Zweites Semifinale 2017: We have lost our Verona

Zwei der irischen Backings (c) Martin Schmidtner

Warum macht ihr so etwas, liebe Bühnenbildverantwortliche? Warum versteckt ihr in diesem Jahr praktisch alle die Chorsänger/innen hinter der Bühne? Schon im ersten Semifinale 2017 am vergangenen Dienstag irritierte es maßlos, wenn man mit den Augen lediglich eine einzelne, völlig verloren im Farbenwirbel des Backdrops verschwindende Person auf der Bühne sah, gleichzeitig jedoch mit den Ohren wahre Choräle erschallen hörte und das völlig überforderte, bedauernswerte Gehirn diese beiden sich gegenseitig widersprechenden Sinneswahrnehmungen irgendwie zusammen bekommen sollte, ohne dabei zu implodieren. Bei der gestrigen zweiten Qualifikationsrunde dann, erneut ausgetragen in der nur mäßig besetzten Internationalen Ausstellungshalle zu Kiew, erneut bestückt mit der irgendwo zwischen Raumschiff Enterprise und der Außenreklame für das berühmt-berüchtigte Reeperbahn-Etablissement Zur Ritze changierenden Bühne sowie den drei komplett unlustigen Moderatoren Tick, Trick und Track, nervte es nur noch. Zumal man uns damit um einige Augenweiden brachte, so beispielsweise um die zwei rothaarigen Hingucker des milchbübigen Iren Brendan Murray, die deutlich mehr hergemacht hätten als der armselige, windschiefe und zu allem Übel auch noch am Boden bleibende Fesselballon, den die RTÉ-Delegation stattdessen als schlecht überlegtes Bühnengimmick mitbrachte.

Zweieinviertel Stunde fragwürdige Musik und noch fragwürdigere Garderoben: das zweite Semifinale 2017 am Stück

Ich meine, ernsthaft: wenn ihr den Interpreten schon auf eine Plattform stellt und obendran einen campinafarbenen Ballon installiert, dann erwarte ich als Zuschauer doch, dass der Sänger pünktlich zur → Rückung (wo auch der besagte, leider unsichtbar bleibende Chor hinzukam) abhebt und gen Hallendach entschwebt! Und ja, ich weiß selbst, dass das Teil aus Pappmaché bestand und damit flugunfähig war. Dann muss man das halt mit einem Kran lösen oder unter Zuhilfenahme digitaler Tricktechnik. Und wieso eigentlich muss ich als gewöhnlicher Fan dem Sender erklären, wie er seinen Beitrag inszeniert? Überflüssig zu erwähnen, dass der (überraschend auf nicht schmerzhafte Weise) kastratenhaft hoch singende Brendan es so nicht ins Finale schaffte. Zumal die Iren vergaßen, den Song von ‚Dying to try‘ in ‚Trying to fly‘ umzubenennen. Muss man denn alles alleine machen? Ein geschickteres Händchen bei der Auswahl des Bühnengimmicks bewies hingegen der ORF. Der präsentierte seinen gewinnend über beide Ohren dauergrinsenden Schnuckelpops Nathan Trent als den Mann im Mond und stellte den AlpenlandRomanLob (→ DE 2012) zu diesem Behufe in eine sichelförmig ausgehöhlte, übermannshohe Discokugel, die man vermutlich günstig aus weißrussischen Restbeständen aufgekauft hatte. Großzügig ausgebreiteter Trockeneisnebel fungierte als die Wolken, auf denen Nathanaele (den der deutsche Kommentator Peter Urban in seiner Anmoderation dreißig Jahre älter machen wollte) laut dem selbst verfassten Liedtext dahinschwebt. Das funktionierte prächtig, auch weil der österreichische Babybär erkennbar an sich und sein Lied glaubte und uns seine Durchhaltebotschaft überzeugend verkaufte. Und so vergessen ließ, was für eine furchtbar plodderige Songgrütze der junge Tiroler da vor uns ausgoß.

