Eurovision Deathmatch #16: Rapper’s Surprise

Mit der Maxisingle (die Älteren unter meinen Leser/innen werden sich noch erinnern) ‚Rapper’s Delight‘ der Sugarhill Gang fand bereits 1979 der als Rap bezeichnete Sprechgesang erstmalig weltweit Einzug in die Charts: die kommerzielle Geburtsstunde des Hip-Hop, bis heute eines der erfolgreichsten Musikgenres aller Zeiten. Außer beim Eurovision Song Contest: dort sind Beiträge, die sich dieser Technik bedienen, meist nicht so gut gelitten. Dabei erfand die legendäre Lys Assia die stakkatoartige Spracheinlage („Polenta, Polenta, Polenta, Polenta“) doch bereits im Jahre 1958! Auch im Jahre 2017 gehen jedenfalls zwei mutige Nationen erneut das Risiko ein, es mit Rap zu versuchen. Als erster Kombattant steigt für Ungarn Joci Pápai in den Ring, der sich beim magyarischen Vorentscheid A Dal erstaunlicherweise durchsetzen konnte. Der vollbärtige Papí, Verzeihung, Pápai, gehört der (nicht nur) in Ungarn unterdrückten Minderheit der Roma an, was man in dem Ethno-Folk-Stampfer ‚Origo‘ auch musikalisch deutlich hört: schmerzlich sehnsuchtsvolle Zigan-Gitarren und leise klagende Flötentöne begleiten einen tief unter die Haut gehenden Text, der sich auf poetische Weise mit den bedrückenden Erfahrungen des alltäglichen Rassismus beschäftigt: „Warum hast du mir vorgelogen / Dass meine Farbe keine Rolle spiele,“ so fragt er verbittert im Refrain. „Du wusstest, dass meine Augen braun sind / Es verändert nichts in mir“. Und gerade auch die Rap-Parts erschüttern die Seele: „Geheimnisvolle Kräfte wohnten in dem Kind / Sie hatten Angst vor ihm, man sah es in seinen Augen,“ beschreibt er unter anderem die magischen Kräfte der Musik: „Die Tränen Tausender klingen auf meiner Gitarre“. Auch hier gilt jedoch: man muss der ungarischen Sprache gar nicht mächtig sein und den (Sprech-)Gesang verstehen, um im Gefühl des trotzigen Schmerzes zu ertrinken, welchen Joci hier vor uns ausgießt.

Berührt das Herz: Joci Pápai (HU)

Zumindest optisch ganz ähnlich – ebenfalls dunkeläugig und mit schwarzem Vollbart – kommt sein Gegner im heutigen Eurovision Deathmatch daher, der aus dem Nachbarland Rumänien stammende Alexandru oder kurz Alex Florea. Der sexy Bad Boy bildet mit seinem energetisch vorgetragenen (Sprech-)Gesang das optische wie musikalische Gegengewicht zu seiner lieblichen Duettpartnerin Ilinca Băcilă, mit welcher er sich bei der Selecția Națională gemeinsam gegen zahlreiche Konkurrenten durchsetzen konnte. Alex und Ilinca zeigen sich jedoch inhaltlich im Gegensatz zum verletzlichen Ungarn jedweder Gedankenschwere abhold. Sie verkaufen eine im europäischen Pop-Business und auch beim Eurovision Song Contest eher selten anzutreffende musikalische Aufputschdroge: das Jodeln nämlich, das sie als probates Mittel zum Stressabbau und zur Stimmungsaufhellung empfehlen. Und bevor sich irgendwelche Puristen aufregen: nein, das im Vor-Mobilfunk-Zeitalter als Kommunikationstechnik der Bergbewohner erfundene Jodeln wird keineswegs nur im Alpenraum betrieben, sondern in fast allen Hochgebirgsregionen, wie eben auch den Karpaten. Wie wir seit dem norwegischen Grand-Prix-Beitrag von 1980, aber auch aus dem Melodifestivalen wissen, existiert mit dem artverwandten Joiken sogar eine skandinavische Abwandlung. Der rumänische Rapper Alex und seine Jodelmaid Ilinca jedenfalls versuchen mit ‚Jodel it!‘, die Jahrtausende alte Kulturform aus dem starren Korsett der volkstümlichen Hitparade zu befreien und in die Popmusik zu überführen. Und dafür gebührt ihnen Respekt.

Bei Alex lege ich gerne mein Jodeldiplom ab! (RO)

Sie rappten um die Wette mit dem Steppenwind: nun liegt es an Euch, liebe Leser/innen: welcher Sprechgesangskünstler konnte Euch eher überzeugen? Oder weniger verschrecken? Möchtet Ihr lieber mit Joci im Schmerz baden oder mit Alex beim Aufstampfen zuschauen? Stimmt jetzt ab, die Umfrage ist bis Montag 15 Uhr offen.

EDM #16: Rapper's Surprise. Wer hip-hoppt sich in Euer Herz?

  • Rumänien: Ilinca Băcilă + Alex Florea - Yodel it! (51%, 91 Votes)
  • Ungarn: Joci Pápai - Orego (49%, 89 Votes)

Total Voters: 180

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Ergebnis: Das nenne ich mal Kopf-an-Kopf-Rennen! Bis kurz vor Schluss lagen beide Kandidaten gleichauf, am Ende ging es dann mit 51 zu 49% denkbar knapp aus. Halten wir kurz inne für den fantastischen Joci, den ich gerne noch weiter dabei gehabt hätte. Doch er verlor gegen würdige Gegner/innen. Du-jödel-di! Und weiter geht der Abstimmungsmarathon, diesmal mit ganz viel Gefühl.

3 Gedanken zu “Eurovision Deathmatch #16: Rapper’s Surprise

  1. „Vote it!“ und siehe da, es wird so knapp, wie ich es mir dachte – ist aber auch „fies“ zwei meiner diesjährigen Freudebeiträge gegen einander anrappen zu lassen. 🙂

  2. Hallo Oliver , es muss doch auch hier in deinem Blog ein Möglichkeit geben so wie beim „großen ESC“ noch irgendwie Stimmen kaufen zu können . Ich bräuchte bis 14:50 Uhr gute 10 …. 🤔

Oder was denkst Du?