AM 2018: Bring mir den Chai!

Ein ein­zi­ger Song in Lan­des­spra­che stand zur Wahl im heu­ti­gen Fina­le der arme­ni­schen Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dung Depi Evra­tes­il, und er sieg­te mit den Höchst­wer­tun­gen der Jury und des Tele­vo­ting. ‘Qami’ (‘Wind’) heißt das Stück, es ist eine ziem­lich klas­si­sche, leicht düs­te­re, sach­te begin­nen­de und sich lang­sam, aber ste­tig ins Dra­ma­ti­sche stei­gern­de Bal­la­de, die ab der Zwei-Minu­ten-Mar­ke so rich­tig auf­dreht. Dann kommt ein gos­pe­li­ger Chor (hier offen­sicht­lich vom Band) hin­zu, und der voll­bär­ti­ge, mit einem schwar­zen Gla­dia­to­ren-Wams aus Plas­te ange­ta­ne Sän­ger Sevak Kha­na­gyan beschränkt sich ab die­ser Stel­le voll­stän­dig dar­auf, mit vol­ler Inbrunst immer und immer wie­der nach sei­nem bereits vor einer Vier­tel­stun­de bestell­ten, aber noch nicht gebrach­ten Tee zu rufen: “Kamiiiil, Kaaaa-haa-miiiiiiiil!”. Nervt aber auch, war­ten zu müs­sen! Sevak, soviel ver­rät das Netz, wur­de vor 30 Jah­ren in Arme­ni­en gebo­ren, zog mit 15 mit sei­ner Fami­lie nach Mos­kau, wo er durch die Teil­nah­me an der Cas­ting­show The Voice ers­te Bekannt­heit erlang­te. Den Durch­bruch schaff­te er aber mit dem Sieg bei der ukrai­ni­schen Aus­ga­be von X-Fac­tor.

Bat­man lebt!

Zu den Favo­ri­ten zäh­le im Vor­feld auch Kamil Show, eine knall­bunt auf­ge­bre­zel­te Trüm­mer­tran­se. Die hat­te mit dem fluffi­gen Som­mer­hit ‘Puer­to Rico’ einen gar nicht mal so schlech­ten Strand-und-Son­ne-Schla­ger im Gepäck, der ohne ihr Zutun sicher­lich stär­ker über­zeugt hät­te. Denn Kamils Auf­ga­be beschränk­te sich auf Mit-weit-auf­ge­ris­se­nem-Mund-Her­um­ste­hen, hyper­ak­ti­ves Her­um­ham­peln und lip­pen­syn­chro­nes Mimen, wäh­rend ihr drei­köp­fi­ger Begleit­chor den Song für sie sang. Und das wirk­lich aus­ge­spro­chen gut mach­te. Lei­der aber mein­te Kamil, zwi­schen­drin dar­über rap­pen zu müs­sen wie sei­ner­zeit Dus­tin the Tur­key (→ IE 2008) bei ‘Ire­lan­de Dou­ze Points’. Man konn­te an die­ser Stel­le förm­lich sehen, wie den Juro­ren die Stif­te aus der Hand fie­len und sie den Bei­trag vom “vielleicht”-Stapel auf den mit der Über­schrift “unter kei­nen Umstän­den” ver­scho­ben. Da half auch der zwei­te Platz im Tele­vo­ting nicht mehr, was die offen­sicht­lich extrem auf­merk­sam­keits­süch­ti­ge Drag-Queen, die im Green-Room auch wäh­rend der Inter­views der ande­ren Teilnehmer/innen ohne Unter­lass ihr Pro­gramm abzog, mit einem gespiel­ten Ohn­machts­an­fall quit­tier­te. Wie ner­vig!

Ohne die krib­bel­b­un­te Faschings­tran­se hät­te das rich­tig Spaß gemacht: die Kamil Show.