Glaub an Dich selbst und es wird gelingen (AT)

Im Gegensatz zum ersten Semifinale zeigten sich die Abstimmungsergebnisse am Donnerstag von einer deutlichen Überraschungsarmut gekennzeichnet. Bitterlich zu beklagen ist lediglich der schmerzliche Verlust der estnischen Wiederauferstehung von Modern Talking in Form des Eurovisions-Veteranen-Duos Koit Toome (→ EE 1998) und Laura Põldvere (→ EE 2005). Auch hier vermute ich – bis zum Beweis des Gegenteils – zunächst einmal die üblen Machenschaften der diabolischen Jurys, die für solcherlei herrlich nostalgischen Eurodance offenbar kein Herz hatten. Allerdings fällt es auch bei angestrengtem Nachdenken schwer, einen weiteren Menschen zu benennen, der dermaßen hinterhältig falsch grinsen kann wie das sich auseinandergeliebt haben wollende Schlagerpärchen, das laut Songtext verkatert durch die pittoreske noritalienische Touristenhochburg ‚Verona‘ (ein möglicher Austragungsort für den ESC 2018?) tapert und über die eigenen Unzulänglichkeiten sinniert, die zum Scheitern der Beziehung führten. Besonders schön zu beobachten war das an der Stelle, als sich Dieter und Thomas (→ Vorentscheid DE 2006) ausnahmsweise kurz gegenüberstanden und ins Gesicht singen mussten. Und man dem ohnehin extrem schmierig wirkenden Koit dabei den „Morgen bring ich die Schlampe um“-Gedanken in Großbuchstaben vom Antlitz ablesen konnte, während er seine Laura schlangenhaft anstrahlte. Gruselig, aber doch auch von einer gewissen verstörenden Faszination!

Ups, da stand Anfangs wohl noch jemand auf der Leitung! (EE)

Als angenehme Überraschung darf hingegen der Finaleinzug des ungarischen Roma-Rappers Joci Pápai gelten. Hier zahlte sich erfreulicherweise der lobenswerte Mut der Magyaren aus, auf alle Eurovisionskonventionen zu pfeifen und einen Vertreter einer der noch immer unbeliebtesten Minderheiten Europas mit einem in Landessprache gesungenen, ethnolastigen Titel zu schicken. Und das auch noch mit einer Hip-Hop-Einlage, bislang beim gesamteuropäischen Liederreigen ein sicheres Rezept für den Punktetod! Doch Jocis von bittersüßem, trotzigen Stolz beseeltes Klagelied, das in unglaublich poetischen, bewegenden Bildern aus seinem Leben und von seinem Kampf gegen die gesellschaftlichen Vorurteile erzählte, bewies einmal mehr, dass das Publikum die Worte nicht verstehen muss, um die Botschaft zu begreifen, und dass eine authentische, persönliche Geschichte meist belohnt wird. Selbst der Fakt, dass man Joci stellenweise kurz anmerkte, wie unwohl er sich in dem technisierten, durchchoreografierten TV-Spektakel fühlte, seine Anspannung aber sofort wieder verschwand, sobald er sich in seinen Text versenkte, trug zu seiner Glaubwürdigkeit bei. Mit dem Finaleinzug des fantastischen ‚Origo‘ und des ebenfalls im Heimatidiom gesungenen, temporeichen, fröhlich-folkigen belarussischen Beitrags ‚Historyja majho žyccia‘ sowie des portugiesischen Wettbewerbstitels ‚Amar pelos Dois‘ aus der ersten Qualifikationsrunde schafften es nunmehr tatsächlich sämtliche landessprachlichen Lieder ins samstägliche Finale, wo sie auf den italienischen Wettquotenkönig Francesco Gabbani und sein ‚Occidentali’s Karma‘ treffen. Siehe und lerne, Albanien! Siehe und lerne, Deutschland!

