AL 2018: Sce­nes from a Mall

Recht früh in der Nacht zum Hei­li­gen Abend fiel in Alba­ni­en die Ent­schei­dung, und sie fiel pas­send: wie als Nach­we­he zum bis nur weni­ge Stun­den zuvor noch euro­pa­weit vor­herr­schen­den weih­nacht­li­chen Geschen­ke­be­schaf­fungs­stress han­delt der von einer Jury aus­ge­wähl­te Sie­ger­song des 56. Fes­ti­va­li i Kën­gës (FiK) von einer der typi­schen Ein­kaufs­stät­ten für die Gaben an die Lie­ben, der ‘Mall’ näm­lich. Ein dro­gen­dür­res Männ­chen mit dunk­len Knopf­au­gen und dem fan­tas­ti­schen Namen Eugent Bush­pe­pa singt das schon spek­ta­ku­lär unspek­ta­ku­lä­re Mid­tem­po-Soft­rock-Stück, das in Wahr­heit natür­lich kein schnö­des Shop­ping­cen­ter, son­dern die ‘Sehn­sucht’ the­ma­ti­siert und wel­ches auch bei den Zuschauer/innen im Kon­gress­pa­last zu Tira­na den lang­an­hal­tends­ten Saa­l­ap­plaus ern­ten konn­te. Nicht völ­lig unver­dient, denn obschon kei­ner der nach den bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Semis ver­blie­be­nen 14 FiK-Titel tat­säch­lich in irgend­ei­ner Form die Wurst von Tel­ler zu zie­hen ver­moch­te, ver­fügt ‘Mall’ wenigs­tens über eine nach­voll­zieh­ba­re Song­struk­tur und einen homöo­pa­thi­schen Schub. Sowie, als sein wuchernds­tes Pfund, einen cha­ris­ma­ti­schen Inter­pre­ten.

Der Herr Busch­pfef­fer mit sei­nem Vier­ein­halb-Minu­ten-Song, den er auch in Lis­sa­bon auf Alba­nisch sin­gen möch­te. Mal sehen, was nach der Ein­kür­zung und dem Remix davon übrig bleibt.

Fast schon erstaun­lich, dass die wäh­rend einer der zahl­lo­sen, stun­den­lan­gen Inter­mez­zi aus­führ­lichst inter­view­te und ver­bal popo­ge­pu­der­te Jury, deren Durch­schnitts­al­ter sich am ehes­ten mit “zwei­mal Johan­nes Hee­sters” quan­ti­fi­zie­ren lässt, den im Umfeld des dies­jäh­ri­gen FiK-Auf­ge­bo­tes fast schon grün­schna­be­li­gen, unter­arm­tä­to­wier­ten Jung­spund bevor­zug­te und nicht einen der zahl­rei­chen schein­to­ten Rock­zom­bies bzw. der im Dut­zend dis­so­nant krei­schen­den Diven. Deren füh­ren­de Ver­tre­te­rin Inis Nezi­ri, die in ihrer apar­ten Zer­brech­lich­keit ein wenig an Lisa Andre­as (→ CY 2004) erin­ner­te und die eben­falls im Applaus baden durf­te, muss­te sich mit der Bron­ze­me­dail­le zufrie­den­ge­ben. Chan­cen­los blieb hin­ge­gen mei­ne per­sön­li­che Favo­ri­tin, die pla­tin­blon­de Man­jo­la Nall­ba­ni, die mit ‘I nje­j­ti qiell’ auf den Spu­ren Male­na Ern­manns (→ SE 2009) wan­del­te und einen tra­shi­gen Pope­ra-Dis­co-Schla­ger ablie­fer­te, der jedoch allen­falls in den Stro­phen über­zeug­te, spä­tes­tens im Refrain aber durch drö­ge Rau­heit ent­täusch­te. Und die damit den­noch das erträg­lichs­te Stück des Abends bei­steu­er­te.

