Die Jury: Power to all my Friends?

Lang­jäh­ri­ge Leser/innen die­ses Blogs wer­den mit mei­ner bei­na­he schon ans Patho­lo­gi­sche gren­zen­den Ableh­nung der Jury beim Euro­vi­si­on Song Con­test ver­traut sein. Doch bekannt­lich ist der Kopf rund, damit das Den­ken sei­ne Rich­tung wech­seln kann, und nicht zuletzt der Sieg des Por­tu­gie­sen Sal­va­dor Sobral beim ESC 2017 in Kiew wirft ein neu­es Licht auf die Fra­ge, ob die Insti­tu­ti­on in einem gewis­sen, streng abge­grenz­ten Rah­men nicht sogar doch ihre Berech­ti­gung haben könn­te: bei den natio­na­len Vor­ent­schei­den näm­lich! Man mag es sich kaum aus­ma­len, aber Euro­pa hät­te den wun­der­bar ver­schro­be­nen Jazz-Schlumpf aus Lis­sa­bon nie­mals ken­nen­ge­lernt (und Por­tu­gal, das auf­grund sei­ner chro­nisch schlech­ten Ergeb­nis­se erst 2016 eine ein­jäh­ri­ge Schmoll­pau­se ein­leg­te, ver­mut­lich wei­te­re 53 Jah­re auf sei­nen ers­ten Euro­vi­si­ons­sieg gewar­tet), wäre es nach dem Wil­len des hei­mi­schen Publi­kums gegan­gen. Das näm­lich zog sowohl im ers­ten Semi als auch im Fina­le des dor­ti­gen Vor­ent­scheids Fes­ti­val da Cançāo das schau­der­haft anzu­schau­en­de und anzu­hö­ren­de Trio Viva la Diva mit dem rund­weg brech­reiz­er­re­gen­den Pope­ra-Titel ‘Nova Gló­r­ia’ dem so sanf­ten wie bezau­bern­den Lie­bes­seh­nen Sal­va­dors vor, was einen ein wenig an der geis­ti­gen, voll­ends aber an der geschmack­li­chen Zurech­nungs­fä­hig­keit der Por­tu­gie­sen zwei­feln lässt. Nur das beherz­te Ein­grei­fen der Juro­ren, wel­che den ent­setz­li­chen Diva-Driss vor­sichts­hal­ber auf den fünf­ten Platz abwer­te­ten, sicher­te den Gesamt­sieg Sobrals und muss im Hin­blick auf das End­ergeb­nis als die glück­lichs­te Ent­schei­dung bezeich­net wer­den, die jenes Organ jemals fäll­te.

Ist uns gera­de noch­mal erspart geblie­ben, und den Por­tu­gie­sen damit ein erneu­tes Aus­schei­den im Semi: Viva la Diva. Dan­ke, Jury!

Auch in etli­chen ande­ren Län­dern ver­hin­der­ten die Jurys Schlim­mes. So bei­spiels­wei­se im Gast­ge­ber­land Ukrai­ne, wo ein mit unter­schied­lich gefärb­ten Kon­takt­lin­sen aus­ge­stat­te­tes, feis­tes Emo-Büb­chen namens Melo­win, der in schlech­tem Eng­lisch einen uner­träg­lich zähen Pop-Bro­cken namens ‘Won­der’ daher­jam­mer­te, einen fels­ho­hen Sieg im Tele­vo­ting klar­mach­te, den die drei­köp­fi­ge, sich ansons­ten bei kei­ner ein­zi­gen Ent­schei­dung auch nur im Ansatz eini­ge Jury dan­kens­wer­ter­wei­se geschlos­sen her­un­ter­wer­te­te, um Scha­den vom Land abzu­wen­den. Es gewann der Kom­pro­miss­kan­di­dat, in die­sem Fall die super­drö­ge Nicht-Rock-Band O.Torvald, und wenn die­se tat­säch­lich die bes­se­re Alter­na­ti­ve dar­stellt, kann man sich unge­fähr vor­stel­len, wie ent­setz­lich erst das Lied des Publi­kums­lieb­lings gewe­sen sein muss! Ähn­li­ches spiel­te sich in dem für sei­ne Vor­ent­schei­dungs-Schie­be­rei­en berüch­tig­ten Nach­bar­land Weiß­russ­land ab, wo eine Boy­group namens Pro­vo­katsi­ya, zwei in schmerz­brin­gend schlech­tem Eng­lisch hör­nerven­zer­fet­zend schief jau­len­de Büb­chen, mit der magen­ver­kno­ten­den Ein­schleim­bal­la­de ‘My Love’ im Tele­vo­ting alles platt mach­te. Den für die­ses Mach­werk auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne klar vor­her­seh­ba­ren letz­ten Platz im Semi­fi­na­le zu Kiew unter­ban­den die bela­rus­si­schen Juro­ren in einer kon­zer­tier­ten Akti­on, in dem sie den brünf­ti­gen Jungs jed­we­de Punk­te­spen­de voll­ends vor­ent­hiel­ten. Ganz nach dem Mot­to: sicher ist sicher! Bei den bei­den dan­kens­wer­ter­wei­se ver­hin­der­ten Ohr­mu­schel­spren­gern han­del­te es sich übri­gens um juve­ni­le Cas­ting­show-Knäb­lein, was auf ein ech­tes Pro­blem der Zuschau­er­ab­stim­mung im Vor­ent­scheid hin­weist: Men­schen, die erst unlängst an einem sol­chen tele­fon­vo­ting­ge­stütz­ten Tele­vi­si­ons­zau­ber teil­nah­men und nun für das Ticket zum Grand Prix vor­spre­chen, gewin­nen dank beson­ders anruf­freu­di­ger Puber­tie­ren­der im Publi­kum prak­tisch immer (vgl. Jamie Lee Krie­witz, DE 2016).

