Pro­ben ers­tes Semi 2017: Schüt­tel Dein Haar, wil­des Mäd­chen

Seit Sonn­tag haben die Pfor­ten des Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lungs­zen­trums in Kiew ihre Pfor­ten geöff­net für die 42 Dele­ga­tio­nen des dies­jäh­ri­gen Euro­vi­si­ons­jahr­gan­ges und für alle beson­ders uner­schro­cke­nen Schwur­na­lis­ten, die trotz der wid­ri­gen Umstän­de um die Vor­be­rei­tun­gen und den Ticket­ver­kauf die Rei­se in die ukrai­ni­sche Metro­po­le antra­ten. Das ers­te Semi­fi­na­le ist bereits ein­mal kom­plett durch­ge­probt, für die Zurück­ge­blie­be­nen offe­riert der offi­zi­el­le You­tube-Kanal der EBU aller­dings, wie schon aus den Vor­jah­ren gewohnt, ledig­lich kur­ze, fron­tal gefilm­te Aus­schnit­te von den Auf­trit­ten. Was durch­aus Sinn macht, denn eigent­lich ver­fügt der ers­te Pro­ben­durch­gang nur über eine sehr ein­ge­schränk­te Aus­sa­ge­kraft, geht es doch zunächst haupt­säch­lich um die rich­ti­gen Kame­ra­ein­stel­lun­gen. Ein Teil der Künstler/innen tritt noch casu­al an, ohne Büh­nen­gar­de­ro­be, nie­mand ver­aus­gabt sich stimm­lich, es geht erst mal dar­um, ein Gefühl für die Büh­ne zu bekom­men und einen Ein­druck für das TV-Signal, die Dele­ga­tio­nen haben noch die Mög­lich­keit, Din­ge aus­zu­pro­bie­ren und letz­te Ände­run­gen vor­zu­schla­gen. Den­noch bloggt die ver­sam­mel­te Fan­schaft natür­lich bereits flei­ßig aus der Hal­le, und so reicht es durch­aus für ers­te Ein­drü­cke aus zwei­ter Hand. So, wie zum Bei­spiel für die beru­hi­gen­de Nach­richt, dass man trotz allem Hin und Her im Vor­feld auch in Kiew an lieb­ge­won­ne­nen Tra­di­tio­nen fest­hält: bei der aller­ers­ten Pro­be am Sonn­tag­mor­gen, zur unchrist­li­chen Stun­de von 9 Uhr deut­scher Zeit, gab es nach über­ein­stim­men­den Berich­ten im Pres­se­zen­trum zunächst kei­nen Ton. Wie jedes Jahr, ganz egal, wo die Show statt­fin­det.

Die­se Fra­ge beant­wor­tet sich von selbst!

Bekannt­lich ver­dan­ken wir es dem schwe­di­schen Sen­der SVT und sei­nem Euro­vi­si­ons-Impre­sa­rio Chris­ter Björk­man (→ SE 1992), dass die Start­rei­hen­fol­ge seit eini­gen Jah­ren nicht mehr aus­ge­lost, son­dern von Hand nach dra­ma­tur­gi­schen Gesichts­punk­ten fest­ge­legt wird. Und wie durch Zufall pro­fi­tiert gera­de der schwe­di­sche Bei­trag 2017 in beson­de­rem Maße hier­von, kommt Robin Beng­ts­sons visu­el­ler Gag, sei­ne Per­for­mance – wie schon beim Melo­di­fes­ti­va­len – nicht auf der Büh­ne, son­dern in den Kata­kom­ben der Mehr­zweck­hal­le zu begin­nen, als ein­präg­sa­me Eröff­nungs­num­mer für das ers­te Semi­fi­na­le beson­ders gut zur Gel­tung. Auch ansons­ten gab es kei­ner­lei Ände­run­gen an der Dar­bie­tung. War­um auch, das Gesamt­pa­ket stimmt ja! Panik-Mel­dun­gen einer noto­ri­schen grie­chi­schen Web­site, Robins Fit­ness-Lauf­bän­der sei­en im Zoll hän­gen geblie­ben, womit die gan­ze Show in sich zusam­men­fie­le, erwie­sen sich als Fake News. ‘I can’t go on’ bleibt auch Kiew, was es ist: ein inhalts­lee­rer, super­ein­gän­gi­ger Dis­co­schla­ger, per­fekt vor­ge­tanzt von einem bis zur Gesichts­läh­mung gebo­tox­ten Pos­ter­boy mit Drei­ta­ge­bart. Also der feuch­te Traum jedes schwe­do­phi­len Euro­vi­si­ons­fans und ein hun­dert­pro­zen­ti­ger Fina­list.