Can you keep a Secret? Man­jo­la Nall­ba­ni nann­te 2007 nach einem für sie ver­hee­ren­den Tech­nik-Desas­ter die FiK-Orga­ni­sa­to­ren “Mafio­si” und woll­te eigent­lich nie wie­der mit­ma­chen.

Kei­nen Stich lan­de­te der knuffi­ge Wie­der­keh­rer Luiz Ejl­li (→ AL 2006), der sich gemein­sam mit der eben­falls nicht zum ers­ten Mal beim FiK antre­ten­den Rezar­ta Sma­ja an einer bom­bas­ti­schen Schmacht­bal­la­de mit viel Pathos und “Das­hu­ri” (Lie­be) ver­such­te, dank einer bes­ten­falls mäßi­gen Che­mie zwi­schen den Bei­den jedoch so vage wie ungu­te Erin­ne­run­gen an den slo­wa­ki­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag von 2009, ‘Leť tmou’, her­auf­be­schwör­te. Wenn schon nicht für die wirk­lich durch­gän­gig grau­en­haf­te Musik, dann aus ande­ren Grün­den Erwäh­nung ver­dient zudem ein offen­bar schlecht gelaun­ter Hel­ge-Schnei­der-Dop­pel­gän­ger in der Mid­life­cri­sis namens Redon Maka­shi, der als ers­ter Star­ter gleich mal einen Tho­mas Anders pull­te und nach 30 Sekun­den sei­ne Dar­bie­tung abbrach, weil das Orches­ter angeb­lich falsch gespielt haben soll. Den exakt glei­chen Stunt leg­te er übri­gens bereits am Don­ners­tag im ers­ten Semi­fi­na­le hin. Die in eini­gen Fan-Polls im Vor­feld füh­ren­de Orge­sa Zai­mi brach­te sich mit ihrer Nadi­ne-Bei­ler-Perü­cke, der Lady-Gaga-Son­nen­bril­le und der Prince-Rüschen­blu­se vor allem optisch ins Gedächt­nis.

Ein biss­chen weni­ger Wet­gel hät­te es sein dür­fen, Rezar­ta.

Im Gedächt­nis bleibt das FiK für den erneu­ten Beweis der über­gro­ßen Lie­be der Albaner/innen zum Adria-Gegen­über Ita­li­en, die uns zum Auf­takt des ers­ten Semi­fi­na­les des 56. Fes­ti­val­jahr­gangs eine ein­stün­di­ge (!) Auf­füh­rung eines schät­zungs­wei­se 120jährigen Sin­gezwer­ges aus dem Land der Zitro­nen mit einer selbst durch den Bild­schirm nach Mot­ten­ku­geln rie­chen­den Perü­cke bescher­te. Sowie im Fina­le eine Pau­sen­ein­la­ge in Form eines Musi­cals, in dem stän­dig “Be Ita­li­an!” gefor­dert wur­de. Und die sich eben­so in end­lo­sen Mono­lo­gen und nicht enden wol­len­den Inter­val Acts nie­der­schlug, ganz wie beim San-Remo-Fes­ti­val. Ach, wür­de RTSH bloß auch in Sachen Orga­ni­sa­ti­on von der RAI ler­nen, zum Bei­spiel bei der flüs­si­gen Prä­sen­ta­ti­on der Wett­be­werbs­bei­trä­ge! Hier folg­te in Tira­na näm­lich auf das erschöp­fen­de Dekla­mie­ren aller nur erdenk­li­chen Details zum Lied (wie bei­spiels­wei­se Komponist/in, Textdichter/in, Diri­gent, Arrangeur/in, Interpret/in, Visagist/in, persönliche/r Assistent/in des zwei­ten Gei­gers etc.) und dem auf­merk­sam­keits­hei­schen­den Abspie­len einer ner­vi­gen Ankün­di­gungs­fan­fa­re erst ein­mal… nichts.

