Schweden 2017: Hier kommt der Trostpreis

Auch Schweden, spirituelles Mutterland des Eurovision Song Contest, schließt sich 2017 dem europaweiten Vorentscheidungstrend an, bei dem die Jury sich in den meisten Auswahlverfahren, an denen sie beteiligt war, über den Willen der Zuschauer/innen hinwegsetzte. Und, so ungern ich das als bekennender Juryhasser zugebe, zumindest im vorliegenden Fall dabei die bessere Entscheidung traf. Sofern man beim Melodifestivalen 2017 von „besser“ sprechen konnte, in dessen Finale sich in diesem Jahr ein ziemlich enttäuschendes Aufgebot versammelte. Als gewissermaßen Einäugiger unter den Blinden gewann mit einem massiven Stimmenvorsprung bei den internationalen Juroren das (beim Publikum drittplatzierte) Botoxgesicht Robin Bengtsson, im letzten Jahr noch Fünfter mit dem Titel ‚Constellation Prize‘ (‚Trostpreis‘), was auch heuer irgendwie treffend gewesen wäre. Sein aktueller Discoschlager ‚I can’t go on‘ lieferte indes exakt das, was Grand-Prix-Fans europaweit von einem schwedischen Beitrag erwarten: eine starke Melodie, eine catchy Hook, eine fehlerfrei exerzierte, bis zur Bewusstlosigkeit einstudierte Choreografie und ein nettes Bühnengimmick in Form eines überbreiten Laufbandes, auf dem Robin und seine drei Begleiter zum Dreiviertelplayback (d.h. mit massivem Einsatz von Stimmen vom Band) performten. Und tatsächlich erwischten die Jurys unter dem übrig gebliebenen Angebot meinen persönlichen Lieblingssong, der allerdings ein wenig unter der blasiert-nervengiftgelähmten Ausstrahlung seines Interpreten litt, der sowohl lyrisch als auch optisch den Eindruck erweckte, er habe seinen Sensibilisierungskurs für Gleichstellungsfragen auf der Trump-Universität abgeschlossen.

Seine Gespielin muss schon eine Zehn sein: Robin Bängt-Sohn (SE)

Das extrem eng beieinander liegende Zuschauervoting gewann (mit lediglich sieben Punkten Vorsprung vor Robin) ein bulliger junger Sänger, seinem Künstlernamen nach offensichtlich ein Fan des sehr sehenswerten 3sat-Wissenschaftsmagazins Nano, in meinem Buch allerdings unter dem Eintrag Rag’n’Bonelessman geführt. Sein Beitrag ‚Hold on‘ bildete gewissermaßen die Antithesis zum Siegersong: musikalisch stark am aktuellen Chart-Geschehen orientiert, in der Präsentation authentisch und zurückgenommen, stand hier ein Typ in Bomberjacke auf der abgedunkelten Bühne und sang sich die Seele aus dem Leib. Für Deutschland hätte ich das mit Kusshand genommen, von Schweden will ich etwas anderes. Zum Beispiel die im Televoting Zweitplatzierte, wenn auch wirklich schlimm frisierte Wiktoria mit ihrem discofizierten Countryschlager ‚As I lay me down‘, den die Jurys jedoch gnadenlos schlachteten. Was vielleicht auch an der etwas wackligen stimmlichen Leistung der schwedischen Andrea Berg gelegen haben könnte. Mit großer Genugtuung erfüllte mich unterdessen das harsche, aus Karma-Gründen jedoch völlig verdiente Verdikt über den LoreenMörder Anton Hagman, der mit lediglich sechs Trostpünktchen von der Jury (und einem Mittelfeldplatz bei den Zuschauern) die Quittung für den Andra-Chansen-Schocker vom vergangenen Samstag erhielt, als er mit seinem schlichten Nichts von einem Song das artifizielle Gesamtkunstwerk der Eurovisionssiegerin von 2012 zur Strecke brachte. Es gibt Gerechtigkeit!

Mei, da legst Di nieder: Wiktoria (SE)

Sehen wir den Bengtsson in Kiew im Finale wieder?

  • Ist der Papst katholisch? Das ist die Quintessenz der Eurovision - Sieger im Semi, Top 5 im Finale. (44%, 67 Votes)
  • Der Finaleinzug steht außer Frage, aber es wirkt schon wie eine verwässerte 'Heroes'-Kopie. Mittelfeldplatz. (39%, 59 Votes)
  • Ein Musterbeispiel für Einfallslosigkeit. Wenn es Gerechtigkeit gibt, bleibt das kleben. (17%, 26 Votes)

Total Voters: 152

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2 Gedanken zu “Schweden 2017: Hier kommt der Trostpreis

  1. Was ist mit dir los, Oliver? Wirst du langsam altersmilde gegenüber den Jurys? Erst Portugal, jetzt hier. Oder kommst du langsam selbst ins „Geronten-Jury“-Alter? Ach nein, jetzt weiß ich es! Der Geschmack der europäischen (Hetero- und Hausfrau-)Massen wird von Jahr zu Jahr schlechter und man sollte gewisse Völker wirklich bald entmündigen! 😉

  2. Endlich weiß ich, an wen mich Herr B:son erinnert – „Honey“ aus dem Dschungel ist wieder da !!!

Oder was denkst Du?