In eini­gen euro­päi­schen Län­dern dürf­te die­se Hand­ges­te für Empö­rung sor­gen, gilt sie dort doch als obszön (SE)

Geor­gi­en scheint sich auf Dees­ka­la­ti­ons­kurs zu befin­den, ent­fern­te man doch die in der hei­mi­schen Vor­ent­schei­dung noch ein­ge­blen­de­te apo­ka­lyp­ti­sche Hin­ter­grund­bil­der­col­la­ge, ein­schließ­lich der Zei­tungs­mel­dung “Rus­sia inva­des Geor­gia”. Statt­des­sen ver­lässt man sich voll­stän­dig auf die beein­dru­cken­de Stim­me und die noch beein­dru­cken­de­ren Haa­re von Tama­ra Gach­echil­ad­ze. Noch nicht mal die Backings sind im Bild, son­dern ledig­lich die Sän­ge­rin, ihre ziem­lich ange­staub­te Frie­dens­bal­la­de und ihr enor­mes Paar Lun­gen­flü­gel. Ob das reicht, um wei­ter­zu­kom­men? Isaiah Fire­b­race aus­Tra­li­en befolg­te den guten Rat Hel­ge Schnei­ders: “Schüt­tel Dein Haar, wil­des Mäd­chen”. Jeden­falls im über­le­bens­gro­ßen Ein­spie­ler auf der Pro­jek­ti­ons­wand, wo er sei­ne Locken­pracht ver­füh­re­risch im Strom der Wind­ma­schi­ne her­um­wir­bel­te, wäh­rend der ech­te Isaiah auf einer Dreh­schei­be davor­steht und singt. Sehr unter­schwel­li­ge Peep­show-Anspie­lun­gen also, auch wenn der scheue Ephe­be natür­lich kei­ne nack­te Haut zeigt – schließ­lich “kommt” er nicht “easy” und “cheap”, wie er immer wie­der beton­te. Die Alba­ne­rin Lin­di­ta Hami­li ver­aus­gab­te sich bei der Pro­be klu­ger­wei­se weder optisch (das pin­ke Jäck­chen – uuh!) noch stimm­lich. Aber schließ­lich muss sie ihren 30-Sekun­den-Schrei auch nur ein­mal hin­be­kom­men: kom­men­den Mon­tag­abend, im Jury­fi­na­le. Zusam­men mit den siche­ren Dia­spo­ra­stim­men im Tele­vo­ting reicht das für den Final­ein­zug. Öko­no­misch nach­hal­tig ent­schied sich ihre Dele­ga­ti­on, ihren auf­wän­dig illus­trier­ten Video­clip für die Hin­ter­grund­ani­ma­ti­on zu recy­clen.

Ex-ESC-Spon­sor Schwarz­kopf wird’s freu­en: Isaiah hat die Haa­re schön (AU)

Die Bel­gie­rin Blan­che wirk­te bei den Pro­ben arg ver­un­si­chert, so ver­zwei­felt, wie sie sich am Mikro­fon­stän­der fest­klam­mer­te und sich – außer ein paar ver­krampf­ten Hand­ges­ten – nicht beweg­te. Dafür gab’s schi­cke Visu­als auf der Lein­wand. Diver­sen Blog-Berich­ten zufol­ge klapp­te auch das Spiel mit der Kame­ra noch nicht so recht. Noch ist es zu früh, um einen Kate-Ryan-Alarm aus­zu­ru­fen, aber sie muss unbe­dingt noch ein Schip­p­chen drauf­le­gen, wenn sie wei­ter­zie­hen will. Den Mon­te­ne­gri­ner Slav­ko Kale­zić brau­chen wir drin­gend im Fina­le am Sams­tag, dar­über bestand bei allen Blog­gern Einig­keit. Auch wenn ihm die Spaß­brem­sen von der Jury dabei im Weg ste­hen könn­ten. Zu unter­halt­sam sei­ne Büh­nen­show, die sich in so scham­lo­ser wie erfri­schen­der Wei­se in ihrer hem­mungs­lo­sen Camp­ness suhlt. Sei­en es die die las­zi­ven Hüft­be­we­gun­gen, das sug­ges­ti­ve Schwin­gen sei­nes gigan­ti­schen Pfer­de­schwan­zes oder das hauch­dün­ne, gefühls­ech­te Glit­zer­strumpf­ho­sen-Ganz­kör­per­kon­dom, das sich haut­eng über sei­ne Mus­keln schmiegt: Slav­kos Per­for­mance ist der­ma­ßen schwul, dass der Bild­schirm von innen beschlägt. Und das ist fan­tas­tisch! Pro­blem­los könn­te er Blan­che einen gan­zen Eimer vol­ler Selbst­ver­trau­en abge­ben – es blie­be immer noch genug übrig für ihn, der sich zu Recht bereits selbst zur größ­ten Diva von Kiew krön­te.