Der kinn­bär­ti­ge Kif­fer Tiri schmiss sich fürs Fina­le schick in den Frack.

Wäh­rend die durch die Anmo­de­ra­ti­on erzeug­te Span­nung, eben­so wie der wohl­wol­len­de Publi­kums­ap­plaus in einem fah­len Anti­kli­max aus­blu­te­ten, klet­ter­ten die ange­kün­dig­ten Künstler/innen näm­lich jetzt erst die über­aus stei­le Show­trep­pe her­un­ter, was bei High-Heels-bewehr­ten Damen in engen Abend­klei­dern auch schon mal Minu­ten in Anspruch nahm bzw. das Ein­grei­fen des Mode­ra­tors not­wen­dig mach­te. Auch das anschlie­ßen­de Schlen­dern zur Büh­nen­mit­te und das gedul­di­ge, meist eben­falls minu­ten­lan­ge War­ten auf das Ein­set­zen des Orches­ters, wel­ches dies­mal ver­schämt im nied­ri­gen, dunk­len Sou­ter­rain direkt unter­halb der FiK-Büh­ne Platz neh­men muss­te, not­dürf­tig mit Sauer­stoff ver­sorgt durch einen engen Belüf­tungs­schlitz, tru­gen nicht gera­de zu einem flüs­si­gen, run­den Showab­lauf bei. Doch wenn man in Tira­na über eines im Über­maß ver­fügt, dann ist es Zeit…

Ein Zeit­kon­ti­nu­ums-Wun­der, die­se Orge­sa: das Gesicht sagt Anfang Drei­ßig, der Kra­gen sagt Anfang der Drei­ßi­ger. Des sieb­zehn­ten Jahr­hun­derts.

Das bestä­tig­te sich erneut bei einem wei­te­ren Inter­mez­zo, mit dem das alba­ni­sche Fern­se­hen irgend­ei­nes in die­sem Jah­re ver­stor­be­nen hei­mi­schen Film­re­gis­seurs gedach­te und das im Saal dem­entspre­chend für ste­hen­de Ova­tio­nen sorg­te. Sehr zur Ver­wir­rung der nicht-alba­ni­schen Zuschauer/innen übri­gens, die zu die­sem Zeit­punkt ver­dutzt rät­sel­ten, war­um in aller Welt sie gera­de eine gefühl­te Stun­de lang einer Frau zuse­hen muss­ten, die im Abend­kleid mit dem Fahr­rad unsi­cher auf der Büh­ne umher­gon­del­te, kon­ter­ka­riert von einem schein­bar sinn­los in der Gegend her­um­ste­hen­den Zieh­har­mo­ni­kaspie­ler. Doch nicht nur für abs­trak­tes Thea­ter bewies der Sen­der RTSH ein Händ­chen, son­dern auch für die Deko­ra­ti­on: frap­pie­rend der bei­ßen­de Kon­trast zwi­schen den moder­nen LED-Wän­den im Büh­nen­hin­ter­grund und den an den Song Con­test von 1978 in Paris gemah­nen­den, halb­kreis­för­mi­gen, tal­mi­gol­de­nen Trod­del­wäl­len im Büh­nen­vor­der­grund. Ver­steht man das in Alba­ni­en unter “Tra­di­ti­on trifft Moder­ne”?

2017 erwies sich als ein wei­te­res ent­täu­schen­des Jahr für die alba­ni­sche Eko­no­mi.

Vor­ent­scheid AL 2018 (Fina­le)

Fes­ti­va­li i Kën­gës 56. Sams­tag, 23. Dezem­ber 2017, aus dem Kon­gress­pa­last in Tira­na, Alba­ni­en. 14 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: Adi Kras­ta.
#Inter­pretTitelPlatz
01Redon Maka­shiEkzis­toj02
02NA + Fes­ti­na Mezi­niTje­tër jetë
03Vol­tan Pro­da­niE pamun­dur
04Deni­sa Gje­zoZemër ku je
05Tiri Gjo­ciOrë e ndalur
06Orge­sa Zai­miNgri­je zërin
07Rezar­ta Sma­ja + Luiz Ejl­liRa nje yll
08Artemi­sa MithiE dua bot­ën
09Man­jo­la Nall­ba­niI nje­j­ti qiell
10Inis Nezi­riPie­des­tal03
11Bojken LakoSytë e Shpi­rit
12Mari­za Eko­no­miUnë
13Eugent Bush­pe­paMall01
14Elton DedaFjalët

Eugen Busch­pfef­fer für Alba­ni­en!