Der Zirkusdirektor und seine Tänzerin: selten war mehr Authentizität beim ESC (HU)

Und siehe und lerne, Serbien und Mazedonien! Regelmäßige Leser/innen von Berichten der Stiftung Warentest kennen sicherlich den Begriff „baugleich mit…“, der den Umstand beschreibt, dass es sich (wahllos erfundenes Beispiel) bei den überprüften Waschmaschinen der Marken Miele und Bauknecht um das exakt gleiche Gerät handelt, lediglich mit einem anderen Namen versehen und zu unterschiedlichen Preisen verkauft. In dieser Art verhielt es sich auch bei den diesjährigen Beiträgen der zwei genannten Balkanländer, die aus der selben schwedischen Produktionsschmiede stammten und sich musikalisch wie optisch allenfalls in Nuancen unterschieden. So präsentierte sich die im schwarzen Stripperinnen-Outfit antretende Jana Burčeska, die in ihrer völligen Verzweiflung mit albernem Trara um ihre Schwangerschaft und einen schlecht inszenierten Heiratsantrag im Green Room (soll das heißen, ihr Balg ist als Kind der Schande gezeugt worden?) vergeblich Aufmerksamkeit zu erzeugen suchte, als eine passend zu ihrem Titel ‚Dance alone‘ völlig alleine die Bühne bespielende FYROM-Discount-Kylie; während die Serbin Tijana Bogićević in ihrem mehr als fadenscheinigen weißen Tüll-Nachthemd zumindest einen Bonus als Cougar sammeln konnte, ließ sich die für ihr Alter erschreckend verhärmt und abgerockt wirkende Mittdreißigerin doch von einem deutlich jüngeren, deutlich fitteren Tänzer apart umspringen. Allerdings leider erst ‚In too Deep‘, nach knapp zwei Minuten, wo man als Zuschauer bereits sämtliche Geduld mit dem faden Song und dem langweiligen Auftritt verloren hatte. Kein Wunder, dass gleich beide Balkan-Disco-Mäuse scheiterten, zumal sie Show-Guru Christer Björkman (→ SE 1992) in der handverlesenen Startreihenfolge so dicht wie möglich beieinander packte, mit lediglich dem österreichischen Babybärchen als Trenner (sowie, ursprünglich, der russischen Rollstuhllady Julia Samoylova, die aber aus den bekannten Gründen nicht antreten durfte).

Loreen hat angerufen und will ihren Krabbentänzer zurück (RS)

Oh, wo wir gerade vom Thema „Cougar“ sprachen: auch Valentina Monetta (→ SM 2012, 2013, 2014) scheiterte in dieser Qualifikationsrunde. Dabei hatte sie Onkel Ralph für seinen fünfundzwanzigsten (!) offiziellen Eurovisionsbeitrag (Gratulation!) und ihre vierte (!) Grand-Prix-Teilnahme für San Siegelino nicht nur mit einem herrlich nostalgischen, so repetitiven wie eingängigen Siebzigerjahre-Disco-Schlager namens ‚Spirit of the Night‘ ausgestattet, sondern seiner offensichtlichen Lieblingsmuse (beziehungsweise der einzigen Künstlerin, welcher der Verlust ihrer Reputation dermaßen scheißegal zu sein scheint, dass sie sich immer wieder von ihm rumkriegen lässt) auch noch ein junges, knackiges Boy Toy in Form des US-amerikanischen Musicalsängers Jimmie Wilson zur Seite gestellt. Die Zwei bemühten sich nach Kräften, ein hippes, hedonistisches junges Pärchen zu mimen, unterminierten das Unterfangen jedoch durch ihre etwas unglückliche Klamottenwahl: Jimmies erfreulich körperbaubetonende schwarze Lederhosen-T-Shirt-Kombination und Valentinas lässiger Onsie wären vielleicht noch durchgegangen, hätten sie nur auf die verräterischen Pailletten verzichtet, welche die Outfits in die Nähe einer Catarina-Valente-Bühnengarderobe um ca. 1980 herum rückten. Und die offenbar so viel Geld kosteten, dass kein Budget mehr für einen anständigen Backdrop zur Verfügung stand. So sehr ich Ralph Siegel beim Grand Prix vermissen würde, und so sehr ich ihn dafür bewundere, dass er es altersstarrsinnig immer und immer wieder versucht: man merkt einfach, dass er es nicht gemerkt hat, wie sich die Spielregeln mittlerweile weiterentwickelten.

