Vor­ent­scheid 2018: das “Euro­pa-Panel” wird deutsch

Der NDR rudert in Sachen inter­na­tio­na­ler Mit­be­stim­mung bei der Künst­ler­aus­wahl für die deut­sche Euro­vi­si­ons-Vor­ent­schei­dung 2018 ein Stück­chen zurück: nach­dem eine Pres­se­mel­dung am Frei­tag, wonach ein hun­dert­köp­fi­ges, über die sozia­len Medi­en rekru­tier­tes Fan-Panel mit der ers­ten Vor­auswahl poten­ti­el­ler Grand-Prix-Ver­tre­ter/in­nen beauf­tragt wer­den soll, für fehl­ge­lei­te­te Schlag­zei­len wie “Die ARD traut den Deut­schen nicht mehr” sorg­te, prä­zi­sier­te der NDR-Unter­hal­tungs­chef und deut­sche Euro­vi­si­ons­ver­ant­wort­li­che Tho­mas Schrei­ber in einem umfang­rei­chen Exklu­siv-Inter­view mit den Kol­le­gen vom Prinz-Blog heu­te, dass das soge­nann­te “Euro­pa-Panel” aus­schließ­lich aus ein­hei­mi­schen Zuschauer/innen gebil­det wer­de. Schrei­ber: “Wenn man das Abstim­mungs­ver­hal­ten der Fern­seh­zu­schau­er in allen teil­neh­men­den Län­dern in den letz­ten Jah­ren ana­ly­siert, kommt man zu einem über­ra­schen­den Schluss: in den letz­ten vier Jah­ren haben die Deut­schen mit ihren Stim­men beim Tele­vo­ting am nächs­ten am jewei­li­gen End­ergeb­nis gele­gen”. Die­se durch Daten­aus­wer­tun­gen gewon­ne­ne Erkennt­nis bedeu­te, “dass wir das Euro­pa-Panel aus Deutsch­land beset­zen kön­nen und nicht inter­na­tio­nal”. War­um sich das Gre­mi­um dann mit dem Namen “Euro­pa” schmückt, was ja eine inter­na­tio­na­le Zusam­men­set­zung sug­ge­riert, bleibt indes offen. Das “Euro­pa-Panel” soll sich auch nicht durch alle poten­ti­el­len Bewerber/innen durch­quä­len müs­sen, von denen der NDR an die tau­send erwar­tet – dar­un­ter 200 bis 300 aus dem offe­nen Ver­fah­ren, der Rest aus eige­ner Recher­che bzw. auf­grund von Vor­schlä­gen sen­der­ei­ge­ner oder befreun­de­ter Musik­re­dak­teu­re. Viel­mehr soll ein “Team aus erfah­re­nen Musik­pro­fis und Exper­ten” eine Vor­auswahl von 200 poten­ti­el­len Repräsentant/innen tref­fen, aus denen das hei­mi­sche Zuschau­er-Panel wie­der­um 20 aus­fil­tert. Erst dann kommt die – nun­mehr tat­säch­lich inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setz­te – Jury ins Spiel, die hier­aus gemein­sam mit dem “Euro­pa-Panel” die fina­len Fünf für den Vor­ent­scheid her­aus­pickt.

Der Inas-Nacht-Musik­re­dak­teur Mat­thi­as Wal­lerang habe laut Schrei­ber bereits “eine lan­ge Vor­schlags­lis­te mit jun­gen Talen­ten erar­bei­tet”. Ob auch Alli­ga­to­ah dar­auf steht?