Das musi­ka­li­sche Äqui­va­lent einer nar­ko­se­mit­tel­frei­en Wur­zel­be­hand­lung: das Duo Pro­vo­katsi­ya (BY) – in der Tat eine Pro­vo­ka­ti­on für die Ohren!

Doch nicht immer tra­gen nur hor­mon­ver­ne­bel­te Teen­ager die Ver­ant­wor­tung für fata­le Fehl­ent­schei­dun­gen: auch die zah­len­mä­ßig immer wei­ter anwach­sen­de Armee der Unto­ten Rent­ner beweist bis­wei­len einen Musik­ge­schmack, dass es einem schier das Gebiss aus­zieht. So wie in die­sem Jahr bei­spiels­wei­se beim Eesti Laul, wo die ver­mut­lich von nost­al­gi­scher Ver­klä­rung erfass­ten Mas­sen lebens­er­fah­re­ner Esten den mumps­ge­sich­ti­gen sin­gen­den Fal­ten­sack und ordens­ge­schmück­ten Natio­nal­hel­den Ivo Lin­na (→ EE 1996) mit einem grau­en­haft lang­wei­li­gen Song-Rie­men über die ‘Lot­te­rie des Lebens’ ins Super­fi­na­le wäh­len und schlimms­ten­falls sogar nach Kiew schi­cken woll­ten, hät­ten ihnen nicht die Juro­ren dazwi­schen­ge­grätscht. Nicht ver­hin­dern konn­ten die­se aller­dings, dass am Ende ganz gegen ihren Wil­len der (fabel­haf­te!) Modern-Tal­king-Gedächt­nis­schla­ger ‘Vero­na’ sieg­te und beim Euro­vi­si­on Song Con­test – aller­dings nur auf­grund der dor­ti­gen dia­bo­li­schen Jurys! – im Semi­fi­na­le schei­ter­te. Ob die von den est­ni­schen “Pro­fis” prä­fe­rier­te Ker­li Kõiv und ihr eso­te­ri­sches Elek­tro-Eth­no-Etwas namens ‘Spi­rit Ani­mal’ in Kiew den Final­ein­zug geschafft hät­te, dar­über lässt sich treff­lich strei­tend spe­ku­lie­ren. Zur den spi­ri­tu­el­len Vibes des dies­jäh­ri­gen Jahr­gangs (vgl. ‘Occidentali’s Kar­ma’, ‘Grab the Moment’, ‘Ori­go’) hät­te er jeden­falls bes­tens gepasst.