Oah ich bin bunt / und meine Hose tut, als wär sie aus Leder (SM)

Mit hoffnungslosen Konzepten versuchten es auch Malta, die Schweiz und Litauen. Die für ihre seifigen Beiträge berüchtigte Mittelmeerinsel recycelte einfach ihre eurovisionäre Allzweckwaffe Chiara (→ MT 1998, 2005, 2009), diesmal unter dem Tarnnamen Claudia Faniello, griff im Song-Archiv in die prall gefüllte Kiste mit den ewiggleichen, pompösen Langweilerballaden und schickte das Ganze in die von vorneherein verlorene Schlacht. Für die Balten schien es mal wieder an der Zeit, der Welt zu beweisen, dass Litauen nichts anderes ist als eine große Freiluft-Irrenanstalt. Sie entsandten eine rotgewandete Frau (als Teil des Projektes Fusedmarc), die beim Zopfdrehen vergaß, den zum Haarezwirbeln verwendeten Bleistift wieder herauszuziehen, und die mit entsetzlich disharmonischer Stimme und besessenem Gesichtsausdruck zu einem wahllos zusammengedengelten elektronischen Klangcollagenteppich vollkommen wahllos zusammengedengelte Textfetzen ins Mikrofon schrie. Nur selten erlebte man bei Europas größtem Songwettbewerb ein Lied, das solcherart deutlich um Nil Points bettelte. Die herrlich ahnungslosen Eidgenossen schließlich bedienten sich mal wieder des Sängerinnen-Importes – und griffen erneut daneben. Dabei wählten sie sogar das richtige Land: die Timebelle-Frontfrau Miruna Mănescu stammt aus Rumänien. Um so bitterer, dass sie gegen eine jodelnde (!) Landsmännin den Kürzeren zog. Und das mit Recht! ‚Apollo‘, der helvetische Beitrag, kam als gefühlt sechsundsiebzigster Aufguss des unerträglichen Grand-Prix-Siegersongs von 2011, ‚Running scared‘, herüber, sprach also Bände über musikalische Einfallslosigkeit. Mirunas gigantisches, giftgelbes Monsterkleid (dem unseligen Polyesterungetüm aus der im Brautladen-Ausverkauf spielenden Folge der Sitcom 2 Broke Girls nicht unähnlich) bewies erneut, dass hellhäutige Menschen von einer solchen Klamottenfarbe weitestmöglichen Abstand nehmen sollten. Der ebenfalls radioaktivgelbe Rapunzelturm wirkte auch eher lächerlich. Und die Klatschfalle an der Zwei-Minuten-Dreißig-Marke stellte mal wieder die vorsätzliche Bösartigkeit der Schweizer unter Beweis: frohlockte man an dieser Stelle fälschlich, es endlich überstanden zu haben, so walzten sie den Driss anschließend nochmals für dreißig sehr lange Sekunden aus, die sich anfühlten wie dreißig Jahre. Pfui!

Sieh und lerne, Nathalie von Cascada (DE 2013): SO schreitet man eine Showtreppe herunter! (CH)

Ach, die köstliche Ironie, dass die im letzten Jahr wegen unbezahlter Rechnungen ausgesperrten Rumänen den im Geld nur so schwimmenden Helveten zeigten, wie es geht, in dem sie die authentische alpenländische Kulturform des Jodelns mit generischem Poprock und Rapeinlagen mixten und so für eine unverwechselbare, erfrischend unterhaltsame Spaß-Injektion sorgten! Dabei erwies sich die erst achtzehnjährige Ilinca Băcilă, die dankenswerterweise auf den schlimmen Shrek-Fummel aus dem heimatlichen Vorentscheid verzichtete und im kleinen Roten antrat, als herausragend kompetente Jodlerin, lieferte also keinen Trash ab. Ihr kerniger Begleiter Axel Florea hielt sich zudem mit dem bei der Selectia Nationala noch sehr markanten Aufstampfen sehr zurück, bestieg dann allerdings in verdächtig überkompensativer Weise sehr breitbeinig eine beglitterte Kanone, deren weiterer Zweck sich leider nicht erschloss, denn das mit einem solchen Bühnenrequisit eigentlich zwangsläufig verbundene Abfeuern von Konfettisalven ins Publikum unterblieb enttäuschenderweise. ‚Yodel it!‘ kam dennoch weiter, genauso wie der kroatische Beitrag ‚My Friend‘ der lebendigen Kanonenkugel Jacques Houdek, der dann dankenswerterweise dennoch für den dringend benötigten Trash-Faktor sorgte. Houdeks Song klingt bekanntlich, als ob die Darsteller des Musical-Märchens Glee sich an einer „zeitgemäßen“ Aufbereitung von Opernmusik versuchten, und der Sänger trat dazu nicht nur mit gespaltener Stimme, sondern auch mit gespaltener Persönlichkeit auf. Er nutzte tatsächlich den jahrhundertealten Inszenierungseinfall, sich rechts als lederbejackter Michael Jackson aus dem Video zu ‚Bad‘ zu kleiden, links hingegen als befrackter Luciano Pavarotti. Und neigte, je nachdem, ob er gerade mit süßlicher Popstimme sang oder tremolierte, die passende Seite in die Kamera. Ein Gesamtkunstwerk von der verstörenden Faszination eines Auffahrunfalles: man will den Blick abwenden, schafft es aber nicht, weil man einfach nicht glauben kann, was man da sieht. Wie großartig, dass er es ins Finale schaffte: an was will man sich sonst in zwanzig Jahren noch erinnern?