I have my Suit on, no need to worry (ME)

Wie eine kal­te Dusche nach all die­ser Schwü­le wirkt die dar­auf­fol­gen­de fin­ni­sche Sui­zid­bal­la­de ‘Black­bird’ von Nor­ma John. Wie schon im UMK war das alles sehr düs­ter und edel in Sze­ne gesetzt, und wie schon im UMK sah Sän­ge­rin Lee­na so rosig und lebens­be­ja­hend aus wie eine Was­ser­lei­che. Zwar ist mir ihre depres­si­ve Num­mer zwi­schen­zeit­lich ans Herz gewach­sen (schließ­lich ist wie­der die­ser Zeit­punkt inner­halb der Sai­son erreicht, wo man sich fast alle Lie­der schön­ge­hört hat), doch ob die Fin­nen von die­sem har­ten Kon­trast zur mon­te­ne­gri­ni­schen Dar­kroom-Dis­co pro­fi­tie­ren oder eher als Spiel­ver­der­ber wahr­ge­nom­men wer­den, das wird sich erst zei­gen. Wer auch immer für das Sta­ging des aser­bai­dscha­ni­schen Bei­trags ‘Ske­le­tons’ ver­ant­wort­lich zeich­ne­te: er oder sie scheint die­sel­be Kunst­hoch­schu­le besucht zu haben wie Lore­en (→ SE 2012, Vor­ent­scheid 2017). Jeden­falls wirk­te die Dar­bie­tung ähn­lich anspruchs­voll und ver­stö­rend wie ‘State­ments’. Die blass­ge­schmink­te – lau­tet das Leit­mo­tiv 2017 “Lei­chen­fe­tisch”? – DiHaj steht in einem stren­gen Win­ter­man­tel in einem Kar­ree aus mit Schlag­wör­tern voll­ge­krit­zel­ten Schul­ta­feln und voll­führt abge­hack­te Hand­be­we­gun­gen. Es hat ein biss­chen was von Mar­le­ne Diet­rich als durch­ge­knall­te les­bi­sche Leh­re­rin am Kriegs­wai­sin­nen-Inter­nat. Zwang­los gesellt sich ein Mann mit einem Pfer­de­kopf auf einer Klapp­lei­ter zu ihr. Und nein, ich habe kei­nen Schim­mer, was uns die Künst­le­rin damit sagen will. Spä­ter lösen sich die Tafeln in Luft auf und ihre Backings kom­men her­vor. Ihnen malt DiHaj die Jacke voll. Und nein, .… Scha­de um die gar nicht mal so schlech­te Num­mer, denn außer einem Stamm­platz in künf­ti­gen “So schräg ist der ESC”-Schnipselshows wird die­se Dar­bie­tung nichts gewin­nen.

Da steht ein Pferd auf dem Flur (AZ)

Der gesund­heit­lich ange­schla­ge­ne Sal­va­dor Sobral ließ sich bei der Pro­be, wie bereits ange­kün­digt, von sei­ner Schwes­ter Luí­sa ver­tre­ten, wel­che die herz­zer­rei­ßend trau­ri­ge Lie­bes­schnul­ze schließ­lich auch schrieb und die sich bemüh­te, Sal­va­dors Mar­ken­zei­chen – sei­ne extrem intro­ver­tie­ren Kopf- und Hand­be­we­gun­gen – mög­lichst lebens­echt nach­zu­stel­len, deren Gesangs­küns­te aller­dings auch klar mach­ten, war­um ihr Bru­der und nicht sie die Num­mer im Semi (und, hof­fent­lich, im Fina­le) zur Auf­füh­rung bringt. Die Por­tu­gie­sen gehen, und dafür stei­gen sie in mei­ner Ach­tung nur noch wei­ter, ein extrem hohes Risi­ko ein, indem sie ihren Inter­pre­ten nicht auf der Haupt-, son­dern auf der Satel­li­ten­büh­ne mit­ten im Publi­kum plat­zie­ren, wo er die vol­len drei Minu­ten absol­viert. Was, und dar­auf spe­ku­liert man wohl, tol­le Bil­der geben kann von einem eher men­schen­scheu wir­ken­den Inter­pre­ten, wie von einer gigan­ti­schen Woge der Lie­be einer rie­si­gen Men­ge an Fans mit gezück­ten (vir­tu­el­len) Wun­der­ker­zen getra­gen. Was aber auch zur Fol­ge haben könn­te, dass das sehr sanf­te, sehr zer­brech­li­che Lied in einem von rück­sichts­los schnat­tern­den, gelang­weil­ten Euro­vi­si­ons­tri­nen erzeug­ten, kon­stan­ten Lärm­tep­pich unter­geht. Oder dass ein über­dreh­ter israe­li­scher Fan einen auf­blas­ba­ren Ham­mer nach dem Sän­ger wirft und die­ser vor Schreck mit­ten in der Live­sen­dung den Herz­tod fin­det. Hof­fen wir mal das Bes­te. Auf gewohn­te­rem Ter­rain beweg­te sich indes die grie­chi­sche Ver­tre­te­rin Demy. Sie wur­de auf einer hydrau­li­schen Hebe­büh­ne hoch- und run­ter­ge­fah­ren, spä­ter gesell­ten sich, leben­di­gen Göt­ter­sta­tu­en gleich, zwei halb­nack­te Tän­zer mit wie aus Stein gemei­ßel­ten Mus­keln hin­zu, die gemein­sam in einem Pool plansch­ten, wäh­rend auf dem Büh­nen­hin­ter­grund ein sti­li­sier­ter Gol­den Show­er nie­der­ging. Das war schon arg ziel­grup­pen­ori­en­tiert, kam dem plat­ten Euro­club-Kra­cher aber sehr zugu­te.

