Die Jury: Power to all my Friends?

Langjährige Leser/innen dieses Blogs werden mit meiner beinahe schon ans Pathologische grenzenden Ablehnung der Jury beim Eurovision Song Contest vertraut sein. Doch bekanntlich ist der Kopf rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Portugiesen Salvador Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neues Licht auf die Frage, ob die Institution in einem gewissen, streng abgegrenzten Rahmen nicht sogar doch ihre Berechtigung haben könnte: bei den nationalen Vorentscheiden nämlich! Man mag es sich kaum ausmalen, aber Europa hätte den wunderbar verschrobenen Jazz-Schlumpf aus Lissabon niemals kennengelernt (und Portugal, das aufgrund seiner chronisch schlechten Ergebnisse erst 2016 eine einjährige Schmollpause einlegte, vermutlich weitere 53 Jahre auf seinen ersten Eurovisionssieg gewartet), wäre es nach dem Willen des heimischen Publikums gegangen. Das nämlich zog sowohl im ersten Semi als auch im Finale des dortigen Vorentscheids Festival da Cançāo das schauderhaft anzuschauende und anzuhörende Trio Viva la Diva mit dem rundweg brechreizerregenden Popera-Titel ‚Nova Glória‘ dem so sanften wie bezaubernden Liebessehnen Salvadors vor, was einen ein wenig an der geistigen, vollends aber an der geschmacklichen Zurechnungsfähigkeit der Portugiesen zweifeln lässt. Nur das beherzte Eingreifen der Juroren, welche den entsetzlichen Diva-Driss vorsichtshalber auf den fünften Platz abwerteten, sicherte den Gesamtsieg Sobrals und muss im Hinblick auf das Endergebnis als die glücklichste Entscheidung bezeichnet werden, die jenes Organ jemals fällte.

Ist uns gerade nochmal erspart geblieben, und den Portugiesen damit ein erneutes Ausscheiden im Semi: Viva la Diva. Danke, Jury!

Auch in etlichen anderen Ländern verhinderten die Jurys Schlimmes. So beispielsweise im Gastgeberland Ukraine, wo ein mit unterschiedlich gefärbten Kontaktlinsen ausgestattetes, feistes Emo-Bübchen namens Melowin, der in schlechtem Englisch einen unerträglich zähen Pop-Brocken namens ‚Wonder‘ daherjammerte, einen felshohen Sieg im Televoting klarmachte, den die dreiköpfige, sich ansonsten bei keiner einzigen Entscheidung auch nur im Ansatz einige Jury dankenswerterweise geschlossen herunterwertete, um Schaden vom Land abzuwenden. Es gewann der Kompromisskandidat, in diesem Fall die superdröge Nicht-Rock-Band O.Torvald, und wenn diese tatsächlich die bessere Alternative darstellt, kann man sich ungefähr vorstellen, wie entsetzlich erst das Lied des Publikumslieblings gewesen sein muss! Ähnliches spielte sich in dem für seine Vorentscheidungs-Schiebereien berüchtigten Nachbarland Weißrussland ab, wo eine Boygroup namens Provokatsiya, zwei in schmerzbringend schlechtem Englisch hörnervenzerfetzend schief jaulende Bübchen, mit der magenverknotenden Einschleimballade ‚My Love‘ im Televoting alles platt machte. Den für dieses Machwerk auf internationaler Ebene klar vorhersehbaren letzten Platz im Semifinale zu Kiew unterbanden die belarussischen Juroren in einer konzertierten Aktion, in dem sie den brünftigen Jungs jedwede Punktespende vollends vorenthielten. Ganz nach dem Motto: sicher ist sicher! Bei den beiden dankenswerterweise verhinderten Ohrmuschelsprengern handelte es sich übrigens um juvenile Castingshow-Knäblein, was auf ein echtes Problem der Zuschauerabstimmung im Vorentscheid hinweist: Menschen, die erst unlängst an einem solchen telefonvotinggestützten Televisionszauber teilnahmen und nun für das Ticket zum Grand Prix vorsprechen, gewinnen dank besonders anruffreudiger Pubertierender im Publikum praktisch immer (vgl. Jamie Lee Kriewitz, DE 2016).

Das musikalische Äquivalent einer narkosemittelfreien Wurzelbehandlung: das Duo Provokatsiya (BY) – in der Tat eine Provokation für die Ohren!

