ARD-Chef Herres will den ESC nicht gewinnen

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: die ARD zielt (wie so viele andere europäische TV-Stationen auch) beim Eurovision Song Contest nicht auf einen Sieg ab. Dies bestätigte Volker Herres, der unlängst für weitere drei Jahre in seinem Amt bestätigte Programmdirektor des Senderverbundes gerade erst: „Ganz ehrlich gesagt will ich in meiner Amtszeit gar nicht so unbedingt noch mal gewinnen, denn dann ist man im nächsten Jahr Gastgeber, und das ist teuer,“ sagte er nach einer Meldung des Medienmagazins DWDL diese Woche der Süddeutschen Zeitung. Laut DWDL sei die Äußerung im (kostenpflichtigen) SZ-Interview mit einem „Augenzwinkern“ gefallen, wobei die deutsche Grand-Prix-Bilanz der letzten Jahre doch eher für die Annahme spricht, dass Herres kleiner Scherz so ironisch nicht gemeint war. Die Verantwortung für das miserable Abschneiden seines Senders beim europäischen Wettsingen sieht der Programmchef in guter alter ARD-Tradition natürlich nicht bei der TV-Station, den unnötig komplizierten und teils chaotischen Vorentscheidungsverfahren oder der notorisch falschen Songauswahlstrategie mit ihrer halsstarrigen Fokussierung auf seichten Radiopop, der niemandem wehtut und niemanden zum Anrufen verleitet, sondern im Bereich Human Resources: es sei „offenbar schwer geworden, Künstler zu finden, die europäisch überzeugen,“ so Herres gegenüber der SZ. Kein Wunder, möchte man da rufen, angesichts des Umgangs der Hamburger mit dem Sangespersonal – erinnert sei nur an die mediale Kreuzigung des intern ausgewählten Xavier Naidoo, an der NDR-Mitarbeiter/innen einen erheblichen Anteil hatten, oder an die Klage von Ann-Sophie Dürmeyer, sie sei vom Sender nach ihren → Nul Points in Wien fallen gelassen worden wie eine heiße Kartoffel. Auch die letzte Vertreterin Levina Lueen schickte die ARD mit einem schwachen Song sehenden Auges ins Verderben. Dass da etablierte Stars mit internationalem Appeal nicht unbedingt vor dem Hamburger Funkhaus Schlange stehen, um die heimische Flagge verteidigen zu dürfen, leuchtet ein. Und dass ein Sender, der öffentlich bekennt, zu einem Wettbewerb anzutreten, ohne diesen gewinnen zu wollen, nicht gerade Siegertypen anzieht, auch. Wehmütig denkt man da zurück an lange vergangene Zeiten, als ein Stefan Raab (→ DE 2000) von der Findung des deutschen Repräsentanten als eine „Aufgabe von nationaler Tragweite“ sprach – und mit Lena Meyer-Landrut (→ DE 2010, 2011) prompt die noch immer auf dem heimischen Grand-Prix-Thron residierende Königin fand. Es muss sich aus ARD-Sicht hierbei wohl um ein einmaligen Ausrutscher gehandelt haben, der sich nie mehr wiederholen darf…

Nein, ich will den Raab nicht zurück beim deutschen Vorentscheid. Aber ein bisschen mehr von seiner „fast schon erotischen“ Leidenschaft für den Wettbewerb seitens der ARD würde ich mir schon wünschen.

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6 Gedanken zu “ARD-Chef Herres will den ESC nicht gewinnen

  1. Conchita war in Ösiland auch ein Ausrutscher, der dem ORF nicht so schnell wieder passiert. Und so ists bei gefühlt 90 % der restlichen Teilnehmersendern. Daher klingt der ESC so durchschnittlich und ist meilenweit davon entfernt Pop-Standards zu setzen. Der Wettbewerb ist bei diesem Contest nicht primär von Bedeutung, wohl eher das Zusammenkommen, -singen und -feiern. So gesehen tut der Siegesunwillen nicht mehr so weh und kann das Fest mit Spaß und kräftiger Dosis Ironie Jahr für Jahr begangen werden 🙂

  2. Traurig. Noch ehe der ESC-Zug 2818 für Deutschland in Fahrt kommt, scheint er mit solchen Äußerungen schon aufs Abstellgleis zu fahren, nachdem bisherige deutsche Acts im NDR-Style die vergangenen Male gnadenlos entgleist sind. Bitte mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Lokführer !

  3. Schreiber und Herres, ein schönes Duo Infernale. Die beiden werden dann gemeinsam das Licht ausmachen. Danke dafür, ihr Kanaillen.

  4. Soso, über Kosten im Falle eines ESC-Sieges wird sich aufgeregt…da sollten die verantwortlichen Herren mal vorrechnen, was die ganzen Sport-Großveranstaltungen kosten. Darübe regt sich kein Mensch auf. Es fängt ja schon bei den Zuschauern an: findet einmal im Jahr der ESC statt, der insgesamt 7,5 Stunden Sendezeit im Jahr in Anspruch nimmt, wird immer gleich ein Fass aufgemacht. Bei 12 Stunden Fussball hört man komischerweise nichts. Im übrigen sollten die Herren Schreiber und Herres sollten ihren Posten frei machen. Ein Witz, was da schon in den Vorentscheidungen angeboten wird: 2 (!) Titel, die man sich in 120 Minuten bis zum erbrechen in verschiedenn Versionen anhören muss und dazu noch eine labernde „Fachjury“ die sich über Kleinigkeiten (Kleidung und Performance auf nem Stuhl) auslassen. Auf solche Pappnasen kann man da auch verzichten. Im Übrigen merkte man, wie die Jury die Zuschauer in die „richtige bzw. ihre“ Richtung lenken wollten. Sowas nannte man früher Beeinflussung des Publikums. Die DVE gehört gründlich überholt, sonst kann man sich die Teilnahme sparen.

  5. Mal wieder ein köstlicher Kommentar,danke! Human Resources ist – wie im realen Leben oft auch – tatsächlich schuld; das „Employer Branding“ ist nicht gut genug, die „Talents“ anzuziehen. Vielleicht kann der NDR ja die Werbeagentur von Herrn Lindner einbinden; der Song wäre zwar wieder grottig, aber wir hätten immerhin mal einen optisch starken Auftritt.

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