ES 2018: Wie Mutter und Tochter

Das Heteropärchen gewinnt. Immer. Da kann der Song ein noch so grauenhafter, vomitabler Sülz sein: gib ihn einem frisch verliebten (oder die Romanze einigermaßen glaubhaft vortäuschenden) Mann-Frau-Duo, und er räumt gnadenlos ab. So ließ es sich in der Nacht vom vergangenen Montag auf Dienstag (arbeiten die Spanier/innen nicht?) mal wieder aufs Desillusionierendste beobachten in der Gala Eurovisión der vom Sender TVÉ nach fünf Jahren Pause wieder aus der Versenkung geholten und seit Winter 2017 laufenden Castingshow Operación Triunfo, mit welcher die Iberer heuer ihren Beitrag für Lissabon bestimmten. Fünf Finalist/innen waren übrig geblieben, neun Songs teilte man unter ihnen auf, die sie in verschiedenen Agglomerationen präsentierten; jeweils einen solo, einen als Duett und die Hymne dieser OT-Staffel, das besonders cheesige ‚Camina‘, als Quintett. Nach gefühlten dreißig Stunden Sendung und einem (völlig überflüssig, das zu schreiben:) völlig überflüssigen Superfinale gewann, wie von Anfang an klar, das saccharinsüße Reißbrett-Duett ‚Tu Canción‘ von Amaia Romero und Alfred García. Zwei Triunfistas, die sich im Laufe der seit vielen Wochen laufenden Sendereihe wohl auch persönlich näher kamen, weswegen die Chemie zwischen den Beiden so erkennbar stimmte.

Dreißig Jahre später, und nichts hat sich geändert: die Kinder von Chris + Maxi Garden (DE 1988) vertreten Spanien beim ESC 2018.

Da machte es nicht das Geringste, dass die beiden Frischverliebten stellenweise jaulten wie Hundewelpen, denen gerade jemand auf den Schwanz trat, und dass man sie trotz ihres jugendlichen Alters in die spießigsten Klamotten diesseits von Chris Kempers und Daniel Kovac (→ DE 1990) steckte. Satte 43% der alleine abstimmungsberechtigten Anrufer/innen erinnerte dieses Superkitschtableau wohl an ihre eigenen, vergangenen Tanzstundentage. Gegen die Macht des Kleinbürgerlichen blieb alles andere chancenlos, darunter auch die beiden einzigen einigermaßen ansprechenden Songs des Abends (oder vielmehr der Nacht: die erst gegen halb elf beginnende Sendung zog sich auch dank mehrerer Gastauftritte, darunter die etwas verspannt und stimmlich angegriffen wirkende Conchita Wurst, bis halb zwei hin), die zwei Merkmale gemeinsam hatten: nämlich den uptemporären, ansteckenden Beat – und Ana Guerra als Interpretin. Ihr lateinamerikanisch lebensfroh anmutender und von der Interpretin mit jeder Menge fabelhafter Attitüde performter Solotitel ‚El Remedio‘, fraglos der bessere von beiden, schied allerdings bereits in der ersten Votingrunde aus.

Exakt so etwas ist es, was ich von Spanien erwarte! Wie konntet Ihr das rauswählen? Muss man Euch das Stimmrecht wieder wegnehmen?

Was für einen sehr amüsanten Schreckmoment bei der Kandidatin Aitana Ocaña sorgte, die gleich mit zwei Liedern ins Superfinale der letzten Drei einzog. Nämlich mit ihrem Solotitel ‚Arde‘, einer rundheraus gräuslichen, totenschweren Ballade, von der kochtopfponytragenden Sängerin, einer offensichtlichen Absolventin der Ruth-Lorenzo-Schule (→ ES 2014), mit ohrenbetäubendem Schreien anstelle filigraner Vokalkunst komplett gegen die Wand gefahren. Und mit dem herrlich trashigen, musikalisch erfrischend billigen Duett ‚Lo Malo‘ (formerly known as ‚Chico Malo‘), das sie gemeinsam mit Ana Guerra in der dezenten Aufmachung osteuropäischer Stricherinnen und in Begleitung gleich eines ganzen Rudels anbetungswürdiger, superkerniger männlicher Tänzer in schwarzen Lederjacken zum Besten gab. Und zwar offensichtlich gegen ihren Willen. Beide Interpret/innen, so hörte man munkeln, sollen das Lied gehasst haben, und während sich Ana bis zum OT-Finale schicksalsergeben damit anfreundete, erstarrte Aitana angesichts der drohenden Gefahr, anstelle von ‚Arde‘ in Lissabon dieses Ding singen zu müssen, für Sekunden zur Salzsäule. Während ihres Wiederholungsauftritts im Superfinale standen ihr gar kurz die Tränen in den Augen.