Demys Schnüt­chen nach zu urtei­len, hat sie von den zwei Jungs gera­de einen Korb kas­siert – um so mehr Hoff­nung für die ange­reis­ten schwu­len Fans! (GR)

Polens Sire­ne Kasia Moś trug ein hoch­prei­sig wir­ken­des, boden­lan­ges wei­ßes Kleid mit wind­ma­schi­nen­taug­li­chen Bein­schlit­zen, wel­ches die kör­per­li­chen Vor­zü­ge der Sän­ge­rin auf dezen­te Art und Wei­se unter­strich, sowie mit fes­ter Stim­me ihre kom­pe­ten­te Euro­vi­si­ons­bal­la­de vor. Von der aller­dings nichts als die Übel­keit indi­zie­ren­de Reime­ka­ta­stro­phe auf “Fire” im Gedächt­nis blei­ben wird. Nicht ihr Begleit­gei­ger, nicht der him­mel­blaue Hin­ter­grund mit den Tier­zeich­nun­gen (sie scheint eine PETA-Akti­vis­tin zu sein): nur der schlim­me Feu­er­reim. Denn direkt nach ihr kom­men die drei Jungs vom mol­da­wi­schen Sun­Stro­ke Pro­ject (→ MD 2010) und wal­zen alles platt. Ihre doch arg repe­ti­ti­ve und von Plat­te schnell ner­vi­ge Num­mer gewinnt mas­siv durch den Start­platz hin­ter zwei sehr lah­men Lie­dern sowie die effek­ti­ve Insze­nie­rung mit den bereits aus dem Video bekann­ten, schrä­gen Tap­dance-Schrit­ten, dem legen­dä­ren Epic Sax Guy und einem her­vor­ra­gend pro­du­zier­ten Hin­ter­grund mit ‘Hey Mam­ma’-Schrift­zü­gen und über­le­bens­gro­ßen Ein­blen­dun­gen der Her­ren im Smo­king. Die­ser akzen­tu­iert eine sich offen­sicht­lich selbst nicht ernst neh­men­de, aber mit gro­ßer Pro­fes­sio­na­li­tät abge­lie­fer­te Spaß­num­mer, nach wel­cher man an die­ser Stel­le des Abends gera­de­zu gie­rig lechzt. Die Mol­da­wi­er befrie­di­gen die­ses Bedürf­nis, sie befrie­di­gen es nach­hal­tig und gut und die Zuschauer/innen wer­den es ihnen in gro­ßer Schar dan­ken.

Stampf, stampf, Dis­co­mampf! (MD)