Alufolienfingerlinge, das internationale Erkennungszeichen für coole Gangster (HR)

Ganz sicher nicht beispielsweise an die Australierin Anja Nissen, die, showtechnisch ihre innere Anna Vissi (CY 1982, GR 2006) channelnd, für ihre Zweitheimat Dröger Quark, Verzeihung: Dänemark antrat. Und das sogar gänzlich ohne Lied: jede Zeile ihres rundheraus entsetzlichen Machwerks ‚Where I am‘ ordnete sich einzig und alleine dem Zwecke der Stimmakrobatik unter, gewissermaßen als einer Art Testaufgabe für die Bewerbungsrunden einer Castingshow. Bei der sie übrigens, säße ich in der Jury, durchgefallen wäre, denn außer ohrenbetäubendem Geschreie konnte ich nichts wahrnehmen. Leider jedoch sammeln sich dort wohl hauptsächlich Menschen, die durch die Dauerbeschallung mit dem, was heutzutage als tagesaktuelle Popmusik durchgeht, schon abgestumpft und ertaubt sind und schlichte Lautstärke mit Können verwechseln. Oh, und wo wir gerade bei Australien sind: dessen ephebenhafter Vertreter Isaiah schlich sich unter dem Tarnnamen Kristian Kostov als angeblicher Bulgare auch noch in die gestrige zweite Qualifikationsrunde, wo er, wie schon am Dienstag, die weinerliche Winselstute gab und damit problemlos ins Finale segelte. An die seligen Zeiten der holländischen Glitzerqueens De Toppers (→ NL 2009) erinnerten die Outfits der O’gene-Schwestern, die davon kündeten, dass im Stoffparadies wohl gerade Ausverkauf herrschte und es die Meterware zum Vorzugspreis gab. Ihren Wilson-Phillips-Albumtrack ‚Lights and Shadows‘ lieferten die drei Grazien indes sehr überzeugend ab, wohl auch der Tatsache geschuldet, dass es sich um eine sehr persönliche Angelegenheit handelte: das Abschiedslied für ihre den langsamen Krebstod sterbende Mutter nämlich. Alles Gute für die letzte Reise, unbekannterweise!

Dreimal dieselbe Glitzerkruste, dreimal anders geschnitten (NL)