Das Publi­kum zeig­te sich von ihrem Kraft­tier eher abge­schreckt: Ker­li (EE)

Und natür­lich will ich die Gegen­be­wei­se zu mei­ner The­se nicht unter­schla­gen. Hier­für rich­ten wir den Blick zunächst nach Slo­we­ni­en, wo prak­tisch das­sel­be pas­sier­te wie schon in Weiß­russ­land: das Publi­kum ver­schenk­te mit über­wäl­ti­gen­der Mehr­heit sein Herz an zwei schmach­ten­de Knäb­lein, wäh­rend die Jury die­sen Act vor­sätz­lich her­un­ter­wer­te­te. Mit dem Unter­schied aller­dings, dass zwi­schen den bei­den Jungs mit dem furcht­ba­ren, furcht­ba­ren Band­na­men BQL auf so wun­der­ba­re Wei­se die Che­mie stimm­te (kein Wun­der, han­del­te es sich doch um Brü­der), dass man ihnen ger­ne zuschau­te. Vor allem aber mit dem Unter­scheid, dass die Wahl der Juro­ren statt­des­sen auf den Rob­bie Wil­liams des Bal­kans fiel, auf Omar Naber (→ SI 2005), was ich aus rein opti­scher Sicht über­haupt nicht kri­ti­sie­ren möch­te. Um so mehr dafür jedoch aus musi­ka­li­scher: ‘On my Way’ (oder auch ‘Omar, wait’) erwies sich als der­ma­ßen zäher Klum­pen lied­ge­wor­de­nen Rot­zes, dass selbst das ein­gangs erwähn­te por­tu­gie­si­sche Pope­ra-Höl­len­trio dem vor­zu­zie­hen gewe­sen wäre, erst recht aber der eini­ger­ma­ßen okaye BQL-Song. Mol­da­wi­en hin­ge­gen darf sich glück­lich schät­zen, dass im dor­ti­gen, mit einem Punk­te­gleich­stand aus­ge­gan­ge­nen Vor­ent­scheid das Publi­kums­pla­zet Vor­rang vor dem Jury­ver­dikt genoss und somit die (übri­gens aus dem abtrün­ni­gen, an der West­gren­ze zur Ukrai­ne lie­gen­den, poli­tisch jedoch Russ­land zuge­wand­ten Trans­nis­tri­en stam­men­den) Jungs vom Sun­Stro­ke Pro­ject (→ MD 2010) in Kiew die Bron­ze­me­dail­le klar­ma­chen konn­ten. Denn die Jury hat­te auf folk­lo­ris­ti­sche Tou­ris­mus­wer­bung (‘Dis­co­ver Mol­d­o­wa’) in Form eines nur mäßig put­zi­gen Bura­novs­ki­je-Babush­ki-Gedächt­ni­sac­ts (→ RU 2012) gesetzt, lei­der gemeu­chelt von einer über­flüs­si­ger­wei­se ins Lied fremd­trans­plan­tier­ten Pope­ra-Trul­la. Die­ses unrun­de Sam­mel­su­ri­um, da bin ich mir sehr sicher, hät­te es in Kiew nie­mals ins Fina­le geschafft.

Die sin­gen­den Ömchen sind ja ganz nett, aber die blon­de Knö­de­lis­tin geht gar nicht! (MD)

War­um Jurys in den natio­na­len Vor­ent­schei­dung (und nur dort!) den­noch die bes­se­re Wahl sein kön­nen, das belegt ein­drucks­voll ein abschlie­ßen­der Blick ins aktu­el­le Mut­ter­land des Euro­vi­si­on Song Con­test, nach Schwe­den. Beim dor­ti­gen Melo­di­fes­ti­va­len prall­ten bei der Wer­tung näm­lich aktu­ell zwei vom Sen­der SVT vor noch nicht all zu lan­ger Zeit ein­ge­führ­te Neue­run­gen in ein­drucks­vol­ler Wei­se auf­ein­an­der: die Voting-App und die inter­na­tio­na­le Jury. So konn­te das schwe­di­sche Publi­kum neben dem ver­hält­nis­mä­ßig teu­ren Tele­vo­ting nun auch das kos­ten­freie Abstim­men per App nut­zen, was vor allem jün­ge­re, inter­netaf­fi­ne Zuschauer/innen anspre­chen soll­te. Und was nach mas­si­ven tech­ni­schen Pro­ble­men beim Erst­ver­such 2015 nun auch bes­tens funk­tio­nier­te: knapp 14 Mil­lio­nen Stim­men sam­mel­te der Sen­der 2017 ein, gegen­über 1,5 Mil­lio­nen SMS-Votes 2015. Was sich damit aber gleich­zei­tig zum Pro­blem aus­wächst, denn es sind vor allem die bereits wei­ter oben erwähn­ten, hor­mon­ver­ne­bel­ten Teen­ager, die ihre bis zu fünf mög­li­chen Hjär­trös­ta pro Song wahl­los an ihre Ido­le ver­tei­len – und zwar an meh­re­re gleich­zei­tig, was zu einem ziem­lich gleich­för­mi­gen Feld in der Abstim­mung führ­te, wo am Ende nur fünf­ein­halb Pro­zent­punk­te die dies­jäh­ri­ge Letzt­plat­zier­te Lisa Ajax vom Publi­kums­sie­ger Nano trenn­ten, einem bul­li­gen Bom­ben­ja­cken­trä­ger mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund und trä­nen­drü­sen­drü­ckend beweg­ter Lebens­ge­schich­te, wie sie auch bei DSDS-Sie­gern stets unver­zicht­bar erscheint und die Musik zur völ­li­gen Neben­sa­che degra­diert.