Kan­ti­ge Kan­di­da­ten

Als Grund­la­ge für die­sen zwei­ten Part des Aus­wahl­ver­fah­rens sol­len kur­ze Fil­me die­nen, die der NDR wohl auch den Fans zugäng­lich machen möch­te, vor­aus­sicht­lich im Netz. Die­se doku­men­tie­ren die Stu­dio­ar­beit der zwan­zig Bes­ten aus der ers­ten Run­de mit einem vom Sen­der aus­ge­wähl­ten Musik­pro­du­zen­ten, der die­se auf Stim­me, Stär­ken und Aus­strah­lung tes­tet. Dabei – und die­se Ankün­di­gung gibt Anlass zu mil­der Hoff­nung – soll der Fokus weg von abso­lu­ter Main­streamtaug­lich­keit und hin auf Außer­ge­wöhn­li­ches gelei­tet wer­den. “Für den ESC brau­chen wir Kan­di­da­ten, die nicht nur gefal­len, son­dern die in Erin­ne­rung blei­ben und für die das Publi­kum in Euro­pa auch bereit ist, anzu­ru­fen,” bestä­tigt Schrei­ber im Prinz-Inter­view das, was Fans und Blog­ger seit Jah­ren pre­di­gen. Des­we­gen sol­len in die­ser zwei­ten Stu­fe Spit­zen­be­wer­tun­gen durch weni­ge Juro­ren stär­ker gewich­tet wer­den als durch­schnitt­li­che Beur­tei­lun­gen durch vie­le. So dass kon­tro­ver­se, oder wie der NDR es nennt, “kan­ti­ge” Kandidat/innen bes­se­re Chan­cen bekom­men als das net­te Mäd­chen von neben­an, das alle irgend­wie sym­pa­thisch fin­den, an das sich aber drei Minu­ten spä­ter nie­mand mehr erin­nern kann. Die fünf so aus­ge­wähl­ten Finalist/innen sol­len “nach der­zei­ti­gem Pla­nungs­stand” im Vor­ent­scheid, des­sen Rah­men­da­ten wie Sen­de­dau­er, Anzahl der Shows, inhalt­li­cher Auf­bau, Name und Mode­ra­ti­on noch nicht fest­ste­hen, mit einem ein­zel­nen, spe­zi­ell für ihn oder sie pas­sen­den Titel antre­ten. Aus die­sem Grund ste­he die Bei­trags­su­che auch am Ende des Aus­wahl­pro­zes­ses, denn “wenn wir unse­re fünf Fina­lis­ten ken­nen, ist es viel ein­fa­cher, auf die­se Künst­ler zuge­schnit­te­ne Songs zu fin­den, bei Sin­ger-Song­wri­tern ver­mut­lich sogar die eige­nen”. Auch deutsch­spra­chi­ge Lie­der sei­en dabei nicht expli­zit aus­ge­schlos­sen.

Grund­sätz­lich mög­lich: deut­sche Lie­der, wie z.B. bei die­ser (abge­lehn­ten) Bewer­bung aus dem letz­ten Jahr.

Kei­ne Pro­mo-Platt­form für Plat­ten­fir­men

Das bringt uns zum viel ent­schei­den­de­ren und von den Fans und Blog­gern in den ers­ten Reak­tio­nen am hef­tigs­ten kri­ti­sier­ten Punkt, näm­lich der Song­aus­wahl. Denn auch in den ver­gan­ge­nen, für Deutsch­land beim Euro­vi­si­on Song Con­test so punk­te­ar­men bis -frei­en Jah­ren, lag der Fokus der Medi­en­schel­te ja gar nicht so sehr auf unse­ren Ver­tre­te­rin­nen, die meist ihr Bes­tes gaben, son­dern ent­zün­de­te sich an dem schwa­chen und mut­lo­sen, eher auf den hei­mi­schen Dudel­funk als auf einen inter­na­tio­na­len TV-Wett­be­werb zuge­schnit­te­nen Lied­ma­te­ri­al, mit dem der NDR sie in die von vor­ne­her­ein ver­lo­re­ne Schlacht schick­te. Was Tho­mas Schrei­ber im Prinz-Inter­view indi­rekt bestä­tig­te, in dem er den schwar­zen Peter dafür an die Indus­trie wei­ter­schob: “Ich möch­te weg davon, dass Plat­ten­fir­men den Auf­tritt im Fern­se­hen als Pro­mo-Platt­form in Deutsch­land nut­zen und nicht zuerst an den ESC den­ken”. Das auf­wän­di­ge Ver­fah­ren soll daher wohl auch dazu die­nen, sich etwas unab­hän­gi­ger von den Labels zu machen. Die maß­geb­li­che Fra­ge, ob das “Euro­pa-Panel” und die inter­na­tio­na­le Jury auch bei der Liedaus­wahl invol­viert sein wer­den, beschied Schrei­ber den­noch erwar­tungs­ge­mäß abschlä­gig: “Der Aus­wahl­pro­zess der Songs fin­det zwi­schen Kan­di­da­ten und Krea­ti­ven, also Kom­po­nis­ten, Pro­du­zen­ten, etc statt”. Den­noch las­sen sei­ne dies­be­züg­li­chen Prä­zi­sie­run­gen einen gewis­sen Raum für die lei­se Hoff­nung, dass nicht wie­der nur die­sel­ben Schat­tie­run­gen von beige her­aus­kom­men wie in den letz­ten Jah­ren, denn bei der Song­fin­dung ist nach sei­nen Wor­ten “der NDR dabei, ent­schei­det aber nicht”. Das ist schon mal gut! Auch bei der Defi­ni­ti­on der Gen­res, die bei der Song­aus­wahl als Kri­te­ri­um zum Zuge kom­men und auf Big-Data-Ana­ly­sen beru­hen sol­len, will man sich anschei­nend ein biss­chen brei­ter auf­stel­len als bis­her: “Viel­leicht wird der Muti­ge belohnt, der mit einer läs­si­gen Reg­gae-Num­mer oder einem tol­len Coun­try-Folk-Song posi­tiv aus dem Rah­men fällt, so wie bei­spiels­wei­se die Com­mon Lin­nets 2014. Schön wär’s ja!

