Kein Kosovo in Lissabon – und wohl auch kein Siegel

Wie esctoday heute berichtet, wird – entgegen aller Fan-Spekulationen – das Kosovo 2018 nicht beim Eurovision Song Contest debütieren. Der Sender der abtrünnigen ehemals serbischen Republik, RTK, erfülle nicht die Voraussetzungen einer Voll- oder assoziierten Mitgliedschaft bei der Europäischen Rundfunkunion (EBU) und könne daher nicht am gemeinsamen Gesangswettbewerb teilnehmen, wie die Genfer Organisation auf Nachfrage sagte. RTK hatte sich hingegen Hoffnungen gemacht: „Letztes Jahr stellte uns die Reference Group in Aussicht, dass das Kosovo am ESC teilnehmen könne, wenn das Gastgeberland die Unabhängigkeit des Kosovos anerkennt,“ behauptet der Generaldirektor des von den Genfern bei seinem Aufbau technisch und mit Know-How unterstützten Senders, Mentor Shala, gegenüber dem niederländischen Grand-Prix-Nachrichtenportal. Da die Portugiesen dies (wie übrigens auch die deutsche Regierung) – im Gegensatz zur Ukraine – tun, sei man „sicher gewesen“, in Lissabon dabei sein zu dürfen. Um so mehr habe RTK die Absage der EBU auf den entsprechenden Antrag der umstrittenen De-facto-Republik erstaunt, die sich daraus herleite, dass das für etliche Serb/innen emotional untrennbar mit ihrer Geschichte verknüpfte Gebiet kein Mitglied der Vereinten Nationen sei. „Das ist ein absurder Grund, wenn man bedenkt, dass das Kosovo in Weltorganisationen aufgenommen wurde wie die UEFA, die FIFA, den IWF, das IOC, die Weltbank etc.,“ so Shala weiter. Was allerdings fehlt, ist die Mitgliedschaft in der Internationalen Fernmeldeunion ITU, die eben wiederum eine Aufnahme in die Vereinten Nationen oder das Europäische Konzil voraussetzt, und die ihrerseits unabdingbar für die EBU-Membership-Card ist. Shalas verzweifelter Appell „wir wollen doch bloß beim ESC singen!“ könnte aber vielleicht dennoch irgendwann noch Gehör finden: der Eurovisions-Lenkungsausschuss der EBU, die Reference Group, dürfe „im Einzelfall Ausnahmen“ machen, wie die Genfer selbst bestätigen und wie sie es seit drei Jahren mit der „Einladung“ Australiens regelmäßig unter Beweis stellen. Tja, die Büchse der Pandora… Der Aussie-Sender SBS ist allerdings assoziiertes Mitglied der Europäischen Senderunion, die Nation als solche unumstritten. Für 2018 jedenfalls sei die Teilnahme des Kosovo am Eurovision Song Contest definitiv ausgeschlossen, wie die EBU gegenüber esctoday am Nachmittag nochmals klar stellte.

Mit Rona Nishliu nahm 2012 bereits eine im Kosovo geborene Sängerin am Eurovision Song Contest teil – allerdings für Albanien. Die ethnischen Skipetaren stellen heute im Kosovo mit 90% Anteil die Bevölkerungsmehrheit.

Ebenfalls verzichten müssen wir in Lissabon schmerzlicherweise auf Bosnien-Herzegowina, dessen chronisch unterfinanzierter Staatssender BHRT aus pekuniären Gründen bereits vor einiger Zeit absagte. Daran änderte auch eine vom deutschen Komponisten Ralph Siegel in Aussicht gestellte Finanzspritze nichts, mit welcher der Münchener Serien-Schlager-Schreiber wohl sich eine neue Valentina Monetta (→ SM 2012, 2013, 2014, 2017) kaufen wollte. Und zwar in Person von Hanka Paldum, der 61jährigen bosnischen Königin des Sevdalinka, einer besonders schwermütigen Form des Folk, also praktisch der Balkan-Variante des Fado. Die seit den Siebzigern aktive Künstlerin sagte im Hinblick auf entsprechende Meldungen in der Presse des Balkanlandes gegenüber escXtra: „Es stimmt, ich und Herr Siegel hatten Kontakt im Hinblick auf die Eurovision. Ich bin entzückt, dass ein Komponist seines Kalibers mein Talent erkennt. BHRT ist aber noch immer für das Projekt verantwortlich, und aufgrund der Schulden Bosniens bei der EBU wird die Kollaboration dieses Jahr nicht stattfinden. Dennoch bleiben Herr Siegel und ich in Verbindung. Sollte die Situation von BHRT sich verbessern, denke ich sicher darüber nach, bei der Eurovision mitzumachen“. Aus München gab es hierzu noch kein Statement. Allerdings sollte es nicht weiter verwundern, wenn sich der deutsche Grand-Prix-Grandseigneur angesichts der chronischen Unsicherheit einer weiteren Teilnahme seiner Standard-Abwurfstelle San Marino nach anderen Gefilden umschaut. Allerdings weiß ich nicht, ob ich eines meiner absoluten Eurovisions-Lieblingsländer in den kompositorischen Händen der deutschen Schlagerlegende sehen möchte. Vielleicht ist es, wie von britischen Fans ja bereits in den Achtzigern gefordert, doch Zeit, Onkel Ralph endlich seine eigene Landesflagge zuzuerkennen. Inklusive EBU-Vollmitgliedschaft.

Stammt nicht aus Siegels Schlagerschatulle: Hankas Veröffentlichung aus 2011.

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