Eurovision Deathmatch #14: Queeres vom Balkan

Homosexualität ist auf dem Balkan leider nach wie vor ein großes Tabuthema. Nichtsdestotrotz – oder gerade deswegen – schicken aber gerade diese Länder immer wieder gerne campe Meisterwerke zum Eurovision Song Contest, bei denen sich jede Frage nach der sexuellen Orientierung des Interpreten von selbst beantwortet. Erinnert sei nur an solche fabelhaften Beiträge wie ‚In the Disco‘ (→ BA 2004), ‚Mr. Nobody‘ (→ SI 2006) oder ‚Ovo je Balkan‘ (→ RS 2010), aber auch den Siegertitel von 2007, ‚Molitva‘, der mit einer wunderbar subtil sapphischen Show aufwartete. Dessen Interpretin, Marija Šerifović, die sich laut Wikipedia erst 2013 offiziell als lesbisch outete, legte sich noch im Jahre 2008 einen Sandprinzen zu: in Form des diesjährigen montenegrinischen Eurovisionsvertreters Slavko Kalezić nämlich, der sich damals in serbischen Gazetten als ihr angeblicher Lover ausgab. Selbiger erscheint im Videoclip zu seinem homosensationellen Grand-Prix-Beitrag ‚Space‘ als durchtrainiertes metrosexuelles Fabelwesen und deliriert mit vor Zweideutigkeit nur so berstenden Textzeilen von betrunkener Liebe, feuchten Träumen und explodierenden Raketen, beschreibt also eine normale Nacht im Darkroom von Belgrads einziger Schwulenbar, dem Chez Milan. Immerhin praktiziert Slavko vorbildlicherweise safen Sex, denn „I have my suit on, no need to worry“, wie er uns mehrfach beruhigend versichert. Und wir können uns alle denken, welche Art von „Anzug“ er damit meint! Ganz zum Schluss schleicht sich jedoch noch ein ganz leiser, nachdenklicher Unterton ein in seinen top-campen Discoschlager, der mit der Zeile „In Space we can be as one“ endet. Nur im Weltraum, außerhalb dieses Planeten, können wir (lies: die LGBTI-Community) also vereint sein – ein subtiler Seitenhieb auf die leider gelegentlich mehr gegen- als miteinander kämpfende Emanzipationsbewegung, mehr aber noch gegen die Unmöglichkeit, uns im Angesicht der ignoranten bis feindlichen Mehrheitsgesellschaft überall auf dieser Welt frei entfalten zu können.

Ein kraftvoller Zentaur, der für die Freiheit kämpft – und das auf sehr unterhaltsame Weise: Slavko (ME)

Homophobe Äußerungen wurden vor etlichen Jahren noch gerüchtehalber dem kroatischen Repräsentanten Jacques Houdek nachgesagt, der singenden Mozartkugel, der es vor seiner internen Auswahl für 2017 insgesamt sechs Mal (!) beim heimischen Vorentscheid DORA versuchte, und zwar meist mit quietschend campen High-Energy-Disco-Kloppern. Was den Verdacht nährt, dass der offiziell mit einer Frau verheiratete zweifache Familienvater zum Kreis derer gehören könnte, die ihre tragische Veranlagung in der Öffentlichkeit (und eventuell vor sich selbst) verstecken. Und gerade Schrankschwule entpuppen sich ja oft als die lautstärksten Homogegner. Diese innere Zwietracht zwischen Veranlagung und gesellschaftlichem Erwartungsdruck äußert sich bei Jacques in einer gespaltenen Persönlichkeit, singt er in dem futtigen Popera-Schlager ‚My Friend‘ doch ein Duett mit sich selbst, permanent zwischen Bee-Gees-hafter Pop- und Baritonstimme wechselnd. Und der auf Italienisch und Englisch intonierte Text zeigt, dass er das Versteckspiel nicht mehr länger aushält: „Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben,“ zitiert er zum Einstieg Albert Einstein. Richtig, Jacques: die aufrechte und die versteckte! „I pray you’ll see / The light and find your way“ singt er dann in einer Art aufmunternder Durchhalteparole an sich selbst, um dramatisch tremolierend zu schlussfolgern: „Folge der Wahrheit / Weg der Freiheit“. Ganz genau, Jacques! Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit für Dein Coming-out gekommen? Wende Dich in Kiew vertrauensvoll an Deinen montenegrinischen Kollegen Slavko, der zeigt Dir gern den Weg der Freiheit. Und vielleicht auch den zu explodierenden Raketen. Nur Mut – und viel Erfolg!

Rudolph Moshammers Schoßhündchen Daisy ist auch dabei! (HR)

Und nun liegt es an Euch: welches der beiden campen Meisterwerke vom Balkan soll in die nächste Runde ziehen? Wollt Ihr Jacques auf dem Weg zum Coming Out unterstützen oder Euch lieber mit Slavko im Darkroom vergnügen? Und ja, diese Frage geht auch an meine heterosexuellen Leser/innen! Stimmt jetzt ab, das Voting ist bis Samstagmittag um 15 Uhr geöffnet.

EDM #14: Queeres vom Balkan. Gay ist okay - aber weyer ist okayer?

  • Montenegro: Slavko Kalezić - Space (84%, 114 Votes)
  • Kroatien: Jacques Houdek - My Friend (16%, 22 Votes)

Total Voters: 136

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Ergebnis: Eindeutiger als dieses Deathmatch enden nur Inaugurationen auf SED-SPD-Parteitagen: mit über 80% der Stimmen marginalisierte Slavko die offensichtliche Nicht-Konkurrenz aus Kroatien. Wohlan! Auch in der nächsten Runde bleibt es camp und kultig: Schlagerdisco aus zwei Jahrzehnten trifft aufeinander. Stimmt mit!

1 Gedanke zu “Eurovision Deathmatch #14: Queeres vom Balkan

  1. Dieses Jahr quälen mich erstaunlich wenige Beiträge. Der kroatische Song allerdings ist der Rennsattel des Grauens.
    Fast jedes Jahr schickt irgendwer so ein Operngejöller – wird das eigentlich intern per Los entschieden, wer diesmal die Gehörgänge der Zuschauer/-hörer verschleimen muss?
    Montenegro: da bin ich jedes Jahr gespannt, was die diesmal anstellen. Irgendwie immer ausgefallen und gut. Das ist kein Grund, es auch diesmal gut zu finden. Ist aber trotzdem so. Außerdem bin ich seeehr erpicht auf den Live-Auftritt. Habe schon ein Lack-Bettlaken zum Schutz des Sofas bereit gelegt….show me your super pauas

Oder was denkst Du?