Eurovision Deathmatch #19: Dude sings like a Lady

„Celebrate Diversity“„Feiert die Vielfalt“ ist das ansprechende Motto des Eurovision Song Contest 2017. Die beiden Landesvertreter/innen, die heute in unserem Leser/innenspiel in den Ring steigen, tragen hierzu besonders bei. Sie treten mit Songs an, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch eint sie – neben ihrer Jugend – eine gemeinsame Besonderheit, die ich mal keck als Transgender-Gesang bezeichnen will: eine Stimmlage, die vordergründig nicht sofort mit dem biologischen Geschlecht des Interpreten harmonieren will. Es beginnt – Ladies first – die Belgierin Ellie Delveaux, die sich den so gar nicht zu ihrem zarten Alter von nur 16 Lenzen passenden Künstlerinnennamen Blanche zulegte, für nicht mehr ganz so taufrische Fans wie mich natürlich für immer untrennbar mit der männerverschlingenden Mitbewohnerin der lustigen, in Miami beheimateten Alters-WG der Golden Girls verbunden. Schon mal der erste innere Widerspruch, zu dem noch etliche hinzukommen: das Video zu ihrem fantastischen Elektro-Track ‚City Lights‘ spielt in einer heruntergekommenen, unwirtlichen Betonkulisse, die irgendwo im Niemandsland zu stehen scheint – nur nicht in der hell illuminierten Großstadt, deren Neonbeleuchtung Blanche im Titel besingt. Ein elegant durch die Kulisse schwebender Lichtball sorgt für Spannung und macht das Setting überhaupt erst aushaltbar – sein Sinn erschließt sich allerdings genau so wenig wie der des kryptischen Textes, bei dem nie so ganz klar wird, ob die Interpretin hier eine Beziehung thematisiert (und falls ja, ob diese am Beginn, am Ende oder irgendwo dazwischen steht) oder ein apokalyptisches Szenario. Für die meiste Gänsehaut sorgt aber ihre äußerst dunkle Stimme, die, um im Golden-Girls-Vergleich zu bleiben, tatsächlich zu der eher maskulin wirkenden Dorothy passen würde als zur Südstaaten-Schönheit Blanche. Sie steht in reizvollem Kontrast zum atmosphärisch schwebenden, treibenden Musikbett und verleiht ihrem Song eine geradezu hypnotische, nunja: Tiefe.

Ganz allein in der Gefahrenzone: Blanche schreckt so schnell nichts (BE)

Als Gegenkandidat tritt der Ire Brendan Murray an, der zwar rein nominal vier Jahre mehr auf die Waage bringt als Blanche, im Vergleich zu der großgewachsenen, eher herben Belgierin aber deutlich jünger, verschüchterter und kindlich-unschuldiger wirkt (böse Zungen lästerten allerdings, dass er bei Live-Auftritten im Rahmen des präeurovisionären Konzert-Zirkusses manchmal an ein schreckensstarres Reh im Licht der rasant näherkommenden Autoscheinwerfer erinnerte). Diese knabenhafte Kinderschokoladen-Aura ließ ihn einst wie prädestiniert für eine Boyband erscheinen, wo er das Marktspektrum des verträumten Epheben abdeckte. Nur zehn Tage nach Auflösung dieser Formation im Dezember 2016 präsentierte ihn der irische Sender RTÉ solo als Repräsentanten für Kiew. Nun hat die Nominierung eines ehemaligen Boyband-Mitglieds im Vorjahr für die katholische Insel ja eher so mittelgut geklappt. Allerdings kann Brendan im Gegensatz zu Nicky Byrne ziemlich gut singen, und er hat eine besondere Stimme, die in ihrer knabenchorhaften Höhe und Süße ebenfalls im Kontrast zum Geschlecht des Interpreten steht und die weich wie Zuckerwatte durch die sehr klassisch als typischer Jurystimmenschwamm angelegte und zum Finale hin dramatisch auffräsende Eurovisionsballade ‚Dying to try‘ schwebt. Wie eventuell auch Blanche beschreibt Brendan in seinem Lied nun aber sehr deutlich den noch unsicheren, tastenden Beginn einer Beziehung und sagt ehrlich, dass er keine Garantien fürs Gelingen abgeben könne, aber alles geben wolle, um es zu versuchen. Irgendwas sagt mir jedoch, dass vorehelicher Sex dabei nicht unbedingt zu seinem Waffenarsenal gehört. Vielleicht kann er seine Konkurrentin aber auf anderem Wege schlagen?

