sondern einfach mit der Masche und die finde ich mehr als zynisch.

    Ach – Großbritannien, schickt doch nächstes Jahr Steven Hawking….

  2. Ja, das verstehe ich. Ich habe heute aber auch den Kommentar von einer (britischen) Mutter von einer querschnittsgelähmten Tochter gelesen, die meinte, auch wenn ihr klar sei, dass es hier um Propaganda ginge, wäre das immer noch gut für die Integration und sie würde sich sehr drüber freuen.

    Und ich glaube, dass das arme russische Mädel einfach nur sehr gerne singt und dass das für sie etwas ist, aus dem sie positive Bestätigung ziehen kann. Der wird das eher egal sein, ob und zu welchem Zwecke sie da „vorgeführt“ wird. Wie viele Gelegenheiten hat die denn, vor so einem riesigen Publikum aufzutreten? Ich denke, die wird sich über den Applaus in der Halle genau so freuen wie jeder andere auch, vielleicht sogar mehr. Ich hätte ihr (und uns) halt nur ein besseres Lied gewünscht.

  3. @Stefan

    Mir widerstrebt der Begriff des „Vorführens“ – das impliziert, dass Behinderte immer Opfer und Individuen ohne eigenen Willen sein müssen. Viele Leute können sich scheinbar nicht vorstellen, dass es auch Behinderte gibt, die gerne auf der Bühne stehen und ihr Können herzeigen.

    Yulia hat vor einigen Jahren aus eigenem Antrieb an einer Castingshow teilgenommen und eine Karriere als Sängerin eingeschlagen – ich gehe also davon aus, dass sie auf eigenen Wunsch am ESC teilnimmt – und dass ihr eine „Masche“ die Tür dazu geöffnet hat, wird ihr herzlich egal sein. Im Grunde ist das kalte Kalkül des russischen Fernsehens ein Glücksfall, schafft er doch nun beim diesjährigen Wettbewerb einen inklusiven Moment, der unter anderen Umständen so gar nicht zustande gekommen wäre.

    Ich finde auch den Auftritt in keiner Weise „entblößend“ – sie ist hübsch geschminkt, geschmackvoll angezogen und wird von einer schönen Lichtshow begleitet. Das ist eine deutlich stilvollere Präsentation wie bspw. bei Corinna May 2002, der noch extra Hupfdohlen an die Seite gestellt wurden, um den Unterschied zwischen ihr (die mit Handicap) und den übrigen Akteuren auf der Bühne (ohne Handicap) nochmal (unfreiwillig) zu unterstreichen.

    Ich bin überzeugt davon, dass du das nicht so gemeint hast, aber in deinem Kommentar – auch mit dem Steven Hawking-Vergleich – schwingt leicht subtil mit, das Behinderte nur aus Mitleidsgründen und nicht aufgrund ihres Talents bei den „Normalos“ mitmischen können/dürfen. Im konkreten Fall ist das Unsinn: die Samoilova ist eine gute Sängerin (besser als z.B. der Montegriner dieses Jahr), unabhängig davon ob sie gelähmt ist oder nicht. Sie besitzt im Kontext eines Gesangs- und Songwettbewerbs wie den ESC im Grunde gar kein so gravierendes Handicap und ist nicht auf Mitleid angewiesen. Steven Hawking hingegen ist Wissenschaftler und kein Musiker – ihn mit ihr zu vergleichen bloß weil beide gelähmt im Rolli sitzen ist absurd.

  4. „Mütterchen Russland“ „Putins Zarenreich“… Wow, was für ein Jargon. Warum sie ausgesucht wurde, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht wer sonst noch überhaupt zum ESC wollte. Aber wenn sie das mitmachen will, soll sie doch. Sie ist erwachsen und kann über sich selbst bestimmen (oder gibt es Anhaltspunkte, dass Putin sie zwingt?). Finnlands „Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN)“ 2015 war doch auch ok. Und zu der Behauptung: „..der hartgesottenste und russlandfeindlichste Fan-Hooligan kann diese Interpretin im IEC zu Kiew nicht ausbuhen“ > Da wäre ich mir nicht so sicher, mal sehen. Eigentlich machen doch die Russen immer gerne bei irgendwelchen Wettbewerben mit, und ich glaub nicht, dass sie sich selbst im Krieg mit der Ukraine sehen (Ich rede von der Mehrheit der Bevölkerung Russlands, nicht von auserkorenen Feindbildern.) Über Musikgeschmack lässt sich streiten. Ich finde sie nicht schlechter als hüpfende Popgirlies, wie sie von einigen osteuropäischen Ländern des Öfteren propagiert werden.