Bleiben noch die beiden Dance-Tracks, die es famoserweise ins Finale schafften, mit zwei sehr unterschiedlichen Herangehensweisen. Der norwegische Musikproduzent und DJ Jowst versteckte sein Gesicht hinter einer illuminierten Serienkillermaske und sich selbst hinter den Turntables und ließ stattdessen seinen kernigen Gastinterpreten Aleksander Walmann Åsgården für sich sprechen. Der als eine Art Disco-Prophet verkleidete Singer-Songwriter, der Wikipedia zufolge die Einnahmen eines von ihm anlässlich des schrecklichen rechtsterroristischen Anschlags von Anders Breivik im Jahre 2011 innerhalb weniger Stunden geschriebenen Liedes dem Roten Kreuz spendete, philosophierte zu einem pumpenden Elektrotrack darüber, die permanent schnatternde Stimme in seinem Kopf zu töten, sich also von den ständigen Ablenkungen und Beschränkungen des Alltags frei zu machen, sich dem Augenblick hinzugeben und so geistige Tranquillität zu erlangen. Unerwartete Tiefe also, verknüpft mit einer infektiösen Hookline und treibenden Bässen: was mehr kann man sich wünschen? Der augenpläsierende Israeli Imri Ziv hingegen, letzter Starter des Abends, übertünchte die arge musikalische und inhaltliche Flachheit seiner orientalisch-mediterranen Sonne-und-Strand-Nummer ‚I feel alive‘ (vgl. das thematisch eng verwandte ‚Feeling alive‘, → CY 2003) sehr erfolgreich, in dem er, man kann es nicht anders beschreiben, Augensex mit der Kamera hatte. Und ein sehr ansprechendes Muskelshirt trug, das nicht nur seine äußerst ansehnlichen Bizeps freilegte, sondern bei den entsprechenden Armbewegungen auch seine rechte Achselhöhle. Und damit verriet, dass Imri dankenswerterweise nicht zu den weichgespülten Metrosexuellen gehört, welche diese rasieren, sondern er es sprießen lässt, wie die Natur das vorgesehen hat. Und, ich muss es so sagen: die Pheromone waren durch den Bildschirm zu riechen. Welch anregender Abschluss!

Oh, den sexy Stehöhrchen habe ich noch gar kein Loblied gesungen (IL)

Und jetzt kommst Du: was sind Deine zehn Lieblingssongs im zweiten Semi 2017? (Max. 10 Stimmen)

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ESC 2017, 2. Semi

Zweites Semifinale des Eurovision Song Contest 2017, Donnerstag, der 11. Mai 2017, 21 Uhr, aus dem International Exhibition Center in Kiew, Ukraine. Moderation: Oleksandr Skichko, Volodymyr Ostapchuk und Timur Miroshnychenko, 18 Teilnehmer.
#LandInterpret/inTitelPkt. TVPl. TVPkt. ges.Pl. ges.
1RSTijana BogićevićIn too Deep0451109811
2ATNathan TrentRunning on Air0321414707
3MKJana BurčeskaDance alone0401306915
4MTClaudia FanielloBreathlessly0001805516
5ROIlinca + Alex FloreaYodel it!1480317406
6NLO'geneLights and Shadows0510920004
7HUJoci PápaiOrigo1650223102
8DKAnja NissenWhere I am0051610110
9IEBrendan MurrayDying to try0411208613
10SMValentina Monetta + Jimmie WilsonSpirit of the Night0011700118
11HRJacques HoudekMy Friend1040514108
12NOJowstGrab the Moment0520818905
13CHTimebelleApollo0491009712
14BYNaviHistoryja majho žyccia0550711009
15BGKristian KostovBeautiful Mess2040140301
16LTFusedmarcRain of Revolution0251504217
17EEKoit Toome + Laura PõldvereVerona0690608514
18ILImri ZivI feel alive1320420703

11 Gedanken zu “Zweites Semifinale 2017: We have lost our Verona

  1. Manchmal wird der Mann im Mond für seinen treuen Dienst belohnt… Glückwunsch an Australien!

    Ich bin sicher, San Marino hätte es ebenfalls geschafft, wenn Jimmie sich an Imri ein Beispiel genommen und auch ein Muskelshirt getragen hätte! Da ist man voller Vorfreude, weil er die Jacke auszieht und dann hängen da so Stoffläppchen über seinen Schultern. Geht doch gar nicht.

    Und Estlands Koit(oom)us Interruptus war eigentlich auch absehbar, obwohl es sich in sämtliche Gehirnwindungen eingefräst hat.

    Alles in Allem ein um ein vielfaches unterhaltsameres Semi als am Dienstag. Das Finale kann kommen!

  2. Safura 2010 sollte sich das mit der Treppe auch nochmal ansehen. 🙂 Wieder mal blendend getroffen, besonders der Verkehrsunfall. Herzhaft gelacht. Danke!