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6 Gedanken zu “AL 2018: Sce­nes from a Mall

  1. Boah, Respekt Oli­ver so einen Vor­ent­scheid durch­zu­ste­hen, das ist wah­re Lei­den­schaft!
    Für mich zie­hen sich allein die 4 1/2 Minu­ten des mono­to­nen Sie­ger­songs gefühlt 4 1/2 Stun­den hin!

    Fro­he Weih­nach­ten!

  2. End­lich “Mall” kei­ne schwer­mü­ti­ge Bal­la­de aus Alba­ni­en. Also mir gefällt’s! – Hof­fent­lich bleibt er wie ver­spro­chen bei der Lan­des­spra­che.

  3. Das FiK woll­te ich mir die­ses Jahr nicht antun… so eine öde VE 😀
    Bei allem Respekt, ich glau­be vie­le die das Lied so toll fin­den ste­hen noch unterm Ein­druck der schlech­ten Kon­kur­renz beim FiK. Beim ESC hat Mall in jetz­ti­ger Form kei­ne Chan­ce.
    Ich ver­ste­he über­haupt nicht, wie eini­ge jetzt „mas­ter­pie­ce“ oder „Alba­nia 2019“ rufen.

  4. Beim ers­ten hören dach­te ich noch *ups – wasn das ?* Aber schon beim zwei­ten gabs Gän­se­haut und ich begann den song zu lie­ben. Jetzt bit­te noch eine klu­ge 3-Minu­ten-Ver­si­on gezau­bert und bitte­bit­te kein eng­lisch, dann wird das was wer­den. Ganz sicher 😉

  5. Ein sehr erfreu­li­cher Beginn der Lis­sa­bon-Sai­son. “Mall” war von Anfang an mein Favo­rit: Hym­nisch-folk­ro­ckig ange­hauch­tes Stück, vor­ge­tra­gen und ver­faßt von einem wirk­li­chem Typen und Musi­ker. Er klingt auch ange­nehm in den hohen Tönen. Eugent hat bereits erwähnt, daß defi­ni­tiv auf Alba­nisch gesun­gen wird, denn nur so ist es authen­tisch. Recht hat der Mann !

    Auf der spa­ni­schen Ver­si­on von Wiki­pe­dia wird tat­säch­lich der Song­ti­tel mit “Ein­kaufs­zen­trum” über­setzt, die Gesangs­spra­che aber mit “Alba­nes” ange­ge­ben. DER Lacher schlecht­hin !!!!!

    Ich bewer­te Alba­ni­en mit 8 von 10 Punk­ten. Mal sehen, wie sich die ESC-Ver­si­on anhö­ren wird.…

  6. @ Alex

    Man weiß nie, was Erfolg haben wird und was nicht. Inso­fern eine sehr küh­ne Behaup­tung – bei Sal­va­dor hat es anfangs auch kei­ner geglaubt. Auf alle Fäl­le bringt der Song sehr viel ESC-Flair jen­seits der übli­chen Strick­mus­ter rüber (Lan­des­spra­che, ange­neh­mer “Back­ground” und authen­ti­scher Künst­ler und kein Popstern­chen mit 08/15-Ware). Alba­ni­en muß­te mal einen Kon­tra­punkt zu den über­dra­ma­ti­schen Schrei­or­gi­en eini­ger Damen set­zen und das ist schon mal gelun­gen.

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