  5. @ Maxi
    Deine Replike auf mein Posting kann ich großenteils nachvollziehen und will dem auch nicht gänzlich widersprechen – nur ein wenig:
    zuerst – der Hawking-Vergleich war natürlich provokant und sollte es auch sein. Er hat seinen Zweck erfüllt und ich packe ihn wieder ein.
    Keineswegs will ich hier irgendwie gegen Behinderte polemisieren – nur gegen deren Instrumentalisierung. Die Finnen vor ein paar Jahren waren auf jeden Fall eine Bereicherung des Spektrums, was alles beim ESC möglich sein kann und soll.
    Was ich allerdings nicht glaube: dass die Nominierung von Julia Samoilova ganz ohne Hintergedanken durchgezogen wurde. Was weiß man denn ? Wurde Sie gefragt ? Hat sie sich irgendwo beworben ? Das weiß keiner und daher bleibe ich nach wie vor bei der Behauptung, dass es eine durchkalkulierte Masche ist, sie für den ESC nach Kiew zu schicken.
    Umso mehr – was jetzt die neueste Entwicklung ist – da sie wohl von einiger Zeit auf der Krim, dem unseligen Streitpunkt zwischen UA und RU, aufgetreten ist. Mir kann keiner erzählen, dass das den Verantwortlichen in RU nicht bekannt war und vor allem, was das für Konsequenzen seitens der Ukraine nach sich ziehen würde. Man arbeitet also zielgerichtet auf einen Ausschluss hin, um sich dann hinzustellen und der „Welt“ zu zeigen, wie unmenschlich die Ukraine mit Behinderten umgeht, falls die Einreise verweigert wird. Infam und niederträchtig sind da noch die harmloseren Adjektive, mit denen ich das Ganze umschreiben möchte.
    Ich bleibe neugierig, was die nächsten Tage bringen.
    Ach so übrigens – der ESC ist ja völlig unpolitisch.

  6. Egal wie das persönliche Denken hier sich in den Views und Kommentaren widerspiegelt. Ich persönlich finde diese Nominierung auch sowas von provokant. Hätte Sie durch eine russische VE gewonnen läge diese “ Verdacht der Reaktionen“ nicht ganz so klar auf der Hand.
    Neues Motto nun : Aus der politisch musikalischen Vergangenheit lernen.
    Siegessicheres Sternentaler wird zur ausgebuhten Pechmarie. Playgirl Coverboy mit international tauglicher 0815 Hitsingle muss sich europäischen Punkte „Diktatoren“ beugen. Und dann gewinnt auch noch ein Land nur durch reine gegen „Uns“ Sympathie Punkte .Nun die logische Konsequenz.
    Man schickt die sicherlich talentierte aber doch fast unangreifbare Sängerin. ( Kinder – dürfen ja leider nicht ) Gut geschrieben , Oliver .
    Aber die ganzen dämlichen Reaktionen,Veröffentlichungen und Meinungen einzelner Minister oder Staatsdiener Russland nach den vergangenen ESC’s lassen doch nur die Vermutung zu – provozieren und abwarten. Jeder nun nicht gegebene internationale Punkt wird länderübergreifend abgewägt ob politisch oder Mitleid. Null / ein Punkt – politisch , bis 3 Punkte Mitleid , ab 6 Punkte – treu bis ergeben. Jeglichen sangesfreudigen Kommentar spar ich mir. Aber dieses doch recht dünne Liedchen kommt nun mal nicht aus Malta oder Litauen 2008 sondern Russland 2017!
    Ein Lied kann also nicht nur eine Brücke sein sondern auch eine „Waffe“…
    Ich bin nun gespannt wie es weitergeht. Die Sängerin tut mir sogar Leid . Mit so einer Krankheit zu leben kostet wahnsinnig viel Geld. Eine „Ichwilldochnursingen“ Nummer kauf ich ihr nicht ab. Sorry , sie weiß nun sicherlich auch genau was für ein medialer Rummel nun beginnt.
    Sie nutzt das für Sie mögliche …..

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