Nanu Nano: wie konn­te der die Publi­kums­ab­stim­mung gewin­nen? (SE)

Ein Mus­ter übri­gens, die­ser Ein­schub sei mir gestat­tet, das wir in ähn­li­cher Form durch­aus auch aus deut­schen Vor­ent­schei­dun­gen ken­nen, wo uns bei­spiels­wei­se die eige­ne Ergrif­fen­heit über den aschen­put­tel­haf­ten Auf­stieg drei­er unschein­ba­rer Staub­mäu­se (ja, ich mei­ne Elai­za!) eben­die­se Damen zu Köni­gin­nen eines Abends wäh­len ließ, voll­stän­dig den Fakt ver­drän­gend, dass der Song Con­test eben kei­ne Mär­chen­welt ist und sie dort kei­nen Blu­men­topf holen konn­ten. Doch zurück nach Schwe­den: hier griff bekannt­lich die inter­na­tio­na­le Jury hilf­reich ein und beför­der­te – zur Empö­rung der hei­mi­schen Bevöl­ke­rung – den Dritt­plat­zier­ten Robin Beng­ts­son zum Sie­ger. Denn der jup­pie­haf­te Botox­boy offe­rier­te mit ‘I can’t go on’ genau das, was wir – das inter­na­tio­na­le Grand-Prix-Publi­kum – von Schwe­den erwar­ten: einen per­fekt prä­sen­tier­ten, glatt­pro­du­zier­ten Dis­co­schla­ger; gut gemach­te, inhalts­lo­se “Fast-Food-Music”! Auch ande­re Län­der sind mitt­ler­wei­le auf den Zug auf­ge­sprun­gen und inte­grie­ren mit Aus­län­dern besetz­te Jurys in ihren Vor­ent­scheid, was völ­li­gen Sinn macht. Denn der Zweck die­ser Übung ist ja vor allem, einen Bei­trag zu fin­den, den die beim Euro­vi­si­on Song Con­test stimm­be­rech­tig­ten inter­na­tio­na­len Zuschauer/innen mögen. Und da sind die hei­mi­schen Vor­lie­ben lei­der sehr oft im Wege. Dass die Schwe­den ange­sichts ihres hor­ri­blen Musik­ge­schmacks kol­lek­tiv ent­mün­digt gehö­ren, for­der­te ich in die­sem Blog ja bereits mehr­fach, wenn die­se beim Mel­lo mal wie­der Mist zusam­men­wähl­ten. Das gilt natür­lich für die Deut­schen genau­so, die – um nur ein Bei­spiel zu neh­men – im Jah­re 2004 einen der auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne kom­mer­zi­ell erfolg­reichs­ten deut­schen Acts aller Zei­ten, näm­lich Scoo­ter, kol­lek­tiv links lie­gen lie­ßen, um statt­des­sen einen von Ste­fan Raab (→ DE 2000) in einer kurz­fris­tig aus dem Boden gestampf­ten Cas­ting­show auf­ge­bau­ten, intro­ver­tier­ten Mucke-Macher wie Max Mutz­ke mit über 90% der Stim­men nach Istan­bul zu dele­gie­ren.

