Perlen der Vorentscheidung: me English nix speaken good

Insgesamt 50 Künstler/innen bewerben sich in diesem Jahr um das litauische Ticket nach Lissabon. Sollte die am gestrigen Samstag ausgestrahlte erste Vorrunde des zehnteiligen (!) Vorentscheidungsmarathons Eurovizija, bei dem die ersten 13 Bewerber/innen aufspielten, einen repräsentativen Durchschnitt bilden, so kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass man beim Sender LTR schlichtweg eine/n jede/n genommen hat, der wollte. Was sich im TV-Studio zu Vilnius am letzten Mittwoch versammelte (die Show wurde aufgezeichnet), kann einem ob des durchweg unterirdischen musikalischen Niveaus schon die Schuhe ausziehen. Vor allem aber ob der pausenlosen Vergewaltigung der englischen Sprache durch die angetretenen Acts, die es – offenbar trotz des Fehlens sämtlicher Kenntnisse der grammatikalischen Regeln oder eines auch nur rudimentären Verständnisses des anglophonen Idioms – leider nicht lassen konnten, in der Lingua Franca des Pop zu singen.

Wenn dat Trömmelche gaht: Justin3, der optisch leider nicht mit Herrn Timberlake mithalten kann. Musikalisch auch nicht.

So beispielsweise bei der Band Justin3 (was alleine schon klingt wie ein schlecht gewählter Twitter-Name): ‚Born to be wild One‘ hieß ihr Titel, also ‚Geboren, um Wilde zu sein‘. Und ja, selbst dem Unkundigsten fällt sofort auf, dass dort etwas fehlt: der Artikel nämlich. Die Kapelle rund um Mastermind Justinas Stanislovaitis fiel noch anderweitig auf: in einem spaßig gemeinten Protest gegen den auch beim Eurovision Song Contest herrschenden Zwang zur Nutzung eines Halbplaybacks nahm der Drummer Zigmantas Baranauskas neben seinem Gerät Platz und fügte der in der Popkultur schon notorischen Luftgitarre das relativ neue Instrument der Lufttrommel hinzu. Die bereits am Mittwoch abstimmenden Jurys und die Zuschauer/innen fanden es wohl nicht lustig: mit insgesamt sechs Punkten schieden Justin3 umgehend wieder aus.

Es stand zu befürchten: nein, liebe Songschreiber/innen, nur weil 2017 mit ‚Amar pelos dois‘ eine Jazz-Ballade den ESC gewann, heißt das nicht, das ihr dieses Genre jetzt wieder ausgraben müsst. Manche Leichen bleiben besser unter der Erde.

Überhaupt lagen die (bereits seit Mittwoch bekannten) Wertungen der Jury und der erst am Samstag hinzugekommenen Voten der Zuschauer/innen meist dicht beieinander. Größere Abweichungen gab es lediglich bei der dürren Blondine Natalja Chareckaja, die in einem rosafarbenen Hosenanzug sehr engagiert eine bläserlastige Bar-Jazz-Nummer namens ‚Serious‘ vortrug und hierfür sieben Zähler von den Juroren erhielt, aber nichts aus dem Televoting. Sowie, unter umgekehrten Vorzeichen, bei der dürren Blondine Germantė Kinderytė, die in einem roten Flokati-Jäckchen sehr engagiert eine trashige Popnummer namens ‚Turn it up‘ vortanzte und dabei kein Choreografie-Klischee ausließ, allerdings derartig schief sang, dass sich einem die Zehennägel hochrollten. Und billig, ey, da stehen die Litauer/innen drauf: Germantė machte den zweiten Rang bei den Zuschauer/innen, erhielt aber nichts von der Jury. Was insgesamt dennoch zum Weiterkommen reichte.

Da wird ja die Milch sauer: der deutsche Kindertee verjault sein Discoliedchen.

Erwähnung verdient noch der rastahaarige und vollbärtige Lukas Norkūnas, der mit dem etwas anämischen Folkliedlein ‚Tegu‘ einen von lediglich zwei landessprachlichen Beiträgen beisteuerte und mit dem wohl ungeschicktesten Songfinale überraschte, das man sich ausdenken kann. Denn eigentlich endete das Lied nach 2:40 Minuten mit dem letzten, wollen wir es mal großzügig Refrain nennen, bei dem sowohl Lukas als auch sein Begleitchor alles gaben, und somit einem kleinen, nunja, Höhepunkt. Doch scheinbar war der Autor in irriger Auslegung der → Drei-Minuten-Regel der Ansicht, die 180 Sekunden noch voll machen zu müssen. Und so folgten noch einige Takte vollkommen überflüssigen und uninspirierten Gitarrengeschrummels, zu denen der nun beschäftigungslose Sänger hilflos über die Bretter torkelte und am Schluss gar ins Dunkel des Bühnenhintergrunds fiel. Warum?

Interessante Hawaiihemd-Sakko-Kombi: Lukas mit seinem Lied über die Fuldaer Bio-Supermarkt-Kette.

3 Gedanken zu “Perlen der Vorentscheidung: me English nix speaken good

  1. Wenn man das mal wieder sieht, ist es kein Wunder, dass Litauen als einziger Baltenstaat noch nicht gewonnen hat. Allerdings, wenn man sich andererseits überlegt, mit was Lettland und besonders Estland in der Prä-Supernova- und Prä-Eesti-Laul-Zeit gewonnen haben, relativiert sich das schon wieder.^^

    Ich mag „I wanna“ übrigens nach wie vor. Nicht dass da falsche Gerüchte aufkommen. Aber trotzdem…

  2. „Warum?“

    Weil es seit Malcolm Lincoln ein absolutes Qualitätsmerkmal ist! Schade, dass man Lukas als Me-too-Salvador sehen wird, angereichert um die Facette, dass er diesen ganz eigenen litauischen Wahnsinn mitbringt.

  3. Fordere Schmerzensgeld! Das litauische Kuriositätenkabinett geht mir am Allerwertesten vorbei, aber die Headline brachte mich so zum Lachen, dass mir das Bier in vollem Strahl aus dem Mund floss und nun mein kostbarer IKEA-Teppich versaut ist …

Oder was denkst Du?