Doch nicht immer tragen nur hormonvernebelte Teenager die Verantwortung für fatale Fehlentscheidungen: auch die zahlenmäßig immer weiter anwachsende Armee der Untoten Rentner beweist bisweilen einen Musikgeschmack, dass es einem schier das Gebiss auszieht. So wie in diesem Jahr beispielsweise beim Eesti Laul, wo die vermutlich von nostalgischer Verklärung erfassten Massen lebenserfahrener Esten den mumpsgesichtigen singenden Faltensack und ordensgeschmückten Nationalhelden Ivo Linna (→ EE 1996) mit einem grauenhaft langweiligen Song-Riemen über die ‚Lotterie des Lebens‘ ins Superfinale wählen und schlimmstenfalls sogar nach Kiew schicken wollten, hätten ihnen nicht die Juroren dazwischengegrätscht. Nicht verhindern konnten diese allerdings, dass am Ende ganz gegen ihren Willen der (fabelhafte!) Modern-Talking-Gedächtnisschlager ‚Verona‘ siegte und beim Eurovision Song Contest – allerdings nur aufgrund der dortigen diabolischen Jurys! – im Semifinale scheiterte. Ob die von den estnischen „Profis“ präferierte Kerli Kõiv und ihr esoterisches Elektro-Ethno-Etwas namens ‚Spirit Animal‘ in Kiew den Finaleinzug geschafft hätte, darüber lässt sich trefflich streitend spekulieren. Zur den spirituellen Vibes des diesjährigen Jahrgangs (vgl. ‚Occidentali’s Karma‘, ‚Grab the Moment‘, ‚Origo‘) hätte er jedenfalls bestens gepasst.

Das Publikum zeigte sich von ihrem Krafttier eher abgeschreckt: Kerli (EE)

Und natürlich will ich die Gegenbeweise zu meiner These nicht unterschlagen. Hierfür richten wir den Blick zunächst nach Slowenien, wo praktisch dasselbe passierte wie schon in Weißrussland: das Publikum verschenkte mit überwältigender Mehrheit sein Herz an zwei schmachtende Knäblein, während die Jury diesen Act vorsätzlich herunterwertete. Mit dem Unterschied allerdings, dass zwischen den beiden Jungs mit dem furchtbaren, furchtbaren Bandnamen BQL auf so wunderbare Weise die Chemie stimmte (kein Wunder, handelte es sich doch um Brüder), dass man ihnen gerne zuschaute. Vor allem aber mit dem Unterscheid, dass die Wahl der Juroren stattdessen auf den Robbie Williams des Balkans fiel, auf Omar Naber (→ SI 2005), was ich aus rein optischer Sicht überhaupt nicht kritisieren möchte. Um so mehr dafür jedoch aus musikalischer: ‚On my Way‘ (oder auch ‚Omar, wait‘) erwies sich als dermaßen zäher Klumpen liedgewordenen Rotzes, dass selbst das eingangs erwähnte portugiesische Popera-Höllentrio dem vorzuziehen gewesen wäre, erst recht aber der einigermaßen okaye BQL-Song. Moldawien hingegen darf sich glücklich schätzen, dass im dortigen, mit einem Punktegleichstand ausgegangenen Vorentscheid das Publikumsplazet Vorrang vor dem Juryverdikt genoss und somit die (übrigens aus dem abtrünnigen, an der Westgrenze zur Ukraine liegenden, politisch jedoch Russland zugewandten Transnistrien stammenden) Jungs vom SunStroke Project (→ MD 2010) in Kiew die Bronzemedaille klarmachen konnten. Denn die Jury hatte auf folkloristische Tourismuswerbung (‚Discover Moldowa‘) in Form eines nur mäßig putzigen Buranovskije-Babushki-Gedächtnisacts (→ RU 2012) gesetzt, leider gemeuchelt von einer überflüssigerweise ins Lied fremdtransplantierten Popera-Trulla. Dieses unrunde Sammelsurium, da bin ich mir sehr sicher, hätte es in Kiew niemals ins Finale geschafft.