Und erneut bekom­men die der­ge­stalt auf­ge­heiz­ten Zuschauer/innen in der Hal­le und an den Gerä­ten zur Abküh­lung einen kal­ten Fisch um die Ohren geschla­gen, dies­mal in Form der Islän­de­rin Sva­la. Die ent­schied sich für die spar­sa­me skan­di­na­vi­sche Design­va­ri­an­te des über­la­de­nen Man­ga­mäd­chen-Out­fits von Jamie Lee Krie­witz (→ DE 2016): Micky-Maus-för­mi­ge Haar­ku­geln, ein wei­ßes Bett­la­ken als im Sturm der Wind­ma­schi­ne flat­tern­den Umhang und flo­ral gemus­ter­te Leg­gings (!) bil­de­ten ein Ensem­ble des Grau­ens, von dem die unge­len­ken Tanz­schritt­chen Svalas und die ste­ril­wei­ße Licht­show eben­so wenig abzu­len­ken ver­moch­ten wie der ziem­lich gute Elek­tro­song (wie gesagt: alles schön­ge­hört mitt­ler­wei­le). Doch noch nicht mal für den Bar­ba­ra-Dex-Award reicht es: den sicher­te sich die Tsche­chin Mar­ti­na Bár­ta, die in einem wirk­lich schlim­men Metall­fo­li­en-Dress mit Schul­ter­pols­tern (!) und einer boden­lan­gen Sei­ten­trod­del auf die Büh­ne muss­te und dar­ob ange­mes­sen frus­triert wirk­te. Wer immer ihr das anzog, ist nicht ihr Freund. Ihre aus Sit­zen und Ste­hen bestehen­de Dar­bie­tung lang­weil­te noch här­ter als ihre Bal­la­de. Dan­kens­wer­ter­wei­se lief auf dem LED-Screen im Hin­ter­grund wäh­rend­des­sen das tol­le, sehr bewe­gen­de Musik­vi­deo zu ihrem Song, ver­mut­lich um zu ver­hin­dern, dass die Zuschauer/innen vor Ödnis weg­däm­mern. Soll­te sie auch nur einen ein­zi­gen Punkt erhal­ten, dann des­we­gen.

Net­te Bau­ern­ma­le­rei auf den Unter­ar­men: Sva­la (IS)

Es gibt kei­nen gei­le­ren und nach­hal­ti­ge­ren Ein­druck als eine von meh­re­ren Men­schen abso­lut syn­chron getanz­te Cho­reo­gra­fie. Wenn – und das ist ent­schei­dend – alle Betei­lig­ten exakt die glei­chen Bewe­gun­gen machen und es bei allen glei­cher­ma­ßen läs­sig aus­sieht. Habe ich aller­dings zwei pro­fes­sio­nel­le Tän­zer, die mit Leich­tig­keit ein­bei­nig ste­hen kön­nen, sou­ve­rän der Schwer­kraft (‘Gra­vi­ty’) trot­zend, und dazwi­schen einen so ange­strengt wie ver­geb­lich zu balan­cie­ren ver­su­chen­den Lead­sän­ger wie Hovig, dann kippt es schnell ins Lächer­li­che. Der zypri­sche Auf­tritt wird auch nicht dadurch bes­ser, dass man Ser­gey Laza­rews (→ RU 2016) wei­ße Klet­ter­wand-Kuben für den Back­drop recy­celt (“Nie­mand hat die Absicht, eine Mau­er zu klau­en”). Ein zu wei­ten Tei­len abge­kup­fer­tes Lied (‘Human’ lässt grü­ßen) mit einem geklau­ten Hin­ter­grund und einer stel­len­wei­se von Loic Not­tet (→ BE 2015) inspi­rier­ten Cho­reo­gra­fie (Hovig legt sich, der Erd­an­zie­hung nach­ge­bend, am Ende zu Boden): in die­sem Bei­trag scheint kein ein­zi­ger ori­gi­nä­rer Gedan­ke zu ste­cken. Anders die Arme­nie­rin Arts­vik, die sich zwar eben­falls hie und da ein paar Ide­en borg­te (unter ande­rem aus Bol­ly­wood-Fil­men), bei der das Gan­ze aber einen spie­le­ri­schen und eigen­stän­di­gen Touch bekommt. In einem sehr streng wir­ken­den schwar­zen Out­fit per­form­te sie ihr ori­en­ta­lisch anmu­ten­des, sau­ber geschrie­nes ‘Fly with me’ vor einem vio­let­ten, Epi­lep­si­en trig­gern­den Hin­ter­grund, beglei­tet von ledig­lich zwei Tän­ze­rin­nen – die unglaub­lich schö­nen Bart­män­ner aus dem Video­clip muss­ten zu mei­ner gro­ßen Bestür­zung zuguns­ten von (unsicht­ba­ren) Chor­sän­ge­rin­nen zu Hau­se blei­ben. Schluchz!