Und so dürfte ihr ein Stein vom Herzen gefallen sein, dass ihre geschmacksgestörten Landsleute ‚Lo Malo‘ auf dem dritten Platz verenden ließen und ihr zugleich die Silbermedaille bescherten. Was nun die Chancen von Alfred und Amaia – augenscheinlich durften in der aktuellen OT-Staffel nur Menschen mitmachen, deren Vornamen mit „A“ beginnt – in Portugal angeht, so sehe ich schwarz. Rabenschwarz. Und zwar nicht für die Spanier, sondern für den guten Geschmack. Denn so unbeholfen und amateurhaft der Auftritt der beiden Turteltäubchen mit ihrem Update des Kylie-&-Jason-Konzepthits ‚Especially for you‘ auch wirkt: genau dieses von ihnen ausgehende, welpenhafte und zugleich superspießige Flair könnte ihnen zugute kommen und dafür sorgen, dass sich all die typischen Vorstadtbewohner/innen, all diese Reihenhausbesitzer/innen und Mittelklasse-Limousinen-Fahrer/innen, all die Gala-Leser/innen in ganz Europa in ihnen wiedererkennen und mit ihnen sympathisieren. Erleben wir also im Mai 2018 einen weiteren ‚Running scared‘-Moment (→ AZ 2011)? Da hilft wohl nur hoffen und beten!

Alleine dafür, dass ich in Lissabon auf diese Tänzer verzichten muss, verfluche ich die Spanier/innen!

Vorentscheid ES 2018

Operación Triunfo. Montag, 29. Januar 2018 aus dem Gestmusic Endemol Studio in Barcelona, Spanien. 6 Teilnehmer/innen. Moderation: Roberto Leal.
#InterpretTitelTelevotingPlatz
01GrupalCamina1%09
02Aitana OcañaArde31%02
03Agoney Hernández + Miriam RodríguezMagia7%05
04Alfred GarcíaQue nos sigan las Luces3%08
05Aitana Ocaña + Ana GuerraLo Malo26%03
06Amaia RomeroAl cantar4%07
07Miriam RodríguezLejos de tu Piel8%04
08Ana GuerraEl Remedio5%06
09Amaia Romero + Alfred GarcíaTu Canción43%01

12 Gedanken zu “ES 2018: Wie Mutter und Tochter

  1. Ihre Stimme geht ja so irgendwie, aber sein blökendes Geplärre ist wirklich unerträglich.
    Ich hoffe, wir haben hier einen ganz heißen Kandidaten für den letzten Platz vor uns.

  2. Och, mir gefällt das. Bisschen wie dieser spanische weiße Nougat, den es zu Weihnachten immer gibt, Turron. Schön süß, sehr klebrig und etwas zäh. Einmal im Jahr kann man sowas goutieren.

  3. Hehehe,an turron hab ich bei diesem machwerk auch gedacht. Allerdings auch eher an extrem süss, klebrig und zahnschmerzen

  4. Das ist schon keine Musik mehr – das sind einfach nur Geräusche. Bitte, bitte letzter Platz. Kommt halt davon, wenn man 100% Televoting hat… da siegt fast immer der schlechte Geschmack

  5. Nein, das wird leider nicht letzter, so furchtbar es auch ist und was für blöde Grimassen Alfred auch schneidet.

  6. Es ist ja gar nicht mal sooo schlecht, aber ein Jahr nach Salvador Sobral kommt mir das vor wie ein besonders cheesiger Abklatsch von Amor pelos dois. „Tu cancion“ tut so gefühlsseelig-authentisch, aber es ist genau die Plastikmukke, die Sobral seinerzeit mit seiner Kritik gemeint hat.

  7. Das kann man alles noch zurecht-coachen und mit einer vernünftigen Choreographie versehen (bloß weg mit diesem peinlichen Fake-Geklimper am vis-à-vis-Piano). Mit ansehlicherem Fummel würde das dann vielleicht sogar ganz erträglich – ob damit aber gleich ein Top-Ten-Platz rausspringt, hängt natürlich von der Konkurrenz ab.

  8. So, die beiden haben’s geschafft: Mein Zeitgefühl ist komplett im Eimer.
    Kann mir bitte jemand glaubhaft versichern, dass das wirklich 3 Minuten waren, nicht dreißig gaaaanz langsam, kaum vergehen wollende?

  9. Ja, es waren 3 Minuten, die nun sinnlos vergeudet sind.
    Dieses Lied ist wirklich einfach nur überflüssig und kann in die Tonne gekloppt werden.

  10. Mis amigos estan loquisimos….. Es hätte mit „Lo Malo'“ die würdigen Nachfolgerinnen für meine heißgeliebten Azucar Moreno geben können und die Nummer wäre in der Tat der aktuellen spanischen/spanischsprachigen nicht unähnlich gewesen – nein, diese historia de amor hat leider gezogen… An die Gardens habe ich auch schon gedacht, einfach nur Kitsch pur. In Audio geht die Nummer ja noch so halbwegs, aber dieser Auftritt.
    Nur einen Deut besser als die Rohrkrepierer in den letzten beiden Jahren. Es wird ja immer auf die Juries geschimpft, aber el publico wertet in manchen Fällen leider auch nicht besser.

  11. Huch, das ist ja einfach nur ganz fürchterlich. Paolo und Ovi ohne Funken oder Ell und Nikki mit scheinbar echter Zuneigung. Und fast so gruselig wie die beiden Dänen mit der Glaswand. No. No. No.

Oder was denkst Du?