Ein welt­weit gefei­er­ter deut­scher Musik­ex­port, zuhau­se chan­cen­los (DE)

Dass ich mich hier auf eine 13 Jah­re zurück­lie­gen­de Ver­an­stal­tung bezie­he, hat auch damit zu tun, dass der aktu­el­le deut­sche Vor­ent­scheid von 2017 in der Jury­de­bat­te kei­ner­lei Rele­vanz besitzt, denn die dort nur infor­mell dazu­ge­schal­te­te “inter­na­tio­na­le Jury” soll­te bei die­sem ledig­lich ein Stim­mungs­bild lie­fern und war nicht stimm­be­rech­tigt. Sie konn­te zudem nichts Erhel­len­des bei­tra­gen, denn mit nur zwei ver­füg­ba­ren, bei­de glei­cher­ma­ßen kom­plett unge­eig­ne­ten Titeln (die dann fol­ge­rich­tig und völ­lig kor­rekt jeweils 50% erhiel­ten) stand de fac­to nichts zur Wahl. Letz­ten Endes hät­te man sich sei­tens des NDR die quä­lend lan­ge Sen­dung kom­plett spa­ren und Sänger/in wie Song per Münz­wurf ent­schei­den kön­nen: ein Platz am Tabel­len­en­de wäre bei den vor­ge­schla­ge­nen Schat­tie­run­gen von beige in jedem Fall her­aus­ge­kom­men. Nur durch völ­li­ge Fremd­be­stim­mung lös­bar ist bei­spiels­wei­se auch der gor­di­sche Kno­ten der schwei­ze­ri­schen Ent­schei­dungs­show: die eid­ge­nös­si­schen Zuschauer/innen leh­nen seit jeher alles auch nur eini­ger­ma­ßen Schrä­ge, Auf­fäl­li­ge und damit Erfolg­ver­spre­chen­de mit Nach­druck ab, sie ent­hal­ten uns fan­tas­ti­sche Grand-Prix-Per­len wie den sen­sa­tio­nel­len Gruft­rock von Inge Gins­berg (2015) oder die authen­ti­sche ‘Jodel-Time’ von Oeschs den Drit­ten (2011) vor und über­las­sen es Rumä­ni­en, mit unter­halt­sam auf­be­rei­te­ten Eth­no-Klän­gen zu punk­ten, wäh­rend die Schweiz, exakt wie der grö­ße­re nörd­li­che Nach­bar, mit einem soli­den, unan­stö­ßi­gen, tod­lang­wei­li­gen Bei­trag Jahr für Jahr für Jahr auf die Nase fällt und kei­ner­lei Leh­ren dar­aus zu zie­hen bereit ist.

*Das* will ich von der Schweiz hören, dann klappt’s auch mit den Punk­ten!

Wel­che Leh­ren aber sol­len das sein? Nun, vor allem muss ein Vor­ent­scheid, der sei­nen Namen ver­die­nen möch­te, eine ech­te Aus­wahl bie­ten, von im guten Sin­ne stark pola­ri­sie­ren­den Künstler/innen und Musik­rich­tun­gen. Ein posi­ti­ves Indiz ist es stets, wenn der hei­mi­sche Bei­trag für kon­tro­vers geführ­te öffent­li­che Debat­ten sorgt; wenn ein Teil der Bevöl­ke­rung ihn strikt ablehnt und ein ande­rer ihn hart fei­ert, wie sei­ner­zeit bei Guil­do Horn (→ DE 1998“Unter­gang des Abend­lan­des”), bei­spiels­wei­se aber auch bei Nico­le (→ DE 1982“Ver­höh­nung der Frie­dens­be­we­gung”) oder Michel­le (→ DE 2001“Trash-Schla­ger mit Heli­um­stim­me”). Oder, um es in klar ver­ständ­li­che Wor­te zu fas­sen: Kon­sens ist schlecht! Denn als ver­läss­li­ches Null-Punk­te-Rezept erweist sich genau das, was der NDR seit Jah­ren prak­ti­ziert: etwas Glat­tes, Unauf­fäl­li­ges, das nie­man­dem weh tut und kei­ner­lei Wel­len macht. Und das ledig­lich die Funk­ti­on erfüllt, den Con­test auf kei­nen Fall selbst aus­tra­gen zu müs­sen, sich nicht zu bla­mie­ren und die Ver­ant­wor­tung für das erwart­bar schlech­te Abschnei­den dem abstim­mungs­be­rech­tig­ten hei­mi­schen Publi­kum in die Schu­he schie­ben zu kön­nen. Und tat­säch­lich muss man über die Fra­ge nach­den­ken, wer bei einem Vor­ent­scheid abstim­men soll. Das ver­knüpft sich direkt mit der Fra­ge, was der Sen­der mit der Show bezwe­cken möch­te: will er das hei­mi­sche Publi­kum zufrie­den­stel­len, dann kann er ihm natür­lich die Wahl über­las­sen (so denn eine ech­te Wahl besteht), wohl wis­send, dass es sich mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit für das Fal­sche ent­schei­det (mit Grau­sen den­ke ich hier an den Bei­na­he­sieg des ent­setz­lich unlus­ti­gen Gum­mi­k­anz­lers im Jah­re 2003) und hin­ter­her die Ent­täu­schung um so grö­ßer aus­fällt, wenn die natio­na­len Lieb­lin­ge auf inter­na­tio­na­lem Par­kett auf die Fres­se flie­gen (vgl. Texas Light­ning, → DE 2006).