Und hoch das Bein! (CY)

Omar Naber ver­trat Slo­we­ni­en bekannt­lich bereits 2005, als der Con­test eben­falls in Kiew gas­tier­te. Und auch damals, vor zwölf Jah­ren, hät­te sein aktu­el­ler Bei­trag ‘On my Way’ bereits als hoff­nungs­los ver­staubt und alt­mo­disch gel­ten müs­sen. Mit einer visu­ell sehr strin­gen­ten Licht­ke­gel­cho­reo­gra­fie und mit dem hem­mungs­lo­sen Ein­satz von schwarz­wei­ßen Bil­dern sowie einem offen­sicht­lich geplan­ten Kame­ra­schwenk in die Hal­le, in der man sich wohl ein Lich­ter­meer erhofft, hol­te sein Team das Best­mög­li­che aus sei­nem zähen Schin­ken her­aus, den er in der Pro­ben auch wei­test­ge­hend kom­pe­tent sang. Den­noch bleibt die Fra­ge: wer braucht das? Und wer soll dafür anru­fen? Einen wür­di­gen Abschluss für das ers­te Semi­fi­na­le bil­det die let­ti­sche Dance-For­ma­ti­on Tria­na Park, wel­che im Wesent­li­chen die far­ben­fro­he, neon­bun­te Rave-Atmo­sphä­re aus dem Vor­ent­scheid ihres Lan­des rekre­ierte. Wie schon dort wirk­te die völ­lig über­schmink­te und mit den wohl häss­lichs­ten Nut­ten­stie­feln der Mode­ge­schich­te ange­ta­ne Front­frau Agne­se Rakovs­ka wie von zu viel Par­ty­dro­gen aus­ge­zehrt. Und sie klang auch so. Der gele­gent­li­che Anblick des geils­ten Drum­mers der Mensch­heits­ge­schich­te, Edgars Viļums, ent­schä­dig­te hier­für ein wenig. Lus­tig hin­ge­gen das von den bri­ti­schen Blogs aus­ge­mach­te Penis­Ga­te – in einer der zahl­rei­chen Zeich­nun­gen auf dem Back­drop wol­len die unter ihrer extrem prü­den Erzie­hung lei­den­den Insu­la­ner ein männ­li­ches Geschlechts­or­gan aus­ge­macht haben und krie­gen hierob gleich die Kri­se (“fami­li­en­freund­li­che Show”). Wobei ich zuge­ben muss, auf dem Foto auf­grund der Refle­xi­on ein auf dem Büh­nen­bo­den kni­en­des Strich­männ­chen zu sehen, ver­fäng­li­cher­wei­se auf Augen­hö­he mit einem ech­ten Penis, näm­lich dem des Gitar­ris­ten der Band…

Whe­re we snort the Line?” scheint mir die ange­mes­se­ne­re Fra­ge (LV)

Und jetzt kommst Du: was sind Dei­ne Lieb­lings­songs im ers­ten Semi 2017? (Maxi­mal 10 Stim­men)

View Results

Loading ... Loa­ding …

17 Gedanken zu “Pro­ben ers­tes Semi 2017: Schüt­tel Dein Haar, wil­des Mäd­chen

  1. Haha­ha, “Whe­re we snort the line?”!

    Bis­lang dach­te ich, das ers­te Halb­fi­na­le wäre das bri­san­te­re, inter­es­san­te­re. Weit gefehlt, ich bin ziem­lich ent­täuscht von der Mit­tel­mä­ßig­keit und Ver­bis­sen­heit und ban­ge um Blan­ches fan­tas­ti­schen Song. Die Per­for­mance muss sich ästhe­tisch unbe­dingt dem Musik­vi­deo annä­hern. Mit etwas klaus­tro­pho­bi­scher Kame­ra­füh­rung kann ihre Ner­vo­si­tät sogar char­mant und ange­mes­sen wir­ken.

    Ich bin jetzt doch froh, dass das deut­sche Publi­kum am Don­ners­tag abstimm­ten darf. Gut gemacht, Tho­mas Schrei­ber, aber nur aus­nahms­wei­se!

  2. Hal­lo und guten Tag!
    Was bin ich erleich­tert und dank­bar. Ich hat­te erst ges­tern auf die­ser Sei­te nach­ge­schaut, ob ich mich wie­der an den wun­der­bar aus­for­mu­lier­ten Bei­trä­gen erfreu­en darf – und muss­te fest­stel­len, dass seit Mit­te April Ruhe ein­ge­kehrt war. Ich mach­te mir Sor­gen!
    Um so erfreu­li­cher war ich über den heu­ti­gen Ein­trag in mei­ner FB-Time­li­ne, dass ein neu­er Bei­trag vor­liegt.
    DAN­KE!

    Ich wün­sche eine wun­der­ba­re ESC-Zeit.