Die singenden Ömchen sind ja ganz nett, aber die blonde Knödelistin geht gar nicht! (MD)

Warum Jurys in den nationalen Vorentscheidung (und nur dort!) dennoch die bessere Wahl sein können, das belegt eindrucksvoll ein abschließender Blick ins aktuelle Mutterland des Eurovision Song Contest, nach Schweden. Beim dortigen Melodifestivalen prallten bei der Wertung nämlich aktuell zwei vom Sender SVT vor noch nicht all zu langer Zeit eingeführte Neuerungen in eindrucksvoller Weise aufeinander: die Voting-App und die internationale Jury. So konnte das schwedische Publikum neben dem verhältnismäßig teuren Televoting nun auch das kostenfreie Abstimmen per App nutzen, was vor allem jüngere, internetaffine Zuschauer/innen ansprechen sollte. Und was nach massiven technischen Problemen beim Erstversuch 2015 nun auch bestens funktionierte: knapp 14 Millionen Stimmen sammelte der Sender 2017 ein, gegenüber 1,5 Millionen SMS-Votes 2015. Was sich damit aber gleichzeitig zum Problem auswächst, denn es sind vor allem die bereits weiter oben erwähnten, hormonvernebelten Teenager, die ihre bis zu fünf möglichen Hjärtrösta pro Song wahllos an ihre Idole verteilen – und zwar an mehrere gleichzeitig, was zu einem ziemlich gleichförmigen Feld in der Abstimmung führte, wo am Ende nur fünfeinhalb Prozentpunkte die diesjährige Letztplatzierte Lisa Ajax vom Publikumssieger Nano trennten, einem bulligen Bombenjackenträger mit Migrationshintergrund und tränendrüsendrückend bewegter Lebensgeschichte, wie sie auch bei DSDS-Siegern stets unverzichtbar erscheint und die Musik zur völligen Nebensache degradiert.

Nanu Nano: wie konnte der die Publikumsabstimmung gewinnen? (SE)

Ein Muster übrigens, dieser Einschub sei mir gestattet, das wir in ähnlicher Form durchaus auch aus deutschen Vorentscheidungen kennen, wo uns beispielsweise die eigene Ergriffenheit über den aschenputtelhaften Aufstieg dreier unscheinbarer Staubmäuse (ja, ich meine Elaiza!) ebendiese Damen zu Königinnen eines Abends wählen ließ, vollständig den Fakt verdrängend, dass der Song Contest eben keine Märchenwelt ist und sie dort keinen Blumentopf holen konnten. Doch zurück nach Schweden: hier griff bekanntlich die internationale Jury hilfreich ein und beförderte – zur Empörung der heimischen Bevölkerung – den Drittplatzierten Robin Bengtsson zum Sieger. Denn der juppiehafte Botoxboy offerierte mit ‚I can’t go on‘ genau das, was wir – das internationale Grand-Prix-Publikum – von Schweden erwarten: einen perfekt präsentierten, glattproduzierten Discoschlager; gut gemachte, inhaltslose „Fast-Food-Music“! Auch andere Länder sind mittlerweile auf den Zug aufgesprungen und integrieren mit Ausländern besetzte Jurys in ihren Vorentscheid, was völligen Sinn macht. Denn der Zweck dieser Übung ist ja vor allem, einen Beitrag zu finden, den die beim Eurovision Song Contest stimmberechtigten internationalen Zuschauer/innen mögen. Und da sind die heimischen Vorlieben leider sehr oft im Wege. Dass die Schweden angesichts ihres horriblen Musikgeschmacks kollektiv entmündigt gehören, forderte ich in diesem Blog ja bereits mehrfach, wenn diese beim Mello mal wieder Mist zusammenwählten. Das gilt natürlich für die Deutschen genauso, die – um nur ein Beispiel zu nehmen – im Jahre 2004 einen der auf internationaler Ebene kommerziell erfolgreichsten deutschen Acts aller Zeiten, nämlich Scooter, kollektiv links liegen ließen, um stattdessen einen von Stefan Raab (→ DE 2000) in einer kurzfristig aus dem Boden gestampften Castingshow aufgebauten, introvertierten Mucke-Macher wie Max Mutzke mit über 90% der Stimmen nach Istanbul zu delegieren.