Das möch­te die Welt von uns hören: gut gemach­ter deut­scher Pop­schla­ger.

Woll­te der NDR hin­ge­gen ernst­haft einen wett­be­werbs­fä­hi­gen Titel fin­den, der beim inter­na­tio­na­len Publi­kum ankommt, also bei den­je­ni­gen, die am Final­sams­tag dafür zum Tele­fon grei­fen sol­len, dann müss­te er die Ent­schei­dung wei­test­ge­hend an eine mög­lichst breit auf­ge­stell­te inter­na­tio­na­le Jury dele­gie­ren. Die Euro­vi­si­ons­app bie­tet hier die per­fek­te Vor­aus­set­zung, inter­es­sier­te Fans aus ganz Euro­pa den deut­schen Vor­ent­scheid mit­ver­fol­gen und – als Kol­lek­ti­vju­ry – abstim­men zu las­sen. Natür­lich kann man hier auch das hei­mi­sche Publi­kum mit ein­be­zie­hen, doch muss die Wer­tung dann genau anders­her­um prak­ti­ziert wer­den als bei Unser Song 2017: am Ende müs­sen es die Stim­men aus Euro­pa sein, die zäh­len, nicht die aus Deutsch­land. Denn, noch­mal zur Erin­ne­rung: nicht das deut­sche Lieb­lings­lied zu fin­den, ist das Ziel, son­dern eines, das inter­na­tio­nal ankommt. Und ja, ich weiß, das klingt radi­kal. Doch wann wäre die pas­sen­de Gele­gen­heit für radi­ka­le Ver­su­che, wenn nicht jetzt, nach dem Bei­na­he-Rote-Later­nen-Trip­pel? Schlech­ter kann es schließ­lich kaum wer­den.

Hier noch ein schö­nes Bei­spiel von Leser Kje­til (dan­ke!): Blitz­kids Mvt., der Jury­pick beim Vor­ent­scheid 2013.

Was denkst Du? Ist der Platz für die Jury beim natio­na­len Vor­ent­scheid?

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10 Gedanken zu “Die Jury: Power to all my Friends?”

  1. Unser Vor­ent­scheid 2013 war eigent­lich ziem­lich gut. Nur das Radio­vo­ting fand ich eher unnö­tig. Das Pro­blem war nur, dass Cas­ca­da durch ihren Bekannt­heits­grad einen gro­ßen Vor­teil hat­ten. Die Jury hät­te mit den Blitz­kids eigent­lich eine viel­ver­spre­chen­de Wahl getrof­fen…

  2. Spät aber nicht zu spät ist die Ein­sicht des Ver­fas­sers über die durch­aus berech­tig­te Exis­tenz von Jurys gekom­men. 😉
    Es wird wohl nie ein per­fek­tes Votin­g­er­geb­nis geben. Aber mit Jurys erhält man zu min­des­tens eine Art von Kor­rek­tiv, das einen nicht voll­ends an einem geschmacks­ver­irr­ten, tee­nie- oder senio­ren­in­fil­trier­ten sowie popu­lis­tisch gefärb­ten Publi­kums­vo­ting ver­zwei­feln lässt.