Ein biss­chen tra­gisch die Dar­bie­tung des arme­ni­schen X-Fac­tor-Teil­neh­mers Gevorg Haru­tyun­yan, an dem offen­sicht­lich ein sehr gra­zi­ler und talen­tier­ter Bal­let­tän­zer ver­lo­ren ging. Ein Sän­ger hin­ge­gen nicht. Sei­ne hoch melo­dra­ma­ti­sche Musi­cal­num­mer ‘Stand up’ setz­te er so kom­plett in den Sand. Dann gab es noch eine pseu­do-coo­le Rock­band namens Nem­ra, die prä­ten­ti­ös “No Show. Enjoy the Music” auf die LED-Screens schrieb, den­noch aber eine Show unter Zuhil­fe­nah­me einer Lupe abzog. Aber, wie sie selbst san­gen: ‘I’m a Liar’. Eine bil­li­ge Dis­co­num­mer beschloss das ansons­ten völ­lig ver­ges­sens­wür­di­ge Line-up. Aller­dings zeig­te deren Inter­pre­tin, Asmik Shiroyan, sich stimm­lich noch nicht ein­mal ihren wenig for­dern­den Song gewach­sen. Den ein­zi­gen erfolg­ver­spre­chen­den Depi-Evra­tes­il-Bei­trag, Tamar Kapre­li­ans ein­gän­gi­gen Eth­no-Elek­tro-Stamp­fer ‘Poi­son (Ari Ari)’ hat­ten die Armenier/innen bereits im zuvor abge­hal­te­nen Semi­fi­na­le aus­sor­tiert. Die Ame­ri­ka­ne­rin, 2015 noch Teil des Sex­tetts Genea­lo­gy, nahm es unent­spannt: sie ver­glich sich auf Twit­ter mit Nan­cy Kerri­gan, der US-Eis­kunst­läu­fe­rin, auf die 1994 ihre Kon­kur­ren­tin Tonya Har­ding einen Angriff ver­üben ließ. Äh, sicher, Hase.

Auch Tamars Begleit­tän­zern leg­te man bereits Maul­kör­be an. Ein Unter­drü­ckungs­staat, die­ses Arme­ni­en!

Vor­ent­scheid AM 2018

Depi Evra­tes­il. Sams­tag, 25. Febru­ar 2018, aus Jere­wan, Arme­ni­en. 10 Teilnehmer/innen. Mode­ra­ti­on: .
#Inter­pretTitelTVJuryGesamtPlatz
01Sevak Kha­na­gyanQami12122401
02Gevorg Haru­tyu­ni­anStand up05030807
03Lusi­ne Mar­da­ni­anIf you don’t walk me home01070808
04Kamil ShowPuer­to Rico10021204
05Ama­li­ya Mar­ga­ryanWai­ting for the Sun07081503
06Nem­raI’m a Liar08101802
07Mari­am Petro­si­anFade04050905
08Mger Arme­niaFore­ver06010709
09Robert KoloyanGet away with us02040610
10Asmik ShiroyanYou & I03060906

3 Gedanken zu “<span class="caps">AM</span> 2018: Bring mir den Chai!”

  1. Qami” ist ein wür­di­ger Ver­tre­ter Raya­tans ind Lusi­ta­ni­en. Was will der ESC-Fan mehr ??? Schö­ne Melo­die, ein Recke mit Stim­me und ganz bewuß­ter Gesang in Lan­des­spra­che (laut eines Inter­views). Für mich einer der bes­ten Bei­trä­ge des Lan­des beim ESC. Ich drü­cke die Dau­men, 8 von 10 Punk­ten.

    Zu Kamil Show: Fand ich in keins­ter Wei­se ori­gi­nell oder unter­halt­sam, son­dern schlicht­weg bil­lig. Nur inter­es­sant zu beob­ach­ten, daß selbst in sehr kon­ser­va­ti­ven Län­dern sol­che Acts beim Publi­kum zie­hen.…..

  2. Was für ein gei­ler Mann … das Lied? Wen inter­es­siert, bei so einem Lecker­bis­sen, denn bit­te­schön das Lied ;)?

    Poi­son (Ari Ari)” wäre schon cool gewe­sen – Bol­ly­wood auf Arme­nisch ;).

  3. Songs in Lan­des­spra­che haben bei mir ja immer einen Bonus. Fragt sich nur ob die­ser jetzt nicht doch noch auf eng­lisch umge­mo­delt wird. In die­ser Ver­si­on jeden­falls eine ange­neh­me Über­ra­schung nach all dem Schrott, den ich den letz­ten Wochen gehört habe.

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