DK 2018: In der Regel hatten die Wikinger rote Bärte

Ein Wikinger mit langen Haaren und rotem Vollbart, in Begleitung von vier finster dreinblickenden Gestalten, die eine mild martialisch anmutende Rockpomphymne namens ‚Higher Ground‘ singen, in der von Kampfschiffen, Schwertern und Pfeilen die Rede ist, in Szene gesetzt mit gehissten Segeln, Trockeneisnebel und dezentem Windmaschineneinsatz: was im ersten Moment klingt wie die Wiederkehr von Santiano (→ Vorentscheid DE 2014) und eine musikalische Kriegserklärung der Dänen ans restliche Europa, nach der Androhung der kriegerischen Landnahme wie im finstersten Mittelalter, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als überraschend pazifistischer Beitrag. Von der Sage des 1898 heilig gesprochenen Wikingers Magnus Erlendsson, der sich der Schlacht verweigerte und lieber betete und verhandelte, sei sein Beitrag inspiriert, so der nur unter seinem Nachnamen auftretende, 32jährige Interpret Jonas Flodager Rasmussen über seinen Titel, mit welchem er am heutigen Supersamstag das Dansk Melodi Grand Prix gewann. Und zwar mit der Hälfte aller im Superfinale abgegebenen Stimmen.

Ihnen ergäbe ich mich ohne Verhandlungen: dem dänischen Vertreter Rasmussen und seiner Wikingerhorde. Trotz der schrecklichen Musik und der Sagapo-Gedächtnis-Choreografie.

Der hohe Zuspruch für den Haarrocksänger verwunderte angesichts des restlichen Aufgebots wenig: wie üblich, setzte sich das zehnteilige Feld des DMGP überwiegend aus ermüdend einheitlich klingendem, seichten Song-Sumpf zusammen, aus dem sich der Siegertitel in all seiner musikalisch rettungslosen Rückwärtsgewandtheit dann doch heraushob. Noch ein weiterer Künstler schaffte es mit einem minimal weniger mainstreamigen Musikangebot ins Superfinale der drei beliebtesten Songs: der glatzköpfige Albin Fredy, den in den einschlägigen Internetforen manche Fans als „creepy“ beschrieben, andere hingegen als „hot“ – als ob dies ein Gegensatz sei! Denn, ja, es stimmt: der leicht gestört starrende Albin wirkte im Kontext seines Auftritts mit dem uptemporären Countryschlager ‚Music for the Road‘ so ein bisschen wie ein Fernfahrer, der auf seinen Touren durch Europa an den einschlägigen Rastplätzen Hookups beiderlei Geschlechts aufliest, die sich wenig später gefesselt im Laderaum seines Trucks wiederfinden. Und wer wollte da nicht dazugehören?

Wer braucht schon Haare auf dem Kopf, wenn er so ein Dekolleté vorweisen kann? Albin Fredy sicher nicht!

Als skandalös muss hingegen die Zurückweisung von Sannie Carlsson bezeichnet werden, die es noch nicht mal ins Superfinale schaffte. Kennen Sie nicht? Kennen Sie doch: unter ihrem früheren Künstlernamen Whigfield hatte sie in den Neunzigern einen europaweiten Mega-Hit mit dem Flummibeat-Eurodance-Klassiker ‚Saturday Night‘, einem dieser grenzdebilen und deswegen so brillanten Gute-Laune-Ohrwürmer, die man tagelang nicht mehr aus dem Kopf bekam, insbesondere aufgrund der stotternden Gummiente, die zweieinhalb Minuten lang unablässig im Hintergrund quakte, während Sannie sich im dazugehörigen Video, wohl einer der billigsten Produktionen der Musikgeschichte, ausgehfertig machte. Beim DMGP nun versuchte sich Whigfield, Verzeihung, Sannie, an einer Neuinterpretation des von den Pet Shop Boys remixten Blur-Titels ‚Girls and Boys‘, eines weiteren Neunzigerjahre-Klassikers. Mit dessen Klasse konnte ihre Variation ‚Girls on Boys‘ zwar nicht ganz mithalten, dafür entschädigte sie mit hinreißenden Tänzer/innen und einer fabelhaften Choreografie. Können wir das nicht noch schnell gegen, sagen wir, den furchtbaren spanischen Eurovisionsbeitrag austauschen? Schließlich lebte Carlsson lange Zeit dort!

Erwähnt pflichtschuldig alle möglichen Konstellationen, wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört: Sannie Carlsson.

Vorentscheid DK 2018

Dansk Melodi Grand Prix. Samstag, 10. Februar 2018, aus dem Gigantium in Aalborg, Dänmark. 10 Teilnehmer/innen. Moderation: Annette Heick + Johannes Nymark.
#InterpretTitelVotingSuperPlatz
01Ditte MarieRiotx--
02Anna RitsmarStarlight-->31%02
03RasmussenHigher Ground-->50%01
04Sannie CarlssonBoys on Girlsx--
05SandraAngels to my Battlefieldx--
06Lasse MelingUnfoundx--
07CarlsenStanding up for Lovex--
08KaruiSignalsx--
09Rikke Ganer-TolsøeHolder fast i ingentingx--
10Albin FredyMusic for the Road-->19%03

Kann Rasmussen mit seinem Song Europa erobern oder erleidet er im Semi Schiffbruch?

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5 Gedanken zu “DK 2018: In der Regel hatten die Wikinger rote Bärte

  1. Rrrrr….. Ein rothaariger Wikinger mit einem hymnischen Song, der eine nachvollziehbare Melodie hat. – das klingt und sieht schon mal sehr vielversprechend aus. Ich steh nunmal auf solche Typen….. Für das Killersemi 2 die einzig richtige Wahl unser nördlichen Nachbarn. Ist mir ein gaaaanz kleines bißchen zu sehr für den ESC zurechtgeschnitten, so etwas hätte Ralphie in seinen Hochzeiten auch hinbekommen.
    Eugent aus Albanien gefällt mir allerdings noch besser, aber es reicht für den zweiten Platz knapp vor Frankreich.

    8 von 10 Punkten.

  2. Albanien 9/10
    Frankreich 8/10
    Dänemark 8/10
    Schweiz 6/10
    Tschechien 5/10
    Spanien 3/10
    Malta 2/10
    GB 1/10

  3. Na da ist ja gleich ne ganze Melodielinie von Euphoria abgekupfert und ja….. der Rest ist Santiano pur. Also wegen mir darf das gern im Semi kleben bleiben – kommt halt immer auf die Konkurrenz an. Mir persönlich ist es zu seichte 0815-Ware – aber trotzden allemal besser als GB oder ES

  4. Wenn aggressiv schreiende Frauen in roter Warnfarbe für das Land ins Finale kommen, dann erst recht pazifistische Wikinger.

Oder was denkst Du?