  3. Posi­ti­ve Bei­spie­le aus den Vor­ent­schei­den, das muss man ja zuge­ben.
    Ich ver­fol­ge das Voting eigent­lich erst seit Wien genau­er und hier auch nur das Haupte­vent inklu­si­ve Semis, ohne die vor­aus­ge­hen­den natio­na­len Vor­ent­schei­de.
    Mei­ne durch­aus sub­jek­ti­ve Erfah­rung dabei:
    die Juris wer­ten ten­den­zi­ell ab:
    Songs in Lan­des­spra­che (die­ses Jahr z.B. Weiß­russ­land, Ungarn, Frank­reich, Ita­li­en), Songs die aus dem Rah­men fal­len egal wie gut es gemacht ist. (z.B. Yodel it, my Fri­end oder 2015 Il Volo)
    Auf­ge­wer­tet wer­den dage­gen:
    “Tren­dy” Pop­songs auch wenn sie zum ein­schla­fen sind (JOWST, Nathan Trent) und
    am aller­schlimms­ten die­se pseu­do-Gefühls­num­mern die gern bei die­sen unsäg­li­chen Cas­ting­shows geträl­lert wer­den (Aus­tra­li­en, Däne­mark, Mal­ta usw. usw…)
    Aber abseits von dem per­sön­li­chen nega­ti­vem Bild über die Juries will ich beim ESC ja eben die Sie­ger der Zuschau­er am Ende oben sehen, für die ist doch der gan­ze Zir­kus gemacht.

    Natio­nal gibts ja immer Juries, sie suchen zumin­dest schon die Teil­neh­mer im Vor­feld aus. Ob sie dann auch gleich den Song fest­le­gen wie in vie­len Län­dern üblich oder doch noch das Publi­kum (teil­wei­se) in irgend­wel­chen Shows mit­be­stim­men las­sen fin­de ich schon nicht mehr so wich­tig.
    Es müs­sen halt fähi­ge Leu­te dabei sein die die­se Vor­auswahl tref­fen.
    Mein Favo­rit bei den Shows ist San­re­mo, und Ita­li­en ist damit auch sehr erfolg­reich beim ESC.
    Viel­leicht weil man sich dort eben gar nicht um den ESC küm­mert und ein­fach den bes­ten Song Ita­li­ens sucht?
    Könn­te man nicht so einen Bewerb auch hier star­ten?
    Deutsch­land ist doch in der benei­dens­wer­ten Lage immer im Fina­le zu sein. Da kann man doch viel muti­ger und inno­va­ti­ver bei der Song­aus­wahl sein und muss nicht dau­ernd auf den Platz schie­len den man gern im Fina­le min­des­tens hät­te. Haupt­sa­che man kann zu 100% dahin­ter ste­hen was man geschickt hat.

    p.s. spi­rit ani­mal ist ja ne gei­le Num­mer, könn­te auch von Björk sein

  4. Ich bin sehr froh, daß uns letz­tes Jahr dank der Juries Russ­land als Sie­ger erspart geblie­ben ist. Nur Zir­kus kann es ja auch nicht sein. Zudem haben sie dies­mal zumin­dest mit Por­tu­gal einen lan­des­sprach­li­chen Titel bevor­zugt. Da habe ich mehr dar­an gezwei­felt, ob Sal­va­dor bei den Zuschau­ern auch ankom­men wird.
    Und 2015 hat­ten die “Exper­ten” die muti­ge Num­mer aus Lett­land vor dem unsäg­li­chen Gejau­le die­ses Möcht­gern­stars aus Alba­ni­en gewer­tet – beim Publi­kum war es genau anders­her­um. Es gibt sicher­lich für bei­de Sei­ten Bei­spie­le dafür und dage­gen, aber ins­ge­samt bin ich mit dem 50/50-Sys­tem sehr zufrie­den. Man kann sicher­lich dar­über strei­ten, ob man die Juries etwa ver­grö­ßert oder anders besetzt.

  5. Zu Deutsch­land: Nein, man kann nicht nur inno­va­tiv sein und aus dem Rah­men fal­len, son­dern man MUSS es auch. Nur lei­der ist dies anschei­nend bei Schrei­ber und Co. immer noch nicht durch­ge­drun­gen, sonst wäre uns die­ses Jahr die­se unsäg­li­che Vali­um­vor­ent­schei­dung mit dem bekann­ten Resul­tat erspart geblie­ben. Aber da wird sich ja wohl so schnell lei­der nichts ändern, wei­ter mit dem Schlen­dri­an – mitt­ler­wei­le könn­te ich auf die ger­ma­ni­sche Bie­der­re­pu­blik beim ESC gut ver­zich­ten, wenn uns jedes Jahr nur belang­lo­se Bei­trä­ge gebo­ten wer­den. Auf uns Fans wird ja nicht gehört, dabei haben eini­ge von uns sicher­lich inter­es­san­te Vor­schlä­ge zu bie­ten. Aber beim NDR lebt man in sei­nem eige­nen Par­al­lel­uni­ver­sum.…