Dying @ Try? Brendans Abschneiden hängt wohl auch vom angekündigten Gospelchor ab (IE)

So, nun liegt es an Euch. Tiefe Frauen- oder hohe Männerstimme? Welche Ambivalenz wirkt angenehmer? Stimmt mit, wenn Ihr wollt: die Umfrage ist bis Gründonnerstag um 15 Uhr offen.

EDM #19: Dude sings like a Lady. Oder das Mädchen wie ein Junge. Wer soll weiterkommen?

  • Belgien: Blanche - City Lights (82%, 128 Votes)
  • Irland: Brendan Murray - Dying to try (18%, 29 Votes)

Total Voters: 157

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Ergebnis: Mädchen sticht Junge – so ist das oft im heteronormativen Pop-Geschäft, und so ging auch diese vokalambivalente Runde aus. Mit über 80% der Stimme konnte Blanche den irischen Kinderschokoladejungen an die Wand singen – ob ihr das live ebenfalls gelingt, steht auf einem Blatt.

9 Gedanken zu “Eurovision Deathmatch #19: Dude sings like a Lady

  1. Brendan Murray hat es auch so nicht leicht, aber gegen Blanche hat er die Arschkarte gezogen. Sie hat den innovativsten Beitrag, bei dem die Aufführung wohl am sehnsüchtigsten erwartet wird. Wenn die Wallonen hier alles richtig machen, wünsche ich ihnen den Sieg. Ich fürchte aber, es wird auf die gewohnte Innovationsplatzierung 4 hinauslaufen, so wie bei Loïc Nottet oder Margaret Berger.

  2. „Männlich“ (wenn man das in diesem Fall so bezeichnen kann) hin oder her – an Blanche kommt man in der Saison 2017 nur schwer vorbei….

  3. Die belgische schlaftablette gegen irlands farinelli.
    Was ich von blanche bis jetzt live gehört habe, war(nett gesagt) gar nicht mal so gut. Der ire ist immerhin ganz hübsch

  4. Der Song aus Belgien ist gut. Leider kann die Sängerin live nicht gut singen. Die meisten Töne schief, was man in London und Tel Aviv gehört und gesehen hat. In Amsterdam ist sie nicht mal aufgetreten, hat kurzfristig abgesagt. So wird das nichts mit dem Sieg! Italien wird es machen oder mein Liebling aus Portugal.

  5. Belgien wird es Dank des sehr guten Songs ins Finale schaffen aber dort deutlich schlechter abschneiden als es die meisten Prognosen vorhersagen.
    Irland bleibt hoffentlich im HF hängen, der Song ist für mich hart an der Schmerzgrenze…
    Ich hoffe auch auf einen Zweikampf Portugal-Italien fürs Finale.
    2018 bitte ab in den Süden!

  6. Meine Stimme ging ganz klar an Belgien. Nun merke ich gerade das mir das Jüngelchen drei Stunden vor Matchende ganz schön leid tut. Wie er da so über die Wiese wandelt und vielleicht dem Lockenkopf hinterher singt ,der sich dann doch lieber mit Brendan’s älterer Schwestern trifft – ist schon grosser Herzschmerz. Als gesunde „Rotbäckchen“ Werbung geht das nicht mehr durch.
    Und Belgien soll Live ähnliche singen wie ich unter der Dusche ….klingt irgendwie nach Gründonnerstag Depression….. ach Oliver ….. mach nachher was nettes

  7. Belgien hat den mit etwas Abstand von Portugal den besten Beitrag überhaupt, das irische Gequäke bestenfalls Format für die Mini Playback Show.

Oder was denkst Du?