Ein weltweit gefeierter deutscher Musikexport, zuhause chancenlos (DE)

Dass ich mich hier auf eine 13 Jahre zurückliegende Veranstaltung beziehe, hat auch damit zu tun, dass der aktuelle deutsche Vorentscheid von 2017 in der Jurydebatte keinerlei Relevanz besitzt, denn die dort nur informell dazugeschaltete „internationale Jury“ sollte bei diesem lediglich ein Stimmungsbild liefern und war nicht stimmberechtigt. Sie konnte zudem nichts Erhellendes beitragen, denn mit nur zwei verfügbaren, beide gleichermaßen komplett ungeeigneten Titeln (die dann folgerichtig und völlig korrekt jeweils 50% erhielten) stand de facto nichts zur Wahl. Letzten Endes hätte man sich seitens des NDR die quälend lange Sendung komplett sparen und Sänger/in wie Song per Münzwurf entscheiden können: ein Platz am Tabellenende wäre bei den vorgeschlagenen Schattierungen von beige in jedem Fall herausgekommen. Nur durch völlige Fremdbestimmung lösbar ist beispielsweise auch der gordische Knoten der schweizerischen Entscheidungsshow: die eidgenössischen Zuschauer/innen lehnen seit jeher alles auch nur einigermaßen Schräge, Auffällige und damit Erfolgversprechende mit Nachdruck ab, sie enthalten uns fantastische Grand-Prix-Perlen wie den sensationellen Gruftrock von Inge Ginsberg (2015) oder die authentische ‚Jodel-Time‘ von Oeschs den Dritten (2011) vor und überlassen es Rumänien, mit unterhaltsam aufbereiteten Ethno-Klängen zu punkten, während die Schweiz, exakt wie der größere nördliche Nachbar, mit einem soliden, unanstößigen, todlangweiligen Beitrag Jahr für Jahr für Jahr auf die Nase fällt und keinerlei Lehren daraus zu ziehen bereit ist.

*Das* will ich von der Schweiz hören, dann klappt’s auch mit den Punkten!

Welche Lehren aber sollen das sein? Nun, vor allem muss ein Vorentscheid, der seinen Namen verdienen möchte, eine echte Auswahl bieten, von im guten Sinne stark polarisierenden Künstler/innen und Musikrichtungen. Ein positives Indiz ist es stets, wenn der heimische Beitrag für kontrovers geführte öffentliche Debatten sorgt; wenn ein Teil der Bevölkerung ihn strikt ablehnt und ein anderer ihn hart feiert, wie seinerzeit bei Guildo Horn (→ DE 1998„Untergang des Abendlandes“), beispielsweise aber auch bei Nicole (→ DE 1982„Verhöhnung der Friedensbewegung“) oder Michelle (→ DE 2001„Trash-Schlager mit Heliumstimme“). Oder, um es in klar verständliche Worte zu fassen: Konsens ist schlecht! Denn als verlässliches Null-Punkte-Rezept erweist sich genau das, was der NDR seit Jahren praktiziert: etwas Glattes, Unauffälliges, das niemandem weh tut und keinerlei Wellen macht. Und das lediglich die Funktion erfüllt, den Contest auf keinen Fall selbst austragen zu müssen, sich nicht zu blamieren und die Verantwortung für das erwartbar schlechte Abschneiden dem abstimmungsberechtigten heimischen Publikum in die Schuhe schieben zu können. Und tatsächlich muss man über die Frage nachdenken, wer bei einem Vorentscheid abstimmen soll. Das verknüpft sich direkt mit der Frage, was der Sender mit der Show bezwecken möchte: will er das heimische Publikum zufriedenstellen, dann kann er ihm natürlich die Wahl überlassen (so denn eine echte Wahl besteht), wohl wissend, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit für das Falsche entscheidet (mit Grausen denke ich hier an den Beinahesieg des entsetzlich unlustigen Gummikanzlers im Jahre 2003) und hinterher die Enttäuschung um so größer ausfällt, wenn die nationalen Lieblinge auf internationalem Parkett auf die Fresse fliegen (vgl. Texas Lightning, → DE 2006).

Das möchte die Welt von uns hören: gut gemachter deutscher Popschlager.

Wollte der NDR hingegen ernsthaft einen wettbewerbsfähigen Titel finden, der beim internationalen Publikum ankommt, also bei denjenigen, die am Finalsamstag dafür zum Telefon greifen sollen, dann müsste er die Entscheidung weitestgehend an eine möglichst breit aufgestellte internationale Jury delegieren. Die Eurovisionsapp bietet hier die perfekte Voraussetzung, interessierte Fans aus ganz Europa den deutschen Vorentscheid mitverfolgen und – als Kollektivjury – abstimmen zu lassen. Natürlich kann man hier auch das heimische Publikum mit einbeziehen, doch muss die Wertung dann genau andersherum praktiziert werden als bei Unser Song 2017: am Ende müssen es die Stimmen aus Europa sein, die zählen, nicht die aus Deutschland. Denn, nochmal zur Erinnerung: nicht das deutsche Lieblingslied zu finden, ist das Ziel, sondern eines, das international ankommt. Und ja, ich weiß, das klingt radikal. Doch wann wäre die passende Gelegenheit für radikale Versuche, wenn nicht jetzt, nach dem Beinahe-Rote-Laternen-Trippel? Schlechter kann es schließlich kaum werden.