Coun­try kann mit geschick­ter Insze­nie­rung auch beim ESC funk­tio­nie­ren, wie Hol­land beweist.

Ziel ist die Top Ten

Auf Nach­fra­ge der Prin­zen bestä­tig­te Schrei­ber, dass auch der deut­sche Alt­meis­ter Ralph Sie­gel ange­kün­digt hat, einen Song ein­zu­rei­chen. Ob die­ser, so er denn kommt, das Aus­wahl­ver­fah­ren über­lebt, kann natür­lich erst die Zeit zei­gen. Als Ziel für den deut­schen Bei­trag beim euro­päi­schen Wett­be­werb gibt der Dele­ga­ti­ons­lei­ter die “Top Ten” an – einen neu­er­li­chen Sieg hat­te ARD-Pro­gramm­di­rek­tor Vol­ker Her­res ja bereits im Sep­tem­ber 2017 aus finan­zi­el­len Grün­den aus­ge­schlos­sen. Beson­ders lobens­wert: Schrei­ber will mit den Fans über den “radi­ka­len Neu­an­fang” beim Vor­ent­scheid in einen Dia­log tre­ten. Hier­zu ist eine Road­show mit Ter­mi­nen in Ber­lin, Frank­furt am Main, Ham­burg und Mün­chen geplant, bei denen die Dele­ga­ti­on “etwas zei­gen, das Team vor­stel­len, unse­re Ide­en erklä­ren und Fra­gen beant­wor­ten” möch­te. Schrei­ber, der auch wie­der beim ECG-Fan­club­tref­fen am 25. Novem­ber 2017 im Köl­ner Glo­ria dabei sein wird, geht es dabei nach eige­nen Wor­ten um “einen offe­nen Aus­tausch, der viel­leicht infor­ma­ti­ver, aber auch etwas zivi­li­sier­ter ist als das, was in man­chen anony­men Kom­men­ta­ren in aso­zia­len Netz­wer­ken arti­ku­liert wird”. Wohl wahr – so Aug’ in Aug’ lässt es sich es meist nicht so unge­hemmt läs­tern wie in zuhau­se vor dem Rech­ner! Dass der NDR sich über­haupt die Zeit nimmt, auf die­se Wei­se Image­pfle­ge in der Kern­ziel­grup­pe zu betrie­ben, zeigt jedoch, dass man sich in Ham­burg zumin­dest über die Mul­ti­pli­ka­to­ren­funk­ti­on der orga­ni­sier­ten Fans bewusst ist, auch wenn die­se natür­lich nur einen ver­schwin­dend gerin­gen Teil der avi­sier­ten Zuschau­er­schaft aus­ma­chen. Immer­hin: es bewegt sich etwas!

Tho­mas Schrei­ber geht in Sachen Vor­ent­scheid auf die Rei­se.

Die Ter­mi­ne der Road­show

Mitt­ler­wei­le steht fest, dass die Road­show nächs­te Woche durch die deut­schen Funk­häu­ser zieht. Nur der Hes­si­sche Rund­funk möch­te anschei­nend mit dem Euro­vi­si­on Song Con­test nichts zu tun haben ver­fügt laut Tho­mas Schrei­ber nicht über aus­rei­chend gro­ße Räum­lich­kei­ten für den erwar­te­ten Fan-Andrang: hier gas­tiert die Dis­kus­si­ons­run­de zum deut­schen Vor­ent­scheid ziel­grup­pen­ge­recht im Les­bisch-Schwu­len Kul­tur­haus.

Diens­tag, 07.11.2017, 17:30–19:30 Uhr, im Ver­an­stal­tungs­saal Foy­er Hoch­haus (Haus 8, Raum 10) des BR, Arnulfstra­ße 42, 80335 Mün­chen

Mitt­woch, 08.11.2017, 17:30–19:30 Uhr, im Les­bisch-Schwu­len Kul­tur­haus, Klin­ger­stra­ße 6, 60313 Frank­furt am Main

Frei­tag, 10.11.2017, 17:00–19:00 Uhr, in der Open Lounge beim rbb, Masu­ren­al­lee 16–20, 14057 Ber­lin

Mon­tag, 13.11.2017, 17:30–19:30 Uhr, im Foy­er Haus 12 beim NDR, Rothen­baum­chaus­see 132 , 20149 Ham­burg

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