    Vie­le Grü­ße aus dem Nor­den
    Chris­ti­an

  3. Super, es geht wei­ter :))

    - Por­tu­gal hört sich ja hier viel­ver­spre­chend an, ich glau­be sie kön­nen das Semi tat­säch­lich gewin­nen
    -Schwe­den sowie­so zu per­fekt um irgen­wie in Gefahr zu sein aus­zu­schei­den
    – Zypern alles nur geklaut aber das wirk­lich gut
    -die Mol­d­ane­sen (Mol­d­au­ser?) too much fun for a fail
    -Lett­land kommt allein nur für die gei­len Schu­he der Front­frau wei­ter
    -Tsche­chi­en und Island hät­te ich vom Song noch gern dabei, aber da hät­te es eine Ham­mer Per­for­mance gebraucht die ich lei­der nicht sehe…

    Bin schon gespannt auf den Bericht vom SF2!

  4. Irgend­was scheint mit der Abstim­mung nicht zu stim­men. Ich kann nur eine Stim­me ver­ge­ben und nicht 10.

  5. Nach den bis­he­ri­gen Pro­ben­auf­trit­ten sehe ich im Fina­le

    - Arme­ni­en
    – Aser­bai­dschan
    – Aus­tra­li­en
    – Finn­land
    – Grie­chen­land
    – Por­tu­gal
    – Schwe­den

    Der Rest ent­schei­det sich noch.…..

  6. Momen­tan wür­de ich tip­pen:

    - Geor­gi­en
    – Polen
    – Zypern

    Damit wäre mein ursprüng­li­cher Favo­rit Bel­gi­en drau­ßen, aber ich befürch­te das Kata­stro­phen­po­ten­zi­al ist extrem groß.….

  7. Puh. Wer kommt wei­ter? Sicher wei­ter:

    Schwe­den (es ist halt Schwe­den)
    Finn­land (die hau­en durch ihre Per­for­mance mei­ner Mei­nung nach einen wei­te­ren Nagel in den bel­gi­schen Sarg 🙁 )
    Lett­land (logisch,allein schon durch die Start­num­mer, aber im Fina­le dann unter fer­ner lie­fen)
    Por­tu­gal (kla­rer Fall)
    Mol­da­wi­en

    und der Rest ist schwie­rig. Ich habe gro­ße Angst um Bel­gi­en und möch­te sie unbe­dingt im Fina­le haben.

  8. @ Tama­ra

    Bezüg­lich Finnland/Belgien kla­re Zustim­mung – mitt­ler­wei­le auch in den Wet­ten wer­den Nor­ma John in den Top 10 geführt, mit Blan­che geht es ste­tig berg­ab.

    Ich wür­de mei­nen Tipp Geor­gi­en zudem ger­ne mit Lett­land aus­tau­schen (ist aber mehr Wunsch­den­ken, aber nicht unmög­lich)

  9. zu Belgien/Blanche:
    Das langt schon noch fürs Fina­le, dafür ist der Song ein­fach zu gut. Und so schlecht fin­de ich weder das Sta­ging noch Blan­che als Sän­ge­rin wie es in vie­len Kom­men­ta­ren behaup­tet wird damit es im HF hän­gen­bleibt.
    Das Schick­sal wird eher die andern bei­den Elek­tro­pop Num­mern im 2.HF Ser­bi­en und Maze­do­ni­en tref­fen die nicht stark genug sein könn­ten um den Qua­li­täts­ver­lust von der Stu­dio­ver­si­on zum Live­auf­tritt zu kom­pen­sie­ren.

    Gene­rell fand ich nach Anhö­ren der ers­ten Live-Pro­ben aus Kiev das zwei­te Halb­fi­na­le span­nen­der da es doch mehr posi­ti­ve wie nega­ti­ve Über­ra­schun­gen gab als im ers­ten.

    Ich hof­fe wir kom­men hier noch in den Genuß einer ent­spre­chen­den Ana­ly­se des SF2 vor dem Halb­fi­na­le 🙂

  10. zu Portugal/Sobral:
    “Was, wenn ein Song Con­test-Teil­neh­mer erkrankt?” Ist die heu­ti­ge Über­schrift im Stan­dard (österr. Zei­tung)
    Er liegt wohl noch im Kran­ken­haus und soll­te eigent­lich mor­gen fürs SF1 nach Kiev rei­sen.
    Plan B wäre wohl ein Auf­tritt der Schwes­ter auch im Semi wie in den Pro­ben.

    http://derstandard.at/2000057092040/Was-wenn-ein-Song-Contest-Teilnehmer-erkrankt

    Erstaun­li­cher­wei­se sind die Quo­ten trotz dem Feh­len von Sal­va­dor vor Ort für Por­tu­gal gestie­gen, sie sind jetzt auf 2 hin­ter Ita­li­en bei den Buch­ma­chern 🙂

    Ich fand den Auf­tritt der Schwes­ter auch toll mit Gän­se­haut-Momen­ten, man merkt dabei ein­fach wie gut und zeit­los der Song ist.