Hier noch ein schönes Beispiel von Leser Kjetil (danke!): Blitzkids Mvt., der Jurypick beim Vorentscheid 2013.

Was denkst Du? Ist der Platz für die Jury beim nationalen Vorentscheid?

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10 Gedanken zu “Die Jury: Power to all my Friends?

  1. Unser Vorentscheid 2013 war eigentlich ziemlich gut. Nur das Radiovoting fand ich eher unnötig. Das Problem war nur, dass Cascada durch ihren Bekanntheitsgrad einen großen Vorteil hatten. Die Jury hätte mit den Blitzkids eigentlich eine vielversprechende Wahl getroffen…

  2. Spät aber nicht zu spät ist die Einsicht des Verfassers über die durchaus berechtigte Existenz von Jurys gekommen. 😉
    Es wird wohl nie ein perfektes Votingergebnis geben. Aber mit Jurys erhält man zu mindestens eine Art von Korrektiv, das einen nicht vollends an einem geschmacksverirrten, teenie- oder senioreninfiltrierten sowie populistisch gefärbten Publikumsvoting verzweifeln lässt.

  3. Positive Beispiele aus den Vorentscheiden, das muss man ja zugeben.
    Ich verfolge das Voting eigentlich erst seit Wien genauer und hier auch nur das Hauptevent inklusive Semis, ohne die vorausgehenden nationalen Vorentscheide.
    Meine durchaus subjektive Erfahrung dabei:
    die Juris werten tendenziell ab:
    Songs in Landessprache (dieses Jahr z.B. Weißrussland, Ungarn, Frankreich, Italien), Songs die aus dem Rahmen fallen egal wie gut es gemacht ist. (z.B. Yodel it, my Friend oder 2015 Il Volo)
    Aufgewertet werden dagegen:
    „Trendy“ Popsongs auch wenn sie zum einschlafen sind (JOWST, Nathan Trent) und
    am allerschlimmsten diese pseudo-Gefühlsnummern die gern bei diesen unsäglichen Castingshows geträllert werden (Australien, Dänemark, Malta usw. usw…)
    Aber abseits von dem persönlichen negativem Bild über die Juries will ich beim ESC ja eben die Sieger der Zuschauer am Ende oben sehen, für die ist doch der ganze Zirkus gemacht.

    National gibts ja immer Juries, sie suchen zumindest schon die Teilnehmer im Vorfeld aus. Ob sie dann auch gleich den Song festlegen wie in vielen Ländern üblich oder doch noch das Publikum (teilweise) in irgendwelchen Shows mitbestimmen lassen finde ich schon nicht mehr so wichtig.
    Es müssen halt fähige Leute dabei sein die diese Vorauswahl treffen.
    Mein Favorit bei den Shows ist Sanremo, und Italien ist damit auch sehr erfolgreich beim ESC.
    Vielleicht weil man sich dort eben gar nicht um den ESC kümmert und einfach den besten Song Italiens sucht?
    Könnte man nicht so einen Bewerb auch hier starten?
    Deutschland ist doch in der beneidenswerten Lage immer im Finale zu sein. Da kann man doch viel mutiger und innovativer bei der Songauswahl sein und muss nicht dauernd auf den Platz schielen den man gern im Finale mindestens hätte. Hauptsache man kann zu 100% dahinter stehen was man geschickt hat.

    p.s. spirit animal ist ja ne geile Nummer, könnte auch von Björk sein

  4. Ich bin sehr froh, daß uns letztes Jahr dank der Juries Russland als Sieger erspart geblieben ist. Nur Zirkus kann es ja auch nicht sein. Zudem haben sie diesmal zumindest mit Portugal einen landessprachlichen Titel bevorzugt. Da habe ich mehr daran gezweifelt, ob Salvador bei den Zuschauern auch ankommen wird.
    Und 2015 hatten die „Experten“ die mutige Nummer aus Lettland vor dem unsäglichen Gejaule dieses Möchtgernstars aus Albanien gewertet – beim Publikum war es genau andersherum. Es gibt sicherlich für beide Seiten Beispiele dafür und dagegen, aber insgesamt bin ich mit dem 50/50-System sehr zufrieden. Man kann sicherlich darüber streiten, ob man die Juries etwa vergrößert oder anders besetzt.