  6. @Mariposa
    Por­tu­gal ist die löb­li­che Aus­nah­me, ansons­ten ist die Ten­denz Lan­des­spra­che abzu­wer­ten bei 4:1 schon zu sehen fin­de ich. Und was die Jurys mit Il Volo 2015 gemacht haben fand ich völ­lig dane­ben-obwohl ich sonst die­se Art Musik und die gan­ze Pop-Klas­sik nie­mals hören wür­de und der Song sicher mehr wegen des Gen­res von den Jury abge­straft wur­de als wegen der Lan­des­spra­che.
    Und Lett­land 2015 hat im Lied mehr gejau­le als Alba­ni­en (wenn man nach Zeit misst).
    Die Tele­vo­te Plät­ze 8 und 9 für die Songs kann ich mehr nach­voll­zie­hen als die Jury­plät­ze 2(!) für den “tren­dy” Pop­song Lett­land und 25(!) für Alba­ni­en der sicher nicht der schlech­tes­te war im Fina­le.
    Das alles ist natür­lich wie­der mein sub­jek­ti­ves Empfinden…vielleicht hab ich auch nur den 0815-Mas­sen­ge­schmack 😉

  7. Sor­ry, da tren­nen unse­ren Musik­ge­schmack Wel­ten, was die­se bei­den Fäl­le angeht. “Love Injec­ted” war für mich einer der mutigs­ten und inter­es­san­tes­ten Bei­trä­ge in den 10-er Jah­ren und gar nicht mal “tren­dy”, Ami­na­ta hat mich sehr an Sade erin­nert. Inso­fern gut, daß die Jury die­sen Mut belohnt hat. Die­ser unsäg­li­che “Pop­star” aus Alba­ni­en war für mich dage­gen eine ein­zi­ge Zumu­tung und wäre allei­ne nur durch die zahl­rei­chen Anru­fer des Dia­spo­ra und aus den Nach­bar­staa­ten in den Top 10 gelan­det. Inso­fern ein Argu­ment gegen die Behaup­tung, rei­nes Tele­vo­ting wäre “reprä­sen­ta­tiv”.

  8. Zudem: Ich wei­ge­re mich davon zu spre­chen, daß die Jurys bestimm­te Sachen bewußt “abwer­ten” – klingt so, als wäre vol­le Absicht dahin­ter. Immer­hin konn­ten die “Exper­ten” 2015 ja nicht wis­sen, daß die Zuschau­er aus­ge­rech­net die Popope­ra­num­mer zum Favo­ri­ten küren, Bekannt­lich gibt es die Jury­wer­tung zuerst.

  9. Naja, das konn­ten sie aber schon vor­aus­se­hen. Dass Pope­ra eine brei­te Fan­ba­sis hat, weiß man. Und natür­lich steckt da vol­le Absicht dahin­ter, wenn sie das so run­ter­vo­ten, dass es nicht gewin­nen kann. Genau das machen Jurys ja, sie bewer­ten Titel oder Län­der schlecht, von denen sie anneh­men, dass sie beim Publi­kum gut ankom­men oder vie­le Dia­spo­ra-Punk­te kas­sie­ren. Dafür wur­den sie ja instal­liert.

  10. Hm – eigent­lich hat man 2015 im Vor­feld eigent­lich eher den Juries “unter­stellt”, sie wür­den für Ita­li­en stim­men. Kam dann bekannt­lich anders – und immer­hin lag “Gran­de Amo­re” bei den Exper­ten immer­hin auf Platz 6. Mir war dann “Heroes” als Sie­ger dann doch wesent­lich lie­ber und der zwei­te Platz für Ami­na­ta mehr als ver­dient. Inno­va­ti­ver Sound wird in der Regel vom Publi­kum nicht son­der­lich geschätzt (sor­ry, “Yodel it” fällt defi­ni­tiv nicht unter die­se Kate­go­rie”).

Oder was denkst Du?