  3. Poah! Nach dem Desaster vom Dienstag gestern wieder Freude pur, zumindest bis zur Veröffentlichung der Running Order (danach wars zumindest bei mir mit der Freude wieder vorbei).

    Estland – nu ja. Ich hoffe, es lag nicht an Lauras Mikropanne. Warum das so ein gigantischer Fanfave war, hab ich nie verstanden – Nostalgie? (nun gut, im Moment verstehe ich diesbezüglich ohnehin recht wenig).

    Ansonsten hatte ich neun von zehn richtig, nur die Norweger fand ich überraschend, weil ich eigentlich davon ausgegangen bin, dass sie vom Kroaten kannibalisiert werden. War gut, dass das nicht so war.

    Die Ausscheider gehen in Ordnung. Serbien zu blass, Mazedonien zu schief, Malta zu altbacken, Irland zu seltsam (aber bester Chor des Wettbewerbs bisher, da hätte man was draus machen können!), obwohl ich das ganze inzwischen sehr mag. Die Schweiz – Mittelmaß bleibt Mittelmaß. Und Litauen war drei Minuten Zumutung.

    Hab ich wen vergessen? Ach ja. Wie schrieben sie bei OnEurope? 17 Songs und San Marino starten im Semi 2. Oder, um es mit den Wiwibloggern zu sagen: Sie werden das Finale nur dann in der Halle erleben, wenn sie sich Tickets kaufen. Wie wärs denn mal mit einem guten Song?

    Mit dem Rest kann ich leben, Bulgarien klar am besten, Weißrussland Hallen-Fave. Sehr gut. Und ÖSTERREICH! Ich bin Fan von Nathans Beitrag! Auch ansonsten sind alle meine Faves weitergekommen.

    PS: Der Wettquotenkönig ist übrigens entthront 🙁 🙁 🙁

  4. Armes Verona, mein Liebling dieses Jahr. Aber Koit hat es ruiniert, seine Grimassen waren einfach unterirdisch. In den Proben und bei der estnischen Vorentscheidung hatte er keine Miene verzogen, das war auch nicht toll, aber immer noch besser als das alberne Schmierentheater gestern…

  5. @Tamara
    „Ansonsten hatte ich neun von zehn richtig, nur die Norweger fand ich überraschend, weil ich eigentlich davon ausgegangen bin, dass sie vom Kroaten kannibalisiert werden. War gut, dass das nicht so war.“
    => genau so ging´s mir auch! Spielst du etwa auch im Prinz Tippspiel mit?

    Und wenns Portugal als neuer Quotenkönig am Ende macht ist es für mich auch OK obwohl Italia die 1 bei mir bleibt und ich glaub er machts auch am Ende.

    Solange Bulgarien nicht der lachende Dritte ist weil ITA und POR sich gegenseitig die Punkte wegnehmen…
    Obwohl es schon eine gewisse Ironie der Geschichte wäre wenn nach dem Juliagate Jamala ausgerechnet einem Russen die Siegestrophäe überreichen müsste…ob da der KGB beim Vorentscheid in Sofia die Finger im Spiel hatte? Even in the line of fire….

  6. wieder war ich sehr amüsiert, aber nicht vom zweiten semi, sondern von olivers betrachtungen – herrlich! bei den darbietungen des donnerstags breitete sich in unserer runde eher entsetzen ob der wenigen qualität aus, die es einfach machte, für genau fünf nummern punkte zu vergeben (angerufen hat bei uns niemand für irgendwas, es fehlte die motivation): ungarn, rumänien, bulgarien, israel und norwegen. mit meiner begeisterung (vielleicht ein etwas zu großes wort dafür) für kroatien stand ich allerdings allein, auch den estnischen beitrag musste ich fast allein mitsingen (und immer wieder gern!) – schade,dass das nicht weitergekommen ist. der rest war entweder gesanglich im gruselbereich oder ohne jeglichen erinnerungswert. umso bedauerlicher das ausscheiden von finnland am dienstag…