    Gute Bes­se­rung Sal­va­dor und ich drü­cke bei­den fest die Dau­men am Diens­tag egal wer auf der Büh­ne steht!

  11. Nach­trag zum Stan­dard-Arti­kel aus mei­nem Vor­post:
    Sobral war ges­tern bei der offi­zi­el­len Eröff­nung des Song-Con­tests in Kiev bereits anwe­send.

    Es war also Gott sei Dank eine Zei­tungs-Ente, oder neu­deutsch Fake-News 😉

  12. Lie­ber Sal­va­dor, ich drü­cke Dir die Dau­men – mach nicht nur Por­tu­gal glück­lich, Du schaffst das!!!!!!!

    Also als “Elek­tro­pop” wür­de ich Ser­bi­en und Maze­do­ni­en nicht bezeich­nen.…. Das ist viel­mehr typi­sche und wenig inno­va­ti­ve ESC-Kost. Ich wür­de mich ja sehr für Blan­che freu­en, aber ich habe der­zeit gro­ße Zwei­fel und sie aus mei­nem Semi­tipp her­aus­ge­nom­men.….

  13. Ich ver­ab­schie­de mich gera­de so ein biss­chen von Bel­gi­en. Wirk­lich schwe­ren Her­zens.
    Irgend­wie erin­nert mich Ihr gan­ze Auf­tritt an Esto­nia 2000.
    Ines wur­de “hoch gehan­delt” und war auch bei mir damals Favo­ri­tin.
    Dann der etwas ner­vö­ser Auf­tritt und Ihr Out­fit !
    Bla­che ist mir irgend­wie zu “ängst­lich” und ihr Kleid passt wie “Him­beer­eis zum Früh­stück”
    Ines schaf­fe wenigs­tens Platz 4. Für Blan­che ist die­se Plat­zie­rung, wenn nicht noch ein Wun­der geschieht – uner­reich­bar. Sehr Scha­de!

    Ich fän­de es schön, wenn für Por­tu­gal Bei­de sin­gen wür­den.
    Schwes­ter­chen könn­te Brü­der­chen vor all den Gefah­ren (auch der vom Ver­fas­ser beschrie­be­nen Ham­mer Atta­cke) beschüt­zen und Ihr gan­zer Ein­satz für Ihn wür­de dadurch auch irgend­wie hono­riert.
    Das ist ESC Lei­den­schaft pur.

  14. Also, die Gene­ral­pro­be (bei der schon die Jurys zugu­cken) war Blan­che um eini­ges bes­ser als zuletzt. Ist aber nach wie in der “Dan­ger Zone” – inso­fern durch und durch authen­tisch.

    Und jetzt end­lich Por­tu­gals Hoffung.….… Sal­va­dor ist ganz gro­ßes Kino !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Der Auf­tritt hat den in der VE noch getoppt, zudem ist er jetzt auch ein wenig schi­cker geklei­det. Natür­lich total aus der Zeit gefal­len, aber gera­de DAS hat eben sei­nen ganz beson­de­ren Reiz. Zudem: Was wäre ein ESC ohne Emo­tio­nen ??? Nur Kom­merz kann ja es wohl nicht sein.

  15. Ui, lang­sam kommt doch eine gewis­se Vor­freu­de auf…
    Go…
    Potu­gal!
    Schwe­den!
    Fin­land!
    Bel­gi­en!
    Mol­dau!
    Azer­bai­d­jan!
    Arme­ni­en!
    Tsche­chi­en!
    Lett­land!
    Island!

    Wün­sche allen einen unter­halt­sa­men Abend!

  16. Wow, Por­tu­gal was für ein Auf­tritt!
    Mit­ten im Publi­kum ste­hend und alles muks­mäus­chen­still um ihn her­um bis zum Instru­men­tal­teil.
    Jetzt hat Fran­ces­co doch noch einen ernst­haf­ten Kon­kur­ren­ten um den Sieg am Sams­tag bekom­men.
    Auch groß­ar­tig Azer­bai­jan, vor allem der Anfang bis zum Refrain ist top. Mei­ne Nr. 2 ges­tern.
    Sehr scha­de um Finn­land und Tsche­chi­en, wobei die tsche­chi­sche Büh­nen­schow wirk­lich mager war.
    War­um Grie­chen­land wei­ter ist muß man hof­fent­lich nicht ver­ste­hen…
    Gene­rell fand ich die Pro­duk­ti­on der Schow, die Hal­len­akus­tik und die Stim­mung im Publi­kum doch etwas ent­täu­schend im Ver­gleich zu den letz­ten Jah­ren, ich hof­fe das wird noch etwas bes­ser am Final­tag.

Oder was denkst Du?