  5. Zu Deutschland: Nein, man kann nicht nur innovativ sein und aus dem Rahmen fallen, sondern man MUSS es auch. Nur leider ist dies anscheinend bei Schreiber und Co. immer noch nicht durchgedrungen, sonst wäre uns dieses Jahr diese unsägliche Valiumvorentscheidung mit dem bekannten Resultat erspart geblieben. Aber da wird sich ja wohl so schnell leider nichts ändern, weiter mit dem Schlendrian – mittlerweile könnte ich auf die germanische Biederrepublik beim ESC gut verzichten, wenn uns jedes Jahr nur belanglose Beiträge geboten werden. Auf uns Fans wird ja nicht gehört, dabei haben einige von uns sicherlich interessante Vorschläge zu bieten. Aber beim NDR lebt man in seinem eigenen Paralleluniversum….

  6. @Mariposa
    Portugal ist die löbliche Ausnahme, ansonsten ist die Tendenz Landessprache abzuwerten bei 4:1 schon zu sehen finde ich. Und was die Jurys mit Il Volo 2015 gemacht haben fand ich völlig daneben-obwohl ich sonst diese Art Musik und die ganze Pop-Klassik niemals hören würde und der Song sicher mehr wegen des Genres von den Jury abgestraft wurde als wegen der Landessprache.
    Und Lettland 2015 hat im Lied mehr gejaule als Albanien (wenn man nach Zeit misst).
    Die Televote Plätze 8 und 9 für die Songs kann ich mehr nachvollziehen als die Juryplätze 2(!) für den „trendy“ Popsong Lettland und 25(!) für Albanien der sicher nicht der schlechteste war im Finale.
    Das alles ist natürlich wieder mein subjektives Empfinden…vielleicht hab ich auch nur den 0815-Massengeschmack 😉

  7. Sorry, da trennen unseren Musikgeschmack Welten, was diese beiden Fälle angeht. „Love Injected“ war für mich einer der mutigsten und interessantesten Beiträge in den 10-er Jahren und gar nicht mal „trendy“, Aminata hat mich sehr an Sade erinnert. Insofern gut, daß die Jury diesen Mut belohnt hat. Dieser unsägliche „Popstar“ aus Albanien war für mich dagegen eine einzige Zumutung und wäre alleine nur durch die zahlreichen Anrufer des Diaspora und aus den Nachbarstaaten in den Top 10 gelandet. Insofern ein Argument gegen die Behauptung, reines Televoting wäre „repräsentativ“.

  8. Zudem: Ich weigere mich davon zu sprechen, daß die Jurys bestimmte Sachen bewußt „abwerten“ – klingt so, als wäre volle Absicht dahinter. Immerhin konnten die „Experten“ 2015 ja nicht wissen, daß die Zuschauer ausgerechnet die Popoperanummer zum Favoriten küren, Bekanntlich gibt es die Jurywertung zuerst.

  9. Naja, das konnten sie aber schon voraussehen. Dass Popera eine breite Fanbasis hat, weiß man. Und natürlich steckt da volle Absicht dahinter, wenn sie das so runtervoten, dass es nicht gewinnen kann. Genau das machen Jurys ja, sie bewerten Titel oder Länder schlecht, von denen sie annehmen, dass sie beim Publikum gut ankommen oder viele Diaspora-Punkte kassieren. Dafür wurden sie ja installiert.

  10. Hm – eigentlich hat man 2015 im Vorfeld eigentlich eher den Juries „unterstellt“, sie würden für Italien stimmen. Kam dann bekanntlich anders – und immerhin lag „Grande Amore“ bei den Experten immerhin auf Platz 6. Mir war dann „Heroes“ als Sieger dann doch wesentlich lieber und der zweite Platz für Aminata mehr als verdient. Innovativer Sound wird in der Regel vom Publikum nicht sonderlich geschätzt (sorry, „Yodel it“ fällt definitiv nicht unter diese Kategorie“).

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