  7. Obwohl ich dieses Semi erwartungsgemäß als das von der Musik her uninteressantere erlebt habe (fast alle Titel fallen bei mir in die Kategorie „ist mir eigentlich egal“), sorgte das Ergebnis bei mir für wesentlich größere Freude. Nicht nur dass 3 der vier Titel, für die ich angerufen habe (Rumänien, Ungarn, Kroatien) tatsächlich weiterkamen, was zumindest bei den beiden letztgenannten keineswegs sicher war, so flog zu meiner großen Erleichterung auch mein zweiter Hasstitel „Verona“, der doch im Vorfeld zu meinem Entsetzen von so vielen gehypt, teilweise sogar als wahrscheinlicher Sieger des Semis gehandelt worden war, raus. Welch eine schreckliche Reminiszenz an Modern Torkeln, auch wenn ich gestehen muss, dass die beiden sanglich ok sind.
    Nur meine letzte Stimme, nämlich für Litauen, ging erwartungsgemäß ins Leere.

  8. @Thomas: Latürnich spiel ich da mit! Beim Finale bin ich aber vollkommen planlos, und die Tatsache, dass ich bezüglich zweier Songs in entgegengesetzten Richtungen nicht so wirklich unparteiisch bin, hilft da nicht.

    Vielleicht lass ich es unseren Zufallsgenerator machen, der hat wahrscheinlich mehr Ahnung.

  9. Ich bin wohl der Einzige hier, der das Scheitern von Estonia der Laura anlastet?
    Als schlechte Judith Williams Draq, die ihre eigene Shopping Kanal Kosmetik zuerst an sich testet (lobenswert)
    erschrak ich bei ihren Nahaufnahmen! Das linke Auge war anscheinend verklebt, geschwollen oder verschoben und der besorgte Koit versuchte es nur wieder in die richtige Position ,durch Hand anlegen/auflegen zu schieben.
    Auch die banalere Version eine schnellen Quickies kurz hinter der Bühne (waren ja eh alle hinten) ziehe ich in Betracht. Sie hatte ihr frühzeitiges Aus noch kommen sehen….
    Und außerdem – wie kann man heute mit 29 schon echt so alt aussehen ???

    Über die dickliche Sportlehrerin aus San Ralphmarino war ich dann doch mehr als verwundert. Mit ihren Privat Schüler, der das Wort „Schnuckelchen“ auch nicht erfunden hatte, hopste sie im Glitzer Trainer (ohne Pfeife um den Hals) 3 Minuten über die Bühne. Kann man machen – bringt aber nix!
    Ich könnte mir vorstellen, das sich San Ralphmarino erst einmal vom Contest zurückzieht und wartet bis im Hotel Rossi (Via 25 Marzo, 13, 47895 Domagnano) 5 muskelbepackte,junge Männer der freiwilligen Feuerwehr zusammen sitzen ,die eigentlich nur ihr Feierabendbier trinken wollten. Ein internationaler Musikproduzent wird dann schnell gefunden, der Ihnen dann noch schneller den Titel „Men, Männer ,Hommes“ auf den Leib schreibt !
    Good Luck – kleines Land“

    Beim neuerlichen Ansehen der Semi 2 Show, diesmal aber „vom Österreicher“ sagte der Moderator bei der Bekanntgabe des Finaleinzuges von Nathan “ Gratulation – er hat sich den Hintern aufgerissen in den letzten Wochen und Monaten … “ Wie muss ich das verstehen? Gibt es da Bilder, Links oder private Berichte??
    Ich bin gespannt …. – auf heute Abend!

  10. Ui, ist das eine auswirkung eines esc-burnouts? Statt witzig sarkastisch? „In geld schwimmende helveten“ ? Bei uns gibts genau so viele arme menschen wie bei euch. Klischees und vorurteile…..oder fressen alle deutschen sauerkraut? Sind alle italiener mafiosis? Oder sind alle russen schwulenfeindlich?

  11. Nach dem alten Wertungssystem wäre übrigens Serbien statt Dänemark weitergekommen – den Song mag ich noch weniger….. Hoffentlich ist man sich in Belgrad bewußt, daß Schwedensound nicht unbedingt gleich
    Erfolg bedeuten muß. Wohl besser nächstes Jahr wieder mal bei Joksimovic als Komponisten nachfragen, der kann es jedenfalls……